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Betrachtung mit den Zähnen

9. April 2012 in Spirituelles, 6 Lesermeinungen
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Es muss kein konzentriertes Miteinander-Reden sein. Der Small Talk mit Gott ist bereits die Spende des Kostbarsten, was wir haben: unserer Zeit. Von Paul Badde/The European.


Rom (www.kath.net/ The European)
Hat Beten Sinn? Wenn ich meinen Glauben ernst nehme, hat die Frage keinen Sinn. Beten mag Atheisten sinnlos scheinen. Christlicher Glauben ohne Gebet aber ist völlig sinnlos. Denn Beten ist ja nichts anderes als ein Sprechen mit Gott, es ist kein Gerede über ihn. Dennoch bin ich kein Experte für solche Fragen. Dass ich jemals ein andächtiger Beter war, kann ich auch nicht sagen. Mir fehlt dafür die Konzentration, von Künsten der Versenkung erst gar nicht zu reden.

Das Gebet ist also eine Betrachtung mit den Zähnen

Deshalb möchte ich hier auch nicht über die großartigen Psalmen sprechen, die Jesus selbst noch gebetet hat, sondern am liebsten über den Rosenkranz, über das aneinandergereihte Gebet. Natürlich kenne ich das Wort Jesu, wo er sagt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Doch in diesem Fall möchte ich dem Herrn der Welt selbst widersprechen – und er wird es mir sicher nachsehen. Denn erstens will ich ja gar nicht groß von ihm erhört werden. Ich will seine Nähe, sonst nichts. Da bin ich wie ein Stalker. Ich geh hinter ihm her und quatsch ihn an. Und – das ist hier der schöne Unterschied zum üblichen Stalken: Er lässt es sich gern gefallen. Er dreht sich um und schaut mich freundlich an. Das ist das, was der Rosenkranz macht.


Ich schaue also auf ihn, wie er lacht als Kind. Sehe, wie er seine Mutter anschaut, nachdem er in Kana 600 Liter Wasser zum Füße waschen in besten galiläischen Wein verwandelt hat. Ich sehe und höre seinen letzten Schrei, sehe, wie er kurz danach durch verschlossene Türen tritt, mir Frieden wünscht und sich in Brot verwandelt, das er mir hinreicht. Das Gebet aber, in dem ich all dies betrachte, ist selbst wie Brot oder Mehl. Je länger ich es zwischen den Zähnen habe, je mehr verwandelt sich die Stärke in Zucker. Es ist kein Mantra, wie meine atheistischen Freunde meinen. In ihm schau ich nur unentwegt das menschliche Gesicht Gottes an.

Es ist also eine Betrachtung mit den Zähnen. Es ist eine Gottesschau, die nicht seziert, sondern zusammenfügt. Keine Ideologie oder Theologie kann sich dieser Sicht bemächtigen und kein Zeitgeist. Deshalb lässt sich dieses Gebet auch überall beten. Er ist kein Seminar. Eher ein Garten. Und wenn sich an dieser Stelle nun Jesus von Nazareth einmal mehr zu mir umdrehen sollte und fragen würde: „Was murmelst du da die ganze Zeit wieder hinter mir her?“ – dann, ja dann würde ich ihn fragen, wie denn die Alternative zu meinem gedankenlosen Gebet heißen soll. Gar nicht zu beten? Wäre das besser? Ja?

Der Rosenkranz schenkt Zeit

Nein, sage ich. Spätestens für mich und in meiner Generation gab und gibt es nicht mehr die Alternative „gut beten“ oder „schlecht beten“ – sondern nur noch: beten oder nicht beten. Den Unterschied aber kenne ich gut. Dringend verteidigen möchte ich also noch einmal selbst das plappernde, das müde, das unandächtige, das kindliche, das unreife Gebet. Sogar das leiernde Gebet belegt doch zumindest Raum auf unserer Festplatte, also etwas vom Wertvollsten, was wir haben. Von dem Stoff eben, aus dem unser Leben gemacht ist: Zeit. „Für Dich, mein Herr“, würde ich ihm da sagen, „bitte sehr. Ist Dir das nicht lieber? Dass zumindest meine Lippen Dich ansprechen, wenn meine Gedanken schon ständig abschweifen?“

Gott sei Dank fragt er natürlich nicht so, deshalb kann ich mir auch diese Antwort sparen und es nur noch kurz machen: Der Rosenkranz nimmt keine Zeit. Er schenkt Zeit. Dieses Gebet macht den ganz, der es betet. Es fügt die zusammen, die ihn zusammen beten. Wie die Liebe, sagte Henri Lacordaire im 19. Jahrhundert, „sagt der Rosenkranz immerzu das Gleiche und wiederholt sich dennoch nie“. Hat er auch Sinn? Was soll ich da sagen? Er ist das Sinnvollste, zu dem ich imstande bin.


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