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Dogmen der Moderne

22. August 2017 in Kommentar, 24 Lesermeinungen
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Wir erleben seit dem Verdunsten des Christentums kein Heranwachsen geistiger Freiheiten, sondern wie in vielen Jahrhunderten nur den Stabwechsel von einer moralischen Macht zur anderen - Diakrisis am Dienstag von Giuseppe Gracia


Chur (kath.net)
Eine beliebte Platitüde unserer Zeit lautet, dass die Gesellschaft durch den geringeren Einfluss von Kirche und Religion freier und kritischer geworden sei. Trotzdem erleben wir seit dem Verdunsten des Christentums kein Heranwachsen geistiger Freiheiten, sondern wie in vielen Jahrhunderten nur den Stabwechsel von einer moralischen Macht zur anderen.

Inzwischen ist die moralische Macht weniger zentral und fassbar wie zu Zeiten des römischen Senats. Es herrscht eher eine frei schwebende, digitale Schwarmintelligenz, die aber nicht weniger Einfluss hat. Die Konformität des Denkens und das Aneignen mehrheitsfähiger Meinungen scheinen heute sogar besonders ausgeprägt. Durch die sozialen Medien werden menschliche Angelegenheiten öffentlicher und transparenter, was den Anpassungsdruck erhöht. Gedanken zu vertreten, die deutlich anders sind als andere und die möglicherweise derart auffallen, dass sie der Karriere schaden, gilt eher als Dummheit denn als Ausdruck persönlicher Freiheit. War es früher das kaiserliche oder religiöse Denken, das Dogmen vorgegeben hat, so übernehmen dies heute Opinion Leaders aus Medien, Politik und Kultur.


Zu beobachten ist das etwa beim Thema Ökologie. Dazu meinte Professor Silvio Borner der Universität Basel kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), der Klimawandel sei „zum religiösen Ersatz für die Hölle verkommen“. Der Professor hat recht. Bei diesem Thema herrscht ein Dogma, das sich so zusammenfassen liesse: „Der globale Klimawandel ist menschengemacht. Die Natur liegt in unsrer Hand, nicht umgekehrt.“ Wer an diesem Dogma öffentlich zweifelt, gilt als Klimaleugner und Naturfeind.

Ein anderes Beispiel wäre das Thema Islam. Hier lautet das Dogma: „Terroranschläge, Unterwerfung der Frau, Christenverfolgung und Judenhass haben nichts mit dem Islam zu tun. Das ist ein Missbrauch der Religion für einen politischen Kampf gegen den Westen, den wir übrigens selber verursachen (Kolonialismus, Nahostpolitik, Waffenindustrie).“ Wer an diesem Dogma öffentlich zweifelt, gilt als Feind des Islam und der friedlichen Koexistenz der Kulturen.

Überhaupt die Migrationspolitik. Hier lautet das Dogma: „Migranten sind Opfer des westlichen Imperialismus. Deswegen müssen wir möglichst viele aufnehmen, als Wiedergutmachung und als Bereicherung unserer Monokultur.“ Wer an diesem Dogma öffentlich zweifelt, gilt als Rassist und Neofaschist.

Es gibt kaum ein umstrittenes Thema, bei dem das Abweichen vom herrschenden Dogma ungestraft bleibt. Oft erfolgt der Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft weltoffener Humanisten. In der Regel vermindert das alle Chancen auf eine höhere Position in Politik, Kultur und Bildung.

Das sind natürlich Tatsachen, die niemand gern zugibt. Aber das spielt keine Rolle. Entscheidend ist nicht, was die Leute zugeben, sondern wie sie handeln. Wobei es einfach zu beobachten ist, dass sich die meisten Menschen im öffentlichen Raum an die geltenden Dogmen halten und persönliche Risiken meiden. Helden der Freiheit überlässt man lieber dem Kino.

Giuseppe Gracia (49) ist Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur.


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