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«Das Töten der Christen hat bereits begonnen»

4. April 2013 in Weltkirche, 9 Lesermeinungen
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Jerusalems armenischer Patriarch Nourhan I. zur Lage der Kirche. Von Marie-Armelle Beaulieu und Andrea Krogmann (KNA)


Jerusalem (kath.net/KNA) Meinungsverschiedenheiten über die Heiligen Stätten müssen nach Einschätzung des neuen armenischen Patriarchen von Jerusalem, Nourhan I. Manougian (Foto), durch Verhandlungen gelöst werden. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Jerusalem äußert sich der neu gewählte 64-jährige orthodoxe Kirchenführer zur Lage der Kirche und zu anstehenden Aufgaben.

KNA: Patriarch Nourhan, die Zahl der Christen im Heiligen Land nimmt drastisch ab. Wie ist die Lage bei den Armeniern?

Nourhan I.: Auswanderung trifft nicht nur die Armenier, sondern alle Christen. Die Christen haben Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden oder ihre Miete zu zahlen, und sehen sich gezwungen, das Land zu verlassen. Das ist eines der Hauptprobleme des Landes, Armenier unterscheiden sich da nicht von den anderen Christen.

KNA: Wie steuert Ihre Kirche dagegen?

Nourhan I.: Die Häuser rund um unseren Konvent sind von unseren Gläubigen bewohnt, mietfrei. Bis vor kurzem haben wir auch die Wasser- und Stromrechnungen gezahlt, und immer noch übernehmen wir einen Teil. Aber wir müssen an die jungen Christen denken, die heiraten möchten und einen annehmbaren Wohnraum suchen. Wir sind im Besitz einiger Grundstücke, für die wir Baupläne haben, aber dazu benötigen wir Geld.

KNA: Wie sieht es in Ihrer Kirche mit dem geistlichen Nachwuchs aus?


Nourhan I.: Vor dem Sechstagekrieg (1967) holten wir die Seminaristen vor allem aus Syrien und dem Libanon. Inzwischen sind dies Feindesländer, und es ist beinahe unmöglich, Visa zu erhalten. Die Seminaristen heute kommen vor allem aus Armenien. Ihre Ausbildung stellt uns vor einige Herausforderungen. Zum einen haben wir Schwierigkeiten, qualifizierte Lehrer zu finden, was unter anderem an den zwei armenischen Sprachen liegt - dem im Nahen Osten gebräuchlichen Westarmenisch und dem in Armenien, Russland und im Iran gesprochenen Ostarmenisch. Zum anderen haben diese Jungen nach 70 Jahren Kommunismus die Vertrautheit mit der Kirche verloren. Seit 1992 haben wir in unserem Seminar einige hundert armenische Studenten ausgebildet, aber nur sieben von ihnen sind zu Priestern geweiht worden.

KNA: Die Lage in Syrien verschlechtert sich, das betrifft auch die armenischen Christen ...

Nourhan I.: Wenn es so weitergeht in Syrien, wird es keine Christen mehr dort geben. Es ist nur eine Frage der Zeit - das Töten der Christen hat bereits begonnen. Unser Patriarchat hat einigen Grundbesitz in Syrien, aber deren Verwalter ist inzwischen in Beirut. Ich selber habe Geschwister in Syrien, kann aber nicht mit ihnen sprechen.

KNA: Wie sind die Beziehungen zur Mutterkirche und zur Diaspora?

Nourhan I.: Der Heilige Stuhl von Etschmiadzin ist ein spirituelles Zentrum für alle Armenier, und allein der Katholikos, das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, kann Bischöfe weihen, wie er auch unsere Bischöfe weiht. Aber wir leben an den Heiligen Stätten, dem Mittelpunkt der ganzen Christenheit, und das räumt uns einen besonderen Platz ein. Für die Armenier in Armenien sind wir die Diaspora, aber in unserer Weihnachtsbotschaft nennen wir sie Diaspora. Die Unterstützung der Armenier weltweit, etwa als Pilger, wäre sehr wichtig für uns, weil es uns das Gefühl gäbe, es interessiert sich jemand für uns. Bislang kommen aber sehr wenige Pilger, nicht die Tausende Katholiken und Orthodoxe, die zu Ostern herströmen. Die Diaspora-Armenier, die dennoch kommen, sind oft sehr erstaunt über unsere Präsenz an den Heiligen Stätten.

KNA: Wie sieht Ihre Kirche die Rolle als Hüter dieser Heiligen
Stätten?

Nourhan I.: Wir sind eine der drei wichtigsten Kirchen an den heiligen Orten, und wir bemühen uns, das zu erhalten. Wir haben beinahe dieselben Rechte wie die Griechisch-Orthodoxen und die Lateiner. Wir sind glücklich mit dem, was wir haben, und versuchen zu bewahren, was wir ererbt haben. Mehr brauchen wir nicht.

KNA: Und das ökumenische Zusammenleben?

Nourhan I.: Wir versuchen, mögliche Probleme in einem ökumenischen und brüderlichen Geist zu lösen. In der Vergangenheit haben wir versucht, Meinungsverschiedenheiten mit Gewalt zu regeln. Das hat zu nichts geführt. Heute müssen wir Lösungen im einvernehmlichen Verständnis finden, vor allem in diesen Zeiten, in denen die Zahl der Christen im Land drastisch abnimmt. Wir müssen uns gegenseitig helfen und eine gewisse Einheit untereinander gegenüber den Juden und Muslimen bezeugen. Und wir müssen uns an einen Tisch setzen und die Bedürfnisse klären, sonst verlieren wir alles. Es gibt einige Probleme, die wir gemeinsam angehen müssen, und ich hoffe, in diese Richtung zu arbeiten.

KNA: Sie sind noch jung, aber könnte ein armenischer Patriarch sein Amt niederlegen, wie Papst Benedikt XVI. das gemacht hat?

Nourhan I.: Hier ist das noch nie vorgekommen, wohl aber im Patriarchat von Istanbul. In Jerusalem war man bislang Patriarch auf Lebenszeit. Allerdings ist das einer der Punkte, deren Revision wir anstreben. Mit 75 oder 80 Jahren könnte ein Patriarch sein Amt niederlegen. In den vergangenen sechs Jahren war mein Vorgänger, Patriarch Torkom II., nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben. Dabei erfordert eine solche Verantwortung, dass man über all seine Kräfte verfügt. 80 könnte daher ein gutes Alter sein.

(C) 2013 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.


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