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'Die Bundeslade befindet sich bei uns in Axum'

22. Juni 2009 in Interview, keine Lesermeinung
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Patriarch Pauolos, die höchste Autorität der äthiopischen Kirche, hat nach einer Audienz bei Papst Benedikt XVI. bestätigt, dass sich die Bundeslade in Äthiopien befindet


Rom(kath.net/DieWelt)
Mit einem außergewöhnlichen Schritt hat Patriarch Pauolos, die höchste Autorität der äthiopischen Kirche, nach einer Audienz bei Papst Benedikt XVI. zu der seit Jahrzehnten unter Archäologen und Schatzsuchern schwelenden Debatte Stellung genommen, ob sich die legendäre Bundeslade des alten Israel in Äthiopien befindet oder nicht. „Sie befindet sich bei uns in Axum“, sagte der Kirchenfürst am Freitag der WELT unmissverständlich in Rom. „Äthiopien ist der Thron der Bundeslade, seit hunderten von Jahren schon. Ich habe sie selbst gesehen.“ Die Lade sei keinem Alterungsprozess unterworfen und entspreche genau den Angaben der Bibel. „Das Gesegnete bleibt. Das Heilige bleibt. Die Bundeslade ist nicht von Menschenhand gemacht. Sie ist ein Geheimnis.“

Nun sei die Zeit reif, die Welt an dieser Wahrheit teilhaben zu lassen. - Es sei die Entschleierung des „Geheimnisses aller Geheimnisse“, wusste die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos schon vorab. Für DIE WELT sprach Paul Badde mit Guido Horst über die Entdeckung. Der Chefredakteur des VATICAN-Magazins war vor Monaten selbst nach Äthiopien aufgebrochen, um dort den Wächter der Bundeslade zu treffen.

DIE WELT: Sie sagen, Sie hätten die Bundeslade in Äthiopien gefunden. Wollen Sie wirklich behaupten, auf die Schrifttafeln vom Sinai gestoßen zu sein, die Gott Moses diktiert hat?

Guido Horst: Ich bin auf ein Volk gestoßen, das fest daran glaubt, im Besitz der Bundeslade zu sein. 80 Millionen Äthiopier – das ist schon was. In den 37.000 Kirchen des Landes wird im innersten Raum, im Allerheiligsten, eine Nachbildung der Bundeslade verehrt, der so genannte Tabot. An Feiertagen werden sie in Prozessionen durch die Städte getragen. Das Original ist in Axum. Ohne die Bundeslade ist das orthodoxe Christentum in Äthiopien nicht zu verstehen.
DIE WELT: Was haben Sie in Afrika gesucht?

Horst: Dasselbe, was ich in Rom suche: wahre und gute Geschichten! Die verschollene Bundeslade ist aber nicht nur eine gute Geschichte, sondern das vielleicht größte Rätsel der Menschheitsgeschichte. Auch wir „stehen“ auf der Bundeslade.

Hätte es nicht den Auszug der Juden aus Ägypten gegeben und hätte Moses diesem Volk nicht mit den Zehn Geboten eine Art Grundgesetz gegeben, würden wir heute vielleicht den Erdwurm anbeten – oder gar nichts.

Ohne Bundeslade kein Judentum, kein Tempel, auch kein Christentum und kein christliches Abendland. Niemand weiß, wie es mit der Geschichte weiter gegangen wäre.

DIE WELT: Haben Sie die Bundeslade denn gesehen?

Horst: Kein Mensch bekommt sie zu sehen. Sie ist nur da. Nur die Kirche ist zu sehen, wo sie verwahrt wird und der Wächter.

DIE WELT: Dennoch haben Sie die lange Reise gemacht. Warum?

Horst: Prinz Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe Kaiser Haile Selassies, hatte bei uns in einem aufregenden Plädoyer für die äthiopischen Christen den tief verwurzelten Glauben seiner Heimat erwähnt und sagte die Bundeslade sei in Axum. Er ließ daran nicht den geringsten Zweifel.


DIE WELT: Der Prinz kann sich solch einen Glauben leisten. Doch wollen Sie als westdeutscher Intellektueller wirklich behaupten, entdeckt zu haben, was Indiana Jones verwehrt geblieben ist?

Horst: Wenn es irgendeinen anderen Ort auf der Welt gäbe, wo man die Bundeslade angeblich verwahrt – in Bagdad, Jerusalem oder Rom -, dann wäre der Glaube der Äthiopier nur eine Alternative. So ist es aber nicht. Die Lade ging irgendwann in dem Jahrtausend vor Christus spurlos verloren, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Doch der englische Schriftsteller Graham Hancock hat in einer überzeugenden Indizienkette den Weg nachgezeichnet, den die Lade genommen hat. Ab dem siebten Jahrhundert vor Christus wird sie in der Bibel nicht mehr erwähnt.

Es ist die Zeit, als König Manasse den schrecklichen Frevel beging, im Allerheiligsten des Tempels von Jerusalem ein riesiges Bild der heidnischen Fruchtbarkeitsgöttin Aschera aufzustellen. Damals, so vermutet Hancock, hätten Priester die Bundeslade an einen sicheren Ort geschafft, um sie vor solchen Gräueln zu schützen. Im selben Jahrhundert errichteten Priester auf der Insel Elephantine im Oberlauf des Nils einen zweiten jüdischen Tempel. Ein solches Gotteshaus hatten die Juden bis dahin aber nur gebaut, um die Bundeslade aufzubewahren. In heftigen Konflikten der Ägypter mit jüdischen Einwanderern wurde dieser Tempel zweihundert Jahre später zerstört. Genau zu dieser Zeit, so behaupten Mönche auf Tana Kirkos im Tana-See am Oberlauf des Nils, sei die Bundeslade auf ihre Insel gekommen, wo sie 800 Jahre blieb.

Da war sie also schon in Äthiopien. Unter Kaiser Ezana (ca. 325-355), als sich das Christentum in Äthiopien ausbreitete, wurde die Lade nach Axum gebracht.

DIE WELT: Die Königin von Saba haben Sie in Ihrem Reisebericht auch noch erwähnt. Wird die Geschichte spätestens da nicht ein bisschen zu dick aufgetragen?

Horst: Der Legende nach zog die dunkelhäutige Königin von Saba an den Hof Salomons in Jerusalem und wurde von ihm mit Menelik schwanger. Der soll dann bei einem späteren Besuch bei seinem Vater die Bundeslade mit nach Äthiopien genommen haben. Bis zuletzt führten die äthiopischen Herrscher deshalb, als „Löwen von Juda“, ihr Königshaus auf Salomon zurück. Die Lade wird in der Bibel aber auch noch für die Zeit nach Salomon erwähnt. Darum ist Hancocks Rekonstruktion der Umstände und Route des Transports der Bundeslade nach Äthiopien überzeugender als alle Legenden.

DIE WELT: Was ist die Bundeslade?

Horst: Das Buch Exodus berichtet, dass Moses die beiden Gesetzestafeln vom Berg Sinai herab brachte und für sie eine mit Gold überzogene Truhe aus Akazienholz bauen ließ: zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen hoch. König David hat vor ihr getanzt. Das halten die Priester Äthiopiens noch heute so. König Salomon baute für sie dann den ersten Tempel in Jerusalem, wo sie im innersten Raum, dem Allerheiligsten, von Priestern bewacht wurde – wie es heute noch mit den Tabots in allen äthiopischen Kirchen geschieht.

DIE WELT: Wo befindet sich die Lade genau? Wer bewacht sie?

Horst: König Ezana ließ für sie in Axum eine große Basilika bauen. Im 17. Jahrhundert nahm eine neue Kathedrale sie auf. 1965 ließ Kaiser Haile Selassie ein drittes Gotteshaus für sie errichten, zwischen der alten und neuen Kathedrale. Da lässt der Wächter Abba Tekulu Tag für Tag Weihrauch vor ihr aufsteigen.

DIE WELT: Wie glaubwürdig ist der Wächter?

Horst: Ich hätte mich nie getraut, ihn auch nur zu fragen, ob er wirklich die Bundeslade bewacht. Es ist sein ganzes Selbstverständnis. In ihm personifiziert sich der Glaube dieses 80-Millionen-Volkes und einer über 2000 Jahre alten Kultur. Die Kapelle darf er nicht mehr verlassen. Erst wenn er tot ist, wird man den Mönch aus dem kleinen Areal zu seinem Grab bringen. So etwas lässt man nicht wegen einer vagen Idee mit sich machen, oder dem Mythos eines Königshauses zuliebe, das gar nicht mehr regiert.

DIE WELT: Sonst hört man nicht gerade Freudenbotschaften aus Äthiopien. Hat der Besitz dem Volk wirklich Glück beschert?

Horst: Im siebten Jahrhundert schnitt der Islam das christliche Königreich Äthiopien vom Vorderen Orient und von Europa ab. Die südsudanesischen Königreiche, die auch christlich waren, sind dabei unter dem Ansturm des Islam untergegangen, ganz zu schweigen von den blühenden christlichen Nationen Nordafrikas. Nur die äthiopische Christenheit hatte diesen Sturm überlebt – mit der Bundeslade. Auch jetzt, trotz Bürgerkriegen und Hungersnöten, bewahrt das Land eine merkwürdige Einheit. Christen und Muslime leben dort in Frieden. Eine Kolonialisierung hat es – abgesehen von einer kurzen Episode unter Mussolini – dort nie gegeben.

DIE WELT: Vollbringt die Lade Wunder?

Horst: Die Bibel berichtet, wie sie das Volk Israel gegen die kriegsgewohnten Kanaaniter und Philister von Sieg zu Sieg führt – und an anderer Stelle, dass schon eine Berührung mit ihr den Tod bringen konnte. Hancock erzählt, wie ihm ein Vorgänger „meines“ Wächters 1983 sagte, es sei seine Aufgabe, die Bundeslade in dicke Tücher zu schlagen. Warum? „Um die Menschen vor ihr zu schützen. Die Lade ist mächtig“, antwortete der Mönch.

Ein zweiter Wächter, dem Hancock 1991 begegnete, sagte ihm nur, die Lade „vollbringt Wunder. Und sie ist selbst ein Wunder. Sie ist ein Wunder, das Wirklichkeit geworden ist.“ Ich habe in Axum mit dem Nebruiden Yohannes gesprochen, einem Verwalter des Kirchenbezirks im Range eines Erzbischofs, und gefragt, warum man die Menschen vor der Bundeslade schützen müsse. „Es gibt keine Zweifel an der Kraft der Lade“, sagte er. „Schon die Bibel berichtet über die mächtige Kraft, die von ihr ausgeht und die Feinde Israels vernichtet hat.“ Sei denn vielleicht auch die Auserwählung Israels mit der Bundeslade auf sein Volk übergegangen, wollte ich weiter wissen „Gott gab die Lade dem äthiopischen Volk, weil er es dafür bestimmt hat. Nun ist Äthiopien auserwählt, die Bundeslade zu besitzen“, sagte er, „und insbesondere die Stadt Axum, weil die Lade ihr gegeben wurde.“

DIE WELT: Der Talmud erzählt davon, wie Gott die 10 Gebote allen Völkern angeboten habe, dass aber nur Israel die strengen Regeln haben wollte. Wollen die Äthiopier vielleicht sagen, dass der liebe Gott sich die Sache später wieder anders überlegt hat?

Horst: Das ist wirklich fesselnd. Die äthiopischen Christen sind Judenchristen. Bevor sich das Land zum Christentum bekehrte, lebten dort schwarze Juden, die dann getauft wurden. Unsere Vorvorfahren waren heidnische Barbaren, bevor sie bekehrt wurden. Die Judenchristen sind also eine Art „missing link“ zu den Juden, zu unseren älteren Brüdern im Glauben. Sie haben viele Elemente des Judentums übernommen. Die Jungen werden am achten Tag beschnitten, der Samstag ist – als Sabbat - neben dem Sonntag ein Feiertag. Man isst kein Schweinefleisch und beachtet jüdische Speisegesetze.

Die letzten äthiopischen Juden wurden von den Israelis in den achtziger Jahren ausgeflogen. Nur noch die Judenchristen sind dort. Wenn es ein Land gibt, wo die Bundeslade „hinpasst“, dann ist es Israel – oder Äthiopien.

DIE WELT: Nehmen wir einmal an, Sie – und die Äthiopier – hätten Recht. Hätten dann nicht aber auch schon längst die Israelis, die im heiligen Land jeden Stein umdrehen, um nach alten jüdischen Spuren zu suchen, alles daran gesetzt, um in Axum die Gründungsurkunde ihrer Kultur in ihren Besitz zu bringen?

Horst: Ja, aber sie tun es nicht – und zwar aus sehr, sehr guten Gründen. Wenn die Juden für die Lade den dritten Tempel bauen wollten, gäbe das Krieg. Es wäre nicht nur ein Weltkrieg, es wäre eher das Ende der Welt. Achtzig Millionen Äthiopier würden als erste aufstehen wie ein Mann. Und ein Tempel in Jerusalem, auf dem Tempelberg, da wo der alte stand, anstelle des muslimischen Felsendoms – würde über eine Milliarde Muslime auf einen Schlag in den ultimativen Aufstand treiben. Viele Äthiopier haben mir erklärt, dass nicht die Menschen etwas mit der Bundeslade machen, sondern dass die Bundeslade umgekehrt etwas mit den Menschen macht. Das ist sicherlich geheimnisvoll. Aber ich bin ja auch nicht nach Äthiopien gefahren, um dort einer Selbstverständlichkeit nachzuspüren.


Bestellmöglichkeiten der Zeitschrift unter www.vatican-magazin.com - Achtung: Ermäßigung für kath.net-Clubmitglieder - Infos siehe hier.



Foto: (c) Paul Badde


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