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"Wenn Impfung wichtiger als Jesus wird"

27. Juli 2021 in Kommentar, 50 Lesermeinungen
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"Warum Bischöfe zum Thema 'Impfung' lieber schweigen und besonders das Argument der Nächstenliebe in diesem Zusammenhang nicht überstrapazieren sollten" – Kommentar von Roland Noé


Linz (kath.net/rn)
Das Bistum Fulda hat vor einigen Tagen öffentlich zur Corona-Impfung aufgerufen. Tage zuvor hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler die aktuelle Impf-Offensive des Landes Tirol begrüßt und die Teilnahme an derselben empfohlen. Gleichzeitig mahnte Glettler gegenüber der Kathpress einen fairen Umgang zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften ein. Immer wieder gibt es in diesen Tagen derlei Aufrufe von Kirchenvertretern. Mir drängt sich dabei die Frage auf: ist das die Aufgabe der Kirche, sich zum Thema „Impfung“ zu Wort zu melden? Ich meine: eigentlich nicht, denn Bischof X oder Bischof Y hat in dieser Angelegenheit ähnliche Kompetenz wie Frau Müller aus Aachen oder Herr Maier aus München. Jeder kann seine private Meinung zum Thema Impfung haben, ohne Frage, auch ein Bischof, aber dann sollte er diese auch als private Meinung deklarieren und nicht sein Amt oder seine Diözese für eine Impfkampagne einspannen.

Ich bin kein Impfgegner, ganz im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass eine Covid-Impfung besonders bei möglichen Risikogruppen durchaus Sinn macht. Über manch absurde Argumentation von radikalen Impfgegnern kann ich manchmal auch nur den Kopf schütteln, ebenso wie über eine übertriebene "Nur die Impfung rettet uns"-Einstellung. Auch unter den kath.net-Mitarbeitern gibt es bei dem Thema übrigens sehr unterschiedliche Einstellungen, einige sind geimpft, andere wollen das nicht. Und das ist gut so. Denn dieses Thema ist kein Teil des Credos und man kann darüber völlig legitimerweise unterschiedlicher Meinung sein, auf der Basis von Fakten und abseits von Hysterie und Panikmacherei.


Meiner Ansicht nach sollte sich die Kirche in diesen Belangen also nicht einmischen und als Kirche neutral bleiben, denn es ist grundsätzlich, von ethischen Fragen abgesehen, ein medizinisches und kein theologisches Thema. Eine Impfung ist letztlich immer ein Kompromiss. Mich persönlich interessiert hier primär die Einschätzung von Experten, d.h. von Medizinern (von denen es auch christliche gibt) und nicht die von Pseudo-Experten. Aber zurück zum Thema: Bischöfe sollten sich bei den kirchlichen Kernthemen zu Wort melden, nicht bei Themen, wo sie eben keine besondere Kompetenz haben. Denn dann wird es meistens eher peinlich. Oder schafft unnötig noch mehr Druck in ohnehin bereits sehr emotional geführte Debatten.

Besonders emotionalisierend ist in diesem Zusammenhang das Argument der Nächstenliebe. So wird durch das Bistum Fulda erklärt, dass es ein „Ausdruck der Nächstenliebe“ sei, wenn man sich impfen lässt. „Wer sich impfen lässt, schützt sich und andere“, erklärt Bischof Gerber. Ich meine: wer sich impfen lässt, ist nicht unbedingt ein großer Held der Nächstenliebe, denn er lässt sich aus den verschiedensten Gründen impfen, primär in den meisten Fällen natürlich aus Eigeninteresse. Folgt man der Logik des Bistums Fulda, finden sich auf einmal diejenigen Gläubigen als Egomanen bezeichnet wieder, die sich nicht impfen lassen möchten, aus welchen Gründen auch immer. So spielt man Menschen gegeneinander aus.

Eine meiner Ansicht nach besonders bizarre Entwicklung kann man derzeit in der Erzdiözese Wien beobachten. Der Wiener Kardinal verhält sich nicht nur nicht neutral beim Impfthema, er sorgt sogar dafür, dass sie als Heilmittel im Kirchengebäude selbst angeboten wird, was nicht nur unnötig ist, sondern meiner Meinung nach einen klaren Missbrauch für kirchenfremde Zwecke darstellt. „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht“ (Mk 11,17),  diese mahnenden Worte sollten uns auch in diesem Zusammenhang – besonders den Verantwortungsträgern – zu denken geben.


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