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Ist Italien noch katholisch?

7. September 2020 in Weltkirche, 9 Lesermeinungen
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Italien gilt traditionell als katholisches Land. Doch eine neue Studie zeigt: Die Säkularisierung schreitet voran. Kann Corona den Trend stoppen? - Von Alexander Pitz


Rom (kath.net/KAP) Kaum ein Land ist traditionell derart mit dem Katholizismus verbunden wie Italien. Es beherbergt die schönsten Kirchenbauten der Welt und eine Glaubenskultur, die bis in die ersten Jahrhunderte nach Christus zurückreicht. Doch auch die Mittelmeernation mit dem Vatikan im Herzen ist vor fortschreitender gesellschaftlicher Säkularisierung nicht gefeit.

Der Turiner Religionssoziologe Franco Garelli hat diese Entwicklung in seinem kürzlich erschienenen Buch "Gente di poca fede" ("Volk mit wenig Glauben") dokumentiert. Die Ergebnisse der darin enthaltenen Studie sprechen eine deutliche Sprache: So hat sich die Zahl der Atheisten in Italien in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht - auf mittlerweile 30 Prozent. Nur noch ein Fünftel der Bürger besucht regelmäßig die Messe.

Nachlassende Kirchenbindung


Während in den neunziger Jahren rund die Hälfte der Einwohner des "Belpaese" tägliche betete, tut dies heute knapp ein Viertel. Ebenfalls knapp jeder Vierte ist indes der Meinung, der Glaube an Gott sei lediglich etwas für "naive Menschen". Vor einem Vierteljahrhundert vertraten nur fünf Prozent der Italiener eine solch religionskritische Auffassung. Der Anteil jener, die Religion weiterhin für ein wesentliches Element auf der Suche nach dem Lebenssinn halten, fiel von 80 auf 65 Prozent.


Einen zuverlässigen Beleg für die schwindende Bindung an die katholische Kirche liefert ein Blick auf den Geldfluss. Anders als die Kirchensteuer in Deutschland wird ein solcher Beitrag in Italien nicht automatisch von den Mitgliedern einbehalten. Jeder Steuerpflichtige kann selbst entscheiden, wem er die obligatorische Kulturabgabe "Otto per mille" zukommen lassen will. Er kann die acht Promille mit der Steuererklärung wahlweise einer Glaubensgemeinschaft, dem Staat oder sozialen Zwecken zuweisen. Die Quote für die katholische Kirche lag zuletzt nur knapp über 30 Prozent. Deutlich weniger als noch vor einigen Jahren.

Bei der Veröffentlichung des Steueraufkommens für 2019 vor einigen Wochen resümierte der Journalist Antonio Socci hämisch: "Papst Franziskus hat stets den Wunsch gepredigt, die Kirche arm zu machen. Offenbar ist ihm das gelungen." Wissenschaftler Franco Garelli, der auch mit der Italienischen Bischofskonferenz kooperiert, betreibt freilich eine differenzierte Analyse. Der 74-Jährige spricht von einer gewissen "religiösen Müdigkeit" im Lande, die sich im Laufe der Jahre zusehends manifestiert habe. Das Verhältnis zum Glauben sei in der modernen Zeit "unsicherer und zerbrechlicher" geworden.

Von Schwarzmalerei hält Garelli dennoch wenig. Stattdessen weist er auf ein Phänomen hin, dass er "katholische Subkultur" nennt. Dieses Fünftel der Bevölkerung sei eine Art "Keimzelle", die eifrig religiöse Rituale pflege, den Glauben als essenziell betrachte und an die Kinder weitergebe. Solche "überzeugten und aktiven" Katholiken bildeten die Stützpfeiler vieler Pfarreien. Themen wie Familie, Bioethik, Solidarität und Erziehung seien für das Milieu besonders wichtig. "Diese engagierte katholische Welt spielt eine wertvolle Rolle im Land", betont Garelli. Darauf lasse sich aufbauen. Vor allem, wenn es um die Bewältigung sozialer Notlagen gehe.

Corona als Hoffnung für die Kirche?

Eine Chance für eine Wiederbelebung des Katholizismus sieht der Experte daher ausgerechnet in der Corona-Krise. Und die Zahlen stützen seine These: Einer aktuellen Auswertung zufolge hat die Pandemie die religiösen Bedürfnisse der Italiener spürbar verstärkt. 16 Prozent geben an, in dieser Zeit mehr zu beten als sonst. Ein Viertel verspürt ein gestiegenes spirituelles Verlangen.

Als bemerkenswertes Indiz wertet Garelli nicht zuletzt den Abend des 27. März. Als Franziskus damals auf dem nahezu leeren Petersplatz den Segen "Urbi et orbi" spendete, verfolgten dies rund 17 Millionen Italiener (28 Prozent) live an den Fernsehschirmen. "Gerade in schwierigen Momenten sind viele Menschen auf der Suche nach sinnstiftenden Quellen", lautet die Schlussfolgerung des Soziologen. Die katholische Kirche müssen nun zeigen, was sie zu bieten habe.


Copyright 2020 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich
 Alle Rechte vorbehalten


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Lesermeinungen

 SalvatoreMio 9. September 2020 
 

Formen ohne Inhalt

@Ich grüße Sie, exnonne! Um "dislikes" kümmere ich mich nicht. Sie können viele Gründe haben. Was religiöse "Formen ohne Inhalt"anbelangt: die Formen haben sicher Inhalt. Frage ist nur, ob wir den Inhalt schätzen, wie wir damit umgehen und inwieweit wir dabei Unterstützung erfahren. - Und solange wir in der Kirchengemeinschaft miteinander Kontakt halten, gibt es die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen und womöglich von der Freude an Gott Zeugnis zu geben und sei es beim Glas Bier am Pfarrfest. Wir wissen nicht, wo und wie Gottes Wort in ein Herz fällt und aufkeimt.


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 exnonne 9. September 2020 
 

Form ohne Inhalt

Okay, angesichts der beiden Dislikes muss ich zugestehen, dass es Menschen geben mag, denen die äußere Form genügt, auch wenn nichts mehr "dahinter" ist. Wem das ausreicht, ...


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 exnonne 7. September 2020 
 

@SalvatoreMio: "alte Zöpfe"

Wenn die ursprünglich katholischen Traditionen nur noch "alte Zöpfe" sind, also leere Hüllen ohne Inhalt, ist es dann nicht besser, sie sterben ab? Denn der Inhalt ist es doch, der den Sinn verleiht, nicht die äußere Form.


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 SalvatoreMio 7. September 2020 
 

Beichtpraxis und Traditionen

@exnonne: ich weiß nicht die Antwort auf Ihre Fragen und möchte mich auch nicht erkundigen, aber: bei uns läuft ja auch vieles nicht gut und man hat vielleicht überhaupt kein schlechtes Gewissen mehr! Und die kath.Traditionen? Wenn man "alte Zöpfe" abschneidet, und das in heutiger Zeit, dann entsteht eher ein Vakuum, das nicht durch Besseres gefüllt wird. So geschieht aber Begegnung und die Chance auf manches gute Wort, zudem die Italiener Gemeinschaft und gemeinsames Essen überaus lieben.


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 exnonne 7. September 2020 
 

@SalvatoreMio: lockere Sexualmoral + bessere Annahme der Beichtpraxis

Schätzen Sie, dass das irgendwie zusammenhängt? So nach dem Motto: Ich kann's ja hinterher beichten? Oder glauben Sie eher, dass das nichts miteinander zu tun hat?
Das Hängen an Traditionen und Gebräuchen sagt jedenfalls kaum etwas über den wirklichen Glauben aus. Wie man auch nicht davon ausgehen kann, dass jeder, der an Weihnachten in die Kirche geht, wirklich an die Menschwerdung Gottes glaubt. Da ist viel Sentimentalität mit im Spiel.


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 SalvatoreMio 7. September 2020 
 

Säkularisierung auch in Italien stark.

Aus kompetenter Hand höre ich Klagen über die Verweltlichung der Christen in Italien: Kirchen oft recht leer; lockere Sexualmoral. Viele hadern mit unserem Kirchenoberhaupt und nehmen kein Blatt vor den Mund. Die Stärke: Italiener hängen sehr an Traditionen und Gebräuchen; das "nützt" auch dem kirchl. Leben. Sehr viel besser wird die Beichtpraxis angenommen als z. B. in Deutschland oder in Belgien.- Interessant finde ich die "Bussola Nuova Quotidiana", kostenlos online zu lesen; geführt von einer Gruppe kath. Journalisten).


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 Stefan Fleischer 7. September 2020 

sinnstiftende Quellen

"Gerade in schwierigen Momenten sind viele Menschen auf der Suche nach sinnstiftenden Quellen" Da sollten wir uns doch nun ganz ernsthaft fragen, ob unsere moderne Verkündigung wirklich noch sinnstiftend ist. Der Einsatz für Brüderlichkeit, Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung etc. mag vielleicht kurzfristig einen Lebenssinn abgeben. Aber wo Gott nicht mehr Gott ist, wo nicht er und die Beziehung zu ihm im Zentrum stehen, nimmt schnell einmal der Egozentrismus überhand. Und dieser ist auf die Dauer sicher keine sinnstiftende Quelle.


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 Hilfsbuchhalter 7. September 2020 

Gott ist die unwichtigste Nebensache dieser Welt.

In manchen gesellschaftspolitischen Diskussionen (z.B. in der #metoo-Debatte) lässt sich die Katholizität eines Landes noch ablesen. Die nördlichen Länder sind diesbezüglich viel protestantischer geprägt. Aber das war es dann auch schon. Der Glaube an Gott ist heute nämlich nur noch eine ganz unwichtige Nebensache. Eine sehr gefährliche Entwicklung, die die meisten Gut-Gläubigen noch gar nicht abschätzen können. Wenn Religion in Europa (im Westen allgemein) noch eine Rolle spielen wird, dann ist es der Islam. Das Christentum hat längst kapituliert.


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 Stephaninus 7. September 2020 
 

Italien ist Teil des Westens

wie sollte es da von der Säkularisierung verschont bleiben? Dennoch sind die Zahlen im Vergleich zu anderen Nationen Europas noch sehr günstig. Wirklich erschüttert bin ich über die angeblich 30% Atheisten. Kann das wirklich sein?


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