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Werde ich mich noch bekehren?

11. März 2014 in Kommentar, 11 Lesermeinungen
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Zu den Ergebnissen der Mitgliederstudie der EKD. Von Jan Fleischhauer


Berlin (kath.net/idea) Ich bin im Sommer 2005 aus der evangelischen Kirche ausgetreten, es ging erstaunlich leicht. Ich musste nur zum Bezirksamt gehen und ein Formular unterschreiben, dass ich nun konfessionslos sei. Es gab keinen Brief der Kirchengemeinde oder Anruf des Pfarrers, ob ich mir meinen Entschluss noch einmal überlegen wolle.

Irgendwann sieht man nur noch die Kirchensteuer

Ich war nicht stolz auf meinen Austritt, er geschah auch nicht aus Protest. Es war eher das Ergebnis einer Entfremdung. Als Jugendlicher hatte mich das politische Engagement zur Kirche gebracht. Wir sammelten für „Brot für die Welt“, schrieben Briefe für „Amnesty International“ und demonstrierten in Brokdorf und Gorleben. Als sich meine politische Meinung änderte, brach auch der Kontakt ab. So geht es vielen. Irgendwann sieht man nur noch die Kirchensteuer.


Es sind dramatische Zahlen für den Protestantismus

Nur 22 Prozent der Mitglieder im Alter zwischen 14 und 22 Jahren fühlen sich der Kirche verbunden, wie man der gerade vorgelegten Untersuchung der EKD zu ihrem Kirchenvolk entnehmen kann. Jeder Fünfte in dieser Altersgruppe ist zum Austritt entschlossen. Das sind dramatische Zahlen.

Die Erklärung liefert die Studie gleich mit: Gerade mal die Hälfte sagt, dass sie im Elternhaus religiös erzogen wurde, was immer das im Einzelnen auch heißen mag. Ich vermute, dass die meisten nicht einmal mehr ein Tischgebet gelernt haben. Man muss Glauben von Kindheit an einüben, sonst wird es schwer, an ihm festzuhalten, wenn das Leben an einem zu zerren beginnt.

Wer nicht mit der religiösen Praxis aufgewachsen ist, dem fehlt das Selbstverständnis der Gewohnheit, die auch Glaubenskrisen übersteht. Umgekehrt haftet dem Spätbekenntnis immer etwas Angestrengtes an. Wo die Glaubenspraxis verloren geht, ist mehr verschüttet als nur die Erinnerung an den Text für Gebet und Litanei.

Die Abwendung von Gott ist ein Verlust

Ich habe öfter über einen Wiedereintritt nachgedacht. Die Abwendung von Gott ist ein Verlust. Das wissen auch diejenigen, die ihren Nichtglauben als Atheismus vor sich hertragen, deshalb müssen sie ja so auftrumpfen.

Dass mich meine ersten Kirchgänge zur katholischen Konkurrenz führten, mag an meiner liturgischen Mangelerfahrung in der Kindheit liegen. Am Ende bin ich vor einem Übertritt aber immer zurückgeschreckt. Was für den Spätberufenen gilt, das gilt für den Renegaten erst recht.

Bekehrung in letzter Minute?

Viele Menschen finden wieder zum Glauben, wenn sie ein Schicksalsschlag ereilt. Da mit jeder Religion die Vorstellung von einem ewigen Leben verbunden ist, führt sie das Trostbedürfnis in die Kirche zurück. Ich fand diese Bekehrung in letzter Minute immer etwas zweifelhaft. Wenn man den Abgrund vor Augen hat, sind die meisten zu fast allem bereit.

Als Niccolò Machiavelli auf dem Sterbebett gefragt wurde, ob er nicht dem Teufel abschwören und seinen Frieden mit Gott machen wolle, gab er zur Antwort, er halte es für keinen guten Zeitpunkt, sich neue Feinde zu schaffen. Das, finde ich, hat dann wenigstens Größe. Zum Glück habe ich ja auf Erden (hoffentlich) noch ein bisschen Zeit.

Der Autor, Jan Fleischhauer (Berlin), ist Kolumnist bei Spiegel Online.


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