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Leitkultur!

5. Juni 2018 in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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Letztlich verhält es sich mit der Leitkultur wie mit einem Witz: Wenn man sie erklären muss, funktioniert sie nicht - Die monatliche Kolumne von Sebastian Moll


Linz (kath.net)
„Unsere Leitkultur ist das Grundgesetz“ – wenn es einen Satz in unserer aktuellen politischen Debatte gibt, den ich nicht mehr hören kann, dann ist es dieser. Wer ernsthaft meint, ein Gesetzestext könne Kultur erzeugen, der glaubt auch, ein Ehevertrag würde eine glückliche Beziehung garantieren.
Unsere in der Verfassung festgeschriebenen Grundrechte sind keine Verhaltensanweisungen für den einzelnen Bürger, sie regeln ausschließlich die Befugnisse des Staates. Das Recht auf Meinungsfreiheit etwa bedeutet, dass kein Bürger aufgrund seiner Meinung staatliche Sanktionen zu fürchten hat – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Ein Recht darauf, dass andere Menschen meine Meinung respektieren, leitet sich aus diesem Artikel keineswegs ab.

Die Möglichkeit einer Gruppe etwa, jemanden aufgrund seiner Ansichten sozial auszugrenzen, ist durch das Grundgesetz in keiner Weise beeinträchtigt. Ähnlich verhält es sich mit dem immer wieder vorgebrachten Grundsatz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Auch hierbei handelt es sich um eine Richtlinie für den Staat. Dieser darf Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren. Als Privatperson steht dies aber jedem Bürger frei. Wer sich weigert, einer Frau die Hand zu geben, verstößt nicht gegen das Grundgesetz.


Ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten der Menschen leiten, also das, was der Begriff ‚Kultur‘ im engeren Sinne meint, lässt sich weder aus der Verfassung noch sonst irgendeiner staatlichen Institution konstruieren. Vielleicht ist das Bedauerlichste an diesem Vorhaben, dass wir eigentlich dachten, wir hätten derartige Versuche hinter uns. Schon 1948 schrieb Alfred Müller-Armack, Begründer des Begriffs „Soziale Marktwirtschaft“ und Doktorvater meines geliebten Vaters Jürgen Moll: „Es geht heute nicht nur in Deutschland um die Frage, ob den integrierenden, zusammenfassenden und bewahrenden Kräften wieder jene zentrale Stellung eingeräumt werden kann, die ihnen das letzte Jahrhundert immer mehr streitig machte, und ob es gelingt, in der Erziehung jeden Einzelnen wieder zum Träger echter religiöser, sittlicher und rechtlicher Überzeugungen zu machen. Diese bewahrende Macht liegt für alle europäischen Völker in der Glaubenstradition des Christentums beschlossen.“

Zu seiner Zeit konnte Müller-Armack diesbezüglich noch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, auch und gerade mit Blick auf die theologische Entwicklung: „An die Stelle der liberalen, die Kulturfunktion voranstellenden Theologie und einer historisierenden Betrachtung, die das Religiöse lediglich als prominente geschichtliche Erscheinung sah, tritt eine aus dem Zentrum des religiösen Aktes selbst wieder herausdenkende Theologie, die primär dies, und nicht allgemeine Kulturwissenschaft sein will. Sie wird heute vor allem durch Karl Barth, Gogarten und Brunner vertreten.“

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als man prominente evangelische Theologen als Vorreiter einer Bewegung nennen durfte, die „aus dem Zentrum des religiösen Aktes“ heraus Theologie treibt! 70 Jahre später ist die evangelische Theologie in Deutschland mehrheitlich wieder genau an dem Punkt angelangt, den Müller-Armack überwunden glaubte. Das Reformationsjubiläum des vergangenen Jahres zelebrierte im Wesentlichen eine neu entstanden Allianz von Thron und Altar, bei der Martin Luther als Wegebereiter von so ziemlich allen Merkmalen unseres modernen Staates gefeiert wurde, von der Demokratie über die Emanzipation bis hin zum Mindestlohn. Dass der historische Luther mit all diesen Dingen nicht das Geringste am Hut hatte, störte dabei nur wenig. Aber machen wir uns nichts vor. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken steht seinem evangelischen Pendant in Sachen Staatstreue in nichts nach. Wenn Kardinal Marx die Werke seines berühmten Namensvetters gar als wichtigen Beitrag zur katholischen Soziallehre würdigt, ahnt man, wohin die Reise gehen wird. Allianzen mit linken politischen Utopien sind auch hier keine Seltenheit mehr.

Wenn es so etwas wie eine gemeinsame Kultur geben soll, so kann sich diese nur aus einer Kraft herleiten, welche die Gesellschaft transzendiert. Diese Kraft kann aber nicht künstlich erzeugt werden, schon gar nicht durch immer neue Listen oder Manifeste. Letztlich verhält es sich mit der Leitkultur wie mit einem Witz: Wenn man sie erklären muss, funktioniert sie nicht. Glücklicherweise ist es aber alles gar nicht so schrecklich kompliziert. Die „Glaubenstradition des Christentums“ (Müller-Armack) steht uns vollumfänglich zur Verfügung, sie muss nicht erst erfunden werden. Sie muss lediglich gefunden werden.


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