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Einstehen und aufstehen für Glauben, Hoffnung und Liebe

31. Dezember 2010 in Deutschland, 3 Lesermeinungen
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Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, in der Jahresschlussmesse in Freiburg: Der Weg der Kirche in die Zukunft.


Freiburg (www.kath.net/ dbk)
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Wofür stehst Du“ – so lautet der Titel eines anregenden Buches der beiden bekannten Journalisten und Schriftsteller Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo. Ein Buch, das aus einer Erkenntnis zweier befreundeter Autoren erwuchs: Beide hatten sich in jahrzehntelanger treuer und offener Freundschaft zwar über unzählige und vielfältige Themen ausgetauscht – aber dabei letztlich einige Fragen immer ausgespart: An welche grundlegenden Werte glaubst du? Für welche Ziele der Gesellschaft bist du bereit, dich einzusetzen? Oder kurz und prägnant formuliert: Wofür stehst du? „Wir sind getrieben von dem Wunsch“, so lassen sie uns im Vorwort wissen, „der Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber anderen, der Gesellschaft und dem Staat etwas entgegenzusetzen“. Ein Buch, das den Nerv der Zeit zu treffen scheint.

„Wofür stehst du?“ – ich meine, diese provozierende Frage kann uns gerade auch in diesen Stunden des Jahreswechsels helfen, einen Rückblick und Ausblick zu halten, der mehr ist als das Aufzählen von Ereignissen des zurückliegenden Jahres. Denn in diesen Tagen zwischen den Jahren, in denen viele von den Pflichten der Arbeitswelt und den Anforderungen des Alltags entbunden sind, in denen wir das neue Jahr in den Blick nehmen und planen, kommt so manches aus den Tiefenschichten der Seele an die Oberfläche unseres Bewusstseins, das sonst eher zurückgedrängt wird oder ausgeblendet ist.

Es kommt einiges wieder in Erinnerung, das dieses Jahr zwar geprägt hat, aber – indem es aus dem unmittelbaren Interesse der Medien verschwunden ist – auch dem Vergessen anheimgefallen ist. Denken wir etwa an das Erdbeben am 12. Januar in Haiti, bei dem 220.000 Menschen in den Trümmern sterben mussten und mehr als 1,5 Millionen obdachlos wurden! Oder erinnern wir uns an die Massenpanik bei der Love-Parade in Duisburg! Und auch die Nachrichten von der tragischen Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Erst Monate später und erst nachdem 700 Millionen Liter Öl ins offene Meer gelangt waren, konnte das Leck gestopft werden. Nun scheint es aus dem öffentlichen Interesse verschwunden zu sein. Obwohl doch die wahren Ausmaße der Ölkatastrophe und die verheerenden Auswirkungen auf Natur und Mensch erst nach und nach sichtbar und spürbar werden.

Oder erinnern wir uns an die heftigen Regenfälle, die Pakistan überschwemmten und mehr als 20 Millionen Menschen in ihrer Existenz bedrohten! Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Auch in unserem Umfeld gibt es manche große Not, auch wenn sie niemals den Weg in die Presse findet und andere sie kaum wahrnehmen. Da ist der Freund, der von einer heimtückischen Krankheit geplagt wird. Da ist die Schwester, die seit einem Jahr auf der Suche nach einem Vollzeitjob ist. Da sind die jungen Eltern, die ihr Kind durch einen tragischen Unfall verloren haben – Beispiele für Menschen, die Tür an Tür mit uns leben und ganz besonders Trost und Hoffnung brauchen.

Wo, so fragen sich viele zu Recht, ist bei all dem Gott? Eine klare Antwort geben uns die Bergleute, die in Chile 69 Tage eingeschlossen waren. Wie gebannt schaute die Welt nach Lateinamerika, betete und – atmete auf, als die Rettungsaktion geglückt war. Auf der ganzen Welt kommentierten Zeitungen in Schlagzeilen das Wunder der Rettung: „Gott hat gewonnen" war ebenso zu lesen wie „Gott ist ein Kumpel“. Doch am schönsten drückte einer der Kumpel selbst seinen tiefen Glauben aus, als er sagte: „Wir waren nicht 33, sondern 34 Bergleute – weil Gott uns niemals verlassen hat“.

Das ist ein Wort, das nachdenklich macht, es ist eine deutliche Antwort auf die Frage „Wofür stehst du?“ – Da bekennt sich ein Bergmann nach 69 bedrängenden Tagen ohne Sonnenlicht dazu, dass Gott die ganze Zeit bei ihnen war; in einem Alltag, der keineswegs konfliktfrei war und auch Phasen der Verlassenheit und der Angst ums nackte Überleben kannte. Dieses Bekenntnis macht Mut und spornt an! Es öffnet uns die Augen dafür, wofür wir Christen stehen: Mitten in unserem Alltag Jesus Christus wahrnehmen, in unserem Leben Gottes Spuren entdecken und mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnen.

Das zeichnet uns aus, das kennzeichnet den Christen. Aber trennen wir in unseren Breitengraden nicht zu oft zwischen dem, was wir selbst können und schaffen; und dem, wobei wir Unterstützung „von oben“ benötigen? Trennen wir nicht zu sehr zwischen Alltag, den wir selber regeln, und dem Gottesdienst, wo wir uns in Gottes Hand geben? Aber Gott ist weder ein Teilzeit-Gott und Lückenbüßer, noch nur unsere spirituelle Kraftquelle – er ist viel mehr als das. Seit der Geburt des Kindes im Stall von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern, wissen wir: Gott ist uns bleibend und immer nahe – unserer ganzen Welt und jedem persönlich. Er ist der „Immanuel“, der „Gott mit uns“. Seine Zusage steht: „Ich bin bei Euch alle Tage!“ (Mt 28,20)

Doch, das wissen Sie so gut wie ich: Gottes Nähe und Liebe zu spüren, ist nicht immer einfach. Auf beeindruckend offene Weise berichtet davon der diesjährige Romano-Guardini-Preisträger, der tschechische Priester und Philosoph Professor Tomas Halik. In seinem lesenswerten Buch „Geduld mit Gott“ schreibt er: „Das Schweigen Gottes und die beklemmende Gottesferne bedrängen auch mich. Mit Atheisten kann ich die Wahrnehmung der Abwesenheit Gottes in der Welt nachvollziehen. Ich erachte ihre Deutung dieses Gefühls jedoch für übereilt – nämlich für einen Ausdruck von Ungeduld. Ich bin aber überzeugt, dass zum Reifen im Glauben auch gehört, Augenblicke – manchmal sogar lange Zeitabschnitte – durchzustehen, in denen Gott weit entfernt zu sein scheint, verborgen bleibt. […] Glaube und Hoffnung sind Ausdruck unserer Geduld in eben solchen Stunden – wie auch die Liebe: Liebe ohne Geduld ist keine echte Liebe. Das gilt für die irdische Liebe wie auch für die Liebe zu Gott.“ Als Christen lassen wir uns ein auf einen Gott, der – auch wenn er uns nahe ist – ein Geheimnis bleibt, der immer größer ist, als wir uns ihn denken und vorstellen.


Gerade deshalb ist er der Gott, der immer neu überrascht, beschenkt und uns herausfordert. Und der uns neue Horizonte eröffnet, damit wir nicht träge werden und es uns bequem machen an der Oberfläche der Dinge, damit wir nicht stranden auf der Sandbank bloßer Banalitäten. Gott kann und darf nie der von uns gemachte und zurechtgedachte Gott sein. Gott entzieht sich unserem Zugriff. In aller Offenheit und Toleranz sollen und wollen wir Christen deshalb unseren eigenen Glauben ernstnehmen, den Glauben an Gott als Gott, der uns wirklich überrascht und herausfordert. Diesen Glauben an den Gott, der uns nahe ist und doch frei bleibt uns gegenüber; ihn wollen wir verkünden, damit unsere Mitmenschen wissen, wofür wir stehen. Sie sollen an unserem Reden und Handeln ablesen können, welche Verheißung, welche großartige Botschaft uns Christen geschenkt ist.

Unsere Zeit braucht Gott! Unsere Zeit braucht den Glauben an Gott! Sie braucht das Glaubenszeugnis und sie braucht die Zivilcourage von uns Christen, den Mut zum Bekenntnis zur Botschaft Jesu Christi. Bei ihm finden wir Halt und Orientierung – auch in den größten Turbulenzen unseres Lebens.

Wofür stehst du? – Wenn wir uns heute hier im Haus Gottes versammeln, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, dann wird deutlich: Wir Christen bauen auf diesen Gott der Liebe, wir vertrauen darauf, dass er uns den Weg zeigt und uns Zuversicht schenkt – wenn auch manchmal anders, als von uns erwartet! Damit uns dieses Vertrauen auf Gottes Nähe im Alltag nicht aus unserem Blick gerät, braucht es das Kreuz in unseren Häusern; damit Gott nicht aus der Prioritätenliste unseres Lebens und Zusammenlebens verschwindet, braucht es Kapellen und Kirchen in unseren Städten und Gemeinden. Es braucht die Durchdringung von Gebet und Arbeit, von Besinnung und beherztem Anpacken.

Uns daran immer wieder neu zu erinnern, dafür steht gerade auch der Münsterturm. Denn wer von der Kaiser-Joseph-Straße in die Münsterstraße einbiegt und mit einem Schlag vor dem hochragenden Turm steht, spürt spontan: dies ist mehr als ein faszinierendes Bauwerk. Es ist das Zeichen, ein überdimensional großer Finger, der den Blick nach oben zieht, unseren Alltag aufreißt und öffnet zum Himmel hin. Unser Turm ist gebaut aus tiefem Glauben und Gottvertrauen der Bürger im Mittelalter, er steht für eine befreiende Botschaft, aus der unsere Vorfahren lebten und die sie als steinernes Zeugnis an uns weiter gegeben haben: Er steht, um uns zu erinnern, dass Gott mitten unter uns wohnt, Haus an Haus, Tür an Tür. Der Turm holt mit seinem lichtdurchfluteten Helm etwas vom Himmel auf unsere Erde.

Diese Erinnerung nicht nur wach zu halten, sondern stets mit Leben zu erfüllen und zum tragenden Fundament unseres Lebens zu machen – das ist Aufgabe und Auftrag der Kirche, das ist die Berufung von uns Christen, das ist die Botschaft, für die wir stehen, einstehen und aufstehen! Glaube entzündet sich und wächst, wenn Menschen durch Wort und Tat auslegen, dass Jesus Christus das Licht ihres Lebens ist, das Licht, „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ – so, wie wir es eben im Evangelium gehört haben.

Bereits die ersten Jünger haben weiter gegeben, was sie in der Gegenwart Jesu erfahren hatten. Sie haben es weiter gegeben wie einen Stern in der Nacht, der uns bis heute leuchtet. Als Gemeinschaft der Glaubenden dürfen wir – wie die Jünger um Jesus – auch heute erfahren, dass wir Kirche sind: Aufgebaut und getragen von einem Grund, der nicht wir selber sind, sondern ein anderer: Jesus Christus. Ihn, Jesus Christus, sichtbar, anschaulich, erfahrbar zu machen, auf dass jeden Tag neu, Glaube, Hoffnung und Liebe in den Herzen der Menschen ankommen und wachsen, das ist das Entscheidende, das Herausfordernde und auch das Beglückende am Christsein.

In diesem Jahr sind das Beglückende, Befreiende und Ermutigende unseres Glaubens vielfach verdeckt und überdeckt worden. Das ist kein Geheimnis. Auch mit Blick auf die Zukunft des christlichen Glaubens und der Kirche in unserem Land bedrängen uns viele Fragen. Immer wieder sind wir mit belastenden Situationen in unseren Gemeinden und Seelsorgeeinheiten, in den Dekanaten und Regionen konfrontiert. Ganz besonders bedrücken uns die Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger – gerade auch in unserer Kirche.

Bis heute bleibt die bedrängende Frage: Wie konnten ausgerechnet Priester und kirchliche Mitarbeiter, Vertrauen auf solch empörende und beschämende Weise missbrauchen? Menschen, die ihr Leben und ihr Können bewusst in den Dienst des menschenfreundlichen Gottes gestellt haben – ausgerechnet solche Menschen laden schwere Schuld auf sich und verletzen zutiefst das Leben von Kindern und Jugendlichen. Mit umso mehr Nachdruck tun wir das uns Mögliche, dass diese Wunden heilen können.

Wir verstärken unsere Vorkehrungen, die helfen sollen, in Zukunft sexuellen Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter so weit als möglich zu verhindern. All das ist wichtig und notwendig. Es darf aber die eine schwere Frage nicht übertönen, der wir als Gesellschaft nicht ausweichen können und dürfen: Was ist mit den zigtausend Kindern und Jugendlichen, die Gewalt und sexuellen Missbrauch in der eignen Familie, im engsten Freundes- und Bekanntenkreis, in Schulen oder anderen gesellschaftlichen Gruppen und Einrichtungen erleben müssen? Wie können wir ihnen zur Seite stehen? Wer nimmt ihren Hilfeschrei wahr? Wie können wir sie schützen? Muss uns nicht allein schon die Tatsache eines erschreckend großen Angebots an Kinderpornographie und einer entsprechender Nachfrage tief erschüttern und uns bewegen, dagegen vorzugehen?

Bereits diese wenigen Fragen zeigen deutlich: Wir leben in einer Zeit vielfältiger Umbrüche, in einer unruhigen und schnelllebigen Zeit. Das schafft Verunsicherung, macht ratlos und nötigt uns doch zu neuen Klärungen. Umso wichtiger ist es, der Frage nicht auszuweichen: Wofür stehe ich? Wofür stehe ich auf? Wofür setze ich mich ein?

Das gilt, liebe Schwestern, liebe Brüder, auch mit Blick auf uns Christen, auf unsere Gemeinschaft des Glaubens, auf die Kirche. Papst Benedikt hat in seinem Interview mit Peter Seewald das zu Ende gehende Jahr treffend als ein Jahr der „Katharsis“, der Reinigung bezeichnet. Denn durch die Krise wurden wir aufgerufen, die Gefährdungen deutlicher wahrzunehmen und wieder stärker unseren Auftrag als Kirche zu erkennen. Liegt insofern nicht gerade in der Krise die Herausforderung, ja eine Chance, uns neu der Frage zu stellen, wofür wir stehen? Wir haben uns vertieft an der Botschaft des Evangeliums auszurichten, an Jesus Christus selbst!

Er ist es doch, der uns den Weg zeigt und die Augen öffnet für Freud und Leid, Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen – und auch für all das, was in unseren Gemeinden Großartiges geleistet wird: das Engagement, das Herzblut, die Lebendigkeit, mit der Tausende in unserem Erzbistum aktiv sind, auch wenn sie in der Regel nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen. Sehen wir bei all den Negativschlagzeilen überhaupt noch, in wie vielen Familien der Zusammenhalt groß ist und wie im familiären Rahmen Kinder aufwachsen dürfen und kranke und alte Menschen umsorgt und gepflegt werden? Ist uns bewusst, wie viele Menschen sich gemeinnützig engagieren, ihre Freizeit unentgeltlich und ehrenamtlich in den Dienst anderer stellen? Dafür will uns das „Europäische Jahr der Freiwilligkeit 2011“ neu sensibel machen.

Und unser Bundespräsident Christian Wulff hob in seiner Weihnachtsansprache zurecht hervor: „Der Staat kann im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschen in Not finanziell unterstützen. Aber jemandem Mut zusprechen, jemandem auf die Schulter klopfen, jemandem die Hand reichen: Dafür braucht es Menschen, für die Menschlichkeit wichtig ist. Zusammenhalt, Verständigung, Miteinanderauskommen: All das geschieht nicht von allein. Dafür muss man etwas tun. Unsere Gesellschaft lebt von denen, die sehen, wo sie gebraucht werden, die nicht dreimal überlegen, ob sie sich einsetzen und Verantwortung übernehmen wollen.“

Gerne und von ganzem Herzen danke ich allen, die in den unterschiedlichen Gruppen und Gremien auf der Ebene der Pfarreien und Seelsorgeeinheiten, der Dekanate und auf der diözesanen Ebene Verantwortung tragen und das kirchliche Leben mitgestalten. Ich danke Ihnen allen für Ihre Solidarität zu Jesus und seiner Kirche – in Wort und Tat und Gebet. Danke, dass Sie sich nicht beirren lassen, dass Sie zum christlichen Glauben und zur Kirche stehen! Denn die Kirche ist mehr und größer als die dunklen Seiten, die sich so manches Mal in unserer Wahrnehmung in den Vordergrund drängen. Das war auch bei der Internationalen Ministrantenwallfahrt im Sommer nach Rom deutlich zu spüren. Mehr als elftausend Jugendliche aus unserer Erzdiözese haben daran teilgenommen.

Davon zeugen auch all die Frauen und Männer, die im März bereit waren, sich in die Pfarrgemeinderäte wählen zu lassen. Und auch in den Tagen, in denen ich die Gemeinschaft von Taizé besuchte, wurde die tragende und stärkende Gemeinschaft des Glaubens deutlich spürbar und erlebbar. Und ich bin sicher: Diese Gemeinschaft des Glaubens, die weder territoriale Grenzen noch nationale Barrieren kennt, werden wir in besonderer Weise erleben dürfen, wenn Papst Benedikt im September kommenden Jahres Deutschland besucht und auch hierher nach Freiburg kommen wird. Wir werden spüren und erleben, was unser Heiliger Vater meint, wenn er sagt: „Wer glaubt, ist nie allein.“

Die vielfältigen Initiativen und Wege des Glaubens, die Menschen in unserem Erzbistum miteinander wagen und gehen, zeigen: Die Wirklichkeit des Glaubens ist größer als das, was uns alltäglich umtreibt. Der Glaube ruft uns immer wieder zur Umkehr, zur Hinkehr zu Jesus Christus, zu ihm, zu jedem steht, der zu ihm steht, der sich beherzt bekennt zum Glauben an Gott. Und aus unserem Glauben an Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, erwächst die Solidarität mit unserem Mitmenschen, die Nächstenliebe, ohne die eine Gesellschaft im Frost des Egoismus zu erstarren droht.

Liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens! „Wofür stehst du?“ – Ist das nicht auch die zentrale Frage mit Blick auf Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft? Bleiben nicht viele Zeitgenossen gerade deshalb häufig den Wahlurnen fern, weil sie unsicher geworden sind, wer für welche Werte steht und für welche Postionen eintritt? Wir suchen nicht nach Menschen, die ihr Fähnchen in den Wind ständig wechselnder Moden und des sich drehenden Zeitgeistes hängen. Wir brauchen Frauen und Männer, die Profil zeigen und standhaft sind. Denn unser Staat, unsere Gesellschaft – alle stehen vor großen Herausforderungen.

Wir wissen schon lange, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Und dass wir uns vielfach einschränken müssen. Schon seit Jahrzehnten ist von den Grenzen des Wachstums die Rede. Die Sozialsysteme sind in Gefahr, einen Kollaps zu erleiden, wenn wir nicht rechtzeitig umsteuern. Die Rücksicht und die Sorge um die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen müssen uns viel mehr beschäftigen. Der Verbrauch zahlreicher Rohstoffe muss im Lichte längerfristiger Perspektiven überprüft werden. Der Wandel unseres Klimas gibt bei allen bleibenden Ungewissheiten über Ursachen und Verlauf immer mehr zu denken.

Ja, es geht um zentrale Fragen der Zukunft unseres Landes und weit darüber hinaus, um Fragen der Bildungsgerechtigkeit, der Chancengerechtigkeit, der Beteiligungsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit – die Liste ließe sich ohne Weiteres fortsetzen. Doch derzeit scheint sich die zweifelhafte Hoffnung breit zu machen, der zu beobachtende wirtschaftliche Aufschwung löse alle Probleme wie von selbst. Aber damit lassen wir uns Sand in die Augen streuen. Der gegenwärtige wirtschaftliche Aufschwung steht auf tönernen Füßen. Für zu viele bietet der Aufschwung eine willkommene Gelegenheit, nichts aus den Fehlern vergangener Tage lernen zu müssen – ja es ist geradezu die falsch verstandene Einladung zu einem „Weiter so wie bisher“.

Aber wissen wir nicht alle: Unser heutiger Lebensstil ist alles andere als zukunftsfähig. Wie sehr für dringend anstehende und zupackende Reformen etwa in den Bereichen Gesundheit, Bildung und soziale Sicherungssysteme der nötige Mut und die Willenskraft fehlen, zeigt der langjährige Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins ‚Capital‘, Professor Klaus Schweinsberg, in seinem aktuell erschienenen Buch mit dem Titel „Sind wir noch zu retten?“ Auf die zahlreichen Fragen gibt es die unterschiedlichsten Lösungsvorschläge – noch viel mehr, als es Parteien gibt. Doch der Beitrag des christlichen Glaubens zum Gemeinwohl wird dabei oft unterschätzt. Wir können aus der reichen und bewährten ethischen Tradition der katholischen Soziallehre schöpfen und damit neue soziale Balance gewinnen. Wenn sich die Kirche hier zu Wort meldet, dann nicht mit dem Anspruch, fachlich besser zu sein als andere.

Wir tun es im Bewusstsein, dass es bei uns einen Schatz von Überzeugungen und Erkenntnissen gibt, der für die Gegenwart von großem Nutzen ist. Freiheit der Wirtschaft und Wirtschaftsordnung, die Ethik des Einzelnen und die Ethik der Institutionen: das sind Themen unserer Tage. Nach christlicher Sicht ist die Freiheit des Wirtschaftens grundsätzlich gut und Gewinn nichts Verdächtiges, sondern notwendig, um Arbeitsplätze zu erhalten und Investitionen zu tätigen. So zeigt es z. B. schon das biblische Gleichnis von den Geldtalenten, mit denen die, denen sie gegeben wurden, Handel treiben und Gewinn erzielen sollen.

Zugleich verspricht die Erzählung von den Tagelöhnern, die alle denselben Lohn bekommen, schwer nachzuvollziehende gleichmacherische Züge der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit. Käme der Weltenrichter heute zu uns, würde er uns fragen: „Wofür stehst du? Hast du dem Anliegen jener Gehör verschafft, „die im wirtschaftlichen und politischen Kalkül leicht vergessen werden .... den Armen, Benachteiligten und Machtlosen, auch der kommenden Generationen und der stummen Kreatur“?

Liebe Schwestern, liebe Brüder! „Wofür stehst du?“, und ich füge hinzu, „Wofür stehst du auf? Wofür bist du bereit, aufzubrechen und dich einzusetzen?“ – In Peru, dem Land, mit dem wir im kommenden Jahr unser fünfundzwanzigjähriges Partnerschaftsjubiläum feiern dürfen, gibt es das Sprichwort: „el camino se hace andando“ – der Weg entsteht im Gehen. Wie oft schon sind uns die Einsichten, die wirklich Zukunft eröffnen, gerade dort gekommen, wo wir unsere angestammten Sitze und Positionen verlassen und uns zu einer solidarischen Weggemeinschaft zusammengeschlossen haben! Diese solidarische Weggemeinschaft zu stärken, ist dringend geboten. Sie zu stärken, ist auch das Anliegen des Dialog-Prozesses, zu dem wir deutschen Bischöfe einladen und zu dem ich in unserer Erzdiözese aufgerufen habe.

Der Dialog-Prozess will ernst damit machen, dass wir mehr aufeinander und gemeinsam auf Gott hören; dass wir mehr miteinander sprechen, statt übereinander zu reden; dass wir gemeinsam Verantwortung für den Glauben in unserem Land tragen. Unser Offensein den Anderen gegenüber ist unser Offensein Gott gegenüber, der sich durch Christus mit den Anderen solidarisiert. Und in unserem Offensein Gott und dem Nächsten gegenüber spiegelt sich die Offenheit Gottes gegenüber uns und der Welt. Lassen wir uns auf das Abenteuer des Entdeckens ein – lassen wir uns von Gott den Weg in die Zukunft zeigen.

Haben wir Mut, auf die Menschen zuzugehen. Und lernen wir noch mehr, uns selbst im Dialog mit den Augen des anderen zu sehen: Das Fremde nicht nur aus der eigenen vertrauten Perspektive heraus vorschnell zu verurteilen, sondern auch im Fremden und zunächst Unverständlichen das Gemeinsame zu suchen. Und wenn wir uns im Blick auf Gott und im Vertrauen auf ihn auf den Weg machen, werden wir auf unserer Entdeckungsreise immer wieder spüren: so wie bei den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, gesellt sich Jesus Christus selbst auch zu uns und hilft uns, klarer zu sehen und durch die Leiden und manchmal auch Leidenschaften hindurch, durch die „Passion“, die bleibende Wahrheit des neuen Lebens zu entdecken.

Wofür stehen Christen ein? Wofür steht die Kirche? Unsere Vorfahren haben uns die Antwort vorgelebt und unser Münster ist Ausdruck und Zeuge ihrer Glaubenskraft. „Er steht, die Stadt ist nicht verloren!“ das waren damals die ersten Worte – so berichtet der aus Freiburg stammende verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle – die ersten Worte seines Vaters, als er nach dem verheerenden Bombenangriff im November 1944 aus dem Keller kletterte und den Münsterturm zwischen zerstörten Häusern, zwischen Feuer und Rauch unversehrt entdeckte. „Er steht, die Stadt ist nicht verloren!“ – Worte der Hoffnung und Zuversicht, der Dankbarkeit und des Gottvertrauens. In dieser festen Zuversicht, dass Gott selbst es ist, der zu uns steht, dürfen wir ins neue Jahr gehen, damit möglichst viele Menschen in unserer pluralen Gesellschaft Halt, Orientierung und Hoffnung finden im Glauben an Gott.

Das alles und noch viel mehr gelingt uns in der Kraft des Vorbildes Jesu und in seinem Heiligen Geist. Hier, am Altar, wird uns jene Liebe in den Mund und ins Herz gelegt, die uns befähigt, eine überzeugte und überzeugende Antwort auf die Frage zu geben: Wofür stehst du? – Die Antwort lautet: Für Glaube, Hoffnung und Liebe, die uns Gott in seinem Sohn Jesus Christus schenkt. Ihm unser Herz zu öffnen und seine Botschaft weiterzutragen, das ist unser Auftrag. Fangen wir damit an: heute Abend und in den vor uns liegenden Tagen des neuen Jahres.
Amen.


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Lesermeinungen

 JohannBaptist 1. Jänner 2011 
 

Dialogprozeß ?

Blablabla


1
 
 Eichendorff 31. Dezember 2010 
 

Danke

dem H.H. Erzbischof von Freiburg. Möge 2011 ein Jahr des Wachsens werden, des Wachsens in Glaube, Hoffnung und Liebe!


2
 
 Karlmaria 31. Dezember 2010 

Amen


1
 

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