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Mosebach: Literatur selbst dort "katholisch", wo sie Gott verneint

13. November 2022 in Österreich, 2 Lesermeinungen
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Deutscher Autor referierte bei Wiener Poetikdozentur über Frage "Was ist der katholische Roman?" - Kirche hat durch "verhängnisvolle Aggiornamento-Politik ihre Kraft als kulturbestimmender Faktor" eingebüßt.


Wien (kath.net/KAP) Die moderne Literatur bleibt selbst dort, wo sie Gott verneint oder ignoriert, in gewisser Weise letztlich "katholisch" durchdrungen. Schließlich würden alle sprachlichen Mittel, einen Stoff zu erzählen, "mit einer Ordnung hinter dem Chaos rechnen, für die es keine Beweise gibt" - also auf einem Glauben an eine Ordnungskraft basieren. Das hat der deutsche Autor und Essayist Martin Mosebach bei einem Vortrag am Dienstagabend an der Universität Wien unterstrichen. Der Vortrag unter dem Titel "Was ist der katholische Roman?" fand im Rahmen der Wiener Poetikdozentur Literatur und Religion statt.

Selbst die Erbsündenlehre finde sich in modernen Heldenstoffen wieder, in denen die Figuren an einem "kaum zu überwindenden Makel" leiden, so Mosebach weiter. Das katholische Moment bestehe dort darin, dass - anders als in der protestantischen Tradition - die Helden von einem Erbsünden-artigen Makel behaftet seien, sich aber dann daraus durch seinen Willen oder unerwartete Wendungen befreien können. "Der freie Wille ist für Katholiken ebenso wie für Romanfiguren unverzichtbar. Eine Romanfigur, die nicht durch unerwartete Willensakte überrascht, bleibt ein Pappkamerad."


Daher könne man gar von einer "fast restlosen Auflösung der katholischen Religion in Literatur sprechen - ein letzter Sieg der katholischen Kultur vor ihrem Ende in Europa", so Mosebach. Ein Ende, an dem die katholische Kirche selbst Mitschuld trage, wie der bekanntermaßen streitbar-konservative Autor weiter ausführte: "Durch ihre verhängnisvolle Aggiornamento-Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die katholische Kirche ihre Kraft als kulturbestimmender Faktor weitgehend eingebüßt." Zudem habe die "bürgerliche Welt" ihre "metaphysischen Antennen eingezogen" und sei nicht mehr empfänglich für klassisch katholische Motive: "Man kann heute im großstädtischen Bürgertum akademischen Zuschnitts leben, ohne jemals einen katholischen Priester im Habit gesehen oder ein Gebet gehört zu haben."

Für sich selbst nehme er nicht in Anspruch, ein dezidiert "katholischer Schriftsteller" zu sein. Er sei persönlich "so katholisch, wie der Baum grün ist" - zugleich aber würden einzelne katholische Elemente und eindeutig als katholisch erkennbare Motive und Figuren "nur an der Oberfläche meiner Erzählungen angesiedelt" sein. Er nutze diese Elemente, weil sie seiner Erfahrungs- und Lebenswelt entstammten, er verbinde damit aber nicht jene Motivation einer "engagierten Kunst", wie sie der frühere "katholische Roman" gleichsam als Hypothek mit sich trug: nämlich dass er sein Ziel immer klar vor Augen hatte und humorlos und ohne Freude an Absurditäten und freiem Spiel überall Kulturverfall ortete.

Tück: Neuauflage des "anonymen Christentums"?

Der Initiator der Wiener Poetikdozentur, der Dogmatiker Prof. Jan-Heiner Tück, stellte Mosebachs Nachdenken über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit katholischer Romane in den Kontext zeitgenössischer theologischer Motive. "Vielleicht sind alle großen Romane katholisch. Es geht in ihnen um den gefallenen Menschen und seine Suche nach Heil. Der schiffbrüchige Mensch, oft transzendental obdachlos und religiös unmusikalisch, streckt sich aus nach der rettenden Planke". Dies wäre laut Tück gewissermaßen eine "besondere Pointe, wenn Rahners These von den anonymen Christen im Blick auf den Roman des 21. Jahrhunderts eine Neuauflage erführe: Alle großen Romane sind katholisch, selbst wenn ihre Verfasser anderes oder gar nichts glauben..."

Martin Mosebach selbst zählt zu den führenden Schriftstellern der deutschen Gegenwartsliteratur und ist unter anderem 2007 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. In seinen Romanen, die regelmäßig die "Spiegel"-Bestsellerlisten erreichen, leuchtet er laut Tück "sprachmächtig und virtuos die gebrochenen Lebenswelten der späten Moderne aus, ohne darin im engeren Sinne auf katholische Themen einzugehen".

Die Poetikdozentur Literatur und Religion an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien will auf die Präsenz religiöser Spuren im Bereich der Gegenwartsliteratur aufmerksam machen und bietet Schriftstellerinnen und Schriftstellern die Möglichkeit, über religiöse Transformationsprozesse und neue Schreibverfahren nachzudenken. Eine Reihe im Herder Verlag dokumentiert die Vorlesungen. Zuletzt ist der Band 6: "Das vermisste Antlitz. Suchbewegungen zwischen Poetik und Religion" eeschienen. (Infos: www.poetikdozentur.at)

Copyright 2022 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich

Alle Rechte vorbehalten

Archivfoto: Symbolbild


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Lesermeinungen

 bibelfreund 13. November 2022 
 

Danke kath nett

Mosebach bringt es fertig, jenseits wichtigtuerischer Attitüde des Pseudo-Intellektuellen das gemeinsame Bekenntnis zum Vater Jesu Christi auf den Punkt zu bringen. Ein Intellektueller im Sinne Benedikts/ratzingers, der wie kein anderer Einfachheit und tiefe in seinen Schriften verbindet. Meine Hochachtung! Nie so erreicht man spitzenplätze im gottlosen Spiegel. Ähnlich verständlich argumentiert der Mainzer Amerikanist und christliche Liedermacher Manfred Siebald in seiner Promotion über „der verlorene Sohn in englisch-sprachigen Krimis“


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 Ulrich Motte 13. November 2022 
 

Frage an Herrn Mosebach

Wie genau kennen Sie den Protestantismus?
A) Der arminianisch-pietistische Protestantismus hat sowieso eine Theorie des freien Willens, die der katholischen zumindest sehr ähnelt
B)Und der reformatorischen Protestantismus sagt in seinen mit Abstand wichtigsten und verbreitestem Bekenntnis (Bekenntnis von Westminster, Savoy-Erklärung, 2.Londoner Bekenntnis)) in Artikel 9 u.a. "Wenn Gott einen Sünder bekehrt und ihn in den Stand der Gnade versetzt, befreit er ihn von seiner angeborenen Versklavung unter die Sünde und macht ihn durch seine Gnade allein fähig, frei das zu tun und zu wollen, was geistlich gut ist,..."
Mosebachs Schluß von der Lebenswende des typischen Romanhelden auf "Kath." statt "Ev." ist also abwegig.


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