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Carpe Diem

1. Jänner 2011 in Österreich, keine Lesermeinung
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Rundfunkansprache von Diözesanbischof Klaus Küng zum Neuen Jahr.


St. Pölten (www.kath.net)
Liebe Hörerinnen und Hörer!

Einmal mehr stehen wir vor dem Ende eines Jahres und vor dem Anfang eines Neuen.

Was ist eigentlich die Zeit? Wenn wir darüber nachzudenken beginnen, geraten wir in einen inneren Zwiespalt: Einerseits scheint es uns etwas Selbstverständliches, etwas, was jeder weiß und kennt, andererseits ist es gar nicht einfach zu sagen, was eigentlich Zeit ist. Augustinus schreibt in seinem „Bekenntnissen“ mit humorvollem Beiklang: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; will ich’s einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“ (Confessiones 11. Buch 14).

Der Wechsel der Jahreszahl sagt uns: Die Zeit geht weiter. Viele Menschen verbringen den Silvesterabend ausgelassen; sie unterhalten sich, stoßen miteinander an, wünschen sich alles Gute, machen sich nicht viele Gedanken, freuen sich. „Carpe diem“, sagt der alte griechische Philosoph. „Nütze den Tag“ im Sinne von „Lass es Dir gut gehen!“ – warum nicht ? Und doch ist Silvester eine Einladung zum Nachdenken. Adalbert Stifter hat zwei Jahre vor seinem Tod in einer Betrachtung „Silvesterabend“ geschrieben: „Silvesterabend ist“, sagen die Leute. „ein Jahr ist in einigen Stunden aus und ein Neues beginnt“. „Es ist ein wichtiger Zeitabschnitt“, urteilen die anderen, „Es hat das, es hat jenes gebracht, was wird das Neue bringen?“


Silvester fordert dazu auf zu fragen: Wo stehe ich? Wie nütze ich die Zeit, die mir gegeben ist? Jesus sagt: „Man muss die Werke wirken, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“

Derzeit reden alle von der Entwicklung in der Wirtschaft, vom Sparen: Ist das schon alles, was wichtig ist? Man redet auch viel von der Kirche, meist nur vom Negativen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich manche fast darüber freuen, Negatives über die Kirche sagen zu können. Es scheint ein guter Grund, um von der Kirche endgültig wegzugehen. Mich erinnert es an eine kritische Situation im Leben Jesu. Als sich seine Zuhörer an seinen Aussagen Anstoß nahmen, sagte er zu seinen Jüngern: „Wollt auch ihr weggehen?“ Petrus aber gab ihm zur Antwort: „Wohin sollen wir gehen? Nur Du hast Worte des Ewigen Lebens.“ Das beschäftigt mich in diesen Tagen und ich überlege mir, was Gott von mir erwartet. Ich möchte nicht unvorbereitet von den Fragen Gottes überrascht werden, die er stellen wird, wenn eines Tages für mich die Zeit reif wird, die Zeit vorbei ist und das Ewige Leben anfängt. Mit dem Blick auf die Ewigkeit und im Bewusstsein, dass unser Leben begrenzt ist, wird jeder Tag, jede Stunde bedeutsam und es ist wichtig, dass wir die Zeit als einen uns anvertrauten Schatz betrachten, mit dem wir fleißig und bedacht Handel treiben müssen.

Jochen Klepper hat 1938, in schweren Tagen den Gebetstext gedichtet: „Der Du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt, im Fluge unserer Zeiten: Bleib Du uns gnädig zugewandt und führe uns an Deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“ (Gotteslob Nr. 157).

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für das Neue Jahr, die Gnade, die Zeit, die Ihnen Gott schenkt, gut zu nützen. Es möge Ihnen gelingen, viel Gutes an Land zu ziehen, sodass es Ihnen für die ganze Ewigkeit bleibt.


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