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Der neue Bildersturm in der Kirchenarchitektur

21. Dezember 2010 in Buchtipp, 27 Lesermeinungen
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Neues Buch beleuchtet innerkatholischen Ikonoklasmus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das früheste und radikalste österreichische Zerstörungsbeispiel: die Pfarrkirche Wien-Hetzendorf – Eine Rezension von Gebhard Klötzl


Wien (kath.net) „Hetzendorf und der Ikonoklasmus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ heißt ein Sammelband, den die Wiener Universitätslektorin Heidemarie Seblatnig soeben herausgegeben hat. Er schließt inhaltlich an ihre 2006 erschienene „Profane Sakralarchitektur in Wien“ an (kath.net hatte berichtet) und setzt die Analyse über den Zusammenhang zwischen nachkonziliarer „Liturgie-Ideologie“ und der äußerlichen, baulichen Zerstörung von Kirchen fort.

Unter Ikonoklasmus versteht man die Zerstörung heiliger Bilder und religiöser Denkmäler, etwas im Byzanz des 8. Jahrhunderts oder in der Reformation des 16. Jahrhunderts. Mehrere bekannte Autoren aus den Fachgebieten Kirchengeschichte, Liturgie, Kunstgeschichte und Architektur gehen der Frage nach, inwiefern man auch von der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als einem „Zeitalter des Ikonoklasmus“ sprechen kann.


Von der Herausgeberin selbst stammt der titelgebende Beitrag über das Fallbeispiel Hetzendorf, einer 1909 erbauten neuromanischen Pfarrkirche eines Wiener Außenbezirks, deren Inneres und Äußeres gesamtkunstwerkhaften Charakter hatte. Nach mehrjähriger, lobbyingmäßiger Vorbereitung ließ im Jahre 1958 der damalige Pfarrer Josef Ernst Mayer die Kirche „ ausräumen und entkernen“ – bis heute ist sie innen kahl wie ein calvinistisches Gotteshaus. Der Widerstand der Gemeinde war groß und musste gebrochen werden. Die Innenausstattung wurde nicht etwa in ein Depot geborgen, sondern auch physisch vernichtet – es hätte sie ja sonst vielleicht später wieder jemand zurückholen können. Rücksicht genommen wurde auf rein gar nichts: Sogar die damals noch lebende Witwe des Architekten von 1909, der den Bau aus Kirchenliebe honorarfrei errichtet hatte, musste sich die Zerstörung des Werkes ihres Mannes noch mit ansehen. Hetzendorf war in Österreich der erste, und wohl auch ärgste derartige Fall, dem noch viele ähnliche folgen sollten. Heidemarie Seblatnig legt dazu die erste tiefgreifend recherchierte und ohne Tabus geschriebene Fallstudie vor, erschienen in einem Verlag an dem die Erdiözese Wien beteiligt ist; eine wohltuende Meinungsbefreiung, wenn man denkt, dass jahrzehntelang offiziell nur über die „mutige Umgestaltung“ gejubelt werden durfte.

Sehr erhellend ist auch der Beitrag von Ciro Lomonte über die weltanschaulichen Triebfedern der Akteure: Er kommt zum Ergebnis, dass eine (unaufgedeckte) Portion Gnosis in ihnen drinnensteckt: Sie halten sich für Erleuchtete, die über den anderen stehen. In der Zerstörung des Materiellen dienen sie einer Art Neo-Manichäismus, der die Welt für Böse und nur das rein Geistige für gut hält. Bei den „gutwilligen“ Klerikern und Ordensleuten vermutet Lomonte zwei mögliche Motivationen für die Unterstützung des ikonoklastischen Treibens: naiven Enthusiasmus oder Resignation vor dem jämmerlichen Zustand der modernen Kunst.

Das Buch bleibt aber nicht im Negativen stehen: Der Beitrag von Uwe Michael Lang über die Krise der Sakralkunst befasst sich auch ausführlich mit den Quellen für deren Erneuerung. Die Beiträge sind insgesamt kompakt und in den Sprachen deutsch, englisch und italienisch geschrieben, ergänzt durch anschauliches Bildmaterial. Insgesamt ist das Buch ein wertvoller kulturgeschichtlicher Beitrag zur Abarbeitung überholter, innerkirchlicher Zeitströmungen.

Heidemarie Seblatnig (Hg.), Hetzendorf und der Ikonoklasmus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Wien 2010),
Facultas Universitätsverlag, kartoniert, 390 Seiten
€ 35,90




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