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„Auferstanden bin ich und bin nun immer bei Dir“

vor 2 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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Das Triduum Paschale in Schrift, Liturgie und patristischer Deutung. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) Einleitung: Das Pascha als Gegenwart, Gedächtnis und Transformation
„Resurrexi et adhuc tecum sum; posuisti super me manum tuam.“¹ - „Auferstanden bin ich und bin noch immer bei dir; du hast deine Hand auf mich gelegt.“

Mit diesem Introitus eröffnet die Kirche den Ostertag. Diese liturgische Setzung ist von grundlegender theologischer Bedeutung, weil sie die Eigenart christlicher Liturgie in konzentrierter Form sichtbar macht. Die Kirche beginnt nicht mit einer historischen Mitteilung, nicht mit einer dogmatischen Aussage und auch nicht mit einer moralischen Belehrung. Sie beginnt mit einer Stimme – und diese Stimme ist die Stimme Christi selbst.

Die Liturgie spricht nicht über Christus, sondern aus seiner Perspektive. Sie ist nicht primär Erinnerung, sondern Gegenwart. Sie vergegenwärtigt das Heilsgeschehen nicht im Sinne einer Wiederholung, sondern im Sinne einer Teilnahme.

Das kleine Wort adhuc ist dabei entscheidend. Es bezeichnet nicht bloß ein „noch“ im zeitlichen Sinn, sondern ein „noch immer“ im relationalen Sinn. Es spricht von einer bleibenden Gegenwart, die nicht vergeht. Christus ist nicht nur auferstanden – er ist geblieben, er ist präsent.

Damit wird das Pascha aus der Sphäre der bloßen Vergangenheit herausgehoben. Es wird zur gegenwärtigen Wirklichkeit, in die die Kirche eintritt. Diese Perspektive ist grundlegend für das Verständnis des Triduum Paschale.

Die drei Tage – Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag – sind nicht als voneinander getrennte liturgische Einheiten zu verstehen. Sie bilden eine einzige Bewegung. Die liturgischen Normen sprechen deshalb mit Recht von einem unum triduum sacrum², einem einzigen heiligen Triduum, das sich vom Abend des Gründonnerstags bis zur Vesper des Ostersonntags erstreckt.

Diese Einheit ist jedoch nicht als statisches System entstanden. Vielmehr zeigt die Liturgiegeschichte eine differenzierte Entfaltung, in der verschiedene kirchliche Zentren jeweils eigene Akzente setzen.

In Jerusalem entstand eine Liturgie, die eng mit den heiligen Orten verbunden war. Das Heilsgeschehen wurde nicht nur erinnert, sondern räumlich durchschritten. Die Gemeinde bewegte sich zwischen Ölberg, Golgotha und Anastasis. Die Liturgie war Weg.

In Rom entwickelte sich eine stationale Ordnung, die die Stadt selbst als liturgischen Raum strukturierte. Hier wurde das Pascha nicht durch Nachahmung der Orte Jerusalems, sondern durch sakramentale Verdichtung erschlossen. Die Taufe wurde zum zentralen Ort der Teilnahme.

In Konstantinopel schließlich entstand eine Kathedralliturgie, die das Pascha in einer feierlichen, hymnisch geprägten Form entfaltet. Die großen Kirchenräume, insbesondere die Hagia Sophia, wurden zum Ort einer Liturgie, die das Heilsgeschehen nicht nachbildete, sondern symbolisch deutete und kosmisch auslegte.³

Diese drei Formen sind nicht als konkurrierende Systeme zu verstehen. Sie sind unterschiedliche hermeneutische Zugänge zum selben Geheimnis. Jerusalem betont die Nähe der Ereignisse, Rom ihre sakramentale Vermittlung, Konstantinopel ihre universale Dimension.

Gerade in ihrer Verschiedenheit zeigen sie die Tiefe des Pascha. Es ist nicht auf eine einzige Perspektive reduzierbar. Es ist Weg, Ort, Feier und Gegenwart zugleich.

Diese Einsicht ist nicht nur liturgiegeschichtlich relevant, sondern auch theologisch entscheidend. Sie zeigt, dass das Pascha nicht nur ein Ereignis ist, das einmal stattgefunden hat, sondern eine Wirklichkeit, die die Kirche in ihrer Liturgie immer neu betritt. Wer das Triduum feiert, tritt nicht nur in eine Erinnerung ein, sondern in eine Bewegung. Er wird hineingenommen in das Mysterium Christi selbst.

Gregor von Nazianz hat diese Teilhabe in einer prägnanten Formulierung ausgedrückt:
„Χθὲς συνεσταυρούμην· σήμερον συνδοξάζομαι.“⁴ - „Gestern wurde ich mitgekreuzigt; heute werde ich mitverherrlicht.“
Das Pascha ist nicht nur Objekt der Betrachtung, sondern Weg der Teilnahme.

I. Karfreitag – Das Bleiben unter dem Kreuz
1. Die biblische Tiefenstruktur: Das Kreuz als hermeneutischer Mittelpunkt
Die Passion Jesu ist nicht als isoliertes Ereignis zu verstehen, sondern als Verdichtung der gesamten Heilsgeschichte. In ihr laufen die Linien des Alten Bundes zusammen. Der leidende Gottesknecht (Jes 52,13–53,12), der verfolgte Gerechte (Ps 22), die Erfahrung des unschuldig Leidenden und die Opfertradition Israels werden im Kreuz nicht nur erfüllt, sondern in einer neuen Weise gedeutet.⁵

Der Kreuzesruf Jesu – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34) – ist dabei von zentraler Bedeutung. Er ist kein Ausdruck bloßer Verzweiflung, sondern ein Psalmwort. Er eröffnet den Raum zwischen äußerster Gottverlassenheit und bleibender Beziehung. Gerade darin liegt seine theologische Tiefe: Das Leiden wird nicht erklärt, sondern in die Beziehung hineingenommen.

Das Johannesevangelium verschärft diese Perspektive noch einmal. Es deutet das Kreuz nicht nur als Ort der Erniedrigung, sondern zugleich als Ort der „Erhöhung“:
„Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“ (Joh 12,32).

Diese Deutung ist von entscheidender Bedeutung. Sie zeigt, dass das Kreuz nicht nur als Durchgang zu verstehen ist, sondern als Offenbarungsort selbst. Die Herrlichkeit Gottes erscheint nicht jenseits des Leidens, sondern in ihm.

Damit wird eine grundlegende christologische Aussage sichtbar:
Gott rettet die Welt nicht durch Distanz, sondern durch Nähe. Er tritt nicht neben das Leiden, sondern in es hinein. Das Kreuz ist nicht das Scheitern Gottes, sondern die Form seiner Liebe.

2. Liturgiegeschichtliche Entfaltung: Jerusalem, Rom und Konstantinopel
1) Jerusalem: Die Passion als sakrale Topographie und liturgischer Vollzug
Die Jerusalemer Liturgie des Karfreitags ist in der gesamten frühchristlichen Überlieferung einzigartig, weil sie das Heilsgeschehen nicht nur verkündet, sondern räumlich vollzieht. Die wichtigste Quelle hierfür ist der Bericht der Pilgerin Egeria, der einen außergewöhnlich detaillierten Einblick in die Praxis des späten 4. Jahrhunderts gibt.⁶

Egeria beschreibt keinen einzelnen Gottesdienst, sondern einen komplexen liturgischen Tagesverlauf, der sich als Bewegung durch die heiligen Orte entfaltet. Diese Bewegung ist nicht symbolisch gemeint, sondern konkret. Die Gemeinde folgt den Stationen der Passion Jesu.

Die Feier beginnt bereits in der Nacht mit einer Versammlung auf dem Ölberg. Von dort zieht die Gemeinde zunächst zur Eleona-Basilika, auf dem „Berg der Oliven“ (Eleon „Ölbaum“ oder „Ölberg“), dann nach Imbomon, (ἐν τῷ Ἰμβώμῳ - auf dem Hügel), dem Ort der Himmelfahrt Christi auf dem Ölberg, und schließlich nach Gethsemane. Diese Abfolge ist theologisch hochsignifikant. Sie entspricht nicht einfach einer Prozession, sondern einer liturgischen Aneignung der Evangelien. Der Weg Jesu wird zum Weg der Kirche.

Von Gethsemane aus bewegt sich die Gemeinde in die Stadt hinein. Die Passion wird nicht nur gehört, sondern gegangen. Raum und Zeit verschränken sich miteinander. Die Liturgie wird zur begehbaren Exegese.

Am Morgen des Karfreitags findet die Verehrung des Kreuzholzes statt. Egeria beschreibt diese Szene mit bemerkenswerter Genauigkeit: Der Bischof sitzt, das Kreuzreliquiar wird auf einem Tisch niedergelegt, und die Gläubigen treten einzeln herzu, um das Holz zu küssen. Diakone stehen dabei zur Bewachung bereit.⁷

Diese Szene ist theologisch von großer Bedeutung. Sie zeigt, dass die Liturgie nicht nur geistlich, sondern körperlich vollzogen wird. Das Kreuz ist nicht bloß ein Symbol, sondern ein konkreter Gegenstand der Verehrung. Die Beziehung zum Heilsgeschehen ist nicht abstrakt, sondern leiblich vermittelt.

Von der sechsten bis zur neunten Stunde versammelt sich die Gemeinde „vor dem Kreuz“ zu einer ausgedehnten Wortliturgie. Diese Liturgie ist nicht kurz oder punktuell, sondern umfasst eine Vielzahl von Lesungen. Propheten, Apostel und Evangelien werden miteinander verbunden. Die gesamte Schrift wird auf die Passion hin gelesen.

Am Abend schließlich erfolgt die Versammlung an der Anastasis. Hier wird durch die Evangelienlesung die Grablegung Christi vergegenwärtigt. Der liturgische Tag endet nicht am Kreuz, sondern führt zum Grab.

Das armenische Lektionar bestätigt diese Struktur und zeigt zugleich ihre innere Ordnung.⁸ Die Lesungen sind präzise den jeweiligen Orten zugeordnet. Damit wird deutlich, dass die Jerusalemer Liturgie nicht nur eine Abfolge von Feiern ist, sondern eine sakrale Topographie, in der Raum, Zeit und Schrift miteinander verschränkt sind.

Die Liturgie Jerusalems ist daher nicht primär symbolisch, sondern mimetisch. Sie ahmt das Heilsgeschehen nicht äußerlich nach, sondern tritt in es ein.

2) Rom: Die stationale Verdichtung und sakramentale Konzentration
Im Gegensatz zu Jerusalem verzichtet Rom bewusst auf eine topographische Nachahmung der heiligen Orte. Stattdessen entwickelt sich eine eigenständige liturgische Form: die Stationsliturgie.
Die Stadt selbst wird zum liturgischen Raum. Die Bewegung der Gemeinde durch die Stationskirchen ersetzt gewissermaßen die Bewegung durch die heiligen Orte Jerusalems. Dabei erhält jede Station eine eigene theologische Bedeutung.

Der Karfreitag ist traditionell mit der Basilika Santa Croce in Gerusalemme verbunden. Diese Basilika ist nicht zufällig gewählt. Sie ist bewusst als „Jerusalem in Rom“ konzipiert.⁹ Damit wird das Heilige Land nicht nachgebildet, sondern sakramental vergegenwärtigt.

Die Liturgie selbst ist durch eine auffällige Reduktion geprägt. Die Eucharistie wird nicht gefeiert. Stattdessen konzentriert sich die Feier auf drei Elemente:
1.    die Passion, 2. die großen Fürbitten, 3. die Verehrung des Kreuzes. 


Die Ordines Romani (Liturgische Ordnungen) zeigen, dass diese Struktur bewusst gewählt ist.¹⁰ Der Verzicht auf die Eucharistie ist kein Mangel, sondern eine theologische Entscheidung. Die Liturgie soll nicht durch zusätzliche Elemente überlagert werden. Sie soll beim Kreuz bleiben.

Diese Reduktion ist theologisch bedeutsam. Sie verhindert jede Form von liturgischer Überfülle. Die Kirche tritt in eine Haltung des Ausharrens ein. Sie eilt nicht zum Ostermorgen, sondern bleibt beim Kreuz.

Im Unterschied zu Jerusalem wird das Geschehen hier nicht durch Bewegung entfaltet, sondern durch Konzentration verdichtet. Das Kreuz wird zum Mittelpunkt der Liturgie.

3) Konstantinopel: Kathedralliturgie und historische Integration
Die konstantinopolitanische Liturgie ist in ihrer ursprünglichen Gestalt durch die Kathedralliturgie der Hagia Sophia geprägt. Die wichtigste Quelle hierfür ist das von Juan Mateos edierte Typikon der Großen Kirche.¹¹

Diese Liturgie unterscheidet sich sowohl von Jerusalem als auch von Rom. Sie ist weder primär topographisch noch primär stational, sondern kathedral. Sie entfaltet das Pascha innerhalb des Kirchenraumes durch Lesungen, Gesänge und symbolische Handlungen.

Der Raum der Hagia Sophia ersetzt gewissermaßen die Topographie Jerusalems. Die Liturgie wird hier nicht durch Ortswechsel, sondern durch rituelle Struktur gegliedert.

Im Laufe der Zeit werden jedoch zunehmend Elemente aus der Jerusalemer Tradition aufgenommen. Dazu gehören insbesondere die Klagegesänge, die Grablegungsriten und die Prozessionen mit dem Epitaphios (Grabtuch).

Robert Taft hat diesen Prozess als eine Begegnung zweier liturgischer Traditionen beschrieben.¹² Die byzantinische Liturgie ist nicht statisch, sondern das Ergebnis einer historischen Synthese.

Diese Entwicklung ist theologisch bedeutsam. Sie zeigt, dass Liturgie nicht als starres System verstanden werden darf, sondern als lebendige Tradition, die sich im Austausch entfaltet.

3. Patristische Durchdringung: Das Kreuz als Heilsgeschehen
Die patristische Tradition liest das Kreuz nicht als bloßes historisches Ereignis, sondern als ontologische Wirklichkeit.

Gregor von Nazianz formuliert den grundlegenden Satz:
„Ὃ γὰρ οὐ προσληφθέν, οὐδὲ ἴαται.“¹³ - „Denn was nicht angenommen ist, ist auch nicht geheilt.“ Christus nimmt das Menschsein vollständig an – bis in den Tod. Gerade dadurch wird es geheilt.

Augustinus von Hippo betont, dass Christus nicht gelitten hat, um das Leiden abzuschaffen, sondern um die Verlassenheit zu überwinden.¹⁴
Gregor der Große sieht in den Wunden Christi die bleibenden Zeichen der Liebe.¹⁵ Die Wunden bleiben, weil die Liebe bleibt.
Die patristische Theologie versteht das Kreuz daher nicht als Durchgang, der überwunden wird, sondern als bleibende Gestalt der göttlichen Liebe.

II. Karsamstag – Das große Schweigen und der verborgene Abstieg Gottes
1. Biblische Hinführung: Das Schweigen als theologische Form
Der Karsamstag ist der Tag, von dem am wenigsten berichtet wird, und gerade deshalb einer der theologisch dichtesten Tage des gesamten Kirchenjahres. Nach der Grablegung Jesu durch Josef von Arimathäa und nach der Notiz über die Bewachung des Grabes (Mt 27,57–66) tritt in den Evangelien eine eigentümliche Stille ein. Diese Stille ist jedoch nicht als inhaltsleere Unterbrechung misszuverstehen. Sie ist selbst Teil der Offenbarung. Gerade indem die Evangelien den Zwischenraum zwischen Tod und Auferstehung nicht erzählerisch ausfüllen, bewahren sie den Charakter des Geheimnisses.

Das Neue Testament deutet diesen verborgenen Zwischenraum an zwei neuralgischen Stellen. Der Erste Petrusbrief spricht davon, dass Christus „hingegangen ist und den Geistern im Gefängnis gepredigt hat“ (1 Petr 3,19).¹⁶ Der Epheserbrief formuliert, dass er „hinabgestiegen ist in die unteren Gegenden der Erde“ (Eph 4,9).¹⁷ Diese Aussagen sind knapp, aber von erheblicher Tragweite. Sie eröffnen eine Perspektive, die über die sichtbare Ebene des Geschehens hinausführt. Der Tod Christi ist nicht bloß Passivität. Er ist ein Geschehen. Christus geht dorthin, wo der Mensch sich selbst nicht mehr erreichen kann.

Damit erhält der Karsamstag sein theologisches Profil: Er ist der Tag des verborgenen Handelns Gottes. Der Bereich, den die biblische Sprache mit Tod, Unterwelt, Hades oder Scheol bezeichnet, wird nicht umgangen, sondern von Christus selbst betreten. Die Inkarnation erreicht hier ihre äußerste Konsequenz. Der Sohn Gottes nimmt die menschliche Existenz nicht nur bis an die Schwelle des Todes, sondern bis in dessen letzte Gottferne hinein an.

Gerade diese Struktur macht den Karsamstag auch existentiell so bedeutsam. Er ist die Liturgie jener Erfahrungen, in denen der Mensch zwischen Verlust und Hoffnung steht, zwischen dem bereits Geschehenen und dem noch nicht Sichtbaren. Die Kirche hat diesen Tag daher nie als leeren Zwischenraum verstanden, sondern als Schule der Geduld. Das Schweigen Gottes ist nicht Nicht-Handeln; es ist verborgene Heils-Gegenwart.

2. Liturgiegeschichtliche Entfaltung
1) Jerusalem: Grab, Vigil und heiliger Ort
In Jerusalem ist der Karsamstag nur vom Heiligen Grab her zu verstehen. Die liturgische Struktur des Tages und der anschließenden Ostervigil ist untrennbar mit der Anastasis verbunden. Egeria beschreibt die Jerusalemer Feier in einer Weise, die deutlich macht, dass der Ort des Grabes nicht nur Erinnerungsstätte, sondern liturgischer Ursprung der Auferstehungsverkündigung ist.¹⁸

Die Ostervigil beginnt an der Anastasis, also am Grab selbst. Von dort aus bewegt sich die Gemeinde in das Martyrium, wo die große Reihe der alttestamentlichen Lesungen vorgetragen wird. Das armenische Lektionar erlaubt hier eine genauere Rekonstruktion der Jerusalemer Ordnung.¹⁹ Die Lesungen sind nicht beliebig zusammengestellt, sondern entfalten die Heilsgeschichte in einer heilsgeschichtlichen Dramaturgie: Schöpfung, Rettung, Bund, Prophetie, Verheißung. Das Pascha Christi wird dadurch in den Gesamtzusammenhang der Geschichte Gottes mit seinem Volk hineingestellt.

Nach der Wortliturgie erfolgt die Taufe der Katechumenen; anschließend kehrt die Gemeinde zur Anastasis zurück, um dort die Eucharistie zu feiern. Diese Bewegung ist theologisch hochsignifikant. Sie verbindet den Ort des Grabes mit der Schrift, die Schrift mit der Taufe und die Taufe mit der eucharistischen Gegenwart. Der Karsamstag ist in Jerusalem deshalb nicht „liturgische Pause“, sondern Schwellenzeit: Das Grab wird zum Ausgangspunkt des neuen Lebens.

Hinzu kommt, dass Jerusalem an diesem Tag nicht einfach eine allgemeine Osterfeier kennt, sondern eine Feier, deren Autorität aus der Nähe zum heilsgeschichtlichen Ort erwächst. Der Raum ist hier nicht nur Kulisse, sondern Träger theologischer Aussage. Das Grab Christi ist nicht bloß Erinnerungsort an das Ende Jesu, sondern der liturgische Ort, an dem die Kirche die Umkehrung von Ende in Anfang feiert.

2) Rom: Die Osternacht als Initiation in das Pascha
In Rom verschiebt sich der Akzent deutlich. Während Jerusalem vom Grab ausgeht, ist für Rom die Osternacht in der Lateran-Basilika der entscheidende Ort. Sie ist ursprünglich dem auferstandenen Erlöser (Christus Salvator) geweiht und trug den Namen „Basilica Salvatoris“. Die römische Liturgie deutet den Karsamstag in erster Linie initiatorisch. Das Pascha wird hier sakramental erschlossen.

Die liturgische Ordnung der Osternacht, wie sie in den Ordines Romani greifbar wird, zeigt eine klare und theologisch hochkonzentrierte Dramaturgie: Feuersegnung, Osterkerze, Exsultet, Lesungen, Litanei, Taufe und Eucharistie.²⁰ Im Mittelpunkt steht dabei das Lateranbaptisterium. Die Kirche deutet das Pascha Christi im Vollzug der Taufe. Die Gläubigen werden nicht nur Zuschauer der Auferstehung, sondern in Tod und Leben Christi hineingenommen (vgl. Röm 6,3–4).

Das ist liturgiegeschichtlich von großem Gewicht. Rom entwickelt keine topographische Nachzeichnung des Grabes, sondern eine sakramentale Teilhabe an seinem Geheimnis. Das Heil wird nicht am Ort des Grabes gefeiert, sondern in der Kirche, die durch die Taufe aus dem Grab Christi hervorgeht. Das Lateranbaptisterium wird so zum theologischen Ort der Osterliturgie.²¹

Gerade darin zeigt sich ein spezifisch römischer Akzent: Die Auferstehung ist nicht nur Ereignis Christi, sondern Ursprung der Kirche. Die Osternacht ist die Nacht, in der die Kirche ihre neuen Glieder empfängt und damit in ihrer sichtbarsten Form aus dem Pascha lebt.

3) Konstantinopel: Kathedralliturgie und spätere Synthesen
Für Konstantinopel ist die wichtigste Quelle das Typikon der Großen Kirche.²² Es bezeugt eine Kathedralliturgie, die sich in der Hagia Sophia entfaltet und deren Grundstruktur aus Lesungen, Taufe und Eucharistie besteht. Auch hier hat die Taufe einen eminenten Stellenwert. Der Taufgesang „Die auf Christus ihr seid getauft, ihr habt Christus angezogen. Alleluija“ ersetzt das Trisagion und markiert die paschale Neuwerdung der Kirche im Vollzug der Liturgie.

In der älteren konstantinopolitanischen Ordnung ist die Liturgie weniger topographisch als in Jerusalem und weniger stational als in Rom. Sie ist kathedral und symbolisch. Der Raum der „Großen Kirche“ (Hagia Sophia) trägt die Feier; die feierliche Ordnung und die Hymnographie deuten das Geheimnis.

Spätere Entwicklungen zeigen jedoch, dass die byzantinische Liturgie zunehmend Jerusalemer Elemente rezipiert. Vor allem die Grablegungsriten, die Verehrung des Epitaphios und die Prozessionsformen des Karsamstags und der Karwoche belegen diese historische Integration. Hans Belting und Robert Taft haben gezeigt, dass die byzantinische Osterliturgie nur als Ergebnis einer längeren Synthese zu verstehen ist, in der Konstantinopel und Jerusalem nicht gegeneinander, sondern miteinander gelesen werden müssen.²³

Konstantinopel macht damit eine dritte Perspektive sichtbar: Das Pascha ist nicht nur heiliger Ort und nicht nur Initiation, sondern auch feierliche, kosmisch ausgreifende Deutung der ganzen Lebens-Wirklichkeit.

3. Patristische Darlegung: „Descensus ad inferos“- „Abstieg in die Unterwelt“ und universale Erlösung
Die patristische Tradition hat den Karsamstag in außerordentlicher Intensität gedeutet. Der maßgebliche Text ist die altkirchliche Homilie zum Karsamstag, die bis heute im Stundengebet gelesen wird. Sie beginnt mit den berühmten Worten: „Ein großes Schweigen liegt heute über der Erde, ein großes Schweigen und eine große Stille. Ein großes Schweigen, weil der König schläft.“²⁴

Diese Formulierung ist theologisch von großer Schönheit. Sie beschreibt das Schweigen nicht als Leere, sondern als erfüllte Ruhe. Der „Schlaf“ Christi ist kein Zeichen von Ohnmacht, sondern die Form seines verborgenen Wirkens. Die Homilie entfaltet sodann das Bild des Hinabstiegs Christi in das Reich des Todes. Christus geht zu Adam, spricht ihn an, ergreift ihn bei der Hand und führt ihn heraus. Dieses Bild ist nicht mythologisch zu lesen, sondern heilsgeschichtlich: Die Erlösung erreicht den ersten Menschen und mit ihm die ganze Menschheit.

Ambrosius fasst diese Wahrheit in knapper Form: „Spes nostra Christus est; ubi Christus, ibi vita.“²⁵ - „Christus ist unsere Hoffnung; wo Christus ist, dort ist Leben.“

Der Karsamstag ist damit nicht die Liturgie eines Aussetzens, sondern die Liturgie des verborgenen Lebens. Wo Christus ist, ist Leben – auch im Bereich des Todes. Gerade hierin liegt die bleibende geistliche Kraft dieses Tages. Er sagt der Kirche, dass Gottes Wirken nicht an die Bedingungen des Sichtbaren gebunden ist. Der Glaube lebt nicht nur aus erfüllter Anschauung, sondern auch aus der Geduld, im Dunkel auszuharren.

III. Ostersonntag – Die Auferstehung als neue Wirklichkeit und bleibende Gegenwart
1. Biblische Hinführung: Die Auferstehung als Ereignis der Anrede, der Schrift und des Mahles
Die neutestamentlichen Osterzeugnisse zeichnen sich durch eine auffällige Zurückhaltung aus. Kein Evangelist beschreibt den Augenblick der Auferstehung selbst. Erzählt werden vielmehr ihre Zeichen und Wirkungen: das leere Grab (Mk 16,1–8; Mt 28,1–10; Lk 24,1–12; Joh 20,1–10), die Engelbotschaft und vor allem die Begegnungen mit dem Auferstandenen.²⁶

Diese Struktur ist theologisch programmatisch. Die Auferstehung ist kein Geschehen, das sich wie ein historisches Objekt beobachten ließe. Sie erschließt sich im Modus der Beziehung. Sie wird nicht „gesehen“ wie ein physikalischer Vorgang, sondern erkannt in der Begegnung.
Die johanneische Szene mit Maria von Magdala (Joh 20,11–18) ist hierfür paradigmatisch. Maria sieht Jesus, erkennt ihn aber nicht. Erst die Anrede – „Maria!“ (Joh 20,16) – eröffnet ihr die Wahrheit des Geschehens. Die Ostererkenntnis ist also nicht distanziert, sondern personal verfasst. Sie geschieht im Gegenüber von Ruf und Antwort.

Die Emmausgeschichte (Lk 24,13–35) entfaltet dieselbe Struktur in einer doppelten Bewegung. Zunächst deutet der Auferstandene die Schrift: „Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in allen Schriften über ihn geschrieben steht“ (Lk 24,27). Danach erkennen ihn die Jünger „beim Brechen des Brotes“ (Lk 24,30–31). Die Ostererkenntnis geschieht also in der Einheit von Schrift und Mahl.

Die Erscheinung im Abendmahlssaal (Joh 20,19–23; Lk 24,36–49) vertieft diese Deutung. Der Auferstandene tritt durch verschlossene Türen, spricht den Frieden und zeigt seine Wunden. Die Identität des Auferstandenen ist nicht von der des Gekreuzigten getrennt. Die Wunden bleiben. Das Kreuz wird durch Ostern nicht aufgehoben, sondern verklärt.

Auch die Begegnung am See von Tiberias (Joh 21,1–14) folgt diesem Muster. Die Jünger erkennen Jesus zunächst nicht. Erst im Zeichen des reichen Fischfangs und im Wort des Lieblingsjüngers – „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7) – wird die Gegenwart offenbar. Die Auferstehung ist damit biblisch ein Ereignis der Gemeinschaft, der Schriftdeutung und des Mahles.

Paulus deutet diese Wirklichkeit systematisch. Christus ist der „Erstling der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20). Die Auferstehung ist nicht Wiederherstellung des alten Lebens, sondern Beginn einer neuen Schöpfung, einer neuen Seinsweise jenseits der Vergänglichkeit (1 Kor 15,42–49).²⁷

2. Liturgiegeschichtliche Entfaltung
1) Jerusalem: Die Anastasis als Ursprung jeder Osterverkündigung
In Jerusalem bleibt die Anastasis der zentrale Ort der Osterliturgie. Egeria berichtet ausdrücklich, dass bereits an gewöhnlichen Sonntagen das Auferstehungsevangelium beim ersten Hahnenschrei an der Anastasis gelesen wird.²⁸ Das bedeutet: Der Sonntag selbst ist vom Grab Christi her strukturiert. Die Auferstehung ist nicht nur ein jährliches Fest, sondern die bleibende Quelle der liturgischen Woche.

Für die Osterzeit selbst zeigt die Jerusalemer Ordnung eine enge Verbindung von Auferstehung und heiliger Topographie. Die Osterwoche wird als eine Abfolge von Stationsliturgien an den heiligen Orten begangen. Der Raum Jerusalems wird zur Liturgie der Auferstehung. Die Kirche feiert das neue Leben dort, wo sich nach ihrem Selbstverständnis die heilsgeschichtlichen Ereignisse selbst vollzogen haben.

Damit macht Jerusalem etwas sichtbar, das auch für spätere Liturgien grundlegend bleibt: Die Auferstehung ist kein abstrakter Lehrsatz, sondern ein Geschehen, das die Welt berührt und den Raum selbst heilsgeschichtlich qualifiziert.²⁹

2) Rom: Von der Initiation zur öffentlichen Feier
Die römische Tradition entfaltet Ostern in einer charakteristischen Zweiteilung. Die Osternacht im Lateran ist initiatorisch und sakramental geprägt, die Neugetauften empfangen sofort alle Initiationsakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie); die Feier des Ostertages in Santa Maria Maggiore besitzt öffentlichen und repräsentativen Charakter.³⁰

Diese Unterscheidung ist theologisch äußerst sprechend. In der Nacht wird die Kirche im Vollzug der Taufe erneuert; am Tag tritt sie als österliche Gemeinde in die Öffentlichkeit. Das Pascha ist nicht nur innerliche Teilhabe, sondern sichtbare Verkündigung.

Der Ordo Romanus I zeigt, dass die päpstliche Ostermesse in Santa Maria Maggiore durch ihre Prozessionsordnung und ihre Feierlichkeit den öffentlichen Charakter des Ostertages betont.³¹

Damit tritt ein spezifisch römischer Akzent hervor: Die Auferstehung ist nicht nur das Geheimnis der Einweihung, sondern auch das Geheimnis der Kirche als sichtbarer, geordneter und in die Stadt hineingestellter Gemeinschaft. Die Kirche hat mit ihrem Glauben und ihrer Auferstehungshoffnung in die Welt hinauszugehen.

3) Konstantinopel: Die kosmische Feier der Auferstehung
In Konstantinopel gewinnt die Auferstehung eine ausgeprägt kosmische Deutung. Die Liturgie der Hagia Sophia ist geprägt von einer reichen Hymnologie, die das Pascha nicht nur als historisches Ereignis, sondern als universale Erneuerung der Wirklichkeit versteht.

Der berühmte Ostergesang (Troparion): „Χριστὸς ἀνέστη ἐκ νεκρῶν, θανάτῳ θάνατον πατήσας, καὶ τοῖς ἐν τοῖς μνήμασι ζωὴν χαρισάμενος“³² - „Christus ist auferstanden von den Toten, hat durch den Tod den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt“,  verdichtet diese Perspektive in klassischer Weise. Hier wird nicht nur ein Faktum festgestellt; die Liturgie verkündet vielmehr eine ontologische Verwandlung der Wirklichkeit. Der Tod ist nicht mehr die letzte Grenze des Menschseins. Er ist erschüttert, entmachtet und durchschritten. Die Auferstehung Christi ist darum nicht bloß ein Sieg über ein individuelles Geschick, sondern der Anbruch einer neuen Schöpfung.

Gerade hierin liegt die Eigentümlichkeit der konstantinopolitanischen Osterliturgie. Sie verharrt nicht bei der bloßen Erinnerung an das Grab oder bei der historischen Rekonstruktion des Ostermorgens. Sie singt die Welt in den Horizont der Verklärung hinein. Das Pascha ist die Nacht, in der Himmel und Erde neu aufeinander bezogen werden, in der die Kirche nicht nur die Rettung des Menschen, sondern die Erneuerung des Kosmos feiert.

Die Hymnographie der byzantinischen Tradition entfaltet diese Dimension mit großer Dichte. Das Osterfest erscheint als „Fest der Feste“ und „Feier der Feiern“, als Übergang aus Finsternis in Licht, aus Vergänglichkeit in Unvergänglichkeit, aus Trauer in Freude. Besonders der Osterkanon des Johannes von Damaskus spricht vom „Tag der Auferstehung“, an dem alles von Licht erfüllt wird: Himmel, Erde und Unterwelt.³³ Damit wird deutlich, dass die Auferstehung Christi nicht nur die Seinen betrifft, sondern die gesamte Schöpfung erfasst.

In dieser Perspektive ist das Pascha nicht lediglich die Auflösung eines Problems, sondern die Offenbarung des endgültigen Sinnes der Welt. Die Schöpfung, die durch Sünde, Vergänglichkeit und Tod gezeichnet war, empfängt im Auferstandenen ihre eschatologische Bestimmung zurück. Die Liturgie Konstantinopels ist daher von einer Weite geprägt, die das Heil nicht nur anthropologisch, sondern kosmologisch denkt.

Zugleich bleibt die österliche Feier in Konstantinopel ekklesial konzentriert. Gerade in der nächtlichen Lichtfeier, im Ruf „Kommt, empfanget das Licht“, in der Prozession und in der wiederholten Verkündigung des „Christus ist auferstanden“ wird sichtbar, dass die Kirche selbst Trägerin dieser neuen Wirklichkeit ist. Sie empfängt das Licht nicht aus sich selbst, sondern vom Auferstandenen (aus dem heiligen Grab). Indem sie es weitergibt, wird sie zur österlichen Gemeinschaft, die nicht nur an die Auferstehung glaubt, sondern von ihr her existiert.

So zeigt Konstantinopel in eigentümlicher Weise, dass Ostern mehr ist als die Erinnerung an ein vergangenes Ereignis. Es ist der Einbruch der kommenden Welt in die gegenwärtige Zeit. Die Liturgie nimmt diese Wirklichkeit nicht nur in Worte, sondern lässt sie in Klang, Raum, Licht und Bewegung erfahrbar werden. Gerade darin liegt ihre theologische Größe: Sie erklärt das Pascha nicht nur – sie vollzieht es symbolisch als erneuerte Welt.

3. Patristische Durchdringung: Die Auferstehung als Sieg, Licht und neue Schöpfung
Die Kirchenväter haben die Auferstehung niemals als bloße Rückkehr Jesu in das frühere Leben verstanden. Sie ist nicht Wiederaufnahme des Vorherigen, sondern der Durchbruch einer neuen Daseinsweise, die den Tod nicht einfach rückgängig macht, sondern ihn in seiner Macht bricht.
Origenes deutet die Auferstehung Christi als den Anfang einer Wirklichkeit, in der das Vergängliche auf das Unvergängliche hingeordnet wird.³⁴ Das österliche Leben ist darum nicht eine Verlängerung der alten Ordnung, sondern deren Überschreitung. Im Auferstandenen erscheint die Menschennatur in einer neuen Freiheit. Sie bleibt wirklich Menschheit, aber nun in der Macht des göttlichen Lebens.

Athanasius hat in anderem Zusammenhang formuliert, dass der Logos Mensch wurde, damit das Verderben des Todes zerstört werde. Diese Linie wird in der Osterdeutung der Väter fortgeführt: Der Tod wird nicht einfach besiegt wie ein äußerer Feind, sondern von innen her entmachtet. Christus geht in ihn hinein, um ihn seiner Endgültigkeit zu berauben. Was am Karfreitag als äußerste Erniedrigung erscheint, wird in der Auferstehung als Sieg der göttlichen Liebe offenbar.

Johannes Chrysostomus hat diese Wahrheit in seiner berühmten Osterhomilie in unvergleichlicher Dichte ausgesprochen: „Niemand fürchte den Tod; denn der Tod des Erlösers hat uns befreit.“³⁵ Und weiter: „Er hat den Tod vernichtet, indem er sich von ihm fangen ließ. Er stürzte den Hades, als er in den Hades hinabstieg.“³⁶

Die dramatische Sprache des Chrysostomus ist keine bloße rhetorische Feierlichkeit. Sie bringt theologisch auf den Punkt, dass Ostern die Umkehrung aller Verhältnisse bedeutet. Der Tod verschlingt Christus nicht; vielmehr verschlingt Christus den Tod. Die Unterwelt hält ihn nicht fest; vielmehr wird sie durch seine Gegenwart gesprengt.

Augustinus akzentuiert eine andere Dimension. Für ihn ist die Auferstehung Christi zugleich Haupt und Hoffnung der Kirche. Was in Christus geschehen ist, bleibt nicht bei ihm allein. Die Kirche erkennt in ihm ihre Zukunft. Insofern ist Ostern nicht nur Christologie, sondern auch Ekklesiologie und Anthropologie: Im Auferstandenen wird sichtbar, was der Mensch nach Gottes Willen sein soll.

Die patristische Tradition verbindet daher drei Motive miteinander: Sieg über den Tod, Verklärung der menschlichen Natur und Eröffnung der endzeitlichen Hoffnung. Diese drei Motive gehören zusammen. Ohne den Sieg über den Tod bliebe die Auferstehung bloßes Wunder; ohne die Verklärung der Natur bliebe sie äußerlich; ohne die Hoffnung auf die Vollendung bliebe sie folgenlos für die Kirche.

Gerade die östlichen Väter haben darüber hinaus mit Nachdruck hervorgehoben, dass die Auferstehung nicht nur Trost spendet, sondern eine neue Weise des Sehens eröffnet. Wer Ostern feiert, sieht die Welt nicht mehr nur unter dem Gesetz der Vergänglichkeit. Er sieht sie im Licht der Verheißung. Das Grab ist nicht verschwunden, die Wunden sind nicht ausgelöscht, die Geschichte ist nicht beendet – und doch ist ihr Sinn verwandelt.

So ist die Auferstehung in patristischer Sicht nicht bloß Inhalt des Glaubens, sondern Form des christlichen Daseins. Der Christ lebt aus einem Sieg, der schon errungen ist, auch wenn seine volle Sichtbarkeit noch aussteht. Die österliche Existenz ist darum durch Hoffnung, Freiheit und innere Freude geprägt. Nicht weil die Welt bereits vollendet wäre, sondern weil ihr Ende in Christus bereits aufgeleuchtet ist.

Schluss 
Damit schließt sich der innere Bogen des Triduum Paschale. Was am Karfreitag in der äußersten Entäußerung beginnt und am Karsamstag im Schweigen verborgen bleibt, tritt am Ostersonntag als verwandelte Wirklichkeit hervor. Die Auferstehung hebt das Kreuz nicht auf, sondern offenbart seinen Sinn. Sie beseitigt nicht die Wunden, sondern verklärt sie. Sie nimmt nicht die Geschichte zurück, sondern eröffnet in ihr den Raum des neuen Lebens.

Daher ist Ostern nicht bloß das glückliche Ende einer Leidensgeschichte. Es ist die Offenbarung dessen, was Gottes Liebe immer schon war: stärker als der Tod, tiefer als die Verlassenheit und bleibender als alle Vergänglichkeit.

Der Introitus des Ostertages bringt diese Wahrheit in einzigartiger Dichte zur Sprache: „Resurrexi et adhuc tecum sum.“¹ - „Auferstanden bin ich und bin nun immer bei Dir“

Das Entscheidende ist nicht allein das resurrexi, sondern das adhuc tecum sum. Nicht nur der Sieg wird verkündet, sondern die bleibende Gegenwart. Christus ist nicht auferstanden, um fern zu sein. Er ist auferstanden, um bei den Seinen zu bleiben.

So wird die Auferstehung zur Mitte christlicher Existenz. Sie ist nicht nur Gegenstand der Verkündigung, sondern Quelle der Liturgie, Grund der Hoffnung und Maß des neuen Lebens. In ihr empfängt die Kirche ihre Zeit, ihre Gestalt und ihre Freude neu.

Das Pascha als Form christlicher Existenz
Das Triduum Paschale ist keine Abfolge von drei isolierten Gedenktagen. Es ist eine einzige Bewegung, die den Weg Christi von der Hingabe durch die Verborgenheit zur Verherrlichung umfasst.
Karfreitag zeigt die Form der Liebe: das Bleiben.
Der Karsamstag zeigt die Form der Hoffnung: das Ausharren.
Der Ostersonntag zeigt die Form des Lebens: die Verwandlung.

Diese drei Dimensionen gehören untrennbar zusammen. Wer das Pascha verkürzt, verliert seine innere Wahrheit. Das Kreuz ohne Auferstehung wird zur Verzweiflung; die Auferstehung ohne Kreuz wird zur Illusion; der Karsamstag ohne beide wird zur Leere.

In ihrer Einheit jedoch offenbaren sie das Geheimnis Gottes selbst:
eine Liebe, die bleibt,
eine Gegenwart, die trägt,
ein Leben, das nicht vergeht.
Die Liturgie der Kirche ist der Ort, an dem diese Wahrheit nicht nur gedacht, sondern vollzogen wird. Sie ist Teilnahme am Pascha Christi. Sie ist Eintritt in seine Bewegung. Darum beginnt die Kirche am Ostermorgen nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Stimme: „Resurrexi et adhuc tecum sum.“ - „Auferstanden bin ich und bin noch immer bei dir.“ Diese Stimme ist nicht Vergangenheit. Sie ist Gegenwart. Sie ist Verheißung. Sie ist Leben.

Endnoten
1.    Missale Romanum, Editio typica tertia, Città del Vaticano 2002, Introitus Ostersonntag (Ps 139 [138],18).
2.    Calendarium Romanum generale (1969), Nr. 18–19; A. Adam – W. Haunerland, Handbuch Liturgik, Freiburg i. Br. 2012, 312–335.
3.    R. F. Taft, The Liturgy of the Hours in East and West, Collegeville 1986; ders., The Byzantine Rite, 1992; J. Mateos, Le Typicon de la Grande Église, I–II; H. Buchinger, RAC 26 (2014); D. Galadza, Oxford 2018.
4.    Gregor von Nazianz, Oratio 45, 1 (PG 36, 624).
5.    Jes 52–53; Ps 22; vgl. R. Rendtorff, Theologie des Alten Testaments, Bd. 2, 2001.
6.    Egeria, Itinerarium, ed. Gingras, New York 1970, 93–101.
7.    Ebd., 97–99.
8.    A. Renoux (Hg.), Le Lectionnaire de Jérusalem, PO 35–36.
9.    J. F. Baldovin, The Urban Character of Christian Worship, 1987.
10.    Ordo Romanus I, ed. M. Andrieu, Louvain 1951.
11.    J. Mateos, Le Typicon, I.
12.    R. F. Taft, „Holy Week in the Byzantine Tradition“, 1997.
13.    Gregor von Nazianz, Ep. 101, PG 37, 181C.
14.    Augustinus, Sermo 218, PL 38.
15.    Gregor der Große, Hom. in Evang. 26, PL 76.
16.    1 Petr 3,19.
17.    Eph 4,9.
18.    Egeria, Itinerarium, 101–105.
19.    A. Renoux, PO 35.
20.    Ordo Romanus I, 82–95.
21.    R. Krautheimer, Corpus Basilicarum Christianarum Romae, V.
22.    J. Mateos, Typicon, II.
23.    H. Belting, Bild und Kult, München 1990; R. F. Taft, DOP 34 (1980).
24.    Homilia antiqua in Sabbato Sancto, SC 27.
25.    Ambrosius, De fide IV, PL 16.
26.    Joh 20; Lk 24.
27.    1 Kor 15.
28.    Egeria, Itinerarium, passim.
29.    A. Renoux, a.a.O.
30.    Ordo Romanus I.
31.    Ebd.
32.    Byzantinischer Osterhymnus („Christos anesti“).
33.    Johannes von Damaskus, Canon Paschalis (PG 96).
34.    Origenes, Commentarium in Ioannem, PG 14.
35.    Johannes Chrysostomus, Homilia in Pascha, PG 59.
36.    Ebd.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 

 


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