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Arvo Pärt – Musik im Dienste Gottes

28. März 2018 in Kultur, 2 Lesermeinungen
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"Was geschieht, wenn ein Komponist aus dem Ostblock nach einer Phase des Experimentierens mit verschiedenen Strömungen der zeitgenössischen Musik zum Glauben findet?" - Die kath.net-Kulturkolumne DIO von Anna Diouf


Linz (kath.net)
Was geschieht, wenn ein Komponist aus dem Ostblock nach einer Phase des Experimentierens mit verschiedenen Strömungen der zeitgenössischen Musik zum Glauben findet und alsbald beinahe ausschließlich Sakralmusik schreibt? Wird er ein Leben in einer künstlerischen Nische fristen, unbeachtet von der Avantgarde? Im Gegenteil – er wird unter die angesehensten Komponisten der Gegenwart gezählt: Arvo Pärt (*1935).

Dabei geht der estnische Komponist in vielfacher Hinsicht dem Mainstream entgegengesetzte Wege: Seine Musik giert nicht nach bisher „Ungehörtem“, nach neuen oder verstörenden Klängen. Seine Themen provozieren nicht, sein Credo ist nicht der Bruch. Dennoch – oder vielleicht deshalb – ist er mit zahllosen Auszeichnungen bedacht worden. Zuletzt erhielt er 2017 den Joseph-Ratzinger-Preis. Ein Musiker und ein theologischer Preis? In Arvo Pärt wird eine Einheit wiederhergestellt, die seit der Reformation sukzessive zerstört wurde: Die zwischen Kunst und Kult.

Zahlreiche der bedeutenden Komponisten des Abendlandes waren nicht nur Christen und Katholiken, sondern sogar Priester, zum Teil Bischöfe. Jahrhundertelang war von Tonart bis Taktmaß jedem musikalischen Parameter eine theologische Dimension eigen.

Insofern ist Pärts Musik ganz im Sinne Benedikts XVI. „entweltlichend“: Der eigentliche Sinn des Musikschaffens, nämlich die Verherrlichung Gottes, wird zurückgewonnen. Die Wertschätzung ist wechselseitig – Pärt widmete sein schlichtes Vaterunser (2005) dem damals gerade gewählten Papst.
Obwohl manch einer den Mangel an „Neutönigkeit“ in Pärts Werken bemängelt, kann ihm doch niemand seine Bedeutung absprechen. Zumal er nicht von vornherein Neues abgelehnt, sondern nach und nach über die bedeutenden Stilrichtungen der zeitgenössischen Ernsten Musik zu seiner eigenen Musiksprache gefunden hat. Es handelt sich also nicht um stumpfes Beharren auf Althergebrachtem, sondern um lebendigen Umgang mit der Tradition - „katholischer“ kann Musik nicht sein.


Pärt nennt seinen eigenen Stil „Tintinnabuli“-Stil, „Glöckchen“. Das bezieht sich vor allem auf glockenartigen Effekte, die er nutzt. Aber mehr noch: Glöckchen sind seit Urzeiten Instrumente, die auf die Transzendenz verweisen; in der katholischen Liturgie kündigen sie bis heute Gottes Gegenwart an und fordern dazu auf, sich auf ihn hin auszurichten. Nichts anderes tun Pärts Werke. Besonders deutlich wird dies in seinem ergreifendsten Werk, seiner Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Joannem.
Fast jeder kennt die berühmteste Vertonung der Passionsgeschichte – unnachahmlich in Musik gesetzt von Johann Sebastian Bach. Doch während diese so dramatisch angelegt ist, dass sie eher einem Passionsspiel gleicht, ist Pärts Johannespassion ganz und gar liturgisch. Nur zur Sicherheit sei übrigens gesagt, dass ich hier keinesfalls zwei großartige Werke gegeneinander ausspielen will. Ich zeige lediglich die Unterschiedlichkeit der Herangehensweise auf. Man darf es vielleicht mit etwas Humor betrachten, dass bei Pärt, dem Orthodoxen, das Bibelwort allein gilt, während beim Lutheraner Bach allerlei fromme Betrachtung die Schrift erläutert, kommentiert und ergänzt. Bei Pärt wird, anstelle eines Taktmaßes für das gesamte Stück, jedes Wort, selbst jede noch so kleine Präposition, als eigener Takt behandelt – das Wort selbst als Maß, „die Schrift allein“.

Ganz reduziert ist der Passionsbericht in Töne gesetzt, in feiner Symbolik, ohne plakative Effekte. Ähnlich konzentriert ist sonst nur noch der Gregorianische Choral. Beispielsweise ziehen sich bestimmte Dissonanzen durch das gesamte Stück, es wird kontinuierlich eine Spannung aufgebaut, die sich im letzten Wort des Stückes, „Amen“, auflöst: Zum ersten Mal singt der Chor einen reinen Akkord, ohne „schmerzende“ Dissonanzen. Das Heil des Menschen ist wiederhergestellt und damit treten Konsonanz und Erlösung ein- eschatologisch wie musiktheoretisch.

Wir werden hier nicht durch musikalische Effekt bis in die Seele erschüttert. Es ist der Impuls aus unserem eigenen Innern, der uns ergreift, indem wir wie bei einer lectio divina oder wie beim Gebet des Rosenkranzes in das Mysterium des Glaubens eintauchen.

Insofern ist die Pärtsche Passion „anstrengend“.Sie fordert unnachgiebig den Glaubensakt ein. Sie ist liturgische Musik, nicht Musik, die Liturgie zum Anlass nimmt; damit ist sie im eigentlichen Sinner geistlicher, purer, aber auch strenger als die meisten sakralen Werke der Klassik und Romantik.

Wer Pärts Werke in einem Konzertprogramm erblickt, sollte sich unbedingt zum Konzertbesuch aufraffen! Angesichts einer weitgehend entchristlichten Kulturszene ist es spannend, Repräsentanten eines Kunstverständnisses kennenzulernen, das Kult und Kultur nicht trennt, sondern verwurzelt im christlichen Erbe Kunst auch als Ausdrucksform des Glaubens versteht. Ja, diese Künstler gibt es, und es ist erstaunlich, dass mit Arvo Pärt ein solcher zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten überhaupt zählt. Offensichtlich hat der Glaube an kultureller Kraft nichts verloren und selbst ein hochgradig säkularisierter Kulturbetrieb hat dieser Kraft wenig entgegenzusetzen.

Musikproben - unbedingt anhören

Magnifikat:



Johannes Passion:




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