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Hänsel und Gretel – Gott ist nicht totzukriegen

19. Februar 2018 in Kultur, keine Lesermeinung
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Das entscheidende Thema dieser Oper ist das wahrhaftige Wirken Gottes in der Welt ist - Die neue monatliche kath.net-Kulturkolumne DIO von Anna Diouf


Linz (kath.net/ad)
Manchmal schützt Understatement davor, in den Radar des Zeitgeistes zu geraten. Dies ist bei der Oper Hänsel und Gretel der Fall. Obwohl die an Wagner gemahnende Musik Humperdincks (1854 - 1921) keineswegs leicht ist, ist es das Etikett „Kinderoper“, respektive „Märchenoper“, das uns auch in den Inszenierungen größtenteils eine intaktes, vom 68er-immanenten „Bruch“-Paradigma verschontes Opernerlebnis rettet. Kinder dürfen noch träumen, und Märchen dürfen noch erzählt werden. Natürlich kann man sich die Frage nach dem Ort der Handlung stellen, aber eine reine Verlegung etwa in eine Traumwelt oder eine Stadt stellt keine wesentliche Verfremdung auf inhaltlicher Ebene dar. Sicherlich kann man die Engel, die die Kinder in der Nacht beschützen, durch Teddybären ersetzen, Hänsel und Gretel können sich im Kinderzimmer wegen der Spielekonsole streiten, manchmal wird die Hexe als Pädophiler angelegt; oder ein besorgter Intellektueller stört sich daran, dass eine krumme Nase die Hexe doch zu jüdisch konnotieren könnte, um sie am Ende verbrennen zu lassen. Im Allgemeinen aber darf diese Oper jedes Jahr unversehrt um die Weihnachtsszeit herum Kinder- und Erwachsenenaugen zum Leuchten bringen.


Die religiösen Anknüpfungspunkte sind bürgerlich-konventionell, deshalb aber nicht weniger authentisch. Bedeutsam sind einige unscheinbare Aspekte: Die Mutter plant in dieser Version des Märchens nicht, die Kinder fortzujagen. Vielmehr ist es eine „Kurzschlussreaktion", die sie bereut. Damit wird die Grimmsche Fassung entscheidend entschärft, die Mütterlicheit der Mutter bleibt trotz ihrer Impulsivität erhalten, die Familie ist intakt. Lässt man die Rolle von Mutter und Hexe erkennbar von derselben Sängerin verkörpern (nicht etwa, wie bei kleineren Produktionen, aus Gründen der Ökonomie), so ergibt sich eine andere Lesart, die auf der psychologischen Ebene Mutter und Hexe identifiziert. Das ist stimmig, aber nicht im Stück angelegt. Diese Beobachtung ist also im Grunde eine Kleinigkeit, hat aber große Auswirkungen auf die Bedeutung, die der "Familie" im Stück zukommt.

Gretel zitiert anfangs den Wahlspruch des Vaters, der auch am Ende der Oper steht: „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr sich gnädig zu uns neigt.“ Und so kommt es: Die Kinder, verängstigt und müde im dunklen Wald, beten ihr Nachtgebet und werden dementsprechend von Engeln beschützt. Die Hexe wird ihrem grausamen aber verdienten Ende zugeführt, Hänsel und Gretel befreien andere Kinder, die der Hexe zum Opfer gefallen waren, treffen auf ihre Eltern und preisen gemeinsam Gott.

Hänsel und Gretel ist in sich geschlossen; Musik, Handlung und Zielgruppe sind eng verzahnt. Wollte man die religiösen Gedanken tilgen, die im Textbuch von Adelheid Wette, der Schwester des Komponisten, zum Ausdruck kommen, müsste man das Stück entstellen, denn auch die Musik lässt sich völlig auf diese Gedankenwelt ein: Die eindrucksvollste Musik ist nicht auf Text komponiert, sondern kommt den Engeln zu, die in einer Pantomime zu den schlafenden Kindern hinabsteigen – diese Musik ist so gewaltig, dass man sich ihrem Zauber kaum entziehen kann.

Das Wunderbare an Hänsel und Gretel ist die Wahrhaftigkeit, die sich in scheinbarer Einfachheit kundtut. Die durchkomponierte, hochkomplexe Oper fordert allen Beteiligten großes Können ab, erweckt aber durchgängig den Eindruck von Eingängigkeit. Ebenso ist auch die Aussage des Stückes bei allem Anschein von Naivität keineswegs banal: Es enthält den Aufruf zu bedingungslosem kindlichen Vertrauen, und schließlich die ewige, wahre Aussage, dass das Böse am Ende besiegt wird.

Man hört öfter die – halb scherzhafte - Frage, wieso eigentlich eine Oper, in der das Suchen von Erdbeeren im sommerlichen Wald ein wichtiger Teil des Handlungsstranges ist, die Weihnachtsoper schlechthin sei, im Winter wüchsen ja nun keine – eine Frage, deren Beantwortung eben darin liegt, dass das entscheidende Thema dieser Oper das wahrhaftige Wirken Gottes in der Welt ist: Ohne Zweifel eine weihnachtliche Botschaft, die in Gestalt eines Märchens gerade harmlos genug daherkommt um auch für den säkularisierten Menschen noch „erträglich“ zu sein.

Foto Anna Diouf



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