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Der Tropfen Wasser im Wein

15. September 2005 in Spirituelles, keine Lesermeinung
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2. Teil einer Serie zur Eucharistiefeier von Pfarrer Christoph Haider.


Wien (www.kath.net)
In wenigen Wochen geht das von Papst Johannes Paul II. ausgerufene „Jahr der Eucharistie“ zu Ende. Es endet mit der Weltbischofssynode in Rom, die von 2. bis 23. Oktober stattfindet. KATH.NET stellt aus diesem Anlass erneut eine Kurzserie zum Thema „Eucharistie“ vor.

Pfarrer Christoph Haider (Tirol) wird in den nächsten sieben Wochen verschiedene Aspekte der Eucharistiefeier beleuchten: Den Bußakt, die Gabenbereitung, das liturgische Kleid, Momente der Stille in der Messe, die Erhebung der Hostie, die Eucharistie als Arznei der Unsterblichkeit sowie „Herr, ich bin nicht würdig“.

Teil II:

Dass der Tropfen Wasser, der bei der Gabenbereitung dem Wein beigemischt wird, Tagesordnungspunkt auf zwei Konzilien war, ist selbst für praktizierende Katholiken überraschend. Außer den Ministranten am Altar dürften die wenigsten Gottesdienstteilnehmer wahrnehmen, wie sich bei jeder Messe im Kelch das Wasser mit dem Wein verbindet.

Im Sinne der frühchristlichen Mystagogie, einer Hinführung zu den Geheimnissen des Glaubens, kann uns der Tropfen Wasser anregen, in die Theologie des Messopfers tiefer einzudringen. Im Konzil von Florenz (1439), wo es um eine Einigung mit den armenischen Christen ging, wurde der Wassertropfen einer ausführlichen dogmatischen Bewertung unterzogen. Das Konzil nennt als notwendige Materie für das Sakrament der Eucharistie „das Weizenbrot und den Wein vom Weinstock, dem vor der Konsekration ein ganz klein wenig Wasser beigemischt werden muss.“

Aufschlussreich ist die Begründung: Der Herr selbst habe dieses Sakrament so eingesetzt, indem er mit Wasser gemischten Wein verwendet habe. Offenbar war es antike und jüdische Sitte, den Wein gewässert zu trinken. Beim Schriftsteller Justin, der um das Jahr 165 als Märtyrer starb, finden wir wertvolle Einblicke in die Art und Weise frühchristlicher Eucharistiefeiern. Ganz selbstverständlich bezeugt auch er: „Darauf werden dem Vorsteher der Brüder Brot und ein Becher mit Wasser und Wein gebracht.“

Außer diesem Hinweis, dass Jesus es so getan hat und dass dies durch die „Zeugnisse der heiligen Väter und Lehrer der Kirche“ bestätig wird, gibt das Konzil von Florenz auch eine allegorisch-mystische Erklärung: „Weil dies der Vergegenwärtigung des Leidens des Herrn entspricht.“ „Im Kelch des Herrn darf weder bloßer Wein noch bloßes Wasser dargebracht werden, sondern beides gemischt; denn beides, das heißt, Blut und Wasser, ist, wie man liest, aus der Seite Christi heraus geflossen (vgl. Joh 19,34).“ Der Opfercharakter der heiligen Messe ist somit ins Spiel gebracht, das Selbstopfer des Erlösers aus Liebe zu unserem Heil.

Auch unser Eingehen in sein Opfer ist mitgemeint, so das Konzil. Die Wirkung des Sakramentes an uns soll im Wassertropfen zum Ausdruck kommen: „Unter dem Wasser wird das Volk verstanden, im Wein aber wird das Blut Christi gezeigt.“ „Indem also im Kelch Wein und Wasser gemischt wird, wird das Volk mit Christus geeint und die Menge der Gläubigen mit dem, an den sie glaubt, vereinigt und verbunden."

Warum wurde gerade auf diesem Konzil, das eine Einigung mit den monophysitisch angehauchten Armeniern zum Inhalt hatte, der Tropfen Wasser derart breit erörtert? Die monophysitische Irrlehre neigte zu einer einseitigen Überbetonung des Göttlichen in Jesus Christus. Der Ausdruck „Monophysis“ bedeutet ‚eine einzige Natur’. Die menschliche Natur, die der Sohn Gottes um unseres Heiles willen angenommen hat, sei von seiner Gottheit aufgesogen worden. Damit trat bei den Monophysiten die Wirklichkeit der Menschwerdung in den Hintergrund, die Erlösungstat am Kreuz verlor an Bedeutung.

Nun lag ein Jahrtausend zwischen dem Aufblühen dieser Häresie im fünften Jahrhundert und den Unionsverhandlungen mit den Armeniern im 15. Jahrhundert. Was sich durch den Abstand der Jahrhunderte in der Lehre vielleicht weniger problematisch darstellte, war in einem Detail der Liturgie immer noch spürbar. Die Monophysiten hatten konsequenter Weise den Tropfen Wasser aus ihrer Liturgie verbannt. Die Gottheit bedarf keiner menschlichen Ergänzung, keines menschlichen Beiwerkes. Die katholische Lehre aber umspannt beide Wirklichkeiten, die göttliche und die menschliche Natur, in der einen Person Jesu Christi. So heißt es heute noch im begleitenden Gebet bei der Mischung von Wein und Wasser: „Wie dieses Wasser sich mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.“

Wie eine theologische Entdeckungsreise liest es sich, wenn man mehr als hundert Jahre später beim Konzil von Trient im Jahre 1562 den Tropfen Wasser im Wein wiederum in einer dogmatischen Erklärung findet. Was war dem vorausgegangen? Martin Luther hatte von der Übermacht der Gnade gesprochen. Die Rechtfertigung des Menschen könne nur durch die Gnade geschehen: „Sola gratia“. Der Sünder könne durch keinerlei Beiwerk bei seiner Erlösung mitwirken, außer durch seinen vertrauensvollen Glauben: „Sola fides“. Konsequenterweise hat bei den Protestanten der Tropfen Wasser im Kelch nichts mehr verloren. Das reine Gotteswerk bedarf keiner menschlichen Zutat.

Heißt es nicht beim Apostel Paulus: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24 b)? Mit dieser Aussage will Paulus dem Erlösungswerk des alleinigen Erlösers keinen Abbruch tun. Im Gegenteil, gerade Paulus wusste aus eigener Erfahrung: „Nur durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10). Einmal hatte ihm der Herr sogar zu verstehen gegeben: „Meine Gnade genügt dir“ (2 Kor 12,9). Trotzdem war sich der Apostel seiner Aufgabe als „Werkzeug“ bewusst. Nicht an der Erlösungstat selbst ist etwas zu ergänzen, aber bei deren Vermittlung an die Menschen, „für den Leib Christi“ bedarf es des menschlichen Beitrags. Weil Christus uns nicht bloß als einzelne erlösen wollte, sondern die Erlösungstat die Auferbauung seines Leibes, der Kirche, mit einschließt, haben die einzelnen Glieder ‚Wassertropfenfunktion’. Wir können uns diese hochtheologischen Zusammenhänge auch ganz einfach vorstellen: Als Jesus am Kreuz starb, tat er dies als einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen. Dass aber Maria, Johannes und einige getreue Frauen unter dem Kreuz sich mit seinem Opfer vereinten, ist in den Augen Gottes weder Schmälerung des Opfers Jesu noch zufälliges Beiwerk. Es ist eben der Tropfen Wasser im Kelch des Heiles.

Kehren wir nach diesem Ausflug in die Kirchen- und Theologiegeschichte zurück zur Gabenbereitung der Messe. Wir alle, die um den Altar versammelte Gemeinschaft, sollen eine wohlgefällige Gabe für Gott werden zusammen mit dem Opfer Christi, wie die Gläubigen es im „Suscipiat“ vor dem Priester ausdrücken: „Der Herr nehme das Opfer an aus deiner Hand zum Lob und Ruhme seines Namens, zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche.“

Die Ausführungen zu einem scheinbaren Detail der Gabenbereitung offenbaren wohl den großen geistlichen Reichtum, der in diesen Momenten der Messfeier verborgen liegt. Es ist gut verständlich, dass die begleitenden Worte zu den Handlungen der Gabenbereitung normalerweise still gebetet werden, wies es das Messbuch vorsieht. Die Gläubigen können währenddessen ein Gabenlied singen, das die Haltung der Hingabe fördert, auf den Chor oder die Schola lauschen, oder, was dem Geschehen durchaus angemessen ist, in Stille die Kräfte des Herzens und der Sinne zum Herrn erheben, während die Orgel oder ein anderes Instrument leise die Handlung begleitet.

Ausdrücklich weist das Messbuch darauf hin, dass Gabenprozessionen durch die Gläubigen dem inneren Gang dieses Messteils entsprechen. Nicht zufällig wird an dieser Stelle auch der Klingelbeutel gereicht, um für die Bedürfnisse der Kirche und vor allem für die Notleidenden Gaben beizusteuern. Auch diese kleinen Gaben geben dem Wassertropfen konkrete Gestalt.

Julia Verhaeghe, die Mutter Gründerin der geistlichen Familie „Das Werk“, deren Leben von einer tiefen Liebe zur Kirche und ihrer Liturgie geprägt war, sah im Tropfen Wasser sich selbst und ihre eigene Sendung. "Herr, lass mich im Kelch des Priesters, der Dir das heilige Opfer darbringt, der kleine Tropfen Wasser sein, der sich mit dem Wein verbindet und sich darin verliert." Für einen Gläubigen, der die heilige Messe noch tiefer geistlich mitfeiern möchte, könnten diese Gebetsworte eine wertvolle Anregung sein.



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