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Schlingerkurs mit kurzer Halbwertszeit

21. Dezember 2022 in Kommentar, 6 Lesermeinungen
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„Höchst befremdlich die Laisierung des US-Priesters Frank Pavone, bekannt als prominenter Abtreibungsgegner“, „während Kirchenspalter des ‚Synodalen Wegs‘ mit Samthandschuhen angefasst werden“. Kommentar des evangelischen Pfarrers Jürgen Henkel


Bonn (kath.net/Ökumenische Quartalsschrift "Auftrag und Wahrheit"/jh) Früher wusste man, woran man mit Rom war. Es gab eine klare theologische und kirchenpolitische Linie, die im Auftreten verbindlich und pastoral, inhaltlich und sprachlich aber in maximaler Präzision innerkirchlich, medial und öffentlich kommuniziert und verkündigt wurde. Bis vor nicht allzu langer Zeit war angesichts der kirchlichen Landschaft in Deutschland der Vatikan für wertkonservative, lehramtsverbundene und traditionsbejahende Katholiken und selbst über die linksgrünen Milieus und Fehlentwicklungen ihrer Kirchen entsetzte bis traumatisierte Protestanten eine Oase der Wahrheit und ein Hort der Treue zu Lehre und Tradition der Apostel und Väter im Glauben und dem biblisch geoffenbarten Wort Gottes.

Die überragenden Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. waren brillante Theologen auf der Cathedra Petri, große und gebildete Denker, begnadete Prediger und jeder auf seine Weise charismatisch: als Personen wie in ihrer Amtsausübung. In den Enzykliken und Erklärungen, Predigten und öffentlichen Ansprachen dieser beiden Nachfolger Petri saß jedes Wort und jedes Komma. Der Pressesprecher des Vatikans musste nicht nach jedem Interview einem regelmäßig staunenden Publikum erklären, was der Papst „wirklich sagen wollte“ oder „eigentlich meinte“, wie es bei Papst Franziskus vor allem nach Interviews und freien Ansprachen leider immer wieder nötig ist.


Das aktuelle Pontifikat stellt hier bedauerlicherweise ein manchmal entmutigendes Gegenprogramm zu den beiden großen Vorgängern dar, abgesehen von der erfreulich klaren Haltung dieses Papstes zur Abtreibung. Die Kardinals- und Bischofsernennungen und die Personalpolitik insgesamt werfen allerdings mehr Fragen auf als sie beantworten. Und selbst beim Lebensschutz manifestiert sich Wankelmut trotz mancher steiler Sätze. Wenn zum Beispiel an die Päpstliche Akademie für das Leben der katholischen Lehre deutlich widersprechende Personen berufen werden, konterkariert das die vorgeblich klare Haltung des Papstes in Sachen Abtreibung.

Der spanische Arzt José María Simón Castellví, emeritierter Präsident der Internationalen Föderation katholischer Ärztevereinigungen (FIAMC), nannte jüngst solche Ernennungen „genau das Gegenteil von dem, was Johannes Paul II. wollte“, der 1994 die Päpstliche Akademie für das Leben gegründet hatte. Der bekannte katholische Mediziner spricht von „akademischen Abtreibungsbefürwortern, Befürwortern der Euthanasie bis zu einem gewissen Grad, oder Kritikern von Humanae Vitae“ als von Papst Franziskus ernannte Mitglieder der Päpstlichen Akademie für das Leben. Er beklagte, jemand habe „den Heiligen Vater dazu überredet“.

In die gleiche Richtung geht nun die Laisierung des bekannten US-Priesters Frank Pavone, der als prominenter Abtreibungsgegner bekannt wurde. Der US-Bischof Joseph Strickland kritisiert dies scharf. Bei Befürwortern der alten Messe und dezidierten Konservativen bzw. expliziten Befürwortern der Treue zu Lehre und Tradition wird heute offenbar schnell gehandelt im Vatikan. Erinnert sei nur an die unwürdige Abberufung des exzellenten Theologen Kardinal Gerhard Müller vom Amt des Präfekten für die Glaubenskongregation.

Das Vorgehen, die merkwürdige, ja schwammige Begründung und die Ausrichtung der Personalentscheidung in Sachen Frank Pavone wirken jedenfalls wieder einmal höchst befremdlich. Der geschasste Priester soll dies zudem aus der „New York Times“ erfahren haben. Das ist wahrlich kein franziskanischer Stil. Zu fragen bleibt außerdem, warum hier bei einem bekannten Abtreibungsgegner offenbar gnadenlos durchgegriffen und ein Exempel statuiert wird (auch wenn keiner bisher genau weiß wofür überhaupt…), während die vielen Modernisten und Kirchenspalter des „Synodalen Wegs“ in Deutschland bis hinauf in Bischofskreise nach wie vor mit Samthandschuhen angefasst werden. Hier manifestiert sich einmal mehr der aktuelle Zickzackkurs im Vatikan als Schlingerkurs mit kurzer Halbwertszeit.

Wie erfreulich klar und wohltuend waren jüngst die kritischen Ansprachen der Kurienkardinäle Quellet und Ladaria beim Ad limina-Besuch der deutschen Bischöfe zum „Synodalen Weg“, jenem neuen deutschen Sonderweg. Nur wenige Tage später wird mit Bischof Heiner Wilmer aus Hildesheim einer der führenden Verfechter des „Synodalen Wegs“ von der römisch-kurialen Gerüchteküche als möglicher Präfekt ausgerechnet der Glaubenskongregation gehandelt. Das passt alles nicht zusammen. Da ist derzeit keine klare Linie erkennbar.

Nun mag die lateinamerikanische Lebensart und Mentalität jener Welt, aus der der jetzige Pontifex kommt, bis hin zur Kommunikation durchaus etwas spontaner, unkonventioneller und unkalkulierter daherkommen als die oft strengere europäische. Aber gerade beim Papstamt geht es doch um wesentlich mehr als ein nur pragmatisches oder auf Popularität schielendes tagesaktuelles Durchwursteln. Man wird unweigerlich an die ersten Worte des neuen Papstes 2013 auf der Loggia des Petersdoms erinnert, jenes „Buona sera“ statt „Gelobt sei Jesus Christus!“ Von Papst und Vatikan darf die Welt mehr erwarten. Wer „Buona sera“ hören und erleben will, kann auch in die Pizzeria an der Ecke gehen.

Der evangelisch-lutherische Theologe Dr. Jürgen Henkel ist Gemeindepfarrer in Selb (Bayern), Prof. h.c. an der Fakultät für Orthodoxe Theologie der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca in Rumänien sowie Schriftleiter der Zeitschrift „Auftrag und Wahrheit. Ökumenische Quartalsschrift für Predigt, Liturgie und Theologie“ (Schiller Verlag Bonn).

 

 


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