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24. September 2018 in Spirituelles, 2 Lesermeinungen
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„Peter Dörflers Buch ‚Philipp Neri‘ hat durchaus eine gewisse Patina, doch durch diese Patina bricht die Wucht einer Persönlichkeit, die in einer kirchlich ausweglosen Zeit einen faszinierenden Neuanfang machte.“ Gastbeitrag von Bernhard Meuser


Augsburg (kath.net) Manchmal weiß ich selber nicht, warum ich zu einem bestimmten Buch greife, wenn es schnell gehen muss. Und so griff ich, als es kürzlich ins Krankenhaus ging, mehr oder weniger zufällig nach "Peter Dörfler, Philipp Neri", um mich in diesen Tagen der Krankheit in den Apostel Roms zu verlieben: Oder soll ich sagen: mich mit ihm zu infizieren? Egal! Was für ein Mann für heute!

Dörfler war ein guter Schriftsteller; dennoch hat sein Text eine gewisse Patina. Aber durch diese Patina bricht die Wucht einer Persönlichkeit, die in einer kirchlich ausweglosen Zeit einen faszinierenden Neuanfang machte.

1533 kam der Achtzehnjährige nach Rom, in eine komplett verwüstete Stadt. Neun Monate hatten die Söldner nach dem "Sacco di Roma" wie die Tiere in der Stadt gehaust. Erst die Pest vertrieb sie. Die nun in den Ruinen vegetierenden, geschändeten und verarmten Bewohner mussten es als Zorngericht Gottes betrachten. Schon 1523 hatte der demütige Papst Hadrian ein von der Geschichte verschlucktes Schuldbekenntnis abgelegt und darin bekannt:"... dass Gott diese Verfolgung der Kirche geschehen lässt wegen der Menschen und sonderlich der Priester und Prälaten Sünden; denn gewiss ist die Hand des Herrn nicht verkürzt, dass er uns nicht retten könnte, aber die Sünde scheidet uns von ihm, so dass er uns nicht erhört. ... Wir wissen wohl, dass auch bei diesem heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen, Missbräuche in geistlichen Sachen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Argen verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat." Das war vier Jahre bevor die Söldner über die Stadt herfielen, 90% der Kirchen plünderten, alle Goldschätze raubten, vergewaltigten, folterten und töteten.


Rom war nicht nur äußerlich am Ende. Rom war auch geistlich bankrott: "Es gab im Rom der Päpste keinen verächtlicheren Namen als den eines >spirituale<, das bedeutete eines Priesters, der wenigstens regelmäßig zelebrierte, und eines Laien, der zur Messe und zu den Sakramenten ging" (Dörfler). Wie Neri in fast 60 Jahren die Stadt umdrehte und zu Gott führte, muss man nachlesen. Was er zunächst tat? Er suchte und betete. Eine Art Stadtnomade, zog er sich in die Katakomben und verwüsteten Basiliken zurück, nahm dort den Geist der frühen Christenheit in sich auf und empfing mystische Begnadungen. Das machte ihn nicht zum düsteren Bußprediger. Neri verlor nie seine florentinische Heiterkeit und seinen Witz, der bis zum närrischen Schabernack gehen konnte. Je mehr er aus der Glut der Stille und der erfahrenen Nähe Gottes lebte, desto geselliger und informeller wurde er. Er weigerte sich Ämter anzunehmen, verulkte Kardinäle, imitierte bigotte Prozessionen.

Seine Methode war das offene Haus. In seinem "Oratorium" versammelten sich bald die besten Köpfe Roms, die es erdulden mussten, dass Kinder vor der Tür lärmten und Horden von Jugendlichen mit Neri auf Du und Du waren. Messer Filippo trat nicht selbst als weiser Lehrer auf; er war der große Ermöglicher, der andere zu Wort kommen ließ, die aus den Quellen schöpften und Wahrheit miteinander teilten - im Lesen der Heiligen Schrift, den Texten der Väter und allem, was aus der Lauheit und Krise in die Hingabe an Gott führte. Neri war das mystische Herz der Erneuerung. Fast gegen seinen Willen machte man ihn spät zum Priester, um von da an der Beichtvater Roms zu sein. Sein Pensum, das in der Frühe begann und in den Nächten nicht endete, kann man höchstens mit Jean Marie Vianney, dem Pfarrer von Ars vergleichen

Ich lese diesen Philipp Neri auf heute hin. Und lese, dass er sich um den institutionellen und strukturellen Neuaufbau der "heiligen Stadt" zuletzt bemühte. Er machte keine Politik und suchte keine Ämter. Er gründete keinen Orden und entwarf keine Strategie. Und schon gar nicht vermarktete er sich selbst; wo sie einen "Heiligen" aus ihm machen wollten, benahm er sich wie ein Verrückter. In die klerikale Attitüde stach er wie mit der Nadel in einen Luftballon. Wenige Worte sind von ihm überliefert. Die schönsten stammen von einem Jungen, der ihm nachlief, um von ihm zu lernen, Francesco Zazarra. Als man ihn beim Heiligsprechungsprozess befragte, wie Messer Filippo gebetet habe, bezeugte er eine Menge von Stoßgebeten ung gestammelten Wortfetzen, die so klingen, als hätte da jemand die Dekonstruktion des Gebetes betrieben: "Jesus, sei mir Jesus!"

Das Schönste an Dörflers Buch ist aber, dass in ihm am Ende die Vorträge wiedergegeben sind, die John Henry Newman, der englische Kardinal, Philosoph und größte Schüler Philipp Neris im Januar 1850 in Birmingham hielt, als man den ersten Jahrestag des dortigen Oratoriums beging. Wenn ich anfangen wollte daraus zu zitieren, könnte ich nicht mehr aufhören. Newman at its best. Große spirituelle Literatur! Leider habe ich diese Vorträge im Internet nicht gefunden. Aber es gibt ja noch Bibliotheken, die ältere Bücher im Bestand haben.

Archivvideo: Bernhard Meuser #MEHR2018: ´Hier ist eine Generation, die ist 30 Jahre jünger als Kirchen- und Katholikentage ist´


Foto oben: Bernhard Meuser bei der Pressekonferenz zu MISSION MANIFEST © kath.net/Roland Noé


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