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Unbequeme Reise für Franziskus

16. Jänner 2018 in Kommentar, 1 Lesermeinung
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In Chile trifft der Papst der Armen auf eine ungewöhnlich emotionalisierte Bevölkerung - Von Kathpress-Korrespondent Burkhard Jürgens


Santiago (kath.net/KAP) Sie jubeln, aber der Frieden trügt. Es sind die Freunde des Papstes, die sich im O'Higgins-Park in Santiago versammelt haben, an einem heiteren, fast wolkenlosen Morgen im chilenischen Spätsommer. Sie lassen die Sonne die Kühle vertreiben und singen sich warm. Die erste Messe von Franziskus während seines knapp viertägigen Chile-Besuchs - sie ist ein Ereignis, das nach Angaben der Organisatoren am Dienstag fast eine halbe Million Menschen zu einer harmonischen Feier mit beschwingten Liedern zusammenbringt und die übrigen sechseinhalb Millionen der Metropole nicht stört, denen der Papstbesuch gleichgültig ist.

Dabei lassen sich Spannungen nicht verhehlen. Am Morgen gab es Nachrichten, in der südchilenischen Provinz Araukanien seien zwei oder sogar drei Kapellen niedergebrannt. Araukanien ist Mapuche-Land. Die Indigenen kämpfen seit langem um ihre Rechte, manche gewaltsam; ob sie mit den mutmaßlichen Brandstiftungen zu tun haben, ist nicht erwiesen.

Andernorts fanden Demonstrationen statt. In Concepcion gingen rund 200 Menschen auf die Straße, weil Staatspräsidentin Michelle Bachelet dem Kirchenoberhaupt ein geschöntes Bild ihres Landes vorspiegele. In Santiago wollten lokalen Medien zufolge Dutzende bei einem "Marsch der Armen" gegen die Kosten des Papstbesuchs protestieren. Angeblich stellte sich die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengasgranaten dem Zug entgegen. Mehrere Personen seien festgenommen worden.


Tränengas - das Wort benutzte Santiagos Kardinal Ricardo Ezzati auch beim Gottesdienst im O'Higgins-Park. Er erinnerte an den ersten Papstbesuch 1987 durch Johannes Paul II. Damals gingen Sicherheitskräfte von General Augusto Pinochet gegen Katholiken vor, und der Papst beschwor die Gläubigen: "Die Liebe ist stärker!" Heute zieht sich die Konfliktlinie mitten durch die Gesellschaft, mitten durch die Kirche. Auch Ezzati weiß um die "Kluft, die uns trennt".

Da ist vor allem das ungeheure Armutsgefälle in Chile. Ein Beispiel am Rande der Papstmesse geben die zahllosen Kleinhändler, die Wasser und Limonaden feilbieten und eilig weiterrücken, wenn eine berittene Polizeistreife naht. Viele Chilenen halten sich mit Jobs im informellen Sektor am Leben, dem stolzen Durchschnitts-Pro-Kopf-Einkommen zum Trotz. Santiagos Kardinal benennt das Problem, wenn er davon spricht, dass "Armut und Ausgrenzung weiterhin Mauern aufbauen".

Dabei hat Ezzati selbst keinen leichten Stand. Als 17-Jähriger kam er aus Italien nach Chile, und Priester seines eigenen Klerus geben zu verstehen, dass ihm, Oberhirt hin oder her, irgendwie der richtige Stallgeruch fehlt. Lichtgestalt der lokalen Kirche bleibt der von 1961 bis 1983 amtierende Erzbischof und Kardinal Raul Silva Henriquez, Verteidiger der Menschenrechte während der Diktatur, Gründer einer Sozialbank für Kleinunternehmer. Franziskus zitiert Silva in seinen Reden. Er, nicht Ezzati, ist der geistliche Vater für viele Santiaguinos.

Und geistliche Führung haben sie nötig. Chiles Kirche ist von einem Missbrauchsskandal erschüttert, wobei der Grad der Empörung auch die wachsende Entfremdung der Bevölkerung vom Glauben generell und die noch offenen Wunden durch autoritäre Systeme anzeigt. Im Brennpunkt steht der inzwischen 87-jährige charismatische Priester Fernando Karadima, dessen große Zeit in die Pinochet-Ära fällt. 2011 wurde er wegen sexueller Vergehen verurteilt.

Dass Franziskus den der Mitwisserschaft verdächtigten Karadima-Zögling Juan Barros zum Bischof von Osorno ernannte, brachte auch den Papst in die Kritik. Im Umfeld seines Besuchs waren vereinzelt Transparente zu sehen, die Maßnahmen gegen Barros verlangten.

Der Papst ging das Thema Missbrauch offensiv an; gleich in seiner ersten Rede im Präsidentenpalast bekannte er "Schmerz und Scham". Seine Ansprache wurde auch in den Park zu den Massen übertragen, die auf den Gottesdienst warteten. Als das Schuldbekenntnis fiel, brach Beifall aus, und ein zweites Mal, als Franziskus sich für die Rechte und die Identität der Indigenen stark machte.

Bei der Messe selbst schlug Franziskus spirituelle Töne an, mahnte zum Blick in das Antlitz des Nächsten, pries jene selig, die Versöhnung schaffen und Spaltungen vermeiden. Kurz vor seiner Ankunft hatten Besucher ein Transparent hochgehalten, das gerechte Löhne für Arbeiter forderte. Es war ein Zitat aus einer Papstrede von 2016. Manchen Chilenen sind Friedenslieder nicht genug.

EWTN.TV: Papst Franzisko in Chile - Eucharistiefeier im O’Higgins Park in Santiago (16.01.2018)


Euronews - Papst Franziskus bittet in Chile um Verzeihung wegen Kinderschändung


Copyright 2018 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich
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Lesermeinungen

 Stefan Fleischer 17. Jänner 2018 

Ich frage mich

ob es nicht nur für unseren Heiligen Vater sondern für die ganze Kirche mit einer allzu einseitig auf das diesseitige Heil fokussierten Verkündigung und der Vernachlässigung des ewigen Heils, immer schwieriger wird. Solches weckt Hoffnungen, welche nur schwer und sicher nicht kurzfristig zu verwirklichen sind. Es führt auch dazu zu vergessen, dass es die Guten immer auch unter den Reichen und Mächtige, und die Schlechten auch unter den Armen und Unterdrückten gibt und geben wird. Das aber stiftet weder Friede noch Gerechtigkeit, wie die Geschichte aller bisherigen Sozialbewegungen zeigt. Der christliche Weg in eine bessere Welt heisst Umkehr, und zwar immer zuerst die meine eigene.


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