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Entmenschlichung der Sexualität

9. Juli 2017 in Deutschland, 1 Lesermeinung
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Resolution des Forums Deutscher Katholiken: "Entmenschlichung der Sexualität durch Pornografie und frühe Sexualisierung"


Fulda (kath.net/Forum Deutscher Katholiken) kath.net dokumentiert die Resolution des Forums Deutscher Katholiken am Kongress "Freude am Glauben" in Fulda am 9.7.2017 in voller Länge:

Pornografie und Cybersexangebote haben sich seit der digitalen Wende einerseits als massenmedial verbreitetes, „normales“ Konsumgut etabliert, dessen weitgehend unkritische Akzeptanz sich mit dem Feigenblatt progressiver Aufgeklärtheit umgibt. Andererseits verbergen sich hinter diesem Feigenblatt Formen der Entmenschlichung der Sexualität, der Gewalt und Entwürdigung von Menschen, die in einer aufgeklärten Gesellschaft nur durch ein doppeltes Tabu möglich sind: Das Tabu des Schweigens und der Anonymität und das Tabu durch Normalisierung und Normierung. So prägt das Mainstreaming pornotypischer Praktiken zunehmend erwachsene wie auch jugendliche Beziehungen, wie zahlreiche Studien belegen. Die frei verfügbaren Inhalte haben selbst auf den Mainstream-Seiten eine massive Steigerung hinsichtlich der Brutalität sexueller Misshandlungen und Demütigungen von Frauen erfahren. Den Konsumenten ist dabei häufig nicht bewusst, dass ein großer Teil der pornografischen „Schlachthofästhetik“ (Pastötter, 20132) nicht freiwillig, sondern im Dunkelfeld der modernen Sklaverei3 entstanden ist. Man geht davon aus, dass die Mehrheit der inzwischen auf 45,8 Millionen geschätzten Opfer moderner Sklaverei zum Zweck der sexuellen Ausbeutung gehandelt werden, wobei die Grenzen zwischen Zwangs-Prostitution und Pornografie durch die digitale Technik fliessend geworden sind. Pornografiekonsum befeuert wiederum die Nachfrage nach verfügbaren Frauen, an denen die zuvor gesehenen brutalen Akte praktiziert werden können. Zahlreiche experimentelle u.a. Studien belegen, dass regelmäßiger Pornografiekonsum die Akzeptanz von sexueller Gewalt erhöht wie auch die Bereitschaft, diese in die Tat umzusetzen4.


Laut einer Befragung von 2011 (Geiser, 2012) haben 91 % der 13-16-jähr. Jungen und 44 % der gleichaltrigen Mädchen bereits pornografische Inhalte im Internet gesehen, sowie fast alle (98 %) der 16-19-jährigen Jungen (Weber et al, 2012). Zwei Drittel der männlichen Jugendlichen konsumiert wöchentlich bis täglich Pornografie (Pastötter et al, 2008).

Während einige Kinder auf die frühe Konfrontation mit Pornografie traumatisiert, verwirrt und mit Angst reagieren, gewöhnen sich andere an den schnellen, jederzeit verfügbaren Kick als Selbstmedikation gegen Langeweile, Stress oder Einsamkeit. In beiden Fällen schildern uns Heranwachsende eine Veränderung ihrer Phantasien und ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung; sie nehmen sich selbst oder andere Menschen vermehrt sexualisiert und als Objekt wahr, wie auch Längsschnittstudien belegen. Konsumsex bedient den perfekten narzisstischen Traum: In Pornotopia bekomme ich alles, was ich will – sofort, jederzeit und ohne Anstrengung. Sex ist immer verfügbar. Dabei muss ich nichts investieren, mich nicht auf eine Person einlassen und mich niemandem verdanken. Diese Reduktion von Sexualität auf eindimensionale Erregungssuche kann zur Sucht führen, denn die Ausklammerung der emotionalen und Beziehungsdimension von Sexualität hinterlässt eine Leere, die wiederum nach neuen, gesteigerten Ersatzbefriedigungen verlangt. Neben der Beeinträchtigung der Empathie- und Bindungsfähigkeit belegen Studien eindeutig eine Verschiebung von Präferenzen hin zu härteren, gewalthaltigen Inhalten bei häufigem Konsum. Diese prägen Phantasien und Wünsche und haben eine deutliche Zunahme von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen und von sexueller Gewalt in jungen Paarbeziehungen zur Folge (u.a. Stanley et al, 2016). Die Ambivalenz, etwas wollen zu müssen, was man zutiefst nicht will oder was die seelische oder körperliche Unversehrtheit und Würde verletzt, ist eine Form von emotionaler Gewalt. Viele Heranwachsende fühlen sich mit der Macht der stimulierenden und illusionären Bilder und der inneren Ambivalenz allein gelassen und sind erleichtert, wenn das Thema von Erwachsenen auf eine gesichtswahrende und nicht schamverletzende Art angesprochen wird. Heranwachsende haben ein Recht auf Schutz vor verstörenden Inhalten und das Bedürfnis nach Orientierung im Hinblick auf ihre Fragen zu Liebe, Bindung und Sexualität. „Fit for Love?“ (www.fit-for-love.org), eine bindungsorientierte Sexualpädagogik holt Jugendliche in ihren Fragen zu Sexualität und Partnerschaft und ihren ambivalenten Gefühlen zu Pornografie ab. Sie stärkt sie in ihrer Empathie- und Bindungsfähigkeit, sensibilisiert für gesunde Grenzen und Suchtrisiken und vermittelt ein Verständnis von Liebe und Sexualität in ihrem größeren Sinnzusammenhang.

Ein ehrlicher gesellschaftlicher Diskurs und eine kritische Reflektion der unterschiedlichen Paradigmen im Verständnis menschlicher Sexualität ohne Denk- und Sprechverbote ist dringend notwendig, denn es geht bei diesem Thema um das Kostbarste, was wir Menschen zu verlieren oder zu gewinnen haben: unsere einzigartige Identität und Würde, unsere Integrität und unsere Fähigkeit zu lieben – unsere Menschlichkeit.

Anmerkungen
1 Es wird geschätzt, dass 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Netz aus Pornografie besteht
2 Pastötter, J (2013) Vorwort zur 1.Auflage von „Fit for Love? Praxisbuch zur Prävention von Internet-Pornografiekonsum“
3 Global Slavery Index 2016; www.A21.org; Siddarth K., 2008, 2016; Schirrmacher 2012
4 Eine ausführliche Zusammenfassung von Studien vgl. www.tabea-freitag.de/Veröffentlichungen

Bischof Dr. Rudolf Voderholzer: ´Zum Projekt der Neuevangelisierung´


Peter Seewald: ´Warum ich noch in der Kirche bin´



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