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Was ist liberal? Und was konservativ?

20. Mai 2016 in Kommentar, 17 Lesermeinungen
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Die Gefahr des konservativen Prinzips ist es, menschliche Form mit dem göttlichen Inhalt zu verwechseln. Die Gefahr des Liberalen ist die Überschätzung der eigenen Epoche. Gastkommentar von Johannes Hartl


Augsburg (kath.net/Blog Johannes Hartl)
Erstmal sind beides stereotype Begriffe, sie bezeichnen Trends. Beinahe niemand denkt „nur liberal“ oder „nur konservativ“. Um welche Trends handelt es sich? Im menschlichen Leben gibt es eine Grundspannung zwischen dem Neuen und dem Bewährten. Der Mensch findet immer schon etwas vor, was es vorher schon gab und ihm das Leben ermöglichte. Irgendetwas in ihm sagt dem Menschen, dass er das, was er vorfindet, bewahren muss, damit das Leben weiter gelingt. Das ist das konservative Prinzip. Zugleich ereignet sich das Neue. Und irgendetwas in ihm sagt dem Menschen, dass sich mit dem Neuen Chancen verbinden, dass es Gutes zu entdecken gibt und dass die Erstarrung letztlich den Tod bedeuten würde. Das Liberale nun betont die Notwendigkeit, sich dem Neuen zu öffnen, mit der Zeit zu gehen, sich zu verändern. Das Konservative steht dazu in einer nicht auflösbaren Spannung. Im Bereich des Religiösen und Theologischen: man möchte das Heilige und Göttliche bewahren und zugleich ändern sich die Zeiten und der Heilige Geist wirkt Neues.

Was nun sind die Gefahren der jeweiligen Haltung? Die Gefahr des Liberalen ist die Überschätzung der eigenen Epoche. Nur weil etwas zeitlich später geschieht, ist es noch nicht besser. Und nur weil etwas vor langer Zeit schon genau so war, bedeutet es noch lange nicht, dass es heute nicht ebenso gälte. In der Mathematik zum Beispiel geht man fest davon aus, dass Grundsätze, die schon immer fest standen, keineswegs dadurch Relevanz verlieren, weil es sie schon seit Jahrhunderten gibt. Das liberale Argument „die Zeiten haben sich gewandelt und die Situation ist eine ganz andere, deshalb gilt das Alte nicht mehr“ entlarvt ihren Selbstwiderspruch sofort. Dass die zeitlich spätere Folge an sich schon eine positive Sache wäre und Fortschritt automatisch ein Fortschreiten hin zum Besseren wäre, ist an sich der typisch liberale Gedanke par excellence. Doch er trügt! Jede Ideologie und ein guter Teil der großen Verbrechen der Menschheit wurden eben durch die Überzeugung gerechtfertigt, in dieser neuen Epoche oder dieser ganz besonderen Situation gelte eben das nicht mehr, an dem die Menschheit gerade noch festgehalten habe. Ohne das konservative Korrektiv ist das liberale Prinzip taub und blind für die bösen Strukturen der jeweils aktuellen Kultur.


Die Gefahr des konservativen Prinzips ist es, menschliche Form mit dem göttlichen Inhalt zu verwechseln. Den Schlauch so lange gegen die Reparatur zu verteidigen, bis der Wein darin ohnehin verdorben ist. Der göttliche Inhalt ist uns in weniger unabänderlichen Gefäßen anvertraut, als Konservative gerne wahrhaben wollen. Die Schrift wurde übersetzt und wird jeweils in einem bestimmten zeitgeschichtlichen Kontext verstanden. Auch die kirchliche Lehre bewegt sich immer in einem System von Gedanken und Vollzügen, die nicht alle statisch sind. Und schließlich ist Gott selbst ein Gott der Dynamik. Der Heilige Geist wirkt Neues, treibt Veränderung an und will Entwicklung. Die große Falle für Konservative ist die Lieblosigkeit. Menschen passen nämlich oft nicht in Schemata und der Fluss ihres Lebens konfrontiert sie beständig mit Neuem, das bewältigt werden will. Die Wahrheit mit der Gnade zu verbinden: das ist die große Aufgabe, an der die Konservativen oft scheitern.

Was also ist besser: liberal oder konservativ? Die Frage ist schon trügerisch. Denn eigentlich muss man sich nicht entscheiden. Wer treu in der Tradition steht, weiß, dass sie lebt und sich weiter entwickelt. Und wer wirklich offen für das Neue sein will, der weiß zugleich, dass er selbst schon vor einem Hintergrund beginnt, der seinen Verstehenshorizont erst bildet.

Liberale und Konservative müssen liebevoll streiten. Denn die Spannung wird sich nie auflösen. Die Frage, was am Alten unaufgebbarer Bestand ist und was sich verändern darf und muss: an ihr entscheidet sich immer wieder neu, was es in einer bestimmten Zeit heißt, Christ zu sein. Wer nahe an Jesus dran bleibt, auf den Heiligen Geist hört, kritikfähig bleibt und sowohl die Tradition liebt als auch die Menschen seiner Zeit, der wird sich ungern exklusiv in eine der beiden Schubladen stecken lassen wollen.

Wo nun stehe ich als Person? Mir selbst ist der Progressismus zutiefst verdächtig, also die Ideologie, die davon ausgeht, dass der Fortschritt grundsätzlich Recht hat und die heutige Generation in den Grundfragen der Menschheit bedeutend näher an der Wahrheit ist als frühere Epochen. Die (Post-)Moderne ist die erste Epoche der Menschheit, die glaubt, dass die Jungen mehr wissen als die Alten und dass alles „überholt“ ist, sobald etwas Neues daherkommt. Ich bin im Herzen theologischer Konservativer und sehe auch an vielen Stellen in der Schrift den Auftrag, an Anvertraute zu bewahren (=conservare; z.B. 2 Tim 1,14). Zugleich scheint mir eine Beweglichkeit in den Formen absolut entscheidend. Der zu bewahrende Glutkern des Geistes braucht und sucht in jeder Generation neue Kanäle und Ausdrucksformen. In den Inhalten treu den Worten Jesu und lieber zu nahe an der Schrift als zu originell daran vorbei. In der Dialogkultur verständnisvoll und menschenliebend. In Formen beweglich. Das wäre mein persönliches Zielfoto. Doch die Grundspannung zwischen liberal und konservativ wird niemand ganz auflösen können. Sie ist jedem Christen und ganz allgemein jedem Menschen aufgetragen.


Dr. Johannes Hartl (Foto) ist katholischer Theologe und leitet das Gebetshaus Augsburg. Er ist verheiratet und Familienvater.

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Foto oben (c) Gebetshaus Augsburg


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