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Der Vatikan erwartet einen spannenden Herbst

15. August 2012 in Aktuelles, 7 Lesermeinungen
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Vatileaks: Zu einem „Schock“ dürfte es kommen, wenn das Gericht den bisher noch anonymen „geistlichen Führer“ von Gabriele peinlich befragt, der den Diebstahl vom Tisch des Papstes spirituell über Jahre begleitet hat - Von Paul Badde / Die Welt


Rom (kath.net/DIEWELT)
Das Psychogramm, das der Untersuchungsbericht der Gendarmerie des Vatikans am Montag von Paolo Gabriele (46), dem verdächtigten Aktendieb des Papstes, veröffentlicht hat, verstärkt den Eindruck eines Mannes, der „nicht alle Gurken im Glas“ hat. Doch der Mann lebte und arbeitete im Vatikan, als einer der engsten Mitarbeiter des Papstes, als Teil der höchst kleinen päpstlichen „Familie“, wo ihm ein entsprechendes Gutachten zwar keine geistige Verwirrtheit, aber doch eine „intelligenza semplice “ bescheinigte, die es ihm nicht erlaubt habe, die „delicatezza“ seiner Aufgaben zu überblicken, für die er eingestellt worden war.

Sein Verhalten an der Seite des Papstes, den er von morgens früh an auf Schritt und Tritt bediente (und den er seit Jahren gleich danach sehr oft bestahl), war ebenso wirr wie seine Bekenntnisse, die nun von ihm bekannt geworden sind.

Offensichtlich war er ein ideales Missbrauchsopfer. Ob er auch ein Instrument anderer Kräfte war, die sich seiner Dienste bedient haben, wird sich erst noch zeigen müssen. Das lässt im Vatikan einen spannenden Herbst erwarten. Gewiss ist seit Montag jedenfalls, dass ihm bald offiziell der Prozess gemacht werden wird, wo nicht mehr – wie bisher vor allem – nur seine Anwälte zu Wort kommen werden, sondern wo er sich auch den bohrenden Fragen der Staatsanwaltschaft stellen muss, die mit den Richtern nicht so leicht zu befriedigen sein werden wie große Teile der Medien, die auch der absurdesten Argumentationsfigur hinterher laufen, die „Päulchen“ zur Erklärung seiner fast unerklärlichen Diebstahlserie bisher in die Welt gesetzt hat.


Er wollte sich gegen „das Böse“ erheben, heißt es nun einmal mehr, um die Kirche mit seinem permanenten Vertrauensbruch zu „retten“. Aber auch da passen die Fäden schon kaum noch zusammen. Denn Gabriele hat ja nicht nur zahllose Dokumente vom Tisch des Papstes und von dessen Sekretär photographiert und weitergegeben, sondern auch einen Klumpen Gold aus Lima in Peru geklaut und „verschlampt“, der dem Papst in einer Audienz von einer Familie Pomezia geschenkt worden war, oder einen Scheck über 100.000,- Euro von der katholischen Universität „San Antonio in Guadalupe“ oder aber die kostbare venezianische Ausgabe einer Übersetzung der Aeneis von 1581, die er beiseite geschafft hatte, um sie seinem Söhnchen zum Schmökern und zum Angeben bei dessen Lehrern in der Schule zu überlassen. Was er sonst noch geklaut und möglicherweise schon verhökert hat, ist nicht so leicht zu ermitteln, zumal bei dem widersprüchlichen Lügengespinst, in die er seine Motive hüllt. „Seelischer Stress“ sei es gewesen, heißt es jetzt. Jedenfalls schöpfte keiner gegen ihn Verdacht, weil er doch immerhin als Vertrauensperson ersten Grades hinter der Firewall des päpstlichen Innenraums ein und aus ging.

Offensichtlich konnte sich keiner vorstellen, in diesem inneren Zirkel einen solchen Schluri in Lohn und Brot zu haben, der Papst selbst ebensowenig, wie dessen beiden Sekretäre oder die Birgit Wansing, die alle handschriftlichen Dokumente des Papstes in einen Rechner eingab oder die vier „geweihten Jungfrauen“, die dem Pontifex den Haushalt führten. Klar ist jetzt aber auch, dass keinem, der „Päulchen“ Gabriele außerhalb dieses Kreises näher kannte, dieses merkwürdige Seelengefüge wirklich hätte verborgen bleiben können, mit dem er sein höchst aktives Doppelleben gestaltete. Das betrifft seine Frau natürlich ebenso wie alle häufigen Gäste seiner Wohnung, wo viele der gestohlenen Dokumente mit der anderen Diebesware so offen in der Wohnung herum lagen, dass die Gendarmerie sie bei seiner Verhaftung am Abend des 23. Mai nur noch schlicht einsammeln und in vier Kisten herausschleppen konnte.

Ähnlich ergiebig wie die zukünftige Befragung des Personenkreises aus diesem „persönlichen Umfeld“ des Meisterdiebs wird für den Prozess im Herbst auch die Auswertung aller Kontakte auf dem Smartphone Gabrieles sein, das sich durch die technische Entwicklung der Digitaltechnik in den letzten zehn Jahren ja immer mehr in eine persönliche „blackbox“ jedes Einzelnen verwandelt hat, der damit umgeht und jeden Schritt und Tritt und Kontakt und jedes Foto mit genauer Orts- und Zeitangabe dokumentiert.

So weitet sich der Fall der rätselhaften Dokumentenflucht aus dem Vatikan auch nach dem jüngsten Bericht der Untersuchungskommission mehr als je zuvor. Der lange Untersuchungsbericht wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. Dabei mehren sich vor allem die Widersprüche. Auffällig ist nicht zuletzt das große Bemühen der Anwälte Gabrieles, ihn als Einzeltäter hinzustellen, dem allein der schwere Diebstahl anzulasten ist - obwohl es doch in ihrem Interesse liegen müsste, seine Schuld zu verkleinern, um ihn zu entlasten. Hier ist es offenkundig anders – wobei das Gericht auch ergründen muss, ob damit nicht höhere Hintermänner gedeckt werden sollen, denen alles daran liegt, dass ihr Name in dem Prozess nicht fällt. Es dürfte allerdings eine müßige Hoffnung sein. Denn den „Heiligen Geist“ wird das hohe Gericht wohl nicht einbestellen, als dessen „Verbindungsmann“ sich Gabriele in seinem (diebischen) Kampf gegen die Kräfte des „Bösen und der Korruption“ ausgegeben hat, die er überall im Vatikan gesehen haben will, um ihnen mit einem „heilsamen Schock in den Medien“ den Garaus zu machen. Zu einem „Schock“ dürfte es allerdings auch kommen, wenn das Gericht seinen bisher noch anonymen „geistlichen Führer“ peinlich befragt, der den Diebstahl vom Tisch des Papstes spirituell über Jahre begleitet hat.


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Lesermeinungen

  16. August 2012 
 

Danke Herr Badde

Sehr geehrter Herr \"Mitbruder\" @confrater-stefan: Wir alle wissen daß der kleine Paul, das wahre Nichts, unschuldig ist.
Aber lassen Sie bitte den Herrn Badde in Ruhe.
Ihre Schmeichelsprache- sie legen ja Wert auf Sprache- verrät Sie.


2
 
  16. August 2012 
 

Lieber Paul Badde

wozu das schädigende Anheizen der Spekulationen ohne Fakten, warum nicht einfach den Prozess abwarten? Einer Intrige kann man nur entgegnen indem man sie nicht befeuert.
Das Erfolgsrezept des Bösen ist oft seine schier unglaubliche Banalität, aber Banalität ist zugegebenermassen wenig Medientauglich.


3
 
 confrater-stefan 15. August 2012 
 

Sprache

Auch wenn der Verdacht sehr schwer ist, aber die hier verwendete Sprache enttäuscht mich doch, zumal ich Herrn Baddes Texte sonst sehr gerne lese. Eingangs wird noch von einer Verdächtigung gesprochen, aber dann klingt es, als sei er schon der Tat überführt worden: Ein \"verdächtiger Aktendieb\" ist jemand der einer Tat verdächtigt wird, aber schon als Dieb überführt ist. Er ist vielmehr des Diebstahls verdächtig. \"Peinliche Befragung\" bedeutet schmerzhafte Befragung, also Folter oder Androhung von Folter. Derartige Methoden dem Vatikan zu unterstellen ist unangebracht. Auch Begriffe wie \"geklaut\", \"verhökert\" oder \"Schluri\" erscheinen unangebracht.
Warum lege ich so viel Wert darauf? Weil es gerade die Verfahrensregeln der kirchlichen Gerichte (nicht der Gerichte des Vatikanstaats, aber immerhin der Kirche) waren, die Prinzipien wie die Unschuldvermutung aufgebracht haben, die erst viel später Teil der weltlichen Rechtsordnungen wurden.


6
 
 Christa 15. August 2012 

Der geistliche Führer von Gabriele!

Was wird er aussagen? Kann er ggf. die Aussage verweigern wegen des Beichtgeheimnisses?


2
 
 chriseeb74 15. August 2012 
 

Interessant sind für mich auch folgende Fragen:

1. Wer hat denn diesen Kammerdiener (der angeblich nicht alle Tassen im Schrank haben soll) eigentlich empfohlen bzw. eingestellt???
2. Welche vatikanischen Institutionen halten die interessierte katholische Öffentlichkeit für so blöd, dass man ihnen das Blaue vom Himmel runterlügen kann???
Also Fakten auf den Tisch, Skandal mit offenen Augen sehen und durch...und danach sich wieder um das Eigentliche kümmern. Herr Badde scheint Recht zu haben, dass unser hochverehrter Papst leider nicht die Mannschaft um sich hat, um diese (oder auch andere) Krise(n) mediengerecht zu meistern.


2
 
 Lämmchen 15. August 2012 
 

Korrekte Angaben?

Die vier Frauen, welche den Haushalt des Hl. Vaters führen, sind keine Virgines Consecratae (Geweihte Jungfrauen), sondern m. W. Mitglieder der Laienvereinigung Memores Domini.


1
 
 MG 15. August 2012 
 

In Italien darf noch die peinliche Befragung angewendet werden? Das wird doch eher ein falsch gebrauchter Begriff von Herrn Badde sein.


2
 

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