Login




oder neu registrieren?


Suche

Suchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln:







Top-15

meist-diskutiert

  1. Warum bei dem hohen Aufkommen an Bischöfen in Deutschland eine solch vehemente Entchristlichung?
  2. Freikirche oder katholische Kirche? Überlegungen eines Konvertiten
  3. „Drohende Worte von Kardinal Roche: Besucht nicht die überlieferte lateinische Messe!“
  4. Am Grab des Petrus – Die diesjährige Romwallfahrt Ad Petri Sedem
  5. Steigende Zahl erwachsener Taufbewerber in ostdeutschen Städten, aber...
  6. „Menschen können die Kirche weder reformieren noch nach eigenem Gutdünken eine neue gründen“
  7. „Als Bischof ist es meine Pflicht, den Glauben der Kirche zu verkünden“
  8. Priester spendete bei Zugunglück in Spanien die Generalabsolution, tröstete Opfer und Angehörige
  9. „Wir werden erwartet“
  10. Auf zu den Friedhöfen! Wir bitten für unsere Verstorbenen um Gottes Gnade!
  11. Nach Christus-Verhöhnung: CDU-Politikerin Bosbach legt Beschwerde gegen Jan Böhmermann ein
  12. Wie Halloween begann: Das Fest wurzelt in einem großen Exorzismus
  13. Neuerlich umstrittene Ehrung durch Kardinal Cupich
  14. Zisterzienserpater Isaak Maria Käfferlein aus Neuzelle: „Getauft sein reicht nicht!“
  15. Papst baut Sekretariat der weltweiten Synode um

Kirche fungiert auch als Auffangbecken für etwas 'verdrehte' Personen

4. Juni 2012 in Österreich, 2 Lesermeinungen
Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden


Raphael Bonelli bei "Theologie von Fass"-Veranstaltung in Linz: Glaube macht nicht neurotisch, aber es gibt eine neurotische Form zu glauben. Von Victoria Fender.


Linz (kath.net/vf) „Ich mach nicht selbst Religion, ich mach Psychotherapie“. Dies sagte der Wiener Psychotherapeut und Universitätsdozent Raphael Bonelli (Foto) in seinem Eingangsstatement vergangene Woche in Linz, als er bei der Veranstaltungsreihe "Theologie vom Fass" über Psychotherapie und Seelenheil sprach. Es sei sehr wichtig, Psychotherapie von Seelsorge zu trennen, erläuterte Bonelli. Das sind zwei unterschiedliche Aufgaben, bei denen es gefährlich sein kann, wenn der Priester versucht, therapeutisch zu analysieren oder umgekehrt, der Therapeut zum Moralapostel wird.

Es stimmt, dass Psychotherapie und Seelsorge heutzutage oft nicht kompatibel sind. Es gibt Priester, die glauben, entscheiden zu können, dass ein Patient Medikamente absetzen kann. Aber „Depressionen gehen durch Beten nicht unbedingt weg. Es gibt manchmal eine gewisse Selbstüberschätzung im religiösen Bereich. Niemand kann Gott befehlen zu heilen.“ „Und Psychotherapeuten überschätzen sich noch viel mehr“, manche spielen sich sogar zu richtigen Gurus, fast schon zu Sektenführern auf. Die gegenseitige Abneigung und Kompetenzüberschreitung ist somit manchmal nachvollziehbar.

Doch Priester und Psychotherapeut schließen einander nicht prinzipiell aus. Wenn jeder seine Grenzen kennt und einhält und beide nicht hypertroph agieren, können sie einander sogar perfekt ergänzen.

Die Rollenaufteilung muss eindeutig sein: Ein Psychotherapeut kümmert sich um die Befindlichkeit des Menschen. Seine Aufgabe ist es, den Patienten frei zu machen. Denn oftmals hat der Mensch seine Freiheit verloren, etwa durch Depressionen oder Ängste. Angst schränkt die persönliche Freiheit extrem ein. Der Therapeut muss dem Patienten somit seine Handlungsfähigkeit zurückgeben.

Der Seelsorger ist dafür zuständig, dem Menschen zu zeigen, was er mit seiner Freiheit anfangen kann. Denn nur, wenn der Mensch frei ist, dann kann er sich zwischen Gut und Böse entscheiden, dann kann er sich in Tugenden üben oder in der Sünde verfangen. Deswegen ist die geistliche Leitung dafür zuständig, im Menschen Gottesliebe zu entfachen, ihm Moral zu vermitteln und ihn zu Handlungen in diesem Sinne anzuleiten.



Braucht ein religiöser Patient einen religiösen Psychiater?

Auf die Frage, ob ein religiöser Mensch einen religiösen Psychiater braucht, antwortet Bonelli: „Er braucht vor allem einen guten Psychiater, vor allem jemanden, der seine Kompetenz nicht überschreitet. Ein Psychiater braucht eine Wertschätzung für das religiöse Leben und das Wissen, dass Religion den Menschen gut tut und auch darüber, was ihm helfen kann, schwierige Lebensereignisse zu überwinden.“

Achtung vor dem Glauben und der Religiosität des Patienten ist sehr wichtig und gleichzeitig hilfreich, denn die meisten Religionen bauen auf gewissen moralischen Grundregeln auf, die dem Menschen Richtlinie und Anleitung für ein gelungenes Leben sind.

Bonelli betreut auch muslimische Patienten und kann dabei genau dieses Phänomen beobachten. Ein muslimischer Patient fragte einmal begeistert, woher Bonelli den Koran kenne. Die schlichte Antwort darauf war: „Den hab ich nie gelesen“.

Schließlich sind religiöse Richtlinien wie die 10 Gebote für den Menschen und nicht gegen ihn gemacht. So stellte einmal ein Patient ohne religiösen Hintergrund fest, dass es „eigentlich irrsinnig mühsam sei und gar kein Spaß mache, drei Freundinnen neben der Ehefrau zu haben.“

Im Zuge einer Therapie arbeitet Bonelli gerne mit den Begriffen Bauch, Kopf und Herz. Der Bauch stellt in diesem sprachlichen Bild die Emotionen, die Leidenschaften und Gefühle dar. Menschen ohne Bauch seien keine wirklichen Menschen. Der Kopf ist die Vernunft. Er sucht nach der Wahrheit und beurteilt die Gefühle. Und schlussendlich gibt es das Herz, das mit dem Willen gleichgesetzt werden kann.

In der heutigen Zeit wird oft der Bauch mit dem Herzen verwechselt. Der Bauch ist das neue Orakel. Wenn man etwas fühlt, dann muss man darauf hören, vermittelt der Zeitgeist. Doch das ist gefährlich, denn Gefühle kommen und gehen, wechseln täglich und sind keine sichere Grundlage für Entscheidungen. Es gibt gute und schlechte Leidenschaften und der Bauch kennt keine Moral. Deswegen muss dann der Kopf die Vernunftgründe abwägen und schlussendlich das Herz eine Entscheidung fällen.

Es ist das Herz, mit dem wir lieben und mit dem wir beten. Mit dem Herzen können wir uns aus Liebe selbstlos hingeben, aber auch um des anderen willen verzichten. Letzteres ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich das Herz und nicht der Bauch zu Wort meldet, denn der Bauch schaut nur auf die eigenen Bedürfnisse, der Bauch kennt kein Du.

Bei dieser Metapher ist es wichtig klarzustellen, dass sich biologisch sowohl Kopf, als auch Bauch und Herz im Gehirn befinden. Der Bauch wäre mit dem Limbischen System zu vergleichen, das fähig ist, das Frontalhirn, also das Herz, zu manipulieren.

Macht Glaube neurotisch? Und: Was heißt überhaupt neurotisch?

Selbst die drei Begründer der Wiener Psychotherapieschulen sind hier unterschiedlicher Meinung: Sigmund Freud meinte, dass Neurosen entstehen, wenn Sexualität unterdrückt wird. Alfred Adler postulierte Neurosen als Minderwertigkeitsgefühle, als Machtlosigkeit, mit der man nicht klar kommt, und Viktor Frankl erklärte eine Neurose als Leiden am sinnlosen Leben.

Eine Neurose ist ein enges „In-sich-selbst-Gefangensein“, eine Angst um sich selbst, denn schlussendlich ist jede Angst in gewisser Weise egozentriert, meint Bonelli.

Neueste wissenschaftliche Studien beweisen, dass Religiosität dem Menschen zu 90% gut tut. Und was ist mit den restlichen 10%? Dazu muss man zwischen zwei verschiedenen Motivationen zur Religionsausübung unterscheiden:

Der intrinsisch motivierte Gläubige sucht nicht nach dem eigenen Vorteil, sondern achtet die Transzendenz hoch, unterwirft sich Gott und will der Religion dienen.

Dem extrinsisch Motivierte hingegen bedient sich der Religion. Er geht z.B. am Sonntag in die Messe, um gesehen zu werden, um seinen Ruf zu verbessern, um seine eigene Person zu präsentieren. Diese Menschen leiden unter ihrer „Religiosität“ und repräsentierten vermutlich die 10% derer, denen Religion nicht gut tut.

Zusammengefasst muss man sagen, dass Glaube nicht neurotisch macht, aber dass es sehr wohl eine neurotische Form zu glauben gibt. Da die Kirche barmherzig und offen für jeden Menschen ist, fungiert sie eben auch als Auffangbecken für etwas „verdrehte“ Personen.

Der Zeitgeist, der zur Selbstverwirklichung drängt, tut der Psyche nicht gut. Die religiöse Einstellung jedoch, nämlich nicht auf sich selbst, sondern auf den anderen zu schauen, ist dem Menschen sehr gemäß. Denn der Mensch genügt sich nicht allein. Er lebt von der Hingabe, der Beziehung zu anderen Menschen, dem Sich-Schenken. Das macht ihn viel glücklicher als das Beschenkt-werden.

Das kath.net-Video des Vortrags:


Foto (c) Raphael Bonelli


Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!

 





Lesermeinungen

Um selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen.

Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
kath.net verweist in dem Zusammenhang auch an das Schreiben von Papst Benedikt zum 45. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel und lädt die Kommentatoren dazu ein, sich daran zu orientieren: "Das Evangelium durch die neuen Medien mitzuteilen bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird." (www.kath.net)
kath.net behält sich vor, Kommentare, welche strafrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen. Die Benutzer können diesfalls keine Ansprüche stellen. Aus Zeitgründen kann über die Moderation von User-Kommentaren keine Korrespondenz geführt werden. Weiters behält sich kath.net vor, strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.


Mehr zu

Psychotherapie

  1. Psychiater Bonelli: 'Religion ist dem Menschen gemäß und tut gut'
  2. Demut und Religiosität helfen Krisen zu bewältigen
  3. Warum immer mehr Menschen seelisch erkranken
  4. Ordnung in den inneren Haushalt bringen
  5. Wenn Psychiater über die Beichte reden...
  6. Die Lüge ist ein schreckliches Drama
  7. Selbsterkenntnis oder Selbstbetrug?
  8. Psychotherapie: Ein Weg der Umkehr?







Top-15

meist-gelesen

  1. Ostern 2027 in Rom - Große kath.net-Leserreise!
  2. Neuerlich umstrittene Ehrung durch Kardinal Cupich
  3. Neue Vatikan-Kommunikationschefin Montserrat Alvarado gibt Einblick in ihre Ideen
  4. „Alles wieder in den Urzustand versetzen“: Das Oxford Oratory wird wieder einen Hochaltar errichten
  5. Wenn das Scrollen in die Gnade eintaucht
  6. Äthiopien: Mehr als 60 Tote bei Angriffen auf Christen
  7. Venezuela: Machado kehrt zurück und besucht Marienheiligtum
  8. Waffenruhe für Oleschky: Papst-Appell für besetzte Stadt greift
  9. Vatikan-Außenminister: Papstreise nach USA 2027?
  10. “As a bishop, my duty is to proclaim the faith of the Church”
  11. Erzbischof Marini über Johannes Paul II.: Er war für mich ein zweiter Vater
  12. ‚Ghost Soldier‘ – Action-Film mit Jim Caviezel in der Hauptrolle und Gebet zum Erzengel Michael
  13. ‚Big Bang Theory‘-Produzent warnt: Gesellschaften ohne Gott fallen in Tyrannei
  14. "Österreich-Feier" im Stephansdom mit Lichterprozession und Pummerin
  15. Der Tod unter dem Horizont der Auferstehung und die Hoffnung auf das ewige Leben

© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz