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Die verschwundenen Fahnen des Kirchenstaates

27. September 2011 in Chronik, 2 Lesermeinungen
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In diesen Tagen erhält der Vatikan die gelbweiße Flagge zurück, die bis zum 20. September 1870 bei der Porta Pia wehte. Von Ulrich Nersinger


Rom (kath.net/un) In Italien – und damit auch in den Päpstlichen Staaten – kamen in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts die Kokarden auf, Abzeichen aus Papier oder Stoff, die vor allem an militärischen Kopfbedeckungen getragen wurden. Die Farben nahm man meist aus dem Wappen oder der Wappenfahne des Landes. Rom und die Päpste hatten oft goldene Darstellungen auf rotem Grund in ihren Wappenfahnen. Daher wurde im Kirchenstaat eine Kokarde in den Farben Gelb und Rot üblich.

Zu Beginn des Jahres 1808 drangen die Truppen Napoleons auf ihrem zweiten Italienfeldzug in das weltliche Herrschaftsgebiet des Papstes ein und besetzten die Ewige Stadt. General Miollis, der Befehlshaber der französischen Soldaten, ordnete die Eingliederung der päpstlichen Truppen in die kaiserliche Armee an. Um die „Verbrüderung“ zu fördern, befahl er seinen Männern die französische Kokarde von ihren Hüten zu entfernen und sie durch die gelbrote der päpstlichen Soldaten zu ersetzen. Da Papst Pius VII. (1800-1823), nicht mehr über seine regulären Truppen verfügte, konnte er seinen Protest nur noch durch seine Palastwachen zeigen; er gab ihnen den Befehl, die gelbrote Kokarde mit einer gelbweißen zu tauschen.

Pius VII. wählte die Farben Gelb und Weiß, da durch sie seit altersher die Schlüssel des heiligen Petrus dargestellt wurden. Wenn die Päpste nach ihrer Wahl und Krönung von der Lateranbasilika, ihrer eigentlichen Bischofskirche, Besitz ergriffen, erhielten sie zwei Schlüssel überreicht, einen goldenen und einen silbernen. Die beiden Schlüssel symbolisieren die dem Apostel Petrus von Christus übertragene Vollmacht, zu lösen und zu binden. In der Heraldik entsprechen Gold und Silber den Farben Gelb und Weiß.


Die Päpstliche Nobelgarde nahm die alte Kokarde ab und steckte die neue an. Mit den neuen Farben zeigten sie sich nicht nur in ihrem Quartier und im Apostolischen Palast, sondern auch in der Stadt. Durch dieses Verhalten aufgebracht, besetzten die Franzosen das Quartier der Nobelgarde, das sich in der Nähe des Quirinals im Palast der Consulta befand. Sie verhafteten die adeligen Gardisten, um sie in der Engelsburg festzusetzen. Nur wenige Zeit später wurde dann auch die Schweizergarde entwaffnet, der Papst gefangengenommen und nach Frankreich verschleppt.

Nach dem Sturz Napoleons (1814) kehrte Pius VII. in die Ewige Stadt zurück. 1815 stellte der Wiener Kongress die alte Ordnung wieder her, und die Päpstlichen Staaten erschienen erneut auf der Landkarte Europas. Der Papst ordnete nun für alle seine Truppen die gelbweiße Kokarde an. Zehn Jahre später wurde durch Leo XII. (1823-1829) den Schiffen des Kirchenstaates eine neue Flagge vorgeschrieben: unterteilt in zwei Felder, gelb und weiß, in der Mitte die von der Tiara überhöhten gekreuzten Schlüssel Petri. Als erstes Armeekorps der Päpstlichen Staaten übernahm im Jahre 1831 die „Guardia Civica“ (Bürgermiliz) Gelb und Weiß in ihre Fahne; 1853 folgten als erste reguläre Einheiten der päpstlichen Armee die Regimenter der Linien-Infanterie; im letzten Jahrzehnt des Kirchenstaates erhielten die Zuaven (eine Art päpstlicher Fremdenlegion von Katholiken aus aller Welt) eine gelbweiße Regimentsfahne zugewiesen.

Am 20. September 1870 endete die weltliche Herrschaft der Päpste über Rom. Viele Fahnen des Kirchenstaates wurden von papsttreuen Bewohnern der Ewigen Stadt und der kleinen Armee des Heiligen Vaters in Sicherheit gebracht. Als die Fah¬nen der päpstlichen Einheiten am 21. September 1870, dem Tag nach der Okkupation Roms, dem Feind übergeben werden sollten, fehlten einige von ihnen, so auch die der Zuaven¬: Hauptmann Auguste de Fumel, ein Offizier des General¬stabes, hatte sie um seinen Oberkörper gewickelt und unter seinem Gewand ver¬steckt an den Italienern vorbeige¬tragen und nach Frankreich gerettet. Kanadische und niederländische Zuaven hatten Bataillonsfahnen in ihre Mäntel eingenäht und so in ihre Heimat gebracht.

Die gelbweiße Fahne, die über der Engelsburg wehte und als letzte der päpstlichen Flaggen nach der Eroberung Roms eingeholt worden war, verschwand, bevor die neuen Herren der Ewigen Stadt die Festung in Besitz nahmen. Mehr als hundert Jahre wurde sie von der Familie des Offiziers verwahrt, der die auf der Engelsburg stationierte Einheit der päpstlichen Artillerie befehligt hatte. Als Johannes Paul II. 1985 die norditalienische Hafenstadt Ge¬nua auf einer Pastoralreise besuchte, er¬hielt er die Fahne von der Fa¬milie Boggiano Pico feierlich überreicht.

Am 29. September 2011 begeht das Gendarmeriekorps des Vatikanstaates, das sich unter den himmlischen Schutz des Erzengels Michael gestellt hat, sein Patronatsfest. Im Verlauf der Feier, bei der auch neue Gardisten vereidigt werden, wird der römische Fürst Sforza Ruspoli dem Vatikan die gelbweiße Kriegsflagge des Kirchenstaates zurückerstatten, die noch am 20. September 1870 bei der Porta Pia geweht hatte. Eine Verwandte des Aristokraten, Donna Cristina Ruspoli, verheiratet mit Napoleone Carlo Bonaparte, einem Großneffen Kaiser Napoleons I., hatte in einer Villa in unmittelbarer Nähe des Tores gewohnt, bei dem italienische Truppen eine Bresche in die Mauer geschlagen hatten und in die Stadt eingedrungen waren. Cristina Ruspoli hatte die von Gewehrsalven durchschossene Fahne unter Lebensgefahr an sich genommen und ihrer Familie anvertraut.

Die gelbweiße Flagge der Porta Pia wird wohl nicht die letzte sein, die zu ihrem ehemaligen Besitzer zurückkehrt. Italienische Historiker und auch die Kuratoren des „Museo Storico Vaticano“ sind sich sicher, dass auch in Zukunft noch so manche bislang verschollene Fahne des Papstes gefunden werden wird.


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Lesermeinungen

 Richelius 28. September 2011 
 

Die alten päpstlichen Farben waren gold-purpur nicht gold-rot.


0
 
 1Pace 27. September 2011 

Übrigens

Zitat Da Papst Pius VII. (1800-1823), nicht mehr über seine regulären Truppen verfügte, konnte er seinen Protest nur noch durch seine Palastwachen zeigen; er gab ihnen den Befehl, die gelbrote Kokarde mit einer gelbweißen zu tauschen. Zitat Ende – Damit wurde in der Not eine Regel der Farbgebung (Tingierung) in Fahnen und Wappen gebrochen, die im sogenannten heraldischen Kodex enthalten ist. Diese Regel besagt, dass in einem Wappen Metalle (Silber = Weiß in der Fahne, Gold = Gelb in der Fahne) nicht an andere Metalle grenzen dürfen, und Farben nicht an Farben (Rot, Blau, Schwarz, Grün, seltener Purpur, Braun, Grau).
http://de.wikipedia.org/wiki/Heraldik#Heraldische_Farbgebung
Die vatikanische Flagge, in der Gold an Silber grenzt, stellt somit – ebenso, wie die deutsche, in der Schwarz an Rot grenzt, heraldisch gesehen eine „außer-ordentliche“ Besonderheit dar.


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