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Die öffentliche Meinung gewann einen üblen Eindruck von mir

15. Mai 2010 in Buchtipp, keine Lesermeinung
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Jeden Samstag im Mai auf kath.net: Exkluse Leseproben von "Apologia pro vita sua" von John Henry Kardinal Newman – diesmal aus seinem eigenen Vorwort


München (kath.net) Die Apologia ist zweifellos einer der größten literarischen und spirituellen Klassiker. Der Autor berichtet über die Geschichte seiner Konversion, angefangen von den Erfahrungen in seiner Kindheit bis er schließlich - nach Jahren des Studiums und der Abwägung - mit Überzeugung der römisch-katholischen Kirche beitrat.

Aus dem Vorwort von „Apologia pro vita sua“:

Die Geschichte meiner religiösen Überzeugungen, die hier folgt, ist aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang losgelöst und erfordert deshalb als Einleitung einige Erläuterungen. Sie sollen den Leser zunächst im Allgemeinen in sie einführen, dann aber ihm vor allem verständlich machen, wie ich dazu kam, ein ganzes Buch über mich selbst und meine persönlichen Gedanken und Gefühle zu schreiben.

Wäre mein eigenes Empfinden ausschlaggebend, so hätte jede Spur der Umstände, die zu diesem Buch geführt haben, getilgt und der Vergessenheit anheimgegeben werden müssen. Allein sein ursprünglicher Titel Apologia ist zu sehr durch Inhalt und Aufbau geprägt, Inhalt und Aufbau sind wieder für die entsprechenden Umstände zu maßgebend und diese Umstände zu ernsten Charakters, als dass ich einem so natürlichen Wunsch nachgeben dürfte.


Wenn ich daher bei dieser neuen Ausgabe annähernd Hundert Seiten der ersten Ausgabe ausließ, von denen ich überzeugt sein konnte, dass sie nur im Augenblick von Bedeutung sind, so nahm ich eben damit die Verpflichtung auf mich, die Leser über den Angriff aufzuklären, dem das Werk sein Entstehen verdankt, und ihnen mitzuteilen, warum jener Teil fehlt.

Mehr als zwanzig Jahre sind es nun her, dass die öffentliche Meinung, ohne sich über meine Person im Klaren zu sein, den üblen Eindruck von mir gewann, mein Verhalten gegenüber der anglikanischen Kirche sei – in der Zeit meiner Zugehörigkeit – mit christlicher Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit nicht vereinbar gewesen.

So wie sich die Fakten darstellten, musste es fast diesen Anschein haben: Ein Mann, der mit aller Schärfe gegen eine Sache geschrieben und mit diesen Schriften eine Partei um sich gesammelt hatte, weicht in seiner Opposition Schritt für Schritt zurück, widerruft seine Worte, bringt seine Freunde in Verlegenheit und ihre Tätigkeit in Verwirrung und wird zuletzt auf der Seite derer gefunden, denen er so herzhaft zugesetzt hatte.

Öffentlichen Anschuldigungen gegenüber war ich immer empfindlich, aber ich geriet derentwegen nicht in Zorn, denn ich betrachtete sie, auch wenn sie mein Leben lang fortdauern sollten, als einen Teil der Strafe, die ich für meinen Religionswechsel natürlicher- und gerechterweise zu tragen hatte. Ich überließ ihre Widerlegung der Zukunft, wenn persönliche Gefühle nicht mehr im Wege stehen würden und Schriftstücke ans Licht kämen, die einstweilen in Schränken eingeschlossen oder im Land verstreut waren.

So dachte ich viele Jahre lang. Da sah ich mich zu Beginn des Jahres 1864 unerwartet gezwungen, mich öffentlich zu verteidigen und hatte Gelegenheit, meine Sache mit der besten Aussicht auf unparteiisches Gehör vor der Welt zu rechtfertigen. Der Vorfall war überraschend gekommen. Darum hatte ich allen Grund zur Sorge, wie ich einer so ernsthaften Aufgabe gerecht werden sollte.

Allerdings war ich mir längst darüber im Klaren, dass ich einer offenen Herausforderung vonseiten einer namhaften Persönlichkeit entgegentreten müsse. Ein solcher Fall war nicht sehr wahrscheinlich, aber nun war er eingetreten. Die Gelegenheit der öffentlichen Verteidigung kehrte vielleicht nie wieder. Sie nicht sofort zu ergreifen, hieß tatsächlich, meine Sache preiszugeben.

Ich griff also zu. Später hat sich herausgestellt, dass der Mangel an Zeit bezüglich wissenschaftlicher Feststellungen mir bei dem unparteiisch urteilenden Publikum als Entschuldigung diente für die Unvollkommenheiten meines Werkes, die aus meinem Mangel an Muße herrührten.


APOLOGIA PRO VITA SUA
Geschichte meiner religiösen Überzeugungen
John Henry Kardinal Newman
13,5 x 20,5 cm, gebunden, 448 Seiten
Euro 25,60

Mit einem Beitrag von Joseph Kardinal Ratzinger, Papst Benedikt XVI

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