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Der Gärtner der Liturgie

12. Juli 2007 in Interview, keine Lesermeinung
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KATH.NET-Exklusiv-Interview mit dem Liturgieexperten P. Michael Lang über Liturgie, Volksaltar-Diskussionen, Ostung von Kirchen und das Motu Proprio Summorum Pontificum.


Rom (www.kath.net)
Das Motu Proprio zeige deutlich den Willen „zur vollständigen Einheit mit den Anhängern der Lefebvre-Bewegung“, und es sei zu wünschen, „dass diese große Geste von der Piusbruderschaft mit offenem Herzen aufgenommen wird“. Das meinte der Liturgie-Fachmann P. Michael Lang im KATH.NET-Interview.

Er zitierte Kardinal Joseph Ratzinger, der einmal festhielt, der Papst habe „der Liturgie gegenüber die Funktion des Gärtners [hat], nicht des Technikers, der neue Maschinen baut und alte zum Gerümpel wirft“.

P. Lang ist Priester im Oratorium des heiligen Philipp Neri in London, Dozent am Heythrop College, London und Autor des Buches „Conversi ad dominum“. KATH.NET sprach mit ihm über Liturgie, Debatten um den Volksaltar, die Ostung von Kirchen und das Motu Proprio.

KATH.NET: Wie wichtig ist die Liturgie für die Kirche? Was bedeutet Liturgie?

P. Lang: Das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet die Liturgie als den „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (Sacrosanctum Concilium, 10). In der Regel des hl. Benedikt heißt es, dass „dem Gottesdienst nichts vorzuziehen“ sei. Die Feier der Liturgie ist ein wesentlicher Vollzug des kirchlichen Lebens, und das nicht allein deshalb, weil es in erster Linie die Sonntagsmesse ist, in der die meisten Katholiken – und nicht nur diese – die Kirche „erleben“, wenn man das so sagen kann.

Der Grund dafür, dass dem Gottesdienst eine solche Bedeutung zukommt, ist in der Liturgiekonstitution des Konzils treffend benannt worden: „In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, ‚vollzieht sich das Werk unserer Erlösung‘, und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird“ (Sacrosanctum Concilium, Art. 2).

Mit dem Wort, dass sich in der Feier der Eucharistie „das Werk unserer Erlösung vollzieht“ (opus nostrae redemptionis exercetur) nimmt der Konzilstext Bezug auf eines der prägnanten Gebete des Römischen Ritus, das schon vom hl. Thomas von Aquin in seiner Behandlung des Messopfers herangezogen wurde. Damit stellen sich die Konzilsväter bewusst in die Kontinuität der kirchlichen Überlieferung.

In dieser dicht formulierten Passage aus Sacrosanctum Concilium wird auch festgehalten, dass die Liturgie in einem inneren Verhältnis zur Wahrheit des Glaubens steht. Aus dem fünften Jahrhundert stammt ein Wort, das oft in der vereinfachten Form „Lex orandi, lex credendi“ zitiert wird: in dem „Gesetz des Betens“ drückt sich das „Gesetz des Glaubens“ aus. Auf diesen Zusammenhang von Liturgie und Glaube der Kirche verweist auch der Heilige Vater in seinem Motu Proprio Summorum Pontificum.

In seinem Buch Der Geist der Liturgie aus dem Jahr 2000, übrigens der einzigen Monographie, die er als Präfekt der Glaubenskongregation verfasste, schreibt Papst Benedikt eindrücklich von der Bedeutung der rechten Weise, Gott zu verehren. Es geht hier um eine Form des öffentlichen Kultes, die Gottes Wesen und Wirklichkeit gemäß ist.

Die Liturgie ist eine Einübung darin, über unsere menschliche Schwäche und Begrenztheit hinaus dem Herrn, der uns die Gnade seiner realen Gegenwart im Sakrament des Altars schenkt, entgegenzugehen. Der Gottesdienst soll uns auf eine Art und Weise, die über die bloßen Worte hinausreicht, zu der Einsicht führen, dass unsere Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten ihre Erfüllung in der alles übersteigenden Wirklichkeit Gottes findet.

„Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Heb 13,8), und daher muss die liturgische Feier vor allem anderen bezogen sein auf den Herrn, der von sich selbst sagte, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6). Dies gilt besonders für die hl. Messe, in der des Geheimnisses von Jesu Leiden, Tod und Auferstehung nicht nur gedacht (gleichsam als Erinnerung an die zentralen Glaubenswahrheiten), sondern es in seiner ganzen Herrlichkeit gegenwärtig gesetzt wird zum Segen und Heil für die Gläubigen.

KATH.NET: In einer österreichischen Diözese gibt es seit ein paar Wochen eine Volksaltar-Diskussion. Sie haben auch in Ihrem Buch „Conversi ad Dominum“ das Thema aufgegriffen. Immer wieder wird auch das 2. Vaticanum bei dem Thema bemüht. Was sagt das 2. Vaticanum wirklich zu dem Thema?

P. Lang: Seit der Liturgiereform nach dem Konzil ist es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zur Regel geworden, dass der Priester bei der Feier der Eucharistie hinter einem freistehenden Altar steht im Gegenüber zu den Gläubigen steht. So ist nicht nur in der kirchlichen Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, die Stellung des Zelebranten „zum Volk hin“ (versus populum) in der gesamten Messfeier sei vom II. Vaticanum gefordert, ja sogar vorgeschrieben. Mittlerweile hat sich jedoch herumgesprochen, dass weder in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium noch in anderen Konzilstexten von einer Zelebration „zum Volk hin“ oder von der Errichtung neuer Altäre die Rede ist.

Die nachkonziliaren Instruktionen zur Liturgiereform bezeichnen es als wünschenswert, dass der Hauptaltar einer Kirche freistehend sei, damit er leicht umschritten werden könne und eine Zelebration zum Volk hin gewandt möglich sei. Keineswegs wird damit gesagt, dass Wendung des Priesters „zum Volk hin“ immer und überall die bestmögliche Art der Messfeier sei.

An Stimmen, die sich Bedenken gegenüber zum Siegeszug der Zelebration versus populum äußerten, fehlte es übrigens schon in den sechziger Jahren nicht. Hier sind der Innsbrucker Liturgiewissenschaftler Josef Andreas Jungmann S.J. und der französische Oratorianer Louis Bouyer zu nennen, sowie auch der junge Konzilstheologe Joseph Ratzinger.

KATH.NET: Warum sollen Kirchen eigentlich geostet sein? Was steckt dahinter?

P. Lang: Aus historischer Perspektive muss zunächst berücksichtigt werden, dass sich Christen allgemein schon in frühester Zeit beim Gebet nach Osten wandten. Sowohl für das private Beten wie auch für die Feier der Liturgie galt, dass man nicht mehr dem jüdischen Brauch folgte und sich nach dem irdischen Jerusalem ausrichtete, sondern nach dem neuen Jerusalem, der himmlischen Stadt, die der auferstandene Herr aus der Sammlung seiner Erlösten bilden wird, wenn er wiederkommen wird in Herrlichkeit.

Als angemessener Ausdruck für diese Hoffnung auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit wurde unter den frühen Christen im Anschluss an verschiedene Stellen der Hl. Schrift (Maleachi 3,20, Lukas 1,78) die aufgehende Sonne betrachtet. Die Gebetsostung wurde in den folgenden Jahrhunderten bestimmend für Liturgie und Kirchenbau. Bis in das späte Mittelalter galt, dass die Apsiden von Kirchen mit ihren Altären nach Osten ausgerichtet wurden, wo immer dies möglich war. Bei der Eucharistiefeier waren sowohl der Priester am Altar als auch die Gläubigen nach Osten gerichtet.

Die gemeinsame Gebetsrichtung in der Liturgie ist der nahezu allgemeine Brauch der lateinischen Kirche bis in die jüngste Zeit gewesen und stellt in den Kirchen der byzantinischen, syrischen, armenischen, koptischen und äthiopischen Tradition noch immer die Regel dar. Die liturgische Überlieferung und die gegenwärtige Praxis aller nicht-unierten und der meisten unierten Ostkirchen kennen eine gemeinsame Gebetsrichtung von Priester und Gemeinde zumindest bei der Anaphora.

Dass bei einigen unierten Ostkirchen, vor allem in der Diaspora, tatsächlich die Zelebration versus populum eingeführt wurde, geht auf nachkonziliaren westlichen Einfluss zurück und stellt eine Entfremdung von den eigenen Traditionen dieser Kirchen dar, wie z. B. bei den Maroniten und den Syro-Malabaren.

Die zuständige römische Kongregation für die Ostkirchen hat im Jahr 1996 eindrücklich darauf hingewiesen, dass die Feier der Liturgie „nach Osten hin“ eine von alters her überlieferte, bedeutungsvolle und lebendige Tradition darstellt, die im Bereich der mit Rom unierten orientalischen Kirchen zu bewahren ist.

Selbst dort, wo es zu einem Gegenüber von Priester und Gläubigen gekommen ist, was für altchristliche Kirchen mit Eingangsostung vor allem in der Stadt Rom und in Nordafrika gilt, kann man zumindest für den Messkanon einen visuellen Kontakt ausschließen, denn alle beteten mit erhobenen Armen und nach oben gerichtetem Blick.

In der Antike und im frühen Mittelalter wäre es den Menschen sonderbar vorgekommen, das Schauen auf das Tun des Zelebranten mit wirklicher Teilnahme am Gottesdienst gleichzusetzen. Jedenfalls war dem christlichen Altertum die Zelebration „zum Volk hin“ im heutigen Sinne unbekannt, und es wäre ein Anachronismus, als Prototyp dieser Feier die Praxis der römischen Basiliken mit Eingangsostung, wie etwa St. Peter im Vatikan, heranzuziehen.

Dabei kommt die geschichtlich früh bezeugte, weithin übliche Ostung von Priester und Gemeinde in der Messfeier nicht von ungefähr. Es handelt sich um eine bewusste Hinwendung zu Gott im Gebet, die in besonderem Zusammenhang mit dem eucharistischen Opfer steht: Angeführt durch den Priester tritt das pilgernde Gottesvolk vor den Herrn.

Der unbestreitbare Vorzug der gemeinsamen Gebetsrichtung liegt in dieser Bewegung des Hintragens, wodurch der Opfercharakter der Eucharistie zur Geltung kommt. Die Plausibilität der von Jungmann formulierten These von einer sachgemäßen Beziehung zwischen dem Opfercharakter der Eucharistie und der gemeinsamen Gebetsrichtung ist nach meiner Meinung nicht von der Hand zu weisen.

Gerade die pastorale Erfahrung der letzten vier Jahrzehnte lehrt uns, dass dieser Zusammenhang tatsächlich besteht, denn es kann kaum bestritten werden, dass mit der Zelebration „zum Volk hin“ auch das allgemeine Verständnis der Messfeier als der Vergegenwärtigung und Darbringung des einzigen Opfers Christi stark geschwunden ist.

Ich will nicht sagen dass die Änderung der Zelebrationsrichtung der einzige Grund für diese Entwicklung sei. Doch sei immerhin in Erinnerung gerufen, dass zugunsten der neuen Zelebrationsrichtung immer wieder das Anliegen vorgebracht wurde, das verlorengeglaubte Verständnis der Eucharistie als heiliges Mahl wiederzugewinnen.

Man muss heute nüchtern feststellen können, dass eine allzu einseitige Betonung der Messfeier als Gemeinschaftsmahl stattgefunden hat und der Eigenart der Eucharistie als „ein sichtbares (wie es die Natur des Menschen erfordert) Opfer“, wie es das Konzil von Trient fasst, nicht genüge getan worden ist.

Dabei bezeichnet Louis Bouyer die Vorstellung von der Eucharistie als Mahl im Gegensatz zur Auffassung der Eucharistie als Opfer völlig zurecht als einen fabrizierten Dualismus, der von der liturgischen Tradition her gesehen absurd erscheint. Opfer und Mahl gehören zusammen, das eine ist die Voraussetzung für das andere.

Papst Benedikt stellt in seinen Schriften zur Liturgie auch den wesentlich trinitarischen Charakter der Liturgie heraus. Jede Feier der Hl. Messe ist Gebet zum Vater durch Christus im Hl. Geist. Wie lässt sich diese innere Haltung am besten sinnenhaft in der liturgischen Gebärde ausdrücken? Wenn wir mit jemandem sprechen, so wenden wir uns ihm selbstverständlich zu.

Für die liturgische Versammlung gilt entsprechend, dass das Gebet von Priester und Volk eine gemeinsame Richtung auf den göttlichen Adressaten. Die geläufigen Redewendungen „zum Volk hin“ oder „mit dem Rücken zum Volk“ schließen geraden denjenigen aus, an den sich alle in Gebet und Opfer wenden: Gott den Herrn.

Auch für die ordentliche Form des römischen Messritus – wie man mit dem Motu Proprio Summorum Pontificum wohl sagen muss – halte ich es für empfehlenswert, dass der Priester bei der eucharistischen Liturgie im engeren Sinne, besonders dem Hochgebet, gemeinsam mit den Gläubigen „zum Herrn hin“ betet – ob es sich um eine wirkliche oder eine „ideelle“ Ostung handelt.

Diese Empfehlung gilt besonders für historische Kirchen, wo oft ein künstlerisch bedeutender Hochaltar das dominierende Element des gesamten Raumes darstellt. Papst Benedikt schreibt in Der Geist der Liturgie: „Der Altar ist gleichsam der Ort des aufgerissenen Himmels; er schließt den Kirchenraum nicht ab, sondern auf – in die ewige Liturgie hinein“.

KATH.NET: Was erwarten Sie sich von dem soeben veröffentlichten Motu proprio über die Freigabe der sogenannten „Alte Messe“ für alle Priester?

P. Lang: Das Motu Proprio Summorum Pontificum habe ich mit großer Freude und Dankbarkeit aufgenommen. Die historische Tragweite dieser Entscheidung können wir vielleicht noch gar nicht ermessen. „Versöhnung“ scheint mir das Schlüsselwort sowohl in dem Motu Proprio selbst als auch in dem Begleitschreiben des Papstes an die Bischöfe der Welt zu sein, und zwar in erster Linie Versöhnung der Kirche mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Es ist von größter Bedeutung, dass der Heilige Vater ausdrücklich festhält, der Alte Ritus nach dem Messbuch des sel. Johannes XXIII. aus dem Jahr 1962, sei niemals rechtlich „abgeschafft“ oder einfach „ersetzt“ worden.

Diese klare Wegweisung muss vor dem Hintergrund der Situation des kirchlichen Lebens in den letzten Jahrzehnten verstanden waren, in denen immer wieder das Gegenteil davon behauptet wurde. Dem Alten Ritus wurde der Ruch des Verbotenen, ja Schädlichen angehängt. Allein schon aus psychologischer Sicht muss sich ein solch radikaler Bruch mit der eigenen Vergangenheit fatal auswirken. Die sogenannte „tridentinische Messe“ hat unzählige Generationen von Gläubigen begleitet und getragen hat und vielen großen Heiligen geistliche Nahrung gegeben.

Der Heilige Vater schreibt in seinem Brief an die Bischöfe: „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein. Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind, und ihnen ihren rechten Ort zu geben“.

Mit diesen klaren Worten hat der Papst den selbstzerstörerischen Tendenzen innerhalb der Kirche jetzt Einhalt geboten. In der Liturgie gibt es „Wachstum und Fortschritt“ – man denke etwa an die Einführung des Fronleichnamsfestes – „aber keinen Bruch“.

Übrigens ist die Bezeichnung „tridentinische Messe“ unglücklich, weil es sich bei dem Missale Romanum, das von Papst Pius V. im Jahr 1570 herausgegeben wurde, um eine behutsame Revision der älteren liturgischen Bücher handelte, wobei den Rubriken die Gepflogenheiten der Messfeier in der römischen Kurie zugrundegelegt wurden.

Die Substanz der Messtexte, besonders die Gebete und die Lesungen für den Sonntagszyklus, gehen im wesentlichen auf die Zeit Papst Gregors des Großen (590-604) zurück und sind teilweise sogar noch älter. Der Schriftsteller Martin Mosebach hat einmal sehr treffend bemerkt, imgrunde müssten wir von der „Liturgie des hl. Gregor des Großen“ sprechen in Anlehnung an die „Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus“ in den Ostkirchen.

Der Papst stellt auch heraus, dass das Verlangen nach der Alten Messe nicht nur bei Menschen der älteren Generation, die mit diesem Ritus aufgewachsen sind, anzutreffen sei. Ganz im Gegenteil, viele junge Menschen haben diese liturgische Form entdeckt, was etwa die Teilnahme von etwa 1000 Jugendlichen an der internationalen Delegation von „Juventutem“ beim Weltjugendtreffen in Köln 2005 gezeigt hat.

Vor allem in Frankreich und den USA gibt es sehr lebendige altrituelle Gemeinden, mit vielen jungen Familien. Das ist keine Nostalgie, sondern eine wirkliche Liebe zur überlieferten Liturgie, die zur Quelle des christlichen Lebens wird.

Wie Papst Benedikt auch sehr offen sagt, ist es seit der Liturgiereform „oft zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie“ gekommen. Er fügt hinzu: „Ich spreche aus Erfahrung, da ich diese Phase in all ihren Erwartungen und Verwirrungen miterlebt habe.

Und ich habe gesehen, wie tief Menschen, die ganz im Glauben der Kirche verwurzelt waren, durch die eigenmächtigen Entstellungen der Liturgie verletzt wurden“. Diese Sorge des Nachfolgers Petri müssen wir ernst nehmen. Meines Erachtens ist seine Analyse korrekt: Es steht vielerorts nicht gut um die katholische Liturgie.

Die Liturgiereform wurde am grünen Tisch konzipiert – das beste Zeugnis hierfür ist die Autobiographie von Erzbischof Annibale Bugnini, dem Architekten der Liturgiereform –und wurde überstürzt in die Praxis umgesetzt. Seither hat ein weithin umgreifender Wildwuchs eingesetzt, der auch bei vielen, deren Treue zum II. Vaticanum nicht in Zweifel gezogen werden kann, Skepsis genährt hat, ob die Prinzipien, nach denen die Feier des Gottesdienstes umgestaltet worden ist, der überlieferten Glaubenspraxis gerecht werden können oder ihr nicht teilweise sogar fremd seien.

Als Theologe hat Joseph Ratzinger auf diese begründeten Fragen mit der Forderung nach einer „Reform der Reform“ geantwortet. Die Schwierigkeit eines solchen Unternehmens ist, dass Liturgie nicht „gemacht“ wird, auch nicht mit den besten Absichten, sie entfaltet sich und wächst „organisch“. Auch eine „Reform der Reform“ kann man nicht fabrizieren, denn damit würde man ähnliche Fehler begehen, wie sie in der nachkonziliaren Liturgiereform geschehen sind.

In seiner Rezension des Buches The Organic Development of the Liturgy von Alcuin Reid hat der damalige Kardinal Ratzinger im Frühjahr 2005 und damit kurz vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri geschrieben, dass der Papst „der Liturgie gegenüber die Funktion des Gärtners [hat], nicht des Technikers, der neue Maschinen baut und alte zum Gerümpel wirft“.

Mit seinem Motu Proprio Summorum Pontificum – der Fortführung des Motu Proprio Ecclesia Dei von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1988 – erweist sich Papst Benedikt als kluger Gärtner im Weinberg des Herrn. Das Missale von 1962 kehrt als „Forma extraordinaria“ des römischen Ritus wieder dorthin zurück, wo es hingehört, nämlich mitten in das Leben der Kirche, während das Missale Pauls VI. die „Forma ordinaria“ bleibt.

Dabei wünscht sich der Papst, dass sich „beide Formen des Usus des Ritus Romanus gegenseitig befruchten: Das alte Messbuch kann und soll neue Heilige und einige der neuen Präfationen aufnehmen“. Auch das wäre ein Schritt in die Normalität, den der Heiligenkalender ist in den vier Jahrhunderten zwischen Pius V. und Johannes XXIII. immer wieder verändert worden. Die Einführung einiger neuer Präfationen wäre sicher auch ein Gewinn.

Was noch wichtiger ist: „In der Feier der Messe nach dem Missale Pauls VI. kann stärker, als bisher weithin der Fall ist, jene Sakralität erscheinen, die viele Menschen zum alten Usus hinzieht. Die sicherste Gewähr dafür, dass das Missale Pauls VI. die Gemeinden eint und von ihnen geliebt wird, besteht im ehrfürchtigen Vollzug seiner Vorgaben, der seinen spirituellen Reichtum und seine theologische Tiefe sichtbar werden lässt“. Wenn sich die Feier der „Forma ordinaria“ von der Sakralität der „Forma extraordinaria“ inspirieren lässt, so haben wir schon einen entscheidenden Schritt hin zu einer „Reform der Reform“ getan.

Schließlich hoffe ich, dass mit der Freigabe der Alten Messe auch eine Versöhnung mit Piusbruderschaft auf den Weg gebracht werden kann. Das Motu Proprio zeigt deutlich den Willen des Nachfolgers Petri, die vollständige Einheit mit den Anhängern der Lefebvre-Bewegung zu finden, und es ist zu wünschen, dass diese große Geste von der Piusbruderschaft mit offenem Herzen aufgenommen wird.

KATH.NET: Herzlichen Dank.

P. Michael Lang ist Priester im Oratorium des hl. Philipp Neri in London, Dozent am Heythrop College, London und Autor des Buches Conversi ad dominum

MOTU PROPRIO SUMMORUM PONTIFICUM

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Summorum Pontificum

Foto: (c) SIR



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