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Theologe: Lateinamerikas Kirche verliert geistlichen Fokus, Glaubensthemen stets unberücksichtigt

19. Juli 2025 in Weltkirche, 9 Lesermeinungen
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Scharfe Kritik des Befreiungstheologie-Wegbereiters Clodovis Boff (Bruder von Leonardo Boff) an Bischofsrat CELAM: Fokus liegt fast ausschließlich auf sozialen Fragen, Glaubensthemen stets unberücksichtigt


Brasilia (kath.net/KAP) Die Rückbesinnung auf zentrale christliche Glaubensinhalte hat der brasilianische Theologe und frühere Wegbereiter der Befreiungstheologie, P. Clodovis Boff (81), vom Lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM eingefordert. In einem offenen Brief, den er als Reaktion auf die im Mai stattgefundene 40. Generalversammlung von CELAM in Rio de Janeiro verfasst hat, kritisiert Boff, dass sich die lateinamerikanische Kirchenführung in der Gegenwart wie auch in den vergangenen Jahrzehnten nahezu ausschließlich auf soziale Fragen fokussiere. Zentrale Glaubensinhalte wie Christus, Gebet, Gnade, Leben nach dem Tod, Marienverehrung oder Bekehrung würden dabei vernachlässigt.

Boff, der einst zusammen mit seinem Bruder Leonardo (86) maßgeblich die Befreiungstheologie geprägt hat, distanziert sich bereits seit 2007 von deren ursprünglicher Ausrichtung. Damals warnte er, die Bewegung habe die Armen zum Ersatz für Christus gemacht, statt Christus in den Vordergrund zu stellen. Auch nun beklagte er, die Kirche laufe Gefahr, sich von ihrer geistlichen Mitte zu entfremden: "Wenn das Haus brennt, darf jeder rufen", begründete Boff seine Wortmeldung. Er sehe "ein wahrhaft ernstes Risiko" für die Kirche, "ihr geistliches Wesen zu verlieren".


In seinem Schreiben verweist Boff auch auf Papst Leo, der in einem Begleitbrief an den CELAM zur Erneuerung christlicher Hoffnung und zur Verkündigung des Heils in Christus aufgefordert habe. Laut Boff seien diese Hinweise ungehört geblieben: Auch die jüngste CELAM-Erklärung habe die bestehenden sozialen Herausforderungen wie Armut, Gewalt, Migration und Umweltzerstörung in den Vordergrund gerückt - womit die Analyse der Bischöfe kaum über das hinausgehe, was Journalisten oder Soziologen längst feststellten.

In einer nach Spiritualität suchenden Welt, die zunehmend genug habe vom Säkularismus, bleibe die Kirche damit hinter ihren Möglichkeiten zurück und gebe den Menschen nicht die benötigte geistliche Nahrung, sondern speise sie mit "Krümeln" ab. Die Bischöfe hörten zwar die "Schreie des Volkes", aber sie reagierten nicht auf den tiefsten Schrei dieser Zeit, welcher jener nach Gott sei. Darauf zu antworten, sei jedoch gerade die eigentliche Berufung der Kirche, wofür Lösungsansätze einer "frommen NGO" nicht ausreichten. Als Folge schrumpfe in Lateinamerika die katholische Mehrheit weiterhin - allen voran in Brasilien, das sich zum "größten Ex-Katholiken-Land der Welt" entwickle.

Besorgt zeigte sich Boff auch über die wachsende Kluft zwischen Klerus und Gläubigen. Während Laien zunehmend stolz Zeichen ihres Glaubens wie Kreuze, Medaillen oder religiös bedruckte Kleidung trügen, verzichteten viele Priester und Ordensleute heute bewusst auf sichtbare religiöse Symbole. Diese Entfremdung in der äußeren Erscheinung sei sinnbildlich für eine tiefere geistliche Krise innerhalb der Kirche, die sich auch in ihrer pastoralen Sprache zeige.

Als Alternative forderte der Ordensmann einen "überwältigenden Christozentrismus", wie ihn Papst Johannes Paul II. beschrieben habe. Die Kirche müsse Christus ins Zentrum ihres Denkens, Handelns und ihrer Verkündigung stellen, um den tieferen geistlichen Hunger der Menschen zu stillen. Die Bischöfe sollten die sehr wohl bestehenden Aufbrüche und "Keime" besser wahrnehmen, die Boff insbesondere in den erneuerten Pfarreien sowie in den neuen Bewegungen und Gemeinschaften verortete. Dass hier die Zukunft liege, erkenne man darin, "dass wir im sozialen Bereich fast nur noch 'Menschen mit weißen Haaren' sehen, während wir im geistlichen Bereich eine regelrechte Hinwendung der Jugend zur Spiritualität erleben".

Die Reaktion auf den Brief fiel verhalten aus. Boff zufolge habe lediglich Kardinal Jaime Spengler, der Präsident von CELAM und einst Schüler des Paters, auf das Schreiben reagiert und sich offen für die geäußerte Kritik gezeigt. Auch die brasilianische Bischofskonferenz CNBB habe sich gemeldet, berichtet das US-Portal "National Catholic Register".

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