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Geschwister Scholl: Mit Kardinal Newman gegen die Nazis

25. September 2019 in Chronik, 2 Lesermeinungen
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‚Wir schweigen nicht, wir sind euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!’ Diese Worte aus einem Flugblatt der ‚Weißen Rose’ dürften direkt von Kardinal Newman inspiriert sein, schreibt Paul Shrimpton.


München (kath.net/jg)
Für John Henry Newman (1801-1890) ist das Gewissen „der ursprüngliche Statthalter Christi“ im Menschen. Dieses Verständnis des Gewissens und der Verantwortung bewahrt vor einer totalitären Vereinnahmung des Menschen, schreibt Paul Shrimpton in einem Artikel für den Catholic Herald. (Siehe Link am Ende des Artikels)

Er zitiert Joseph Ratzinger, der im Rückblick auf sein Theologiestudium kurz nach dem Zweiten Weltkrieg festgestellt hatte, dass die Lehre Newmans über das Gewissen eine wichtige Grundlage für den „theologischen Personalismus“ geworden sei. Er und seine Kommilitonen hätten die Ansprüche einer totalitären Partei erlebt, die sich als Erfüllung der Geschichte verstanden und das Gewissen des Einzelnen geleugnet habe. Ratzinger zitiert den Hermann Göring zugeschriebenen Satz: „Ich habe kein Gewissen. Mein Gewissen ist Adolf Hitler.“

Es sei daher sowohl befreiend als auch wesentlich für ihn und seine Mitstudenten gewesen, dass das „Wir“ der Kirche nicht die Aufgabe des persönlichen Gewissens voraussetze, sondern das Gegenteil davon. Es könne sich nur vom Gewissen her entwickeln. Weil Newman die Existenz des Menschen vom Gewissen her verstand, das heißt vom Verhältnis zwischen Gott und Seele, sei es klar gewesen, dass dieser Personalismus kein Individualismus sei. Bindung durch das Gewissen heiße eben nicht, willkürliche Entscheidungen treffen zu können, sondern das Gegenteil.


In Newmans „Letter to the Duke of Norfolk“ (1875) ist das Gewissen ebenfalls das zentrale Thema, schreibt Shrimpton weiter. Der Brief sei eine Antwort auf den britischen Premierminister William Gladstone (1809-1898), der behauptet hatte, dass Katholiken angesichts der Festlegung der Unfehlbarkeit des Papstes durch das Erste Vatikanische Konzil „keine geistige Freiheit“ hätten und „Gefangene und Sklaven des Papstes“ seien.

Ein Teil des „Letter“ wird auch im Katechismus der Katholischen Kirche zitiert: Das Gewissen „ist ein Bote dessen, der sowohl in der Natur als auch in der Gnade hinter einem Schleier zu uns spricht und uns durch seine Stellvertreter lehrt und regiert. Das Gewissen ist der ursprüngliche Statthalter Christi.“ (KKK 1778)

Im selben Werk finde sich auch der berühmte Satz Newmans, wenn er einen Toast auf die Religion ausbringen müsste, er auf den Papst trinken würde. „Aber zuerst auf das Gewissen. Dann erst auf den Papst.“ Dieser Satz werde zwar oft zitiert, aber häufig falsch verstanden. Freiheit des Gewissens sei nicht mit einem Verzicht auf das Gewissen zu verwechseln, sie bedeute nicht, dass man den Gesetzgeber und Richter ignorieren könne und unabhängig von unsichtbaren Verpflichtungen sei. Newmans „Weg des Gewissens“ sein nicht der Weg einer selbstgenügsamen Subjektivität, sondern ein Weg des Gehorsams gegenüber der objektiven Wahrheit, zitiert Shrimpton Kardinal Ratzinger.

Newman habe nicht nur durch sein Denken und seine Veröffentlichungen gelehrt, sondern auch durch sein Leben. Er sei seinem Gewissen gefolgt, welches ihn aus engen Bindungen und Sicherheit in die katholische Welt geführt habe. An Newman würden die Kennzeichen eines Kirchenlehrers erkennbar, die durch ihr Leben und Handeln Zeugnis abgelegt hätten, sagte Kardinal Ratzinger.

Bei der Seligsprechung Kardinal Newmans im September 2010 habe er an die Christen in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs erinnert, die sich während der NS-Zeit an Newman orientiert hätten. Ob er dabei an Hans und Sophie Scholl und deren Freund gedacht habe, die als „Die Weiße Rose“ tausende Flugblätter verteilt hätten, um die Deutschen an ihre moralische Pflicht zum Widerstand gegen Hitler und seine atheistische Kriegsmaschinerie zu erinnern, fragt Shrimpton.

Er erinnert an Theodor Haecker, der die Münchner Studenten der Weißen Rose mit Newman bekannt gemacht habe. Haecker sei in die katholische Kirche eingetreten, nachdem er Newmans „Essay in Aid of a Grammar of Assent“ übersetzt hatte. Haecker hatte bei geheimen Treffen, die Hans Scholl für seine Freunde organisiert hatte, Ausschnitte der Werke Newmans vorgelesen.

Sophie Scholl habe ihrem Freund Fritz Hartnagel zwei Bände mit Newmans Predigten geschenkt, als dieser 1942 an die Ostfront abkommandiert wurde. Hartnagel schrieb später an Scholl, dass die Worte Newmans „wie Tropfen guten Weins“ seien.

Bei den Verhören der Gestapo im Februar 1943 gab Sophie Scholl an, ihr christliches Gewissen habe sie zu einer gewaltfreien Opposition gegen das NS-Regime verpflichtet. Wie ihr Bruder Hans habe sie in Newman und anderen christlichen Autoren die Quellen und die Inspiration gefunden, die ihr geholfen hatten, als 22jährige Studentin sich in der „dämonischen Welt“ eines totalitären Regimes zu orientieren, schreibt Shrimpton.

Er hält es für wahrscheinlich, dass die letzten Worte des vierten Flugblattes der „Weißen Rose“ unter dem Einfluss von Newman geschrieben wurden: „Wir schweigen nicht, wir sind euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“


Link zum Artikel von Paul Shrimpton für den Catholic Herald (englisch):

Resisting the Nazis with Newman


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