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'Wenn Gott ruft, muss man gehen'

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Prälat Lorenz Gawol zum Besuch des Papstes in Kasachstan und zum Neuaufbau der katholischen Kirche im zweitgrößten Nachfolgestaat der Sowjetunion


Kasachstan (kath.net/M3)
Vom 22. bis 25. September reist Papst Johannes Paul II. nach Kasachstan. In dem mehrheitlich muslimischen Land können christliche Kirchen und Gemeinschaften weitgehend frei arbeiten. Prälat Lorenz Gawol war bis Ende Juni Generalvikar in der Apostolischen Administratur Nord-Kasachstan mit Sitz in der Hauptstadt Astana. Nach zehn Jahren in dem zentralasiatischen Land ist Gawol Ende Juli nach Berlin zurückgekehrt. Im Gespräch mit dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“, das seit der Wende die Katholiken in Kasachstan nach eigenen Angaben mit mehr als sechs Millionen Mark unterstützt hat, berichtet Gawol vom Neuaufbau der katholischen Kirche in Kasachstan und von seinen Erwartungen an den Papstbesuch.

Das Gespräch führte Michael Ragg.

KIRCHE IN NOT: Herr Prälat, was führt den Papst nach Kasachstan? PRÄLAT LORENZ GAWOL: Kasachstan ist die zweitgrößte Teilrepublik der ehemaligen Sowjetunion und ich denke, dass dem Papst ja am meisten daran läge, nach Moskau fahren zu können und solange er das nicht kann, besucht er eben die Länder, die früher zur Sowjetunion gehört haben.

Kasachstan ist ja ein mehrheitlich muslimisches Land. Warum kann die Kirche dennoch relativ frei arbeiten?Der Botschafter des Vatikans, Erzbischof Marian Oles, hat eine sehr gute Hand. Er hat Präsident Nasarbajew angeboten, zu helfen, dass der Kontakt zwischen Kasachstan und Europa intensiver wird und diesen Gedanken hat der Präsident offensichtlich aufgegriffen. Er ist ja selber schon beim Papst gewesen. So ist bereits 1998 ein Vertrag zwischen dem Vatikan und Kasachstan zustande gekommen, der der Kirche weitgehend freies Arbeiten zusichert.

Gibt es in Kasachstan keinen islamischen Fundamentalismus?

Auf unseren Priesterkonferenzen war zweimal der Berater von Präsident Nasarbajew für religiöse Angelegenheiten zu Gast. Er hat dem Sinne nach gesagt: Der Islam ist eine wunderbare Sache, aber alle fundamentalistischen Strömungen sind eine Pest. Solange dieser Mann Berater von Präsident Nasarbajew sein wird, ist damit zu rechnen, dass man das Aufkommen fundamentalistischer Strömungen verhindert. Der Staat sorgt auch dafür, dass Studenten aus Kasachstan im Ausland nur in Städten studieren dürfen, in denen sie vermutlich nicht mit dem Fundamentalismus in Kontakt kommen.

Ist die Kirche wirklich so frei, wie es der Vertrag vorsieht oder gibt es Behinderungen für die tägliche Arbeit?

Gott sei Dank steht die Religionsfreiheit nicht nur in der Verfassungsondern sie wird auch gelebt. Alle Kirchen, auch die Sekten, profitieren davon.

Kann man auch vom Islam zum Christentum zu konvertieren?

Das ist möglich, wird aber von den Muslimen natürlich nicht gern gesehen. Wir haben Beispiele, dass muslimische Jugendliche die Taufe empfingen, einer hat sogar angefangen, Theologie zu studieren.

Sind die Muslime in Kasachstan - meist handelt es sich dabei ja um die ethnischen Kasachen, die etwa die Hälfte der Bevölkerung stellen - sehr gläubig?

In den zehn Jahren, in denen ich in Kasachstan war, habe ich nie erlebt, dass irgendwo ein Muslim auf seinem Teppich gebetet hätte, wie wir uns das so vorstellen. Aber in vielen Orten werden jetzt Moscheen gebaut, in Almaty eine Moschee mit Zigmillionen Dollar Unterstützung seitens Ägyptens. In der neuen Hauptstadt Astana, nur etwa einen Kilometer von unserer Kathedrale entfernt, ist jetzt eine theologische Hochschule im Bau. Der Islam möchte doch viel prägender in Kasachstan wirken.

Das katholische Leben war ja schon seit den dreißiger Jahren verboten. Gab es bis zur Wende katholisches Leben im Untergrund?

Man kann nicht sagen, dass es wirklich eine Untergrundkirche gab, weil das voraussetzen würde, dass dort noch viele Priester waren. Die Gläubigen haben zusammengehalten. Sie haben in vielen Dörfern ihre Kinder getauft und den jungen Eheleuten den Segen gegeben. Sie haben sich sonntags zum Rosenkranzgebet versammelt. Es gab viele Orte, in denen man auch die Toten mit Gebet beerdigte. Priester konnten, heimlich, seit den sechziger Jahren in Karaganda arbeiten. Karaganda war ja eines der riesengroßen Lager der Stalin-Zeit. Da gab es auch Priester, die dann nach Jahren der Inhaftierung entlassen wurden. Manche blieben dort. Dadurch wurde Karaganda zum religiösen Zentrum. Aus dieser Gemeinde ist zum Beispiel Bischof Werth hervorgegangen, der jetzt in Novosibirsk tätig ist und viele andere Priester.

Beim Papstbesuch in der Ukraine gab es massive Proteste von Teilen der orthodoxen Kirche, der ja auch in Kasachstan viele der etwa dreißig Prozent ethnischen Russen angehören. Wie ist das katholisch-orthodoxe Verhältnis in diesem Land?

Der orthodoxe Bischof von Almaty fand auf unseren Priesterkonferenzen gute Worte. Ich habe aber im Norden Kasachstans erlebt, dass man Priester, die kämpferisch gegen die katholische Kirche eingestellt waren, in den Vordergrund gestellt hat. Es gibt nach meiner Erfahrung genug ökumenefreundliche orthodoxe Priester, die sich aber bedeckt halten müssen, um keine Nachteile zu erleiden. Mit Protesten ist in Kasachstan kaum zu rechnen. In Astana, der einzigen Stadt, in die der Papst fährt, arbeiten wir mit der Orthodoxie gut zusammen.

Ursprünglich wollte der Papst auch nach Karaganda reisen, dem Zentrum des katholischen Lebens in Kasachstan. Daraus scheint nun nichts geworden zu sein.Im Mai trugen wir in der Vorbereitungskommission dem Staat gegenüber vor, der Papst würde gerne in Karaganda an das Grab eines Priesters gehen, der ihn zu seinen Lebzeiten mehrmals in Krakau besucht hatte. Der Staat hat das von vornherein abgewürgt. Das ging etwa so: „Der Papst ist doch so schwach, man sollte ihm die Reise nicht zumuten.“ „Sie haben doch Hubschrauber?“ „Die sind alle in Reparatur.“ Trotz wiederholter Bitten hat man sich diesem Reisewunsch des Papstes verschlossen. Einige glauben, man wollte dem Papst und der Weltöffentlichkeit die Stadt in ihrem jetzigen Zustand nicht zeigen, weil sie doch an manchen Stellen nicht gut in Schuss ist. Um die Reparaturkosten zu sparen hält man lieber den Papst fern.

Sie sind ja kurz nach der Wende mit immerhin schon 62 Jahren nach Kasachstan gegangen. Wie kam es dazu?

Der Erzbischof von Berlin, Kardinal Sterzinsky, war damals sehr bewegt von dem, was ihm Bischof Werth von Sibirien und Bischof Lenga von Kasachstan berichtet hatten. Er sagte damals auf einer Priesterkonferenz in Berlin: „Priestermangel haben wir in Berlin auch, aber dass es für diese riesigen Gebiete nur eine Handvoll Priester gibt, das darf so nicht sein. Wer sich gerufen fühlt möge sich melden.“ Diese Aufforderung hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe mich gemeldet, weil es im Osten viele Menschen gab, die in ihrem ganzen Leben nie einen Priester gesehen hatten.

Sie mussten dort das kirchliche Leben ganz neu aufbauen. Wie haben Sie das angefangen?

Bischof Lenga schickte mich, der Sprache wegen, in ein deutsches Dorf. Die Menschen kamen damals privat zum Gebet zusammen. So haben wir uns zuerst mal in diesem, mal in jenem Wohnhaus getroffen. Aber es ging dann sehr schnell, dass ich dann doch den Saal des Kulturhauses bekommen konnte. Dann wurde von zwei Geschäften im Ort eines geschlossen und wir konnten die Räume zu einer provisorischen Kirche ausbauen. So konnte ich Gottesdienst halten und zwar täglich: Jeden Tag kamen von den etwa achthundert Katholiken vierzig Gläubige zum Gottesdienst. Da war es möglich, sie in den Glauben einzuführen. Sie hatten ihren Glauben praktiziert, aber die Theorie, die Katechese fehlte. Man rief mich bald in andere Dörfer und als ich dann ein Jahr später von der Deutschen Bischofskonferenz ein Auto geschenkt bekam, konnte ich auch in entfernte Dörfer fahren. Ich bin, zumindest gelegentlich, bestimmt in 35 bis 40 Orten gewesen. Zum Schluss waren es in dem Sommermonaten regelmäßig 25 Dörfer, in die ich fahren konnte.

Nationale Minderheiten wie Deutsche, Polen, Ukrainer, Litauer oder Koreaner, die Stalin nach Kasachstan hatte deportieren lassen, waren ja hauptsächlich die Träger des katholischen Lebens. Nun sind fast alle Deutschen ausgewandert und auch Angehörige anderer Volksgruppen wandern ab. Kann die katholische Kirche in Kasachstan überleben?

Es ist erstaunlich, dass der massive Abzug der Deutschen, in manchen Gegenden 90 bis 95 Prozent, nicht zu einer merkbaren Verringerung des Gottesdienstbesuches führt. Die Kirche hat jetzt die engen nationalen Grenzen überstiegen. Immer mehr nehmen in ehemals „deutschen“ oder „polnischen“ Dörfern auch Menschen anderer Nationalität am Gottesdienst teil.

Gibt es Interesse am Papstbesuch?

Die Politiker schauen mit größtem Interesse und positiver Anteilnahme auf dieses Ereignis. Auch ein sehr bedeutender Teil der Öffentlichkeit ist interessiert, zumal die Kirche in geeigneter Weise darauf aufmerksam macht.

Wie leben die Menschen in Kasachstan?

Ich habe die Menschen hauptsächlich in Dörfern kennen gelernt. Da ist eine Sowchose nach der anderen geschlossen worden. Die Arbeitslosigkeit bedrückt viele Familien. Hätten die Leute nicht ihre großen Gärten am Haus und Schweine und Rinder im Stall, dann wäre es sehr schlecht bestellt. In der Stadt kann man sich nicht mit dem Garten behelfen, da gibt es mancherorts regelrechte Not. Der Staat bemüht sich erkennbar, für die Armen da zu sein, aber seine Möglichkeiten sind völlig unzureichend und das in einem Land, das reich an Bodenschätzen ist. Der Reichtum, den die Öl- und Erdgasförderung im Kaspischen Meer nach Kasachstan bringt, kommt bisher nicht bei der breiten Bevölkerung an. Überall sieht man auf Plakaten das Symbol Kasachstans, den geflügelten Löwen, zusammen mit der Zahl 2030. Man nährt die Hoffnung, die der Präsident ausgesprochen hat, dass Kasachstan im Jahr 2030 das Niveau der Schweiz erreicht. Das glaubt natürlich keiner.

Wenn es so vielen Menschen schlecht geht, wer kümmert sich um sie? Was kann die katholische Kirche tun?

Es gibt Initiativen aus den Glaubensgemeinschaften aber auch solche, die davon unabhängig sind, zum Beispiel solche aus Amerika. Da gibt es eine Menge: Man hilft den Arbeitslosen, behinderten Kindern. Das ist auch nötig. Zur Zeit der Sowjetunion war alle medizinische Behandlung unentgeltlich. Jetzt muss jeder seine Medizin selbst bezahlen und woher sollen sie es nehmen? Wir helfen über die Caritas, die aber doch erst organisatorisch aufgebaut werden muss.

Für die soziale Arbeit, aber auch für den Aufbau der kirchlichen Strukturen brauchen Sie Mittel, die vermutlich im Lande selbst nicht aufgebracht werden können. Wer hilft ihnen dabei?

Mir selbst hat ein Freundeskreis geholfen und dann natürlich die großen Werke „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ und Renovabis. Wir haben vor zwei Jahren praktisch alle zwei Monate eine beachtenswerte Kirche einweihen können. Das ist nur möglich gewesen, weil Hilfe über Renovabis und „Kirche in Not“ kam.

Sie waren zuerst in Dörfern Nord-Kasachstans. Die letzten beiden Jahre sind Sie dann als Generalvikar in die Hauptstadt Astana berufen worden, wohin der Papst jetzt kommt. Was für eine Stadt ist das?

Wie fast alle kasachischen Städte ist sie eine junge Stadt, nicht viel älter als zwei-, dreihundert Jahre. Die Stadt hieß zunächst „Akmola“, das heißt „weiße Gräber“, weil in diesem Gebiet zwei Karawanen im Schneesturm umgekommen sind. Diesen Namen wollte man natürlich für die Hauptstadt nicht behalten. Darum hat man sie einfach „Astana“ genannt, das heißt auf kasachisch „Hauptstadt“. Dort gibt es Arbeit hauptsächlich in der Verwaltung. Fabriken gibt es wenige, aber der Staat investiert erhebliche Mittel in die Infrastruktur, in die Straßen, die Kultur. Die Stadt hat erst 300.000 Einwohner, aber sie wächst.

Wie viele Katholiken gibt es in Kasachstan? Wie viele werden den Papst begrüßen und was erhoffen sie von seinem Besuch?

Ich gehe von etwa 300.000 Katholiken insgesamt aus. Das Interesse wird immer deutlicher, so dass wir mit einem Wachstum rechnen können. Im Jubiläumsjahr 2000 gab es einen zentralen Gottesdienst, zu dem sich in der Sporthalle von Karaganda 3.500 Katholiken versammelt hatten. In Kasachstan gibt es das Problem der Entfernungen. Für die Leute aus Almaty im Süden sind es bis Karaganda genau 1.000 Kilometer, nach Astana noch erheblich weiter. Dennoch rechne ich damit, dass man wesentlich mehr als die 3.500 Gläubigen im Jubiläumsjahr auf die Beine bringen kann und dass aus der Stadt in beachtlichem Maße auch Nichtkatholiken dazukommen. Ich glaube auch, dass das Interesse an diesem Papst, der trotz seiner körperlichen Unzulänglichkeiten so viel in der Welt bewegt, zu Fragen führt: Was steckt hinter der katholischen Kirche? Ich erhoffe mir also einen sichtbaren Aufbruch.

Sie sind vor wenigen Tagen nach zehn Jahren in Kasachstan wieder endgültig nach Berlin zurückgekehrt. Was konnten Sie in diesem Land bewegen?

„Erfolg ist kein Name Gottes“ hat Martin Buber gesagt. Wenn Gott ruft, muss man gehen. Aber ich hatte Erfolge, die ich gar nicht meiner Leistung zuschreibe, sondern dem unterstützenden Gebet so vieler aus Europa. Wenn ich zum Beispiel monatlich eine Pastoralreise in zwölf Dörfer gemacht habe, dann habe ich zwischen 500 und 800 Menschen erreicht, von denen zwei Drittel Kinder im Schulalter waren. Bei vielen wird vieles wieder verfliegen, aber der Same ist doch gelegt. Und ich denke, er wird bei vielen noch aufgehen. Gut war, dass wir, um die Kinder in den entlegenen Dörfern besser auf Beichte und Kommunion vorzubereiten, das Prinzip der religiösen Kinderwoche aus der „DDR“ übernommen haben, dass wir so 120 bis 150 Kinder in den Sommermonaten nicht nur zum Spielen und schwimmen gehen, sondern auch zum katechetischen Unterricht haben. Das alles ist zukunftsträchtig. Ganz abgesehen davon, dass die Babuschki, die den Glauben in der schweren Zeit hochgehalten haben, auch ein Recht hatten, Gottesdienst zu feiern, das Wort Gottes zu hören und die Sakramente zu empfangen. Es war mir eine große Freude, das zu tun. Ich habe an die dreitausend Menschen getauft. Das Besondere in meiner nordkasachischen Gemeinde war, dass wir eine christliche Schule gründen konnten. Sie war die erste in Kasachstan und besteht jetzt schon fünf Jahre. Wir werden am 1. September das neue Schuljahr beginnen, wahrscheinlich sogar mit 160 Kindern in sieben Klassen.

Informationen über den Papstbesuch in Kasachstan und über die katholische Kirche des Landes kann man jetzt auch im Internet abrufen unter:

www.rc.net/kazakhstan/jp/De/index.htm

Ein Arbeitsheft „Katholiken in Russland und Kasachstan“ kann man unentgeltlich bei: „Kirche in Not“ anfordern: Postfach 70 10 27, 81310 München, Telefon: 0 89 / 7 60 70 55, E-mail: [email protected]



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