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| ![]() Das sakrale Abenteuer als Zukunft der Kirchevor 1 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung Geistliche Streifzüge durch den Vetus Ordo und die Krise der modernen Welt. Ein Begleitbuch von Eduard von Habsburg. Von Armin Schwibach Rom (kath.net/as) Das Leben der Kirche ist in unserer Zeit von tiefen inneren Spannungen und harten Gegensätzen geprägt. Die (auch inkompetent geführten) Diskussionen über den rechten Weg im Glauben und die Treue zur Tradition haben zu einer Schärfe geführt, die ein friedliches Miteinander oft unmöglich erscheinen lässt. Besonders der emotional geladene, ideologische und nicht selten polemisch geführte Konflikt um die kirchenrechtlich unbefugten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) lastet schwer auf diesem Diskurs. Durch diese tiefen Grabenkämpfe und die daraus entstandenen kirchenrechtlichen sowie hierarchischen Verwerfungen wird die wahre, geistliche Auseinandersetzung von Grund auf beeinträchtigt. Die heilige Liturgie, die doch die Mitte des christlichen Lebens sein sollte, wird in diesen kirchenpolitischen Kämpfen allzu oft als bloßes Abgrenzungsmittel missbraucht, um Fronten zu verhärten und Lager zu bilden. Wo jedoch die Polemik dominiert, schwindet die Fähigkeit, das sakrale Wesen des Gottesdienstes in seiner überzeitlichen Tiefe unvoreingenommen zu betrachten. Mitten in diesen lauten Streitfällen unserer Tage spricht das Buch „Abenteuer Alte Messe. Ein Reiseführer für Neugierige“ von Eduard von Habsburg eine ganz andere Sprache. Es versteht sich bewusst nicht als theologische Streitschrift oder kirchenpolitisches Manifest. Dem Autor geht es vielmehr, wie er selbst schreibt, darum, „um diese Art von Vorurteilen zu überwinden, und um allen eine ‚kleine Brücke‘ zu bauen“. Gerade in dieser einladenden, unaufgeregten Haltung liegt eine große innere Kraft. Habsburg fordertnicht auf, theoretische Abhandlungen zu studieren, sondern lädt uns zu einer Entdeckungsreise ein. Indem er den Zugang zum überlieferten Ritus als ein „Abenteuer“ beschreibt, entreißt er die Feier der Messe den ideologischen Debatten. Ein Abenteuer fordert den Menschen heraus. Es verlangt Mut und die Bereitschaft, sich auf eine Wirklichkeit einzulassen, deren Wirkung auf das eigene Herz man im Vorhinein weder planen noch erzwingen kann. Der Grund, warum viele Gläubige heute vielleicht zögern, sich der überlieferten lateinischen Messe zu nähern, liegt in einer jahrzehntelangen Gewöhnung an die gängige Praxis. Habsburg beschreibt dieses Hindernis sehr treffend und lebensnah: „Das liegt daran, daß wir durch Jahrzehnte vom Novus Ordo auf die neue Form der Liturgie konditioniert wurden. Denn unser Körper, unsere Sinne, unsere Ohren und Augen, unser Intellekt und unsere Seele sind seit Jahrzehnten an die heutige Messe und ihre Signale gewöhnt“. Wir haben gelernt, einen Gottesdienst danach zu beurteilen, wie verständlich er ist, wie stark die Gemeinde nach außen hin einbezogen wird und wie reibungslos das Geschehen abläuft. Die Begegnung mit der feierlichen Liturgie des Vetus Ordo durchbricht diese modernen Seh- und Hörgewohnheiten gründlich. Sie schenkt dem Suchenden zunächst eine heilsame Irritation. Wer diesen Raum betritt, spürt sofort, dass hier andere Maßstäbe gelten: „wer zum ersten Mal einer Messe im alten Ritus beiwohnt, stellt fest: diese Liturgie drückt gewissermaßen andere Knöpfe; sie riecht anders, klingt anders, sieht anders aus“. Diese Verschiedenheit ist jedoch keine bloße Liebe zu alten Formen oder angeblich äußerer Pracht. Sie entspringt einer zutiefst gottesfürchtigen Haltung. Dass der Priester und die Gemeinde gemeinsam in dieselbe Richtung blicken, mag dem modernen Menschen fremd sein, doch es lenkt den Blick weg vom Menschen und hin zur Gottes und dem Geschehen des Opfers. Auf den Einwand, man verstehe oder höre ja gar nicht, was der Priester dort am Altar leise spricht, verweist die Tradition auf eine Wahrheit von zeitloser Klarheit, die Habsburg anführt: „Er spricht auch nicht mit dir, sondern mit Gott“. In einer Kultur, die von ständigem digitalem Lärm, Reizüberflutung und der Rastlosigkeit des Alltags geprägt ist, zeigt die überlieferte Messe einen Ausweg, der eine große Verheißung für die Zukunft in sich trägt. Das kostbarste Gut dieses Ritus ist nicht der feierliche Gesang oder die Schönheit der Gewänder, sondern die dichte Stille, die sich insbesondere während des Hochgebets im Kirchenraum ausbreitet. Der Autor schildert zutiefst bewegend, wie diese Erfahrung sein eigenes geistliches Leben erneuert hat: „Das Sanctus war eben vorbei, dann wurde es plötzlich ganz still; der Priester betete und tat, es blieb still, alle knieten still, wenig geschah da vorne, die Stille drückte geradezu auf die Ohren, und wurde nur endlich unterbrochen von Glocken, welche die Wandlung anzeigten... Dieser Block an Stille war für mich die Einstiegsdroge; es war mir zum ersten Mal möglich, nach meinem Dafürhalten, den unglaublichen Moment der Wandlung würdig zu erleben“. Diese gottesdienstliche Stille ist keine Leere, sondern eine tiefe, erfüllte Gegenwart. Sie bewahrt das unbegreifliche Geheimnis Gottes davor, durch zu viele erklärende Worte verflacht zu werden. Während der reformierte Ritus oft versucht, jeden Schritt zu erklären – und damit Gefahr läuft, das Geschehen zu vermenschlichen –, vertraut die alte Liturgie auf das beredte Schweigen. In dieser heiligen Stille geschieht das, was die Mitte eines jeden Gottesdienstes sein sollte. Es ist, wie Habsburg es formuliert, das Ereignis, bei dem „die erste und tiefste Begegnung findet nämlich mit Gott Vater, mit dem Erlöser in seinem real gegenwärtigen Kreuzesopfer und in der Hl. Kommunion statt“. Hier geht es nicht um ein geselliges Beisammensein oder Mahlgeschehen am Tisch, sondern um die Begegnung des Geschöpfs mit seinem Schöpfer. Die dauerhafte und zukunftsweisende Bedeutung des Vetus Ordo liegt in seiner Treue zum organischen Wachstum. Er ist die „organisch gewachsene Gestalt des römischen Gottesdienstes, wie sie betend, opfernd, liebend durch die Jahrhunderte hindurch von der Kirche getragen wurde“. Während die Welt sich ständig verändert und die Kirche oft meint, sich durch ununterbrochene Neuerungen dem Zeitgeist anpassen zu müssen, schenkt die alte Messe Halt und Identität. Sie schützt den Gottesdienst vor der Willkür des Einzelnen, indem sie dem Priester feste, unverrückbare Schritte und Worte vorgebt. Er muss sich nicht selbst inszenieren oder originell sein; er tritt hinter sein Amt zurück und handelt ganz als Werkzeug Christi. Dass diese Form des Betens keine bloße Erinnerung an die Vergangenheit ist, sondern eine lebendige Kraft für die Zukunft, zeigt sich an einer überraschenden Entwicklung. Entgegen dem Vorurteil, die alte Messe sei nur etwas für ältere Menschen, stellt der Autor fest, „dass die Alte Messe junge Familien anzieht. Wo immer ich in solche Messen kam, waren Familien, oft mit vielen Kindern, anwesend“. Mehr noch: Diese Form des Gottesdienstes spricht in besonderer Weise „junge Männer ‚jenseits der Firmung‘“ an – eine Altersgruppe, die den Pfarrgemeinden ansonsten oft völlig verloren geht. Die anspruchsvolle Feierlichkeit, die klaren Regeln des Ministrantendienstes und der Ernst des sakralen Geschehens bieten Jugendlichen eine geistliche Heimat, die sie herausfordert und ihnen echten Tiefgang schenkt. Wenn wir uns an das Vermächtnis von Papst Benedikt XVI. erinnern, der betonte, dass das, was früheren Generationen heilig war, auch für uns heilig und groß bleibt, verliert der Vetus Ordo jeden Beigeschmack des Abseitsstehenden oder Verbotenen. Er erweist sich als ein unschätzbares Geschenk für die Erneuerung der Kirche von innen heraus. Das Buch von Eduard von Habsburg leistet hierzu einen unschätzbaren Dienst, indem es die Befangenheit und die Bitterkeit aus der Diskussion nimmt. Es zeigt uns, dass dieser Weg das Herz weit macht. Die überlieferte Liturgie führt uns weg von kirchenpolitischen Verletzungen und hin zu jener inneren Erneuerung, bei der „unser Geist und unsere Seele von den Texten berührt, verwandelt werden, und die Messe zu unserer Transformation und Heiligung beiträgt“. Für die Kirche unserer Tage kann die Wiederentdeckung dieses sakralen Abenteuers die Brücke sein, um aus den unfruchtbaren Auseinandersetzungen herauszufinden und wieder ganz zu dem zu werden, was sie von ihrem Ursprung her sein soll: eine betende Gemeinschaft vor dem Angesicht Gottes. An diesem Punkt berühren wir das eigentliche Geheimnis, das die überlieferte Liturgie für die Zukunft der Kirche bereithält: das Verständnis der wahren Freiheit. In einer von Subjektivismus geprägten Zeit wird Freiheit oft fälschlicherweise als die unbegrenzte Möglichkeit zur Eigenkreation missverstanden. Man meint, eine Liturgie sei umso lebendiger, je mehr sie Raum für das Selbermachen, für das spontane Einfühlen und die schöpferische Eigenmacht des Priesters oder der Gemeinde bietet. Doch dieses Verständnis führt, wie Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. zeitlebens mit prophetischer Helligkeit warnte, in eine Sackgasse. Wo die Liturgie zur eigenen Produktion wird, feiert sich die Gemeinde am Ende nur noch selbst. Sie tritt nicht mehr aus sich heraus, sondern bleibt im Kreis des eigenen Horizonts gefangen. Die wahre Freiheit im sakralen Raum ist von ganz anderer Natur. Sie begründet sich nicht in der Willkür, sondern im Gehorsam gegenüber dem Empfangenen. Indem der überlieferte Ritus den Priester in eine strenge, jahrhundertealte Ordnung einfügt, befreit er ihn von der unerträglichen Last, sich selbst und den Gottesdienst ununterbrochen neu erfinden zu müssen. Der Priester muss nicht glänzen, er muss nicht unterhalten oder durch Originalität überzeugen. Er darf ganz hinter dem Geheimnis zurücktreten, dessen Diener er ist. Diese rituelle Form, die dem Einzelnen vorausliegt und die er nicht eigenmächtig verändern darf, schenkt den Gläubigen eine tiefe innere Heimat. Es ist die Freiheit, sich fallen lassen zu dürfen in ein Gebet, das nicht von Menschenhand für den Augenblick gezimmert wurde, sondern das die Jahrhunderte überdauert hat. Für Benedikt XVI. war die Liturgie niemals das Produkt von Verhandlungen oder kirchenpolitischen Kompromissen, sondern das Hereinbrechen des Himmels auf die Erde. Er sah in ihr ein kosmisches Geschehen, ein Mitbeten mit den Engeln und Heiligen, das den Menschen aus seiner zeitlichen Enge herausreißt. Wenn der Vetus Ordo heute im Sinne dieses großen Papst-Theologen wiederentdeckt wird, dann geschieht dies nicht aus einer nostalgischen Flucht vor der Moderne, sondern aus dem Durst nach dieser befreienden Weite. Wahre Freiheit bedeutet hier, sich dem Maßstab Gottes anzuvertrauen, anstatt sich den wechselnden Moden des Zeitgeistes auszuliefern. In dieser ehrfürchtigen Unterordnung unter das Heilige liegt paradoxerweise die größte Würde und die tiefste Befreiung des Menschen – eine Verheißung, die weit über unsere Gegenwart hinausreicht und der Kirche den Weg in eine wahrhaft sakrale Zukunft weist. Eduard Habsburg-Lothringen: Abenteuer „Alte Messe“. Ein Reiseführer für Neugierige; Renovamen-Verlag 2026; 84 Seiten; ISBN 9783956211799
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