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„Die Vision des hl. Ansgar war größer als nationale oder regionale Horizonte“

vor 6 Stunden in Interview, keine Lesermeinung
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Msgr. Georg Austen/Bonifatiuswerk zum 1.200-jährigen Ansgar-Jubiläum: Das „erinnert uns daran, dass Europa aus geistlichen Wurzeln lebt – und dass diese Wurzeln aus der Kraft des Evangeliums gespeist werden…“ KATH.NET-Interview von Petra Lorleberg


Paderborn (kath.net/pl) Der hl. Ansgar „hat lebendige Spuren hinterlassen. Ansgar und Bonifatius brachen ins Ungewisse auf – sie ließen die Sicherheit klösterlicher Mauern hinter sich. Der Glaube an Jesus Christus trug sie. Sie zeigen, wer in Gott eintaucht, der taucht bei den Menschen wieder auf.“ Das erläutert Monsignore Georg Austen, der Generalsekretär der Bonifatiuswerkes, über den hl. Ansgar. Dieser Mönch lebte von 801 bis 865 und begann 826 mit der Missionierung Dänemarks und weiterer Länder Nordeuropas. Austen war für das Bonifatiuswerk (das Hilfswerk der deutschen Katholiken für den Glauben und die Solidarität) bei der Feier des 1.200-jährigen Jubiläums der Ankunft des hl. Ansgar in Nordeuropa und berichtet im KATH.NET-Interview von seinen Eindrücken.

kath.net: Monsignore Austen, Sie kommen gerade von Kopenhagen zurück. Um was ging es dort?

Monsignore Georg Austen: In Kopenhagen haben wir das 1.200-jährige Jubiläum der Ankunft des heiligen Ansgar in Nordeuropa und den Beginn des christlich-missionarischen Wirkens in den nordischen Ländern gefeiert. 

Ansgar steht für mich als Glaubenszeuge und Brückenbauer für das Überwinden von Grenzen. Das Bistum Kopenhagen hatte zu diesem besonderen Anlass eingeladen, und ich durfte als Generalsekretär des Bonifatiuswerkes und Geschäftsführer des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe teilnehmen, da Nordeuropa ein wichtiger Schwerpunkt unserer Fördergebiete ist. 

Es war eine beeindruckende Feier des Glaubens und der Verbundenheit, aber auch ein starkes Zeichen als Weltkirche in einer politisch bewegten Zeit: gegen jegliche Machtinteressen, für Dialog, Respekt, Orientierung und den Zusammenhalt über Grenzen hinweg.


kath.net: Wieso ist das 1.200-jährige Ansgar-Jubiläum bedeutend?

Msgr. Austen: Ansgar brach vor 1.200 Jahren vom Kloster Corvey im heutigen Erzbistum Paderborn zu seiner ersten Missionsreise nach Skandinavien auf. Damit markierte er den Beginn der christlichen Geschichte Nordeuropas. 

Er war Vorläufer eines geeinten Europas. Seine Vision war größer als nationale oder regionale Horizonte. 

Das Jubiläum erinnert uns daran, dass Europa aus geistlichen Wurzeln lebt – und dass diese Wurzeln aus der Kraft des Evangeliums gespeist werden und mit Mut und einem tiefen Vertrauen auf Gott verbunden sind.

kath.net: Was hat Sie bei den Feierlichkeiten in Kopenhagen besonders bewegt?

Msgr. Austen: Sehr berührt hat mich die internationale und zugleich ökumenische Atmosphäre. Mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin als Sondergesandtem des Papstes, Bischof Czesław Kozon, Erzbischof Stefan Heße und vielen weiteren Bischöfen und Verantwortungsträgern wurde Ansgar als Grenzgänger des Glaubens gefeiert – als Brückenbauer zwischen Süd und Nord. Gleichzeitig war die Belastungsprobe, die wir derzeit um Grönland erleben, in Kopenhagen spürbar. Umso stärker fiel die gemeinsame Botschaft aus: Frieden entsteht nicht durch Machtansprüche, sondern durch Dialog, gegenseitigen Respekt und Gebet.

kath.net: Wie lebte Ansgar die Grundsäulen des Christentums: Dienst an Gott und Dienst am Nächsten?

Msgr. Austen: Ansgar war Benediktiner. Sein Leben war geprägt vom Gebet und einer lebendigen Christus-Beziehung – und zugleich von einem radikalen Dienst am Menschen. Er nahm Entbehrungen, Gefahren und Rückschläge auf sich. Sein Biograf Rimbert beschreibt sein Leben deswegen sogar als Martyrium, obwohl Ansgar keines gewaltsamen Todes starb. 

Ansgar erfuhr, dass Glaube nicht Bequemlichkeit bedeutet, sondern eine konsequente Haltung aus der Gottesbeziehung heraus für die Menschen, denen er begegnete. Kurzum: Ansgar ist somit ein Vorbild für die Weltkirche.

kath.net: Bemerkenswert ist, dass Ansgar ein Heiliger ist, dem über die katholische Kirche hinaus Respekt gezollt wird. Wo sehen Sie ökumenische Perspektiven?

Msgr. Austen: Ansgar ist eine Gestalt aus der vorreformatorischen Zeit, die verbindet. Sein Zeugnis wird von Christen unterschiedlicher Konfessionen geschätzt. Er wird von der katholischen, der orthodoxen, der evangelischen und der anglikanischen Kirche verehrt. 

Gerade in Nordeuropa, wo Christen in der Diaspora leben, ist gelebte Ökumene Alltag. 

Ansgar kann hier ein gemeinsamer Bezugspunkt sein: als Zeuge des Evangeliums über Konfessionsgrenzen hinaus, der Mut macht, gemeinsam Glaubenszeugnis in der Welt von heute zu geben und die Welt im christlichen Geist zu gestalten.

kath.net: Das Bonifatiuswerk hat mehrere Verbindungen zum hl. Ansgar. Ist er ein besonderer Heiliger für Ihr Hilfswerk?

Msgr. Austen: Ja, unbedingt, nicht zuletzt durch unsere partnerschaftliche Beziehung zu den Ansgar-Werken Münster, Osnabrück/Hamburg und Köln. Beispielsweise war er erster Bischof von Hamburg und Erzbischof von Bremen. Ansgar war im jungen Alter Lehrer in der Abtei Corvey – nur rund 60 Kilometer von unserem Hauptsitz in Paderborn entfernt. Von dort brach er nach Norden auf. 

Wir gehen davon aus, dass Bonifatius, ebenfalls Benediktiner und Namenspatron unseres Hilfswerks, ein großes Vorbild für Ansgar war. Betrachtet man die missionarischen Wege von Bonifatius und Ansgar auf der Landkarte, zeichnet sich ein großes Kreuz mitten in Europa. Vor allem wirkte Ansgar in Nord-Süd und Bonifatius in Ost-West-Richtung. Dieses geografische Kreuz steht sinnbildlich für unseren Auftrag als Bonifatiuswerk: den Glauben über Grenzen hinweg zu stärken – besonders dort, wo Christen in der Minderheit leben.

kath.net: Ist Ansgar ein Heiliger, der auch uns heute Mut machen und inspirieren kann?

Msgr. Austen: Ja, er hat lebendige Spuren hinterlassen. Ansgar und Bonifatius brachen ins Ungewisse auf – sie ließen die Sicherheit klösterlicher Mauern hinter sich. Der Glaube an Jesus Christus trug sie. Sie zeigen, wer in Gott eintaucht, der taucht bei den Menschen wieder auf. 

Und ich kann Gott nicht am Menschen vorbeilieben. Gottes Liebe und Nächstenliebe sind untrennbar verbunden. Wenn wir heute auf manche Debatten in Politik, Wirtschaft oder Kirche schauen, verlieren sie sich oft im Klein-Klein und wirken bisweilen mutlos. Ansgar erinnert uns daran, Grenzen zu überschreiten und solidarisch zu wirken – im Glauben, im Denken und im konkreten Handeln. Das brauchen wir heute mehr denn je.

Foto links: Msgr. Austen beim Einzug zum Festgottesdienst am Sonntag in der katholischen Domkirche St. Ansgar/Kopenhagen © Marco Chwalek/Erzbistum Hamburg
Foto rechts: Msgr. Austen © Bonifatiuswerk/Wilfried Hiegemann


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