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Dante: Candor Lucis Aeternae - der Glanz des ewigen Lichtes

25. März 2021 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Apostolisches Schreiben zum 700. Todestag von Dante Alighieri


Rom (kath.net) kath.net dokumentiert das Apostolische Schreiben „Candor Lucis Aeternae" zum 700. Todestag von Dante Alighieri in voller Länge:

Der Glanz des ewigen Lichtes, das Wort Gottes nahm Fleisch an aus der Jungfrau Maria, als sie auf die Botschaft des Engels antwortete: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38). Der Tag, an dem die Liturgie dieses unaussprechliche Geheimnis feiert, ist sowohl im Blick auf die Lebensgeschichte wie auch für das literarische Werk des großen Dichters Dante Alighieri von besonderer Bedeutung, war er doch ein Prophet der Hoffnung und Zeuge des dem menschlichen Herzen innewohnenden Durstes nach dem Unendlichen. So möchte auch ich mich in die große Schar derer einreihen, die ihm anlässlich seines 700. Todestages ein ehrendes Gedenken bereiten wollen.

Am 25. März begann in Florenz gemäß der Zeitrechnung ab Incarnatione das neue Jahr. Dieses Datum in zeitlicher Nähe zur Frühlingstagundnachtgleiche und zum Osterfest wurde auch in einem inneren Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt und der von Christus am Kreuz gewirkten Erlösung, dem Beginn der neuen Schöpfung, gesehen. So sind wir eingeladen, im Licht des fleischgewordenen Wortes den Heilsplan der göttlichen Liebe zu betrachten, der das Herz und Inspirationsquelle des berühmtesten Werkes des Dichters ist, der Göttlichen Komödie. In deren letztem Gesang wird das Ereignis der Menschwerdung vom heiligen Bernhard mit diesen berühmten Versen bedacht:

»In deinem Leib entflammte jene Liebe, die mit ihrer Wärme diese Blume in ewigem Frieden hat aufgehen lassen« (Par. XXXIII, 7-9)*. (*Die Zitate aus der Commedia werden nach der deutschen Übersetzung von Hartmut Köhler wiedergegeben.)

Schon im Purgatorio beschrieb Dante die in einen Felsen gemeißelte Verkündigungsszene (X, 34-37.40-45).

Zu diesem Anlass darf also ein Wort der Kirche nicht fehlen, die sich dem einhelligen Gedenken an den Menschen und den Dichter Dante Alighieri anschließt. Viel besser als etliche andere verstand er es, mit der Schönheit der Poesie die Tiefe des göttlichen Geheimnisses und der Liebe auszudrücken. Seine Dichtung, in dem der menschliche Geist zu höchstem Ausdruck findet, ist Frucht einer neuen und tiefen Eingebung, deren sich der Dichter bewusst ist, wenn er sie das »heilige Gedicht« nennt, »an das Himmel und Erde Hand angelegt haben« (Par. XXV, 1-2).

Mit diesem Apostolischen Schreiben möchte ich mich den Worten meiner Vorgänger anschließen, die den Dichter insbesondere zu seinen Geburts- und Todestagen gewürdigt und gefeiert haben, um die Kirche – die Gesamtheit der Gläubigen – sowie die Literaturwissenschaftler, Theologen und Künstler wieder neu auf ihn aufmerksam zu machen. Ich werde diese Beiträge kurz in Erinnerung rufen, wobei ich mich auf die Päpste des letzten Jahrhunderts und deren wichtigste Dokumente konzentriere.

1. Papstworte zu Dante Alighieri in den letzten hundert Jahren

Vor hundert Jahren, im Jahr 1921, gedachte Benedikt XV. des Dichters anlässlich seines 600. Todestages mit einer Enzyklika[1], in der er auch Worte früherer Päpste, insbesondere Leos XIII. und des heiligen Pius X. aufgriff. Außerdem förderte er die Restaurierungsarbeiten an der Kirche San Pietro Maggiore in Ravenna – im Volksmund auch San Francesco genannt –, in der einst Alighieris Exequien gefeiert wurden und wo er begraben liegt. Der Papst würdigte die zahlreichen Initiativen zur Feier dieses Jahrestages und nahm für die Kirche, »die ihm Mutter war«, in Anspruch, bei einem solchen Gedenken eine maßgebliche Rolle zu spielen und »ihren« Dante zu ehren.[2] Bereits in seinem Brief an den Erzbischof von Ravenna Pasquale Morganti, in dem er das Programm zu den Jubiläumsfeierlichkeiten approbierte, begründete Benedikt XV. seine Unterstützung: »Außerdem (und das ist wichtiger) gibt es noch einen besonderen Grund, warum wir glauben, dass dieser besondere Jahrestag in dankbarem Gedenken und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung gefeiert werden sollte: Alighieri gehört zu uns. [...] In der Tat, wer kann leugnen, dass unser Dante die Flamme seines Geistes und seine poetische Kraft genährt und gestärkt hat, indem er sich vom katholischen Glauben in einem solchen Maße inspirieren ließ, dass er die erhabenen Mysterien des Glaubens in nahezu göttlichen Versen besang?«[3]

In einem geschichtlichen Augenblick, in dem die Kirche starken Anfeindungen ausgesetzt war, betonte der Papst in der eben genannten Enzyklika die Zugehörigkeit des Dichters zur Kirche und »Dantes innige Verbundenheit mit dem Stuhl Petri«. Ja, er befand, dass sein Werk, auch wenn es Ausdruck der »ungeheuren Weite und Schärfe seines Geistes« war, gerade aus dem christlichen Glauben »gewaltige Inspiration« schöpfte. Deshalb, so Benedikt XV. weiter, »ist an ihm nicht nur seine erhabene Geistesgröße zu bewundern, sondern auch die reiche Thematik, die der Glaube seiner Dichtung bot«. So pries er den Dichter und antwortete damit indirekt all denen, die den seinem Werk zugrundeliegenden religiösen Charakter leugneten oder kritisierten: »Alighieri ist von derselben Frömmigkeit, die sich auch in uns findet, sein Glaube stimmt mit unserem überein. [...] Dies ist es, was ihn in besonderer Weise auszeichnet: ein christlicher Dichter zu sein und mit nahezu göttlichem Klang die christlichen Ideale besungen zu haben, deren Schönheit und Glanz er mit ganzer Seele betrachtete«. Dantes Werk – sagt der Papst weiter – sei ein beredtes, vielsagendes und wertvolles Beispiel, an dem sich zeigen lässt, wie falsch die Behauptung ist, dass »der Gehorsam des Verstandes und des Herzens gegenüber Gott dem Intellekt die Flügel stutzt, während er ihn doch vielmehr anspornt und erhebt«. Aus diesem Grund, so der Papst, können »die Lehren, die uns Dante in allen seinen Werken, besonders aber in seinem dreifachen Gesang hinterlassen hat«, »den Menschen unserer Zeit« und besonders den Studierenden und Gelehrten »als äußerst wertvolle Wegweisung dienen«, da »er, als er sein Werk verfasste, keinen anderen Zweck verfolgte, als die Sterblichen aus dem Zustand des Elends der Sünde zu erheben und sie in den Stand der Seligkeit der göttlichen Gnade hinüberzuführen«.

Im Zusammenhang mit der Feier des 700. Geburtstags im Jahr 1965 stehen hingegen die verschiedenen Beiträge des heiligen Paul VI. Am 19. September stiftete er ein Goldkreuz zum Schmuck von Dantes Grabmal in Ravenna, das bis dahin »ohne ein solches Zeichen der Religion und der Hoffnung« geblieben war.[4] Am 14. November schickte er einen goldenen Lorbeerkranz nach Florenz, der im Baptisterium von San Giovanni angebracht werden sollte. Außerdem war es ihm ein Anliegen, den Konzilsvätern zum Abschluss des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils eine kunstvoll gestaltete Ausgabe der Göttlichen Komödie zu schenken. Vor allem aber ehrte er das Andenken des Sommo Poeta mit dem Apostolischen Schreiben Altissimi cantus,[5] in welchem er die enge Verbindung zwischen der Kirche und Dante Alighieri bekräftigte: »Sollte jemand fragen, warum es für die katholische Kirche nach dem Willen ihres sichtbaren Hauptes eine Herzensangelegenheit ist, das Andenken an den florentinischen Dichter zu pflegen und seinen Ruhm zu feiern, so ist unsere Antwort einfach: weil Dante mit gutem Recht unser ist! Unser, damit wollen wir sagen, dem katholischen Glauben zugehörig, weil alles von seiner Liebe zu Christus durchdrungen ist; er ist unser, weil er die Kirche sehr liebte und in den höchsten Tönen lobte; und er ist unser, weil er im Papst den Stellvertreter Christi erkannte und verehrte«.

Aber ein solches Recht, fährt der Papst fort, erlaubt bei weitem kein triumphales Gebaren, sondern stellt auch eine Verpflichtung dar: »Dante ist unser, das können wir noch einmal sagen; und dabei geht es uns nicht darum, aus ihm eine ehrgeizige Trophäe des Eigenlobs zu machen, sondern uns an die Pflicht zu erinnern, ihn als den Unseren anzuerkennen und die in seinem Werk enthaltenen unschätzbaren Reichtümer christlichen Denkens und Empfindens zu erforschen. Wir sind der Überzeugung, dass nur diejenigen, die in die religiöse Seele des erhabenen Dichters vordringen, seinen wunderbaren geistlichen Reichtum gänzlich verstehen und verkosten können«. Zudem entbindet eine solche Verpflichtung die Kirche nicht davon, auch die Worte prophetischer Kritik anzunehmen, die der Dichter jenen gegenüber äußerte, die den Auftrag hatten, das Evangelium zu verkünden und nicht sich selbst, sondern Christus darzustellen: »Wir bedauern auch nicht, uns daran zu erinnern, dass Dantes Stimme sich geißelnd und streng gegen mehr als einen römischen Papst erhob, und er harsche Vorwürfe gegen kirchliche Institutionen und Personen äußerte, die Amtsträger und Repräsentanten der Kirche waren«; es scheint jedoch klar zu sein, dass »solch stolzes Gebaren niemals seinen festen katholischen Glauben und seine kindliche Zuneigung zur heiligen Kirche erschütterten«.

Paul VI. hob sodann die Merkmale hervor, die Dantes Werk zu einer allen zugänglichen Quelle geistlichen Reichtums machen: »Dantes Dichtung ist universell: in ihrer unermesslichen Weite umfasst sie Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit, die Geheimnisse Gottes und das Erleben der Menschen, die heilige Lehre und das, was sich im Licht der Vernunft erkennen lässt, die persönlichen Erfahrungen und die Erinnerungen der Geschichte«. Vor allem aber kam er auf das Grundanliegen von Dantes Werk, insbesondere der Göttlichen Komödie, zu sprechen, das nicht immer klar gewürdigt und geschätzt wird: »Die Göttliche Komödie ist von ihrer Zielsetzung her in erster Linie praktisch und transformativ. Sie will nicht bloß poetisch schön und moralisch gut sein, sondern sie möchte den Menschen radikal verändern und ihn von der Unordnung zur Weisheit, von der Sünde zur Heiligkeit, vom Elend zum Glück, von der furchterregenden Vision der Hölle zur seligmachenden Schau des Paradieses geleiten«.

Dem Papst lag in einem geschichtlichen Moment voller Spannungen zwischen den Völkern der Friede sehr am Herzen und im Werk des Dichters fand er wertvolle Gedanken zur Förderung und Weckung dieses Ideals: »Dieser Friede der Einzelnen, der Familien, der Nationen, der menschlichen Gesellschaft, der innere und der äußere Friede, der individuelle und der öffentliche Friede, die Ruhe der Ordnung, ist gestört und erschüttert, weil Frömmigkeit und Gerechtigkeit verletzt werden. Um die Ordnung und das Heil wiederzuerlangen, sind Glaube und Vernunft, Beatrice und Virgil, Kreuz und Adler, Kirche und Reich aufgerufen, einmütig zusammenzuwirken«. Auf dieser Linie definierte er das poetische Werk unter dem Gesichtspunkt des Friedens wie folgt: »Die Göttliche Komödie ist ein Gesang des Friedens: das Inferno ist das klagende Lied des für immer verlorenen Friedens, das Purgatorio das süße Lied des erhofften Friedens, das Paradiso der triumphierende Hymnus des auf ewig und vollständig erlangten Friedens«.


So gesehen, schrieb der Papst weiter, ist die Komödie »ein Gesang auf die Verbesserung des menschlichen Miteinanders durch die Erlangung einer Freiheit, die in der Befreiung aus der Versklavung durch das Böse besteht und uns dazu bringt, Gott zu finden und zu lieben, […] und sich zu einem Humanismus bekennt, dessen wesentliche Eigenschaften klar sein dürften«. Dennoch wiederholte Paul VI. noch einmal die Merkmale des Humanismus Dantes: »In Dante werden alle menschlichen Werte (intellektuelle, moralische, affektive, kulturelle, zivile) anerkannt und gepriesen; besonders hervorzuheben ist dabei jedoch, dass diese Anerkennung und Würdigung durch Dante aus seinem Versunkensein in Gott erfolgt, wo die Kontemplation alles Irdische eigentlich überflüssig machen hätte können«. Daher kommt es, wie der Papst zu Recht feststellte, dass Dante auch Sommo Poeta genannt und seine Commedia als Divina Commedia bezeichnet wird und dass Dante im Incipit eben dieses Apostolischen Schreibens zum »Herren des höchsten Gesanges« erklärt wird.

Mit seiner Würdigung der außerordentlichen künstlerischen und schriftstellerischen Qualitäten Dantes wiederholte Paul VI. einen Grundsatz, den er schon viele andere Male vorgetragen hatte: »Theologie und Philosophie haben eine andere Beziehung zur Schönheit, die darin besteht, dass die Schönheit mit der Lieblichkeit des Gesangs und der Anschaulichkeit der bildenden und plastischen Kunst der Lehre ihr Kleid und ihren Schmuck leiht und so die Möglichkeit eröffnet, dass ihre kostbaren Unterweisungen vielen mitgeteilt werden können. Die hochgelehrten Abhandlungen und subtilen Gedankengänge sind vielen einfachen Menschen nicht zugänglich, aber auch sie hungern nach dem Brot der Wahrheit. Freilich aber spüren, fühlen und schätzen sie den Einfluss der Schönheit und mit ihrer Hilfe leuchtet ihnen die Wahrheit auf und nährt sie. Eben das hat der Herr des höchsten Gesanges verstanden und erreicht; ihm wurde die Schönheit zur Magd der Güte und Wahrheit und die Güte zum Soff, aus dem die Schönheit ist«. Mit einem Zitat aus der Commedia mahnte Paul VI. schließlich alle: »Ehret den allergrößten Dichter!« (Inf. IV, 80).

Der heilige Johannes Paul II. bezog sich in seinen Ansprachen mehrfach auf die Werke des Somma Poeta. Hier möchte ich nur an seine Rede vom 30. Mai 1985 bei der Eröffnung der Ausstellung Dante im Vatikan erinnern. Auch er betonte, wie schon Paul VI., die Genialität des Künstlers. Dantes Werk wird interpretiert als eine »veranschaulichte Wirklichkeit«, »die vom Leben des Jenseits und vom Geheimnis Gottes mit der eigenen Kraft des theologischen Denkens spricht, das vom Glanz der miteinander verbundenen Kunst und Poesie verklärt wurde«. Der Papst ging dann näher auf einen Schlüsselbegriff in Dantes Werk ein: »trasumanare – „die Grenzen der menschlichen Natur überschreiten“. Das war das höchste Bemühen Dantes: es so einrichten, dass die Last des Menschlichen nicht das Göttliche in uns zerstöre und die Größe des Göttlichen den Wert des Menschlichen nicht herabsetze. Deshalb gab der Dichter mit Recht seinem persönlichen Schicksal und dem der ganzen Menschheit einen theologischen Schlüssel«.[6]

Benedikt XVI. kam immer wieder auf Dantes Reise zu sprechen und ließ sich von seinen Werken zum Nachdenken und zur Meditation inspirieren. Bei einer Ansprache über seine erste Enzyklika Deus caritas est etwa spricht er von Dantes Schau Gottes, in dem »Licht und Liebe ein und dasselbe sind«, um dann über das Neue in Dantes Werk nachzudenken: »Dantes Blick [nimmt] etwas völlig Neues wahr […] Nicht nur, dass sich ihm das ewige Licht in drei Kreisen offenbart, an die er sich mit jenen uns bekannten eindringlichen Versen wendet: „Du ewig Licht ruhst in dir selbst allein, verstehst, erkennst dich, bist erkannt, verstanden in dir und lächelst dir in Liebe zu“ (Par. XXXIII, V. 124–126). Tatsächlich noch überwältigender als diese Offenbarung Gottes als trinitarischer Kreis der Erkenntnis und der Liebe ist die Wahrnehmung eines menschlichen Antlitzes – das Antlitz Jesu Christi –, das sich Dante in dem zentralen Kreis des Lichtes zeigt. […] Dieser Gott hat ein menschliches Antlitz und – so dürfen wir hinzufügen – ein menschliches Herz«.[7] Der Papst hebt die Originalität von Dantes Vision hervor, in der die Neuheit der christlichen Erfahrung, die dem Geheimnis der Menschwerdung entspringt, poetisch mitgeteilt wird, »die Neuheit einer Liebe, die Gott dazu veranlasst hat, ein menschliches Antlitz, ja Fleisch und Blut, das ganze menschliche Sein anzunehmen«.[8]

Ich selbst habe mich in meiner ersten Enzyklika Lumen fidei [9] auf Dante bezogen, um vom Licht des Glaubens zu sprechen. Dazu zitierte ich einen Vers aus dem Paradiso, der es folgendermaßen beschreibt: »Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn, die dann lebendig in mir aufgestiegen, der Stern, von welchem ich erleuchtet bin« (Par. XXIV, 145-147). Zum 750. Geburtstag des Dichters wollte ich sein Andenken mit einer Botschaft ehren, in der ich der Hoffnung Ausdruck verlieh, »dass Alighieris Gestalt und Werk wieder verstanden und aufgewertet werden mögen«; und ich schlug vor, die Commedia »als eine große Reise, ja als eine wahre Pilgerfahrt [zu verstehen], sowohl auf persönlicher und innerer Ebene als auch auf gemeinschaftlicher, kirchlicher, sozialer und historischer Ebene«. In der Tat stellt sie »das Paradigma einer jeden authentischen Reise dar, auf der die Menschheit dazu aufgerufen ist, das hinter sich zu lassen, was Dante als „das Plätzlein unsres grimmigen Gedränges“ bezeichnet (Par.XXII, 151), um zu einem neuen Seinszustand zu gelangen, der durch Harmonie, Frieden und Glück gekennzeichnet ist«.[10] Ich habe unsere Zeitgenossen also auf die Gestalt des Sommo Poeta hingewiesen und ihn als Propheten der Hoffnung bezeichnet, einen »Künder der Möglichkeit auf Erlösung und Befreiung der Menschheit, der tiefgreifenden Verwandlung eines jeden Mannes, einer jeden Frau, ja der gesamten Menschheit.«[11]

Als ich schließlich am 10. Oktober 2020 anlässlich der Eröffnung des Dante-Jahres die Delegation der Erzdiözese Ravenna-Cervia empfing und dieses Dokument ankündigte, merkte ich an, das Dantes Werk auch heute den Verstand und die Herzen vieler, vor allem auch der jungen Menschen, bereichern kann. Wenn sie einen guten Zugang zu Dantes Dichtung finden, »nehmen sie einerseits unweigerlich wahr, wie weit entfernt der Autor und seine Welt sind. Aber andererseits spüren sie in sich eine überraschende Resonanz«.[12]

2. Das Leben Dante Alighieris, Paradigma der conditio humana

Mit diesem Apostolischen Schreiben möchte auch ich mich dem Leben und dem Werk des berühmten Dichters annähern, um eben diese Resonanz wahrzunehmen und sowohl seine Aktualität als auch seine bleibende Gültigkeit aufzuzeigen als auch jene Mahnungen und Überlegungen herauszugreifen, die heute noch für die ganze Menschheit, nicht nur für die Gläubigen, wesentlich sind. Dantes Werk ist in der Tat ein integraler Bestandteil unserer Kultur, es erinnert uns an die christlichen Wurzeln Europas und des Abendlandes, es repräsentiert das Erbe von Idealen und Werten, die auch heute noch von der Kirche und der Zivilgesellschaft als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens gesehen werden, auf der wir uns alle als Brüder und Schwestern erkennen können und müssen. Ohne auf die komplexe geschichtliche, persönliche, politische und rechtliche Situation Alighieris einzugehen, möchte ich nur einige Momente und Ereignisse seines Lebens in Erinnerung rufen, die ihn vielen unserer Zeitgenossen außerordentlich nahe erscheinen lassen und die für das Verständnis seines Werkes wesentlich sind.

Mit der Stadt Florenz, wo er 1265 geboren wurde und wo er die Ehe mit Gemma Donati einging und seine vier Kinder zur Welt kamen, verband ihn zunächst ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, welches sich im Laufe der Zeit jedoch aufgrund politischer Konflikte in offene Auseinandersetzung verwandelte. Dennoch hegte er immerzu den Wunsch, dorthin zurückzukehren, nicht nur aufgrund weiterhin empfundener Liebe zu seiner Stadt, sondern vor allem, um dort, wo er die Taufe und den Glauben empfangen hatte, zum Dichter gekrönt zu werden (vgl. Par. XXV, 1-9). In einigen seiner Briefe (III, V, VI und VII) bezeichnet sich Dante als »florentinus et exul inmeritus« („Florentiner und unverdient Verbannter“), während er in Brief XIII an Cangrande della Scala präzisiert »florentinus natione non moribus« („Florentiner von Geburt, nicht von Sitten“). Er geriet als weißer Guelfe sowohl in den Konflikt zwischen Guelfen und Ghibellinen, also auch in den zwischen weißen und schwarzen Guelfen, und nachdem er immer wichtigere öffentliche Ämter bis hin zum Prior bekleidet hatte, wurde er aufgrund der widrigen politischen Ereignisse 1302 für zwei Jahre verbannt, von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt. Dante erkannte das Urteil, das er als ungerecht empfand, nicht an, und so wurde es noch verschärft: ewige Verbannung, Konfiszierung seines Besitzes und das Todesurteil, falls er in seine Heimat zurückkehrte. So begann die schmerzhafte Geschichte Dantes, der vergeblich versuchte, in sein geliebtes Florenz zurückzukehren, für das er so leidenschaftlich gekämpft hatte.

So wird er zum Exilanten, zum »nachdenklichen Pilger«, der in eine Lage »schmerzlicher Armut« (Convivio, I, III, 5) gerät, die ihn Zuflucht und Schutz bei einigen lokalen Herren suchen lässt, darunter den Scalìgeri von Verona und den Malaspina in der Lunigiana. Aus den Worten Cacciaguidas, eines Vorfahren des Dichters, klingt Bitterkeit und Verzagtheit ob dieser neuen Situation: »Du wirst all das zurücklassen müssen, was du am meisten liebst; und dies ist der Pfeil, mit dem der Bogen des Exils dich zuallererst trifft. Du wirst erfahren, wie bitter das Brot der Fremde schmeckt und wie hart es ist, bei anderen über die Stufen zu steigen« (Par. XVII, 55-60).

Da er die demütigenden Bedingungen einer Amnestie, die ihm die Rückkehr nach Florenz erlaubt hätte, nicht akzeptierte, wurde er 1315 erneut zum Tode verurteilt, diesmal zusammen mit seinen heranwachsenden Kindern. Die letzte Station seines Exils war Ravenna, wo er von Guido Novello da Polenta aufgenommen wurde und eben von einer Mission nach Venedig zurückgekehrt im Alter von 56 Jahren in der Nacht vom 13. auf den 14. September 1321 starb. Er wurde in einem Sarkophag an der Außenmauer des alten Franziskanerklosters San Pietro Maggiore beigesetzt und später in den angrenzenden Tempietto aus dem 18. Jahrhundert überführt, wohin seine sterblichen Überreste 1865 nach etlichen Verwicklungen erneut verbracht wurden. Dieser Ort wird auch heute noch von unzähligen Besuchern und Bewunderern des Somma Poeta, des Vaters der italienischen Sprache und Literatur, besucht.

Im Exil wandelte sich Dantes Liebe zu seiner Stadt, die von den »keinen Frevel scheuenden Florentinern« (vgl. Ep. VI,1) verraten wurde, in trauriges Heimweh. Die tiefe Enttäuschung über den Niedergang seiner politischen und bürgerlichen Ideale sowie das schmerzhafte Umherziehen von einer Stadt zur anderen auf der Suche nach Zuflucht und Unterstützung sind seinem literarischen und poetischen Werk nicht fremd, sie bilden vielmehr dessen wesentliche Quelle und zugrundeliegende Motivation. Wenn Dante die Pilger beschreibt, die sich auf den Weg machen, um die heiligen Stätten zu besuchen, beschreibt er in gewisser Weise seinen eigenen existenziellen Zustand und offenbart seine innersten Gefühle: »Ihr Pilger, die ihr in Gedanken geht ...« (Vita Nova, 29 [XL (XLI), 9], v.1). Das Motiv kehrt mehrfach wieder, etwa in dieser Strophe des Purgatorio: »Wie es Pilger halten, die, wenn sie, in sich gekehrt, auf ihrem Weg unbekannten Leuten begegnen, sich ihnen nur kurz zuwenden, aber nicht stehen bleiben« (XXIII, 16-18). Die ergreifende Melancholie Dantes als Pilger und Exilant ist auch in den berühmten Versen des achten Gesangs des Purgatorio zu spüren: »Nun war die Abendstunde da, die doch allen draußen auf dem Meer ans Herz rührt, dass sie sich zurücksehnen nach den vertrauten Freunden, denen sie am Morgen Lebwohl sagen mussten« (VIII, 1-3).

Dante, der seine persönliche Situation der Verbannung, der radikalen Ungewissheit, der Zerbrechlichkeit, der ständigen Ortswechsel tiefgründig reflektiert, verwandelt und erhebt sie zum Paradigma der conditio humana, die sich als ein eher inneres denn äußeres Unterwegssein erweist, das niemals endet, bis es ans Ziel gelangt. So stoßen wir in Dantes gesamtem Werk auf zwei grundlegende Themen: den Ausgangspunkt jedes existenziellen Weges, nämlich das Verlangen, das der menschlichen Seele innewohnt, und den Zielpunkt, das Glück, das durch die Schau der Liebe, Gott selbst, gegeben ist.

Auch angesichts dramatischer, trauriger und erschütternder Ereignisse resigniert der Sommo Poeta nicht, er gibt nicht nach und lässt nicht zu, dass die Sehnsucht nach Fülle und Glück, die in seinem Herzen wohnt, untergeht, noch erliegt er der Ungerechtigkeit, der Heuchelei, der Arroganz der Macht oder dem Egoismus, die unsere Welt zu jenem »Fleckchen Erde [machen], auf dem wir uns so wild gebärden« (Par. XXII, 151).

3. Die Mission des Dichters als Prophet der Hoffnung

So entdeckt Dante, der sein Leben insbesondere im Licht des Glaubens neu sehen lernt, die ihm anvertraute Berufung und Sendung, wodurch er paradoxerweise von einem scheinbar gescheiterten und enttäuschten Menschen, einem entmutigten Sünder, zu einem Propheten der Hoffnung wird. In seinem Brief an Cangrande della Scala verdeutlicht er mit außerordentlicher Klarheit das Ziel seines Wirkens, das sich nicht mehr in politischen oder militärischen Aktivitäten verwirklicht und ausdrückt, sondern in der Poesie, der Kunst des Wortes, die, an alle gerichtet, alle verändern kann. So »lässt sich kurz sagen, der Zweck des Ganzen und des Teiles sei, die Lebendigen in diesem Leben aus dem Zustande des Elendes herauszuführen und zu dem des Glückes zu geleiten« (XIII, 39 [15]). Dieser Zweck bringt einen Prozess der Befreiung von jeder Form von menschlichem Elend und Erniedrigung (dem „finsteren Wald“) in Gang und verweist zugleich auf das letzte Ziel: das Glück, verstanden sowohl als Lebensfülle in diesem Leben wie auch als ewige Glückseligkeit in Gott.

Dante ist Herold, Prophet und Zeuge dieser doppelten Bestimmung, dieses kühnen Lebensprogramms und wird in seiner Mission von Beatrice bestätigt: »Doch gib zum Nutzen der Welt, die in Sünde lebt, jetzt auf den Wagen acht, und was du siehst, das sollst du nach der Rückkehr niederschreiben« (Purg. XXXII, 103-105). Auch sein Vorfahr Cacciaguida mahnt ihn, seine Mission nicht zu vernachlässigen. Dem Dichter, der sich kurz an seine Reise durch die drei Reiche des Jenseits erinnert und auf die Schwierigkeit hinweist, jene Wahrheiten mitzuteilen, die schmerzen und unbequem sind, antwortet der edle Ahnherr: »Ein Gewissen, das durch eigene oder andere Schande verunreinigt ist, wird dein Wort rauh finden. Doch dessen ungeachtet sollst du ohne jede Beschönigung alles Gesehene öffentlich kundtun. Und wen es juckt, der soll sich ruhig kratzen« (Par. XVII, 124-129). Eine identische Aufforderung, seine prophetische Sendung mutig zu leben, richtet der heilige Petrus an Dante im Paradiso, wo der Apostel nach einer gewaltigen Schmährede gegen Bonifatius VIII. sich folgendermaßen an den Dichter wendet: »Du aber, Sohn, der du mit dem sterblichen Gewicht noch einmal zurückkehren wirst, tue den Mund auf und verschweige nicht, was auch ich nicht verschweige« (XXVII, 64-66).

So gehört zu Dantes prophetischer Sendung auch die Anprangerung und Kritik jener Gläubigen, sowohl von Päpsten als auch einfachen Gläubigen, die ihre Zugehörigkeit zu Christus verraten und die Kirche zu einem Instrument für ihre eigenen Interessen machen, indem sie den Geist der Seligpreisungen und die Liebe gegenüber den Kleinen und Armen vergessen und Macht und Reichtum vergötzen: »Was immer sich nämlich in der Obhut der Kirche befindet, steht denjenigen zu, die bei Gott um Almosen bitten, nicht den Verwandten oder noch übleren Personen« (Par. XXII, 82-84). Aber während er Verfallserscheinungen in einigen Bereichen der Kirche anprangert, spricht sich der Dichter in den Worten des heiligen Petrus Damiani, des heiligen Benedikt und des heiligen Petrus für eine tiefgreifende Erneuerung aus und beschwört die göttliche Vorsehung, sie möge diese begünstigen und ermöglichen: »Und doch wird die hohe Vorsehung, die einst mit Scipio für Rom die Weltmacht sicherte, uns bald zur Hilfe eilen, dessen bin ich mir gewiss« (Par. XXVII, 61-63).

Dante, ein kraftloser Verbannter und Pilger, der aber nun stark ist durch die tiefe und innige Erfahrung, die ihn verwandelt hat, der neu geboren wurde dank der Vision, die ihn aus den Tiefen der Hölle, aus dem tiefsten menschlichen Elend, zur Schau Gottes selbst erhoben hat, schwingt sich also auf zum Herold eines neuen Seins, zum Propheten einer neuen Menschheit, die sich nach Frieden und Glück sehnt.

4. Dante als Dichter der menschlichen Sehnsucht

Dante versteht, was in der Tiefe des menschlichen Herzens vor sich geht, und er vermag in einem jeden, selbst in den erbärmlichsten und befremdlichsten Gestalten, einen Funken Sehnsucht nach Glück und Lebensfülle zu erkennen. Er hält inne, um den Seelen, denen er begegnet, zuzuhören, er unterhält sich mit ihnen, er befragt sie, um sich in sie hineinzuversetzen und an ihren Qualen oder an ihrer Seligkeit teilzuhaben. So wird der Dichter von seiner eigenen persönlichen Situation her zum Deuter der Sehnsucht aller Menschen, den Weg solange fortzusetzen, bis das endgültige Ziel erreicht und die Wahrheit gefunden ist, die Antwort auf die Fragen des Daseins, bis, wie schon der heilige Augustinus sagte, das Herz Ruhe und Frieden findet in Gott.[13]

Im Convivio analysiert er eben diese Dynamik der Sehnsucht: »Das höchste Verlangen alles Seienden, und von der Natur zuerst gegeben, ist die Rückkehr zum jeweiligen Ursprung. Und weil Gott der Ursprung unserer Seele ist, [...] wünscht sich die Seele vor allem, zu ihm zurückzukehren. Unserer Seele ergeht es wie einem Wanderer, der auf einem Weg geht, auf dem er noch nie gewesen ist. Jedes Haus, das er von weitem sieht, hält er für ein Gasthaus, und wenn er herausfindet, dass dem nicht so ist, hält er das nächste dafür, und das geht von Haus zu Haus zu weiter, bis er schließlich das Gasthaus erreicht. Sobald sie den neuen und noch nie beschrittenen Weg dieses Lebens betritt, richtet die Seele sich auf das Ziel ihres höchsten Gutes aus. Allerdings hält sie alles, was sie sieht und was irgendetwas Gutes an sich zu haben scheint, für dieses höchste Gut« (IV, XII, 14-15).

Dantes Reise, insbesondere wie er sie in der Göttlichen Komödie beschreibt, ist in Wirklichkeit ein Weg der Sehnsucht, des tiefen inneren Bedürfnisses, das eigene Leben zu ändern, um das Glück zu erreichen und damit auch anderen den Weg zu zeigen, die sich, wie er, in einem „finsteren Wald“ befinden und „den geraden Weg“ verloren haben. Es scheint auch bezeichnend, dass sein Führer, der große lateinische Dichter Virgil, ihm von der ersten Etappe dieser Reise an das Ziel zeigt, das er erreichen muss, und ihn mahnt, nicht der Angst und der Müdigkeit zu verfallen: »Doch du, warum willst du zurück zu solcher Qual? Warum steigst du nicht den sanften Berg hinauf, der doch Anfang und Grund aller Freude ist?« (Inf. I, 76-78).

5. Dichter der Barmherzigkeit Gottes und der menschlichen Freiheit

Dantes Weg ist weder illusorisch noch utopisch, sondern realistisch und möglich, jeder kann sich anschließen, denn Gottes Barmherzigkeit schenkt immer die Möglichkeit zu Veränderung, Umkehr, erneuter Selbstfindung und Wiederentdeckung des Weges zum Glück. Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang einige Episoden und Gestalten aus der Komödie, die zeigen, dass niemand auf Erden von diesem Weg ausgeschlossen ist. Da ist zum Beispiel Kaiser Trajan, ein Heide, der sich aber im Paradies befindet. Dante begründet dies so: »Regnum caelorum, das Himmelreich lässt sich Gewalt antun von heißer Liebe und von starker Hoffnung, die zusammen selbst den göttlichen Willen besiegen; nicht wie der Mensch den Menschen niederringt, vielmehr können sie ihn besiegen, weil er besiegt werden will und besiegt mit seiner Güte siegt« (Par. XX, 94-99). Trajans Geste der Nächstenliebe gegenüber einer »Witwe« (45) oder das »Tränchen«, das Bonconte von Montefeltro im Angesicht des Todes vergießt (Purg. V, 107), zeigen nicht nur die unendliche Barmherzigkeit Gottes, sondern bestätigen, dass der Mensch in seiner Freiheit immer wählen kann, welchen Weg er gehen will und welches Schicksal er verdient.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch König Manfred, der sich nach Dante im Purgatorium befindet und sich an sein Ende und das göttliche Urteil erinnert: »Nachdem ich an zwei Stellen tödlich verwundet worden war, vertraute ich mich weinend DEM an, der ja gern vergibt. Schrecklich waren meine Sünden; doch Gott in seiner unendlichen Güte öffnet seine Arme so weit, dass sie jeden aufnehmen, der sich ihm zuwendet« (Purg. III, 118-123). Fast scheint hier die Gestalt des Vaters aus dem Gleichnis im Evangelium sichtbar zu werden, der mit offenen Armen bereit ist, den verlorenen Sohn aufzunehmen, der zu ihm zurückkehrt (vgl. Lk 15,11-32).

Dante macht sich zum Verfechter der Würde eines jeden Menschen und der Freiheit als grundlegender Bedingung sowohl für Lebensentscheidungen als auch für den Glauben. Das ewige Schicksal des Menschen – so suggeriert Dante, indem er uns die Geschichten vieler berühmter, aber auch wenig bekannter Persönlichkeiten erzählt – hängt von ihren Entscheidungen, von ihrer Freiheit ab: Selbst alltägliche und scheinbar unbedeutende Handlungen haben eine Bedeutung, die über die Zeit hinausgeht, sie bilden sich gewissermaßen in der Ewigkeit ab. Das größte Geschenk, das Gott dem Menschen zum Erreichen seines letzten Zieles gibt, ist eben die Freiheit, wie Beatrice beteuert: »Die größte Gabe, die Gott, der Schöpfer in seiner Großmut gewährt hat, die seiner Güte am meisten entspricht, und die er selbst am höchsten schätzt, war die Freiheit des Willens« (Par. V, 19-22). Dies sind keine rhetorischen und vagen Behauptungen, sie entstammen der Erfahrung derer, die den Preis der Freiheit kennen: »Was er sucht, ist Freiheit, die doch so teuer ist, wie jeder weiß, der für sie das Leben verschmäht hat« (Purg. I, 71-72).

Aber die Freiheit, daran erinnert uns Alighieri, ist kein Selbstzweck, sie ist eine Bedingung für den beständigen Aufstieg, und seine Reise durch die drei Reiche veranschaulicht plastisch eben diesen Aufstieg, bis er schließlich den Himmel und die Fülle der Glückseligkeit erreicht. Der »hohe Wunsch« (Par. XXII, 61), der durch die Freiheit geweckt wird, kann nicht vor dem Ziel erlöschen, jener letzten Vision voller Glückseligkeit: »Und ich, der ich nun dem Ziel allen Strebens nahe war, ich brachte, wie ich es musste, die Inbrunst meines Sehnens in mir zum Äußersten« (Par. XXXIII, 46-48). Die Sehnsucht wird dann auch zum Gebet, zum Flehen, zur Fürbitte, zum Gesang und begleitet und markiert so Dantes Weg, wie die Liturgie den Stunden und Tageszeiten einen Rhythmus verleiht. Die Paraphrase des Vaterunsers, die der Dichter vorlegt (vgl. Purg. XI, 1-21), verwebt den Text des Evangeliums mit der persönlichen Erfahrung, mit den je eigenen Schwierigkeiten und Leiden: »Der Frieden deines Reiches komme zu uns«, denn wir können, »wenn er nicht kommt, nicht zu ihm gelangen. [...] Gib uns heute unser tägliches Manna, ohne das in dieser rauhen Wüste, auch wer am meisten voranstrebt, zurückfallen muss« (7-8.13-15). Die Freiheit derer, die an Gott als den barmherzigen Vater glauben, kann nicht anders, als sich ihm im Gebet anzuvertrauen, was sie nicht im Geringsten beeinträchtigt, sondern sogar noch stärker macht.

6. Das Bild des Menschen in der Schau Gottes

Der Verlauf der Commedia, der ein Weg der Freiheit und der Sehnsucht ist, führt, wie schon Papst Benedikt XVI. betont hat, anders als man sich das vielleicht vorstellen würde, nicht zu einer Minderung des Menschlichen in seiner Konkretheit. Die Person wird dabei nicht sich selbst entfremdet und das, was ihre geschichtliche Existenz ausgemacht hat, hört weder auf noch wird es einfach weggelassen. Selbst im Paradiso stellt Dante die Seligen – die »weißen Gewänder« (XXX, 129) – in ihrer Leiblichkeit dar, er spricht von ihren Gefühlen und Emotionen, von ihren Blicken und Gesten, er zeigt uns, kurz gesagt, die Menschheit in ihrer vollendeten Vollkommenheit von Leib und Seele, und verweist damit auf die Auferstehung des Fleisches. Der heilige Bernhard, der Dante auf dem letzten Stück des Weges begleitet, zeigt dem Dichter die Kinder, die sich in der Rose der Seligen befinden, und lädt ihn ein, sie zu beobachten und ihnen zuzuhören: »Das kannst du leicht an ihren Gesichtern und an ihren kindlichen Stimmen merken, wenn du nur gut hinschaust und hinhörst« (XXXII, 46-48). Es ist rührend, wie diese lichte Erscheinung der Seligen in ihrer vollständigen Menschlichkeit nicht nur von Gefühlen der Zuneigung zu ihren Lieben motiviert ist, sondern vor allem von dem ausdrücklichen Wunsch, ihre Körper, ihre irdische Gestalt wiederzusehen: Deutlich schien, »wie sehr sie alle sich nach ihren toten Körpern sehnten, vielleicht nicht nur für sich, sondern für die Mütter, für die Väter und die anderen, die ihnen lieb waren, bevor sie zu ewigen Flammen wurden« (XIV, 63-66).

Und schließlich, im Zentrum der letzten Vision, in der Begegnung mit dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit, erkennt Dante tatsächlich ein menschliches Antlitz, das Antlitz Christi, des ewigen Wortes, das im Schoß Marias Fleisch geworden ist: »Im tiefen, leuchtenden Bestand des hohen Lichts erschienen mir drei Kreise in drei Farben und von derselben Größe [...]. In jenem Kreis, der mir doch vorschwebte als ein in dir getauschtes Licht und den meine Augen eine Weile umrundeten, schien es mir nun, als malte sich in seinem Innern mit seiner eigenen Farbe unser Ebenbild« (XXXIII, 115-117,127-131). Erst in der visio Dei lässt das Verlangen des Menschen nach und sein ganzer mühsamer Weg findet ein Ende: »Mein Geist wurde von einem Blitz durchzuckt, in dem sein Wunschziel aufkam. Die hohe Phantasie, hier verließ sie die Kraft« (XXXIII, 140-142).

Das Geheimnis der Menschwerdung, das wir heute feiern, ist die eigentliche Inspirationsquelle und der Wesenskern des ganzen Werkes. Hier verwirklicht sich, was die Kirchenväter „Vergöttlichung“, admirabile commercium, einen wunderbaren Tausch nannten: Während Gott in unsere Geschichte eintritt und unsere konkrete menschliche Natur annimmt, kann der Mensch mit seinem Fleisch in die göttliche Wirklichkeit eintreten, welche durch die Rose der Seligen symbolisiert wird. Die Menschheit in ihrer Konkretheit, mit ihren alltäglichen Gesten und Worten, mit ihrem Verstand und ihren Gefühlen, mit ihrem Körper und ihren Emotionen, wird in Gott aufgenommen, in dem sie wahre Glückseligkeit und volle und endgültige Erfüllung findet, was das Ziel ihres gesamten Weges ist. Dante hatte dieses Ziel zu Beginn des Paradiso herbeigesehnt und vorausgesehen: »So musste sich darüber erst recht der Wunsch einstellen, jene Wesenheit zu erschauen, in der unsere Menschennatur und Gott sich vereint haben. Dort oben wird man sehen, was wir hier nur glauben können, ohne weiteren Beweis, es wird sich vielmehr von sich aus zu erkennen geben, wie eine Grundwahrheit, die der Mensch glaubt« (II, 40-45).

7. Die drei Frauen der Göttlichen Komödie: Maria, Beatrice und Lucia

Wenn Dante das Geheimnis der Menschwerdung, die Quelle des Heils und der Freude für die ganze Menschheit, besingt, kann er nicht umhin, Maria zu preisen, die jungfräuliche Mutter, die mit ihrem „Ja“, mit ihrer vollen und totalen Annahme des göttlichen Heilsplans die Menschwerdung des Wortes möglich macht. In Dantes Werk finden wir eine schöne Mariologie: In höchsten lyrischen Tönen, besonders in dem vom heiligen Bernhard gesprochenen Gebet, fasst er die gesamte theologische Reflexion über Maria und ihre Teilnahme am Geheimnis Gottes zusammen: »Jungfrau und Mutter, Tochter deines Sohnes, demütigstes und höchstes aller Geschöpfe, fester Augenblick ewigen Ratschlusses, du hast die menschliche Natur so sehr veredelt, dass ihr Schöpfer nicht mehr verschmähte, ihr Geschöpf zu werden« (Par. XXXIII, 1-6). Das anfängliche Oxymoron und die Abfolge der antithetischen Begriffe betonen die Originalität der Gestalt Mariens und ihre einzigartige Schönheit.

Als wiederum der heilige Bernhard die in der mystischen Rose befindlichen Seligen zeigt, lädt er Dante ein, Maria zu betrachten, die dem fleischgewordenen Wort seine menschliche Gestalt gegeben hat: »Nun aber schau auf das Antlitz, das am meisten Christus ähnelt, denn sein Leuchten allein kann dich darauf vorbereiten, ihn selbst zu sehen: Christus« (Par., XXXII, 85-87). Das Geheimnis der Menschwerdung wird noch einmal durch die Erscheinung des Erzengels Gabriel in Erinnerung gerufen. Dante fragt den heiligen Bernhard: »Wer ist dieser Engel, der so freudevoll unserer Königin in die Augen blickt, er scheint von Liebe ganz entbrannt zu sein?« (103-105), und dieser antwortet: Es ist derjenige, »der den Palmzweig hinunter zu Maria trug, als Gottes Sohn die Last unserer Körper auf sich nehmen wollte« (112-114). Der Bezug zu Maria zieht sich durch die gesamte Göttliche Komödie. Auf dem Weg durch das Purgatorio ist sie das Vorbild der Tugenden, die den Lastern entgegengesetzt sind; sie ist der Morgenstern, der einem hilft, aus dem finsteren Wald herauszukommen, um auf den Berg Gottes zuzugehen; sie ist immer da, dadurch, dass sie für uns immer ansprechbar ist, – »der Name der schönen Blume, den ich jeden Morgen und jeden Abend anrufe« (Par. XXIII, 88-89) – was auf die Begegnung mit Christus und dem Geheimnis Gottes vorbereitet.

Dante, der auf seinem Weg nie allein ist, sondern sich zunächst von Vergil, dem Symbol der menschlichen Vernunft, und dann von Beatrice und dem heiligen Bernhard leiten lässt, kann nun dank der Fürsprache Marias seine Heimat erreichen und die volle Freude kosten, nach der er sich in jedem Augenblick seines Daseins gesehnt hat: »Aber noch spüre ich im Herzen einen Tropfen des Entzückens, das sie mir bereitete« (ebd., XXXIII, 62-63). Man rettet sich nicht allein, so scheint uns der Dichter immer wieder zu sagen, der sich seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist: »Ich komme nicht aus eigener Kraft« (Inf. X, 61) Es ist notwendig, sich auf dem Weg in Begleitung derer zu finden, die uns mit ihrer Weisheit und Klugheit unterstützen und führen können.

In diesem Zusammenhang scheint die Gegenwart des Weiblichen von Bedeutung. Zu Beginn des beschwerlichen Weges tröstet und ermutigt Vergil, der erste Führer, Dante weiterzugehen, weil drei Frauen für ihn Fürsprache einlegen und seine Schritte lenken werden: Maria, die Mutter Gottes, die für die Liebe steht; Beatrice als Symbol der Hoffnung; die heilige Lucia als Bild des Glaubens. In bewegenden Worten stellt sich Beatrice vor: »Ich bin Beatrice, und ich heiße dich gehen; ich komme von jenem Ort, an den ich auch zurückkehren möchte; Liebe hat mich dazu bewogen und lässt mich sprechen« (Inf., II, 70-72). Damit sagt sie, dass die einzige Quelle des Heils die Liebe ist, die göttliche Liebe, die die menschliche Liebe verwandelt. Beatrice verweist dann auf die Fürsprache einer anderen Frau, nämlich der Jungfrau Maria: »Es weilt eine huldreiche Frau im Himmel, die ist betrübt über diese Bedrängnis, nach der ich dich sende; und sie wendet sich damit gegen ein hartes Urteil, das dort oben ergangen war« (94-96). Dann ergreift Lucia das Wort und wendet sich an Beatrice: »Beatrice, du wahres Gotteslob, was eilst du dem nicht zu Hilfe, der dich so sehr geliebt hat, der doch um deinetwillen aus der gewöhnlichen Schar heraustrat?« (103-105). Dante erkennt, dass nur derjenige, der von der Liebe bewegt wird, uns wirklich auf dem Weg helfen und zur Erlösung, zur Erneuerung des Lebens und damit zur Glückseligk


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