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„Die Kirche fürchtet die Geschichte nicht - sie liebt sie“

5. März 2019 in Chronik, 3 Lesermeinungen
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Papst Franziskus gibt Öffnung der Archive Pius XII. bekannt – Franziskus kritisiert „einige Vorurteilen und Verzerrungen“, mit denen über Papst Pius XII. diskutiert wurde. Gastbeitrag von Michael Hesemann


Vatikan (kath.net) Wie von mir auf kath.net bereits weltexklusiv angekündigt, hat Papst Franziskus am gestrigen Montag den Termin für die Öffnung der Akten aus dem Pontifikat Pius XII. in den Archiven des Vatikans, also dem vatikanischen Geheimarchiv, dem nicht minder wichtigen Archiv des Staatssekretariats und den Archiven diverser Kongregationen, bekanntgegeben. Es wird der 2. März 2020 sein, der 81. Jahrestag der Papstwahl Eugenio Pacellis.

Die Bekanntgabe erfolgte, wie erwartet, im Rahmen einer Sonderaudienz für die Mitarbeiter des päpstlichen Geheimarchivs.

„Die Gestalt dieses Papstes, der sich an einem der traurigsten und dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts am Steuer der Barke Petri wiederfand, aufgerührt und tief verwundet durch den letzten Weltkrieg mit der darauffolgenden Periode der Neuorganisation der Staaten und dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit, wurde schon unter vielen Gesichtspunkten untersucht und studiert, manchmal auch diskutiert und sogar kritisiert (man muss sagen mit einigen Vorurteilen und Verzerrungen). Heute wird er auf angemessenere Weise neu verstanden und in der Tat in das richtige Licht gestellt mit seinen vielen Qualitäten: als Hirte, vor allem, aber auch als Theologe, Asket und Diplomat“, erklärte Papst Franziskus in seiner Ansprache.

Die Entscheidung, die Archive vor Ablauf der üblichen 70-Jahre-Frist zu öffnen, habe bereits sein Vorgänger, Papst Benedikt XVI., im Jahre 2006 getroffen. Jetzt, wo die Archivare ihr Titanenwerk der Katalogisierung und Digitalisierung von 16 Millionen Dokumenten nahezu abgeschlossen haben, sei es an der Zeit, sie der Forschung zugänglich zu machen. Das habe Franziskus „nach Anhörung meiner engsten Mitarbeitern in ruhigem und vertrauensvollem Geist beschlossen, im Vertrauen, dass seriöse und objektive historische Forschung die rühmlichen Momente dieses Papstes ebenso würdigt wie die Momente ernsthafter Schwierigkeiten, qualvoller Entscheidungen, menschlicher und christlicher Klugheit, die einigen auch als Zurückhaltung erscheinen mochte, hinter denen sich aber humane und sehr hart erkämpfte Versuche verbargen, die Flamme humanitärer Initiativen in den Zeiten tiefster Finsternis und Grausamkeit am Leben zu halten, von verborgener aber aktiver Diplomatie und der Hoffnung, Herzen zu öffnen.

Die Kirche fürchtet die Geschichte nicht – sie liebt sie vielmehr und möchte sie noch mehr und besser lieben, so wie Gott es tut! Daher eröffne und übergebe ich, mit dem gleichen Vertrauen wie meine Vorgänger, dieses dokumentarische Erbe den Forschern.“

Zuvor, in einem Beitrag in der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“, hatte Bischof Sergio Pagano, Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs, bereits seine Eindrücke von den katalogisierten Akten geschildert. Es stünde jetzt fest, so Pagano, dass Pius XII. „vorschnell wegen einiger Aspekte seines Pontifikates kritisiert und verurteilt wurde“. Die Dokumente machten es den Historikern möglich, sein Pontifikat endlich „vorurteilsfrei und realistisch einzuschätzen und seinen Reichtum zu entdecken.“

Die Nachricht von der Öffnung der Archive, um 13.00 Uhr vom Pressesaal des Heiligen Stuhls veröffentlicht, schlug weltweit wie eine Bombe ein. „Wir freuen uns über die Entscheidung und hoffen, dass sie den Zugang zu allen relevanten Archiven eröffnet“, verlas der israelische Vatikan-Botschafter Oren David eine Stellungnahme seines Außenministeriums. Die Direktion der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem zeigte sich in einer Mitteilung optimistisch, dass dies „eine objektive und offene Forschung sowie einen umfassenden Diskurs über Themen in Bezug auf das Verhalten des Vatikans im Besonderen und der katholischen Kirche im Allgemeinen während des Holocaust ermöglicht.“ Auch das American Jewish Committee (AJC) begrüßte „die Entscheidung von Papst Franziskus, diese Materialien nun vollständig öffentlich und für die internationale wissenschaftliche Forschung zugänglich zu machen“, erklärte Rabbi David Rosen, Internationaler Direktor für Interreligiöse Beziehungen des AJC. Es sei besonders wichtig, dass jetzt auch jüdische Experten Zugang zu den Originaldokumenten hätten. Der New Yorker Jude Gary Krupp, dessen Pave the Way Foundation (PTWF) sich seit über einem Jahrzehnt für die Rehabilitation Pius XII. einsetzt, reagierte geradezu enthusiastisch: „Ich freue mich sehr, dass Seine Heiligkeit der schlimmsten Rufmordkampagne des 20. Jahrhunderts, der vom sowjetischen KGB konstruierten ‚Schwarzen Legende‘ über Pius XII., ein Ende bereitet.“

Der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf, der noch am Samstag im Kölner „Domradio“ eine „Aussetzung des Seligsprechungsprozesses von Pius XII.“ bis zur Öffnung der Archive gefordert hatte, hofft jetzt, im Vatikanarchiv den Entwurf der Ansprache zu finden, mit der Pius XII. gegen die Deportation der holländischen Juden protestieren wollte. Er wird freilich enttäuscht werden. Nach Aussage von zwei Augenzeugen, seiner Köchin und seiner Haushälterin, hat der Papst sein Manuskript vor ihren Augen verbrannt, als er hörte, dass die Nazis auf den Protest des holländischen Erzbischofs de Jong mit der Deportation auch von Konvertiten reagiert hatten; 694 getaufte Juden, darunter die hl. Edith Stein, wurden unmittelbar darauf nach Auschwitz verschleppt. Er fürchtete, dass noch viel mehr Unschuldige einem Protest des Papstes zum Opfer fallen würden. Weitere brisante Dokumente wurden verbrannt, als die Nazis im September 1943 Rom besetzten und Hitler Befehl erteilt hatte, bei einem Protest des Papstes den Vatikan zu stürmen und Pius XII. nach Deutschland zu verschleppen.

Was aber bringt dann die Öffnung der Archive für die Forschung?

Zunächst einmal das sichere Gefühl, auf keine Überraschungen mehr zu stoßen. Dem Lieblingsargument der Pius-Gegner, es könne sich vielleicht doch noch etwas Kompromittierendes in den Beständen befinden, wird endlich der Wind aus den Segeln genommen. Auch kritische Historiker, die der Versicherung namhafter Kollegen, es seien bereits weit über 90 % aller relevanten Akte veröffentlicht worden, bislang nicht trauten, können sich jetzt selbst überzeugen. Sicher, das eine oder andere Detail wird das Gesamtbild noch abrunden. Heute wissen wir etwa von 40 diplomatischen Interventionen gegen die Deportationen der Juden, vielleicht wird sich die Zahl bald auf 45 oder gar auf 50 erhöhen. Vielleicht findet sich auch noch das Originalmanuskript der Papstrede vom 1.8.1941 oder sein Rundbrief an die römischen Klöster, von dem der frühere Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone eine Kopie besessen haben will. Aber wahr ist auch, dass die brisantesten Aktionen, wie etwa der Kontakt mit dem deutschen Widerstand, ohne „Papierspur“ stattfanden, durch persönliche Kommunikation über Mittelsmänner. Insofern wird die größte Überraschung des Jahres 2020 wohl die sein, dass es keine größeren Überraschungen mehr gibt. Und dass die 5500 Dokumente, die uns bereits vorliegen, ein ziemlich gutes Bild von den Aktivitäten Pius XII. und des Heiligen Stuhls vermitteln.

Zumindest der Seligsprechung dürfte danach aber nichts mehr im Wege stehen…

Seit zehn Jahren forscht der Historiker Dr. h.c. Michael Hesemann im vatikanischen Geheimarchiv. U.a. veröffentlichte er das Buch „Der Papst und der Holocaust“.

kath.net-Buchtipp
Der Papst und der Holocaust
Pius XII und die geheimen Akten im Vatikan. Erstmalige Veröffentlichung der brisanten Dokumente
Von Michael Hesemann
Hardcover, 320 Seiten; 30 SW-Fotos
2018 Langen/Müller
ISBN 978-3-7844-3449-0
Preis Österreich 28.80 EUR

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Ausschnitt aus dem Film: "Der veruntreute Himmel" mit Papst Pius XII.


Pius XII. und die Juden - Mit Zeitzeugenberichten von italienisch-jüdischen Holocaustüberlebenden!




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Lesermeinungen

 mhesemann 5. März 2019 
 

Zu Wolf:

Offenbar hat sich der Kollege Wolf bislang nicht die Mühe gemacht, die bereits veröffentlichten 5500 Dokumente in den 11 Bänden der ADSS gründlich genug zu studieren. In meinem neuen Buch "Der Papst und der Holocaust", aber auch in diesem kath.net-Artikel http://kath.net/news/66734 beantworte ich die Frage, wann Pius XII. von Auschwitz erfuhr. Mit wem er sich beraten hat, wird freilich auch nicht immer in den Dokumenten stehen, da Audienzprotokolle meist sehr knapp gehalten sind und vertrauliche Gespräche ohne schriftl. Niederlegung blieben. Das volle Ausmaß des Holocaust, etwa Details der Wannsee-Konferenz, wurde ohnehin erst durch die Nürnberger Prozesse bekannt - bei den Alliierten wie im Vatikan!


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 mhesemann 5. März 2019 
 

Ja, das tue ich...

... denn ich arbeite seit über zehn Jahren mit dem Relator des Seligprechungsprozesses, Pater Prof. Dr. Peter Gumpel, SJ, zusammen, der bereits vollen Zugang zu den Beständen aus dem Archiven Pius XII. hatte. Ebenso bin ich in engstem Kontakt mit dem Archivisten des Staatssekretariats, Dr. Johan Ickx und ich sprach mit einem Mitglied der Historikerkommission, die Paul VI. mit der Erstellung einer wiss. Edition der Akten und Dokumente des Hl. Stuhls aus der Zeit des 2. Weltkriegs beauftragt hatte. Auch bei meiner eigenen Arbeit stieß ich in den 5500 veröffentlichten Dokumenten auf keine größeren Lücken. Das, was bislang fehlte, macht ja die von mir einkalkulierten 10 % aus. Aber bitte, in einem Jahr werde ich drei Wochen in den Archiven verbringen und das Gesamtmaterial sichten - dann werden wir sehen, ob meine Einschätzung korrekt ist.


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 landpfarrer 5. März 2019 
 

"90 % aller relevanten Akte" sagt Hesemann seien bereits veröffentlicht worden. Hier weiss Hesemann anscheinend bereits jetzt was und relevant ist und was nicht. Im Interview von Wolf sprach dieser auch davon, dass es darum gehe, die Akten der Nuntiaturen (das sind ja Dutzende weltweit) auszuwerten und von denen ist meines Erachtens ein grosser Teil noch nicht zugänglich gewesen. Wolf formuliert folgendermassen:
" Ich weiß nicht, wann der Papst genau von was wusste. Wer hat ihn über Auschwitz informiert? Wann wusste er von der sogenannten "Endlösung" der Judenfrage? Wann hat er was genau überlegt? Mit wem hat er sich in der Kurie beraten? War es wirklich so, dass die Amerikaner ihn über manches ins Bild gesetzt haben?All dies wissen wir nicht. Und solange wir dies nicht wissen, kann ein Historiker diese Frage nicht seriös beantworten."
Hesemann meint, das manche Dokumente beim Heranrücken der Nazis vernichtet wurden, aber man wird sehen müssen.


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