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Sterbehilfe: Ein ungeheurer Einbruch in Kultur des Lebens in Europa

19. April 2014 in Deutschland, 2 Lesermeinungen
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Augsburger Weihbischof Losinger äußert in seiner Karfreitagspredigt massive Kritik an der Entscheidung der belgischen Abgeordnetenkammer, Sterbehilfe für Minderjährige zuzulassen.


Augsburg (kath.net/pba). Weihbischof Anton Losinger (Archivfoto) hat heute Nachmittag während der Karfreitagsliturgie im Hohen Dom zu Augsburg über den Umgang des Menschen und unserer Gesellschaft mit Leben und Tod gepredigt. Die Entscheidung der belgischen Abgeordnetenkammer, Sterbehilfe für Minderjährige zuzulassen, sei "ein ungeheurer Einbruch in die Kultur des Lebens mitten auf europäischem Boden". Im Alphabet des Evangeliums sei das Kreuz Jesu die Liebe, die den Tod aufhalte. "Es ist diese ungeheure und unbegreifliche Entäußerung Gottes, die Hingabe des Sohnes, die maßlos liebevolle Zuwendung an die Menschheit, die den Tod abwendet", so Weihbischof Losinger. Der Karfreitag, der Blick auf das Kreuz, setze uns als getaufte Christen in die Nachfolge des Gekreuzigten. Losinger ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Mit Blick auf die Entscheidung in Belgien betonte der Weihbischof deshalb: "Auch unser Leben muss gerade in unserer Zeit und in unserem Lebensumfeld einer solchen Kultur des Todes Einhalt gebieten." Es gehe um eine Kultur des Lebens in unserer demokratischen Gesellschaft, die sich Lebensrecht und Unantastbarkeit der Würde des Menschen in den ersten Artikel des Grundgesetzes gesetzt habe. Die Debatte um die Sterbehilfe markiere auf einer schiefen Ebene, in der sich eine lebensfeindliche Initiative stetig beschleunige, eine Kaskade nach unten. Der Weihbischof fragte: Ist dies nicht auch eine Bedrohung für Menschen mit Behinderung und psychisch kranke Menschen?

In der aktuellen Sterbehilfedebatte gewinne die christliche Verantwortung für eine Kultur des Lebens eine neue Dimension. "Unser Einsatz muss doch darin bestehen, nicht Hilfe zum Suizid, sondern Hilfe zum Leben bereit zu stellen." Alle guten Möglichkeiten der Palliativmedizin und der Gedanke der Hospizbewegung sollten noch deutlicher bekannt gemacht werden, forderte Weihbischof Anton. "Nicht die schiefe Ebene der aktiven Sterbehilfe, sondern die liebevolle Begleitung und Stützung in der letzten Lebensphase, ohne ökonomischen und sozialen Druck von außen sollte die Maxime unseres Handelns sein." Niemand von uns wisse, welchem Tod wir einmal selber entgegen gehen werden. Aber zwei in ihrer Größe unbezahlbare Geschenke seien in dieser letzten Stunde jedem Menschen zu wünschen: Die liebevolle Begleitung von Menschen, die einem die Hand reichen. Und als zweites ein für Weihbischof Anton noch viel wesentlicheres Geschenk: "der ewige Trost, der im Kreuz liegt".


kath.net dokumentiert die Karfreitagspredigt 2014 von Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger Hoher Dom zu Augsburg

Verehrter, lieber Bischof Konrad, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, verehrte Konsorores und Konfratres im Ritterorden vom heiligen Grab, liebe in der Verehrung des Kreuzes Jesu Christi versammelte Schwestern und Brüder,

„Die Schüler von Winnenden. Unser Leben nach dem Amoklauf“, so lautet der Titel eines unscheinbaren, aber doch ungemein ergreifenden Taschenbuches, das seit einigen Tagen auf meinem Schreibtisch liegt. Sechs betroffene Menschen, fünf Schüler und eine Lehrerin haben sich daran gemacht, aus eigener Perspektive noch einmal zu berichten, wie sie den 11. März 2009, den Tag des ungeheuren Amoklaufs in Winnenden erlebten. Jetzt, fünf Jahre danach werden sie die Schule verlassen. Dann wird niemand mehr da sein, der das Töten von 15 Menschen, darunter neun Schülerinnen und Schüler der Albertville-Realschule, und den Selbstmord von Tim gesehen hätte.


Da begegnen einem die Eltern des 17 Jahre jungen Tim. Für sie war es der Karfreitag ihres Lebens. In einem Brief wenden sie sich in ihrer verzweifelten Situation an die Familien der Opfer: „Ihnen wurde das wertvollste und wichtigste ihres Lebens, ein geliebter Mensch durch die entsetzliche und unbegreifliche Tat unseres Sohnes genommen. Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren ja auch wir eine ganz normale Familie.“

Auch Bundespräsident Horst Köhler, der zur Trauerfeier an die Albertville- Realschule gekommen war, ist ratlos und zutiefst bewegt. Vor der Trauerversammlung aus tausenden selbst ratloser Menschen sagt er: „Wenn ein Kind stirbt, sterben auch Hoffnung und Zukunft mit ihm. Deshalb entsetzt uns diese Tat so sehr! Denn Kinder sind doch unschuldig.Was aber, wenn Kinder selbst zu Mördern werden?“

Bei all dem Abgründigen der Ereignisse von Winnenden, die für 15 Menschen den Tod und für viele Familien einen bleibenden Karfreitag brachten, stelle ich mir immer wieder einmal die spekulative Frage: Was wäre wenn? Was wäre gewesen, wenn noch um 08:00 Uhr morgens, vielleicht kurz vor Schulbeginn noch jemand mit Tim gesprochen hätte, ehe um 09:33 Uhr das Morden begann? Was wäre, wenn Tim noch einmal einen freundlichen Handschlag, eine Einladung, oder einfach ein paar gute Worte, eine liebevolle Zuwendung bekommen hätte. Wäre dann vielleicht der Tod ausgeblieben? Wir wissen es nicht.

Die Liebe ist stärker als der Tod (Hoheslied 6,1)

Den heutigen Karfreitag, die Sendung Jesu in den Tod am Kreuz sehe ich genau in dieser Bedeutung. Es ist diese ungeheure und unbegreifliche Entäußerung Gottes, die Hingabe des Sohnes, die maßlos liebevolle Zuwendung an die Menschheit, die den Tod abwendet. Das Johannesevangelium interpretiert die Passion Christi, diese grenzenlose Zuwendung Gottes zu den Menschen, in einem der schönsten Sätze, die uns in der frohen Botschaft begegnen: „Denn sosehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ Im Alphabet des Evangeliums ist das Kreuz Jesu die Liebe, die den Tod aufhält. Es ist – in den Bildern von Winnenden gesprochen – diese in der Verzweiflung der Menschen so notwendige liebende Begegnung und Hingabe, die hingereichte Hand Gottes an die Menschen, die allein das Morden stoppt.

Der Karfreitag, der Blick auf das Kreuz, setzt uns als getaufte Christen in diese Nachfolge des Gekreuzigten. Auch unser Leben muss gerade in unserer Zeit und in unserem Lebensumfeld einer solchen Kultur des Todes Einhalt gebieten. Unsere Existenz sollte solche liebende Begegnung sein, die für andere Menschen Leben ermöglicht. Es geht um Lebensrecht und Würde vom ersten Augenblick der Entstehung menschlichen Lebens bis zu einem hoffentlich friedlichen Tod.

Die „Kultur des Todes“ – Aktive Sterbehilfe

Da fällt der Blick aktuell auf unser Nachbarland Belgien. Vor kurzem erst stimmte dort die Abgeordnetenkammer über die gesetzlich Freigabe von aktiver Sterbehilfe für Minderjährige ab. Belgien wäre damit europaweit das erste Land, das für aktive Sterbehilfe keine Altersgrenze mehr vorgibt. Welch eine Vorstellung, dass Kinder, wenn sie den Sterbenswunsch freiwillig, überlegt und wiederholt geäußert haben und eine Hoffnung auf Linderung nicht besteht, für die aktive Tötung vorgesehen sind. Welch ein ungeheurer Einbruch in die Kultur des Lebens mitten auf europäischem Boden. Müßte nicht gerade bei Kindern und Minderjährigen die Fürsorgepflicht und die Verantwortung einer humanen Gesellschaft für das Lebensrecht und die Würde ins Unermessliche steigen?

Und wer verhindert, dass die Bewegung weiter geht? Wann wird sich die belgische Euthanasiedebatte auch auf andere nicht einwilligungsfähige Personenkreise ausdehnen? Wann wird sie zu einer evidenten Bedrohung für Menschen mit Behinderung und psychisch kranke Menschen?

In der Sterbehilfedebatte unserer Tage verwendet man häufig den eingefahrenen Begriff vom Dammbruch. Der Damm ist doch längst gebrochen.

Bewegen wir uns nicht auf einer schiefen Ebene, in der sich eine lebensfeindliche Initiative stetig beschleunigt? Die Debatte um die Sterbehilfe markiert doch eine Kaskade nach unten!

Hier gewinnt unsere christliche Verantwortung für eine Kultur des Lebens eine neue Dimension. Unser Einsatz muss doch darin bestehen, nicht Hilfe zum Suizid, sondern Hilfe zum Leben bereit zu stellen. Denn viele Bitten um aktive Sterbehilfe sind angstgetrieben! Angst vor Schmerzen. Angst vor dem Pflegefall. Angst vor dem Alleinsein.

Da sollten doch all die guten Möglichkeiten der Palliativmedizin in der Schmerzlinderung und der Gedanke der Hospizbewegung noch deutlicher bekannt gemacht werden. Menschen sollten doch in ihrer letzten Lebensphase, die vielleicht die wichtigste Phase ihres Lebens sein kann, in einer humanen Gesellschaft, in freiheitlicher und liebevoll begleiteter Umgebung verbringen können. Nicht die schiefe Ebene der aktiven Sterbehilfe, sondern die liebevolle Begleitung und Stützung in der letzten Lebensphase, ohne ökonomischen und sozialen Druck von außen sollte die Maxime unseres Handelns sein.

Im Deutschen Bundestag wird uns diese Frage der aktiven Sterbehilfe erneut begegnen, wenn die Gesetzesvorlage des Verbots der organisierten aktiven Sterbehilfe zur Debatte kommt. Hier geht es um nicht mehr und nicht weniger als um den Wasserstand einer Kultur des Lebens in unserer demokratischen Gesellschaft, die sich Lebensrecht und Unantastbarkeit der Würde in den ersten Artikel des Grundgesetzes gesetzt hat. Wenn es in dieser Debatte lebende Argumente bräuchte, dann ist es für mich der berühmte Tübinger Rethorikprofessor Walter Jens. Inge Jens, seine einfühlsame Ehefrau brachte die Überlebensfrage der Sterbehilfedebatte unlängst auf den Punkt. In einem Interview mit dem Zeit-Magazin sagte sie über ihren schwer demenzkranken Mann: „Als Gesunder hat er für Sterbehilfe plädiert, und als Kranker hat er leben wollen. Mit dieser Erkenntnis bin ich noch lange nicht fertig. Doch wer hätte das Recht gehabt, ihn umzubringen?“

Da denke ich vor allem an Prof. Armin Schmidtke, den Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogrammes der Deutschen Bundesregierung. Er berichtete unlängst in einer Anhörung des Deutschen Ethikrates über schwerverletzte Jugendliche, die er im Krankenhaus begleitete. Viele von ihnen waren nach einem schweren Motorradunfall gerade noch einmal dem Tod von der Schippe gesprungen, zum Teil Arm- oder Beinamputiert und psychisch extrem angegriffen. Über seine Erfahrung im Umgang mit diesen Jugendlichen berichtet er: Wenn diese jungen Menschen nach ihrer schweren Verletzung aus dem Koma erwachen und ihren Zustand erfassen, die Amputation des Armes oder Beines registrieren, dann will innerhalb der ersten acht Tage die absolute Mehrheit von ihnen sterben. Wenn allerdings nach einem halben Jahr die Therapie umgesetzt ist, eine Prothese angepasst wurde, viele gute Gespräche möglich waren, dann will die absolute Mehrheit dieser jungen Menschen leben!

Niemand von uns weiß, welche Richtung der eigene Lebensbogen nehmen wird und welchem Tod wir selber einmal entgegen gehen werden.

Zwei Geschenke, die in ihrer Größe unbezahlbar sind, möchte man sich in dieser Stunde für jeden Menschen wünschen: Das eine ist eine liebevolle Begleitung von Menschen, die einem die Hand reichen. Das lateinische Wort pallium, von dem sich die moderne Palliativmedizin ableitet bedeutet ja auf Deutsch: der Mantel. Solche Menschen und solche Begleiter benötigen wir, die Sterbenden in einen bergenden Mantel einhüllen, wenn sie die wichtigste und entscheidende Lebensphase am Ende des Lebens in Freiheit und Würde tragen sollen. Doch das zweite, noch viel wesentlichere Geschenk, ist der ewige Trost, der im Kreuz liegt.

Foto Weihbischof Losinger: (c) Bistum Augsburg


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Lesermeinungen

 Romika 3. Mai 2014 
 

Wichtige Ausführung

Weihbischof Losinger sei für diese wichtigen Ausführungen gedankt. Der katholische Standpunkt muss auch hier klar und deutlich sein.


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 girsberg74 22. April 2014 
 

Schön gepredigt, doch

von dem Mitglied des Ethikrates WB Losinger erwarte ich, dass er nicht wahllos in die Wolke von Begrifflichkeiten greift, die mit dem Wort „Sterbehilfe“ geschönt sind. Gemeint sind: „Tötung auf Verlangen“, „Beihilfe zu Selbsttötung“ und „Selbsttötung“. WB Losinger setzt unter „Sterbehilfe“ mal das eine für das andere ein. Es mag der Eindruck entstehen, dass er die Sachverhalte nicht unterscheidet.

Der eigentliche Punkt für einen Priester:
Es ist nicht so, dass Menschen „in ihrer letzten Lebensphase, die vielleicht wichtigste Phase ihres Lebens“ leben, denn diese letzte Lebensphase ist nicht „vielleicht“ die wichtigste, sie ist überhaupt die wichtigste, denn es kommt für einen Christen nur darauf an, am Ende als ein Heiliger zu sterben.

Eine andere Frage ist noch, ob man beim Durchlaufen dieser letzten „Lebensphase“ – „Phase!“ -, die ja nicht punktförmig endet, noch von einer „postmortalen Organspende“ sprechen kann, wie das im Ethikrat üblich scheint.


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