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„Laetare Jerusalem“ – Freude mitten in der Bußzeit

vor 2 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Der Name des Sonntags ist nicht bloß Etikett, sondern theologisches Programm“ – Geschichte, Liturgie, Brauchtum und geistliche Deutung des 4. Fastensonntags mit einer kleinen Homilie. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Einleitung
Liebe Schwestern und Brüder,
der vierte Fastensonntag trägt im Westen seit alter Zeit einen besonderen Namen: Laetare. Dieses eine Wort genügt, um den Charakter des Tages zu eröffnen. Es stammt aus dem Introitus der heiligen Messe: „Laetare Jerusalem“ – „Freue dich, Jerusalem!“ Damit wird mitten in der österlichen Bußzeit ein Ton angeschlagen, der zunächst überrascht: nicht Strenge, nicht Schwere, nicht asketische Zuspitzung allein, sondern Freude. Nicht oberflächliche Heiterkeit, sondern jene Freude, die aus der Nähe des Heils kommt.

Der Laetare-Sonntag ist gleichsam eine liturgische Lichtung in der Mitte des Weges. Die Kirche hält inne, ohne den Weg der Umkehr zu verlassen. Sie lockert die Zeichen der Buße, ohne die Buße selbst aufzuheben. Sie lässt die österliche Helle bereits durchscheinen, noch bevor das Pascha gefeiert wird. Gerade darin liegt die geistliche Schönheit dieses Sonntags: Er sagt uns, dass christliche Askese niemals Selbstzweck ist. Fasten zielt auf Freude. Buße zielt auf Leben. Umkehr zielt auf Gemeinschaft mit Gott.

Im Folgenden möchte ich diesen Sonntag in fünf Schritten entfalten:
erstens seinen geschichtlichen Hintergrund,
zweitens seine liturgischen Besonderheiten,
drittens das christliche Brauchtum,
viertens die geistliche und theologische Ausdeutung des Festgedankens „Laetare“,
und schließlich fünftens eine kleine Homilie, die sich aus diesem Sonntag für uns ergibt.

I. Der Laetare-Sonntag: Geschichte, Liturgie, Brauchtum und geistliche Deutung
1. Geschichtlicher Hintergrund
Der Name dieses Sonntags geht, wie erwähnt, auf den Introitus zurück:
„Laetare Jerusalem et conventum facite omnes qui diligitis eam“ –
„Freue dich, Jerusalem, und versammelt euch alle, die ihr sie liebt.“

Der Text greift Jesaja 66,10–11 auf. Jerusalem erscheint darin als Mutter des Trostes, als Ort der Sammlung, des Friedens und der göttlichen Verheißung. Liturgisch wird dieser Schrifttext auf die Kirche bezogen, aber zugleich auf das himmlische Jerusalem, auf das Ziel des christlichen Weges.

Historisch gehört der vierte Fastensonntag zu jenen Tagen, an denen sich schon früh ein eigenes Profil innerhalb der Quadragesima herausbildete. Die vierzig Tage vor Ostern waren in der alten Kirche und im frühen Mittelalter eine Zeit intensiver Askese, des Fastens, des Betens und der Vorbereitung auf die Osternacht. Vor allem für die Katechumenen war dies eine Phase verdichteter Einübung in den Glauben. Die Gemeinde begleitete sie mit Fasten und Fürbitte auf die Taufe hin. Gerade darum bekam die Mitte dieser Zeit eine besondere Bedeutung: Der Weg war schon spürbar fortgeschritten, und das Ziel – Ostern – trat deutlicher vor Augen.

Im Westen entwickelte sich daraus ein Sonntag, der die Strenge der Fastenzeit nicht aufhob, aber milderte. Er war keine Auflösung der Bußzeit, sondern ihr inneres Korrektiv. Die Kirche wollte damit ausdrücken: Christliche Umkehr darf nie in Schwermut erstarren. Die Askese ist kein religiöser Selbstzweck und kein Kult des Mangels. Sie lebt aus der Hoffnung auf Auferstehung und hat ihren inneren Maßstab in der kommenden Freude.

Schon im Mittelalter wurde dieser Sonntag weithin als Sonntag der Ermutigung verstanden. Man könnte sagen: Er ist die Antwort der Kirche auf die Gefahr, dass religiöser Ernst hart, unerquicklich oder mutlos werden könnte. Wo die Quadragesima zu einer bloßen Last würde, setzt Laetare das Gegengewicht. Wo Buße in düstere Selbstbeschäftigung umzuschlagen droht, ruft die Liturgie: Freue dich!

Nicht zufällig steht hinter diesem Sonntag auch die biblische Grundbewegung von Weg und Ziel. Israel zieht durch die Wüste in das verheißene Land. Die Wallfahrer ziehen hinauf nach Jerusalem. Die Kirche zieht durch die Zeit auf das himmlische Jerusalem zu. Christen leben nie bloß aus dem Jetzt der Mühe, sondern aus dem tröstlichen, erlösenden Entgegenkommen unseres Gottes. Laetare ist also ein Sonntag des Vorblicks: Man feiert nicht schon Ostern, aber man sieht Ostern näherkommen.

2. Liturgische Besonderheiten und besondere Riten
Die liturgische Eigenart des Laetare-Sonntags ist außerordentlich reich. Gerade in den westlichen Riten haben sich zahlreiche Zeichen herausgebildet, die diesen Tag von den übrigen Fastensonntagen abheben.

1) Der Introitus als Programm
Der Name des Sonntags ist nicht bloß Etikett, sondern theologisches Programm. „Laetare Jerusalem“ ruft zur Freude auf, und diese Freude ist nicht privatistisch, sondern ekklesial. Jerusalem ist nicht nur Stadt, sondern Bild des Gottesvolkes. Die Gemeinde soll sich sammeln, versammeln, aufrichten lassen. Damit wird die Bußzeit auf ihren eigentlichen Sinn hin geöffnet: Umkehr führt nicht in Vereinzelung, sondern in die neu geschenkte Gemeinschaft mit Gott und untereinander.

2) Eine liturgische Zäsur in der Fastenzeit
Der vierte Fastensonntag ist die Mitte oder jedenfalls der markante Wendepunkt der österlichen Bußzeit. Darum erscheint er als „Zwischenlicht“. Die Bußpraxis wird nicht aufgehoben, aber ihre Schwere wird symbolisch gemildert. Man könnte sagen: Die Liturgie atmet hörbar auf. Sie bleibt nüchtern, aber sie wird lichter.

3) Rosa als liturgische Farbe
Die sichtbarste Besonderheit ist die Möglichkeit, rosa liturgische Gewänder zu tragen. Rosa ist nicht bloß eine ästhetische Kuriosität, sondern ein tief sprechendes liturgisches Zeichen. Es entsteht symbolisch aus der Aufhellung des Violetts durch das Licht des kommenden Osterweiß. Diese Farbe will nicht bloße „Gemütlichkeit“ ausdrücken, sondern die Durchdringung der Buße durch lichte Oster-Hoffnung.

Wichtig ist: Rosa gehört im römischen Ritus nur an zwei Sonntagen zur überlieferten Möglichkeit – an Gaudete im Advent und an Laetare in der Fastenzeit. Beide Sonntage stehen in einer Zeit der Bereitung und markieren je einen Punkt, an dem das Ziel schon aufscheint. Der Farbwechsel macht sichtbar, dass das Christentum eine Religion des Zieles ist. Es lebt nicht nur von Forderung, sondern von Verheißung.


4) Blumen auf dem Altar
Während der Fastenzeit ist der Blumenschmuck traditionell sehr eingeschränkt oder ausgesetzt. Am Laetare-Sonntag sind Blumen wieder erlaubt. Auch das ist mehr als Dekoration. Blumen sind hier Zeichen des aufblühenden Lebens, des Frühlings des Heils, der Nähe des Pascha. Liturgie denkt in Symbolen. Die neu-aufblühende Schöpfung wird zum Abbild des erlösten Menschen.

5) Musik und Orgel
Auch musikalisch zeigt sich an diesem Sonntag eine gewisse Lockerung. Wo die Fastenzeit die Instrumentalmusik traditionell zurücknimmt und die Orgel oft nur begleitend eingesetzt wird, darf am Laetare-Sonntag der Gottesdienst wieder festlicher klingen. Das bedeutet keine Ausgelassenheit, sondern eine hörbare Vorwegnahme des österlichen Jubels. Die Kirche lässt die Freude nicht nur sagen, sondern auch erklingen.

6) Stationstag in Rom: Santa Croce in Gerusalemme
Im alten römischen Stationssystem ist dieser Sonntag mit Santa Croce in Gerusalemme verbunden. Das ist liturgiegeschichtlich außerordentlich bedeutend. Diese Kirche trägt bereits im Namen die Jerusalem-Beziehung. In ihr verdichtet sich die Symbolik des Tages: Jerusalem, Kreuz, Erlösung, Hoffnung. Dass gerade dort die Statio gefeiert wird, verweist auf die paradoxe Mitte christlicher Freude: Die österliche Freude kommt nicht neben dem Kreuz, sondern aus dem Kreuz hervor. Laetare ist nicht Verdrängung des Leidens, sondern Freude im Horizont des erlösenden Pascha Christi.

7) Die Goldene Rose
Ein besonders charakteristischer römischer Brauch ist die Benedictio Rosae Aureae, die Segnung der Goldenen Rose durch den Papst. Diese Zeremonie ist seit dem Mittelalter belegt und verlieh dem Sonntag auch den Namen Rosensonntag. Die Symbolik der Rose ist vielschichtig: Schönheit und Dornen, Glanz und Passion, Blüte und Verheißung. Christus selbst in seiner Liebe zu uns Menschen kann in dieser Symbolik als Rose verstanden werden – als der, in dem die Herrlichkeit Gottes im Leid aufblüht und den Duft der Erlösung verströmt.

Die Goldene Rose wurde zunächst hohen Persönlichkeiten, später auch bedeutenden Kirchen, Heiligtümern und Wallfahrtsorten verliehen. Historisch wandelte sich also ihr Empfängerkreis, aber der Grundgedanke blieb: Diese Rose ist ein Zeichen der besonderen Verbindung von Freude, Ehre, Schönheit und Heil. Liturgisch ist entscheidend: Ausgerechnet inmitten der Fastenzeit erscheint die Rose. Das Christentum kennt die Blüte nicht trotz des Leidens, sondern durch die Wunden und den Schmerz hindurch, (bald singen wir wieder: „die Wunden rot, jetzt oh wie schön, freu dich und singe!“).

8) Katechumenale Dimension
In der älteren Liturgie hatte der vierte Fastensonntag auch eine Bedeutung für die Katechumenen. In der Vorbereitung auf die Ostertaufe wurden Prüfungen, Unterweisungen und geistliche Wegmarken gesetzt. Darum ist Laetare kein bloßer Erholungssonntag, sondern ein Sonntag der Vertiefung. Die Freude kommt gerade daher, dass die Neugeburt in Christus näher rückt. Wer auf Ostern zugeht, geht auf Taufe, Licht und Leben zu.

9) Die biblischen Texte des Tages
Traditionell wurde im älteren römischen Ritus an diesem Sonntag Joh 6,1–15, die Speisung der Fünftausend, gelesen. Dieses Evangelium verweist auf das messianische Mahl, auf die Fülle der Gabe Gottes, auf die Eucharistie und damit auf die österliche Vollendung.

Im Lesejahr A steht hingegen Joh 9, die Heilung des Blindgeborenen, im Zentrum. Auch das passt tief zum Charakter dieses Sonntags. Der Weg der Fastenzeit ist ein Weg vom Nicht-Sehen zum Sehen, von innerer Blindheit zum Licht des Glaubens. Nach dem lebendigen Wasser der Samariterin und vor der Auferweckung des Lazarus steht der Blindgeborene als Bild des Menschen, dem Christus das Licht schenkt. Laetare ist daher auch der Sonntag des aufbrechenden inneren Sehens.

3. Christliches Brauchtum
Neben der offiziellen Liturgie haben sich um den Laetare-Sonntag zahlreiche volkskirchliche Bräuche gebildet. Gerade diese Bräuche zeigen, wie tief die Liturgie in das gelebte Christentum eingesunken ist.

1) Lockerung der Fastendisziplin
Seit dem Hochmittelalter galt Laetare vielerorts als Tag einer gewissen Fastenpause. In manchen Regionen waren reichere Speisen erlaubt, teils sogar Fleisch; nach der Messe wurden festlichere Mahlzeiten gehalten; Familienbesuche waren üblich. Diese Praxis ist nicht als Disziplinlosigkeit zu deuten, sondern als symbolischer Ausdruck: Die Kirche gönnt dem Menschen inmitten des Weges einen Vorgeschmack auf das Ziel.

2) „Mothering Sunday“
Im englischen Raum entwickelte sich daraus der Brauch des Mothering Sunday. Ursprünglich meinte dies den Besuch der Mutterkirche, häufig also der Taufkirche oder Hauptkirche der Region. Man fuhr heim, besuchte seine Ursprungspfarrei. Daraus entstanden familiäre Begegnungen und Dankgesten auch gegenüber der leiblichen Mutter. Später wurde dieser Brauch zu einem Vorläufer des heutigen Muttertags. Theologisch ist das bedeutsam: Kirche wird an Laetare als Mutter erfahren – als die, die tröstet, nährt, sammelt und zum Leben gebiert.

3) Simnel Cake
Eng mit dem Mothering Sunday verbunden ist in England der Simnel Cake, ein reichhaltiger Kuchen mit Trockenfrüchten und Marzipan, oft mit elf Kugeln als Hinweis auf die Apostel ohne Judas. Auch hier zeigt sich ein typisches Strukturmerkmal christlichen Brauchtums: Die Freude erhält eine leiblich erfahrbare Gestalt. Der Glaube bleibt nicht abstrakt, sondern schmeckt, riecht, versammelt, teilt und feiert miteinander.

4) Brotsonntag und regionale Speisebräuche
In deutschen Gegenden war von einem Brotsonntag die Rede. Bäcker gaben besondere Brote oder gesüßte Fastengebäcke aus. In anderen Regionen begegnen Bezeichnungen wie Hutzelsonntag, Verteilung vonFrüchte-/Kletzenbrot, Brezeln und gemeinschaftlichem Essen. In den Niederlanden sprach man stellenweise vom Brot- und Käsesonntag. All dies zeigt: Die Kirche hat den Menschen nie nur geistig, sondern immer als leib-seelische Einheit verstanden.

5) Sommertags- und Frühlingsbräuche
Regional konnten sich auch Frühlingsbräuche mit dem Laetare-Sonntag verbinden, etwa Umzüge, geschmückte Stäbe, Brezeln oder frühe Zeichen des Frühlings. Solche Praktiken sind theologisch nicht zufällig. Sie verweisen auf eine Grundintuition, die tief christlich ist: Erlösung betrifft nicht nur die Seele, sondern die ganze Schöpfung. Wo der Frühling in der Natur sichtbar wird, liest der christliche Blick darin ein Gleichnis des geschenkten, erlösenden neuen Pascha.

6) Rosenbrauch
Der Rosensonntag brachte stellenweise eigene Rosenbräuche hervor, bis hin zu gesegneten Rosen oder rosensymbolischen Gaben. Dass die Rose gerade hier auftaucht, ist geistlich hoch sprechend: Schönheit und Verwundung, Duft und Dornen, Farbe und Vergänglichkeit – alles dies kann auf Christus hin transparent werden.

4. Auslegung und Ausdeutung des Festgedankens: Laetare
Nun stellt sich die entscheidende Frage: Was bedeutet dieses „Freue dich!“ eigentlich geistlich? Was ist die Qualität dieser Freude?

1) Keine oberflächliche Heiterkeit
Zunächst: Laetare meint keine billige Aufmunterung. Die Kirche sagt nicht: Vergesst eure Lasten, überdeckt euren Ernst, lenkt euch ein wenig ab. Christliche Freude ist niemals Verdrängung. Sie schaut der Wahrheit ins Auge – der Wahrheit von Schuld, Leid, Tod und Erlösungsbedürftigkeit. Aber sie bleibt dabei nicht stehen. Sie lebt davon, dass Gott größer ist als Schuld und Tod.

2) Freude mitten im Kampf
Darum ist Laetare die Freude mitten im Kampf. Gerade mitten in der Fastenzeit, also nicht am Ende, erklingt der Ruf zur Freude. Das ist entscheidend. Die Freude des Christen hängt nicht davon ab, dass alle Kämpfe bestanden und vorbei sind, dass alle Fragen geklärt, alle Wunden verheilt, alle Dunkelheiten verschwunden wären. Sie lebt aus der Gegenwart Christi im Weg selbst. Der Christ freut sich nicht erst dann, wenn das Kreuz weg ist, sondern weil das Kreuz nicht das letzte Wort hat.

3) Jerusalem als Bild der Kirche und des Zieles
Das „Jerusalem“ des Introitus ist geistlich doppelt zu verstehen: als Bild der Kirche und als Bild des himmlischen Zieles. Darum spricht der Ruf „Laetare Jerusalem“ die konkrete Gemeinde an. Mit Jerusalem sind wir gemeint. Die Kirche darf sich freuen, weil sie nicht sich selbst gehört, sondern von Gott her lebt. Sie darf sich freuen, weil sie unterwegs ist, aber nicht orientierungslos. Sie hat ein Ziel: Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.

4) Österliche Vorfreude als Struktur christlichen Lebens
Laetare macht sichtbar, dass das Christentum von Vorfreude lebt. Das ganze christliche Dasein ist adventlich und österlich zugleich. Es ist nie Besitz, sondern Weg; nie bloß Gegenwart, sondern verheißene Zukunft. Der Glaube lebt aus dem „Schon“- und „Noch nicht“ Gottes. Darum ist Freude keine Nebenstimmung, sondern eine Grundhaltung. Wer weiß, wohin er gerufen ist, kann auch in der Mühe Hoffnung bewahren.

5) Das Evangelium vom Blindgeborenen: vom Nicht-Sehen zum Sehen
Wo am Laetare-Sonntag das Evangelium von der Heilung des Blindgeborenen erklingt, erhält die Freude eine weitere Tiefe. Es geht dann nicht nur um Vorfreude auf Ostern, sondern um die Heilung des inneren Blickes. Der Mensch ist in vielem blind: für Gott, für den Mitmenschen, für sich selbst. Christus aber ist das Licht der Welt. Er schafft neu, wie der Schöpfer den Menschen aus Erde geformt hat. Aus Blindheit wird Sicht. Aus Ausgrenzung wird Bekenntnis. Aus Dunkelheit wird Anbetung.

Gerade eine mündige Gemeinde muss hören: Blindheit ist nicht nur körperliche Einschränkung. Blindheit ist auch geistige und geistliche Verhärtung. Die Pharisäer im Evangelium sehen äußerlich und bleiben doch blind für das Werk Gottes. Der geheilte Bettler wird hingegen zu einem Sehenden im doppelten Sinn: Er gewinnt Augenlicht und Glaubenslicht. So ist Laetare auch ein Ruf, sich von Christus die eigenen blinden Flecken heilen zu lassen.

6) Freude aus der Liebe Gottes
Im Kern lebt dieser Sonntag aus dem großen Evangeliumssatz:
„Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“

Das ist die letzte Begründung jeder christlichen Freude. Nicht unser Erfolg, nicht unsere Frömmigkeit, nicht unsere moralische Bilanz rettet uns. Gottes Liebe ist größer als unsere Schwachheit. Darum darf Freude mitten in der Fastenzeit erklingen. Laetare ist die liturgische Form der Zusage: Gott will nicht Verderben, sondern Leben; nicht Vernichtung, sondern Rettung; nicht Finsternis, sondern Licht.

II. Eine kleine Homilie für uns am Laetare-Sonntag
„Laetare – Freue dich! Denn Gott will dein Leben“


Liebe Schwestern und Brüder,
„Laetare“ – „Freue dich!“
So ruft die Kirche uns heute zu. Mitten in der Fastenzeit, mitten in einem Weg der Besinnung, der Umkehr, der Nüchternheit, ja vielleicht auch mitten in persönlichen Sorgen, Müdigkeiten und Lasten hinein. Nicht erst an Ostern. Nicht erst dann, wenn alles gut geworden ist. Nicht erst dann, wenn wir innerlich sortiert, äußerlich entlastet und geistlich erfolgreich wären. Heute. -Jetzt. - Freue dich!

Das ist zunächst erstaunlich. Denn wir wissen doch: Das Leben ist nicht leicht. Viele Menschen tragen Unsicherheit in sich, Erschöpfung, verdeckte Angst, Enttäuschung, familiäre Sorgen, Krankheit, Schuld, ungelöste Fragen. Auch im Blick auf Kirche und Welt ist vieles unerquicklich. Und gerade deshalb wirkt dieser Ruf der Liturgie wie ein Widerspruch: Freue dich!

Aber die Kirche ist nicht naiv. Sie kennt den Menschen besser, als wir oft meinen. Sie weiß um das Kreuz. Sie weiß um den Ernst der Sünde. Sie weiß um die Dunkelheiten der Geschichte. Und genau deshalb ist ihre Freude nicht oberflächlich. Sie ist tiefer. Sie kommt nicht aus dem Wegfall aller Probleme, sondern aus der Gegenwart Gottes mitten in ihnen.

Der heutige Sonntag sagt uns: Du musst nicht warten, bis alles hell ist, um das Licht zu sehen. Du musst nicht warten, bis dein Leben vollkommen gelungen ist, um dich von Gott geliebt zu wissen. Du musst nicht warten, bis du alles verstanden hast, um Christus zu vertrauen. Die Freude des Glaubens ist nicht Belohnung für Vollkommene. Sie ist Geschenk für Bedürftige.

Das heutige Evangelium vom Blindgeborenen ist dafür ein starkes Bild. Da ist ein Mensch, der von Anfang an im Dunkel lebt. Er hat sich seine Lage nicht ausgesucht. Er hat sie nicht verursacht. Er trägt sie einfach. Und schlimmer noch: Die Menschen um ihn herum machen aus seinem Leid auch noch ein Urteil. Sie suchen Schuld, statt Barmherzigkeit. Sie suchen Erklärungen, statt Liebe. Wie oft geschieht das bis heute. Wenn Menschen leiden, kommen schnell Urteile, Deutungen, Gerede, Distanz. Aber Jesus macht nicht mit.

Er bleibt stehen.
Er sieht den Menschen.
Er macht aus ihm keinen Fall, sondern einen Bruder.
Er deutet ihn nicht weg, sondern wendet sich ihm zu.

Das ist das Erste, was dieser Sonntag uns sagen will: Gott sieht dich nicht mit dem Blick des Vorwurfs, sondern mit dem Blick des Erbarmens. Gott ist kein Aufpasser- oder Rächergott, der nur auf unsere Fehler wartet. Er ist der Gott, der retten will. Jesus ist nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Auch dich. Auch mich.

Dann geschieht etwas Merkwürdiges: Jesus macht mit Erde und Speichel einen Teig und streicht ihn dem Blinden auf die Augen. Das ist mehr als eine Heilungsgeste. Es ist ein Schöpfungszeichen (Adam – aus „Adama“: Staub, Erde). Der Mensch wird gleichsam neu geschaffen. Christus heilt nicht nur eine Funktion. Er berührt den Menschen in seiner Tiefe. Er öffnet nicht nur Augen, sondern eine Existenz.

Und vielleicht ist genau das unsere tiefste Hoffnung: Dass Christus auch uns neu schaffen kann. Nicht nur ein wenig reparieren. Nicht nur moralisch zurechtstutzen. Sondern von innen her erneuern. Unsere Ängste. Unsere Bitterkeit. Unsere inneren Verhärtungen. Unsere Blindheit füreinander. Unsere Müdigkeit gegenüber dem Guten. Unsere Selbstgerechtigkeit. Unsere Resignation.

Denn Blindheit gibt es in vielen Formen. Man kann gesunde Augen haben und dennoch blind sein für den Mitmenschen. Man kann religiös sein und dennoch blind bleiben für das Wirken Gottes. Man kann korrekt sein und doch das Herz verloren haben. Gerade darum ist das Evangelium so ernst. Die eigentliche Blindheit ist nicht zuerst die körperliche. Sie ist die Blindheit des Herzens, das sich nicht mehr berühren lässt.

Darum ist Laetare nicht bloß ein Sonntag netter Stimmung. Es ist ein Sonntag der frohmachenden Perspektive, der heilenden Freude. Christus will uns nicht oberflächlich erheitern, sondern innerlich aufrichten. Er will uns aus dem Dunkel in sein Licht führen. Aus Verbitterung in Vertrauen. Aus Selbstverschlossenheit in Liebe. Aus Angst in Freiheit.

Und hören wir genau hin: Der geheilte Mann kommt nicht nur äußerlich zum Sehen. Er kommt zum Glauben. Am Ende sagt er: „Ich glaube, Herr.“ Das ist der eigentliche Gipfel der Erzählung. Sehen ist mehr als Augenlicht. Wirklich sehen heißt: in Christus das Licht der Welt erkennen. Wirklich sehen heißt: im eigenen Leben nicht nur das Problem, sondern auch die Gegenwart Gottes entdecken. Wirklich sehen heißt: lernen, mit dem Herzen zu sehen.

Liebe Schwestern und Brüder, eine mündige Gemeinde braucht keine künstliche Vertröstung. Sie braucht Wahrheit. Aber sie braucht ebenso Hoffnung. Und die Wahrheit des Evangeliums lautet: Wir sind von Gott geliebt. Nicht erst, wenn wir besser geworden sind. Sondern jetzt. Nicht, weil wir so makellos wären. Sondern weil sein Erbarmen größer ist als unsere Armseligkeit.

Darum darf Laetare klingen.
Darum darf die Kirche heute Blumen aufstellen.
Darum darf Rosa das Violett aufhellen.
Darum darf Musik festlicher werden.
Darum darf die Gemeinde mitten in der Bußzeit hören: Dein Ziel ist nicht Finsternis, sondern Ostern.

Vielleicht braucht unsere Zeit gerade dieses christliche Verständnis von Freude. Nicht jene nervöse Unterhaltung, die nur ablenkt. Nicht jenen Optimismus, der die Wirklichkeit beschönigt. Sondern eine Freude, die durch Leid hindurchgegangen ist und trotzdem nicht zerbricht. Eine Freude, die weiß: Das Kreuz ist real – aber es ist nicht das Letzte. Die Schuld ist real – aber die Gnade ist größer. Der Tod ist real – aber Christus ist auferstanden.

Darum können wir leben.
Darum können wir hoffen.
Darum können wir lieben.
Darum können wir einander Geduld schenken.
Darum können wir vergeben.
Darum können wir neu anfangen.

Vielleicht ist das die schönste Form, diesen Sonntag ernst zu nehmen: nicht nur fromm über Freude zu reden, sondern Freude zu üben. Jemanden nicht vorschnell verurteilen. Einer Schwester, einem Bruder neu begegnen. Ein altes Unrecht nicht ewig festhalten. Einen bedrückten Menschen aufrichten. Sich selbst nicht dauernd mit Härte behandeln. Sich von Gott lieben lassen. Denn die Alltagsform der Liebe ist wirklich die Geduld, und ihre Höchstform ist oft das Verzeihen.

Und so dürfen wir am heutigen Sonntag hören:
Freue dich, Jerusalem.
Freue dich, Kirche.
Freue dich, Mensch.
Denn Gott hat dich nicht für die Finsternis geschaffen, sondern für das Licht.
Nicht für Verzweiflung, sondern für Hoffnung.
Nicht für den Untergang, sondern für das Leben.
Oder, mit einem schlichten und heiteren Wort Don Boscos gesagt:
„Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ Amen.

Schluss
Der Laetare-Sonntag zeigt in besonderer Dichte, was westliche Liturgie vermag: Sie lehrt nicht nur mit Begriffen, sondern mit Farben, Klängen, Texten, Gesten, Stationen und Bräuchen. Sie stellt den Menschen mitten in die Dynamik des Heils. Gerade deshalb ist dieser Sonntag liturgiegeschichtlich und geistlich so kostbar. Er ist kein bloßer Sonderfall im Kalender, sondern eine Verdichtung christlicher Existenz: Buße ja – aber in Hoffnung. Askese ja – aber auf Ostern hin. Ernst ja – aber durchstrahlt von Freude.

Laetare ist darum nicht nur ein Name, sondern eine Lebensweisung. Der Christ lebt von einem Ziel her. Er fastet nicht in Finsternis, sondern im Licht des kommenden Pascha. Er beugt sich unter das Kreuz, aber er tut es im Vertrauen darauf, dass Gott aus dem Kreuz Leben hervorbringt. Und gerade mitten im Weg, nicht erst am Ende, hört er die Stimme der Kirche:
Freue dich!


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