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Je mehr man die Sünde verschweigt

15. November 2020 in Kommentar, 6 Lesermeinungen
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Die Lehren aus dem Fall McCarrick – ein Kommentar von Stefan Fleischer.


Grenchen (kath.net)

Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zur Last legt /
und dessen Herz keine Falschheit kennt.
Solang ich es verschwieg, waren meine Glieder matt, /
den ganzen Tag musste ich stöhnen.
Denn deine Hand lag schwer auf mir bei Tag und bei Nacht; /
meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers.
Da bekannte ich dir meine Sünde /
und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir.
Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Frevel bekennen. /
Und du hast mir die Schuld vergeben. (Ps 32,2-5)

 

Vor kurzem habe ich den Spruch gefunden: «Je mehr man die Sünde verschweigt, desto mehr wuchert sie.» Ist nicht der Fall McCarrick ein Paradebeispiel für diese Aussage? Hat die Kirche nicht viel zu lange den Mantel des Schweigens über den immer mehr um sich greifenden Zerfall der Moral auch innerhalb der Kirche geworfen? Wurde und wird nicht immer mehr die Sünde zum Tabubegriff? Wird nicht immer mehr alles zum reinen Versagen verharmlost? Wurde nicht die «Lebenswirklichkeit» erfunden, um alles und jedes zu entschuldigen?


Und ziehen wir heute wirklich die richtigen Konsequenzen aus dem Fall? Glauben wir nicht immer noch durch die Verharmlosung oder gar die Leugnung der Sünde gerade im moralischen Bereich eine bessere Welt schaffen zu können? Lassen wir uns nicht immer noch die «bedingungslose Barmherzigkeit Gottes» einreden? Wollen wir immer noch nicht wahrhaben, dass diese erst dann bei uns ankommen kann, wenn wir immer wieder reumütig umkehren zum Herrn?

Glauben wir nicht immer wieder, das «erste und wichtigste Gebot» sie die Liebe, die Nächstenliebe? Vergessen wir nicht sehr gerne, dass dieses erste Gebot immer noch heisst: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.» Die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst kommt erst an zweiter Stelle, auch wenn sie genauso wichtig ist. (Mt 22,37-38) Überlesen wir nicht, wie der Herr selbst diese Gottesliebe definiert: «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt, wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.» (Joh 14,21)

Wohin das führt, wenn die Sünde keine Sünde mehr ist, wenn der Ungehorsam sogar Gott gegenüber, geschweige denn gegenüber seiner Heiligen Kirche, selbst wenn man durch ein Gelübde daran gebunden ist, direkt oder indirekt zur Tugend erklärt wird, das Erleben wir tagtäglich. Das zeigt uns der Fall McCarrick in seiner ganzen Brutalität. Doch wo bleiben jene Stimmen, welche uns eigentlich mit Paulus zurufen müssten: «Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!»? (2.Kor 5,20)

Wir wollen sein wie Gott und (selbst) erkennen Gut und Böse. (vgl. Gen 3,5) Deswegen mussten unsere Stammeltern das Paradies verlassen. Deswegen sind all unsere Bemühungen um eine bessere Welt derart illusorisch. «Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.» (Lk 13,3) sagt der Herr, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Wir können all die «Drohbotschaften» der Schrift verteufeln, wie wir wollen. Wenn wir uns nicht mahnen lassen, wird der Nächste Fall McCarrick nicht auf sich warten lassen, wenn nicht Schlimmeres. Und auch das werden wir dann wieder uns selbst zuschreiben müssen.

Immer aber werden Texte wie der eingangs zitierten Psalms unsere grosse Hoffnung bleiben. Es gibt einen Weg zurück zu Gott, solange wir in dieser Welt leben. Vergessen wir das nie. Und vergessen wir auch nicht unseren Nächsten in jeder Situation diese Hoffnung zu verkünden.


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