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Der Libanon in der Krise: „Wir brauchen ein Wunder“

17. September 2020 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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Schweigend und höflich stehen sie unter der prallen Sonne in einer Schlange vor dem Socio-Medical Intercommunity Dispensary im Beiruter Armenviertel Nabaa. Einige von ihnen sind ältere Menschen und leben allein; andere haben Familien zu ernähren.


Wien-München (kath.net/KIN)

Schweigend und höflich stehen sie unter der prallen Sonne in einer Schlange vor dem Socio-Medical Intercommunity Dispensary im Beiruter Armenviertel Nabaa. Einige von ihnen sind ältere Menschen und leben allein; andere haben Familien zu ernähren. Sie alle haben die Scham überwunden, um Almosen zu bitten, um etwas zu essen zu haben.

Die seit 1973 von der Versammlung der Frauenorden geleitete Krankenstation wurde 1968 von den Franziskanerinnen-Missionarinnen Mariens gegründet, um Bedürftige zu betreuen.

Als sich im Libanon die wirtschaftliche Lage verschlechterte, erweiterte die Krankenstation 2017 die medizinische und soziale Versorgung der Bedürftigen um die Ausgabe von warmen Mahlzeiten und verteilte 250 Mittagessen pro Tag. Jetzt, da sich der Libanon dem wirtschaftlichen Kollaps nähert, stellt die Ambulanz jeden Tag 1200 Mahlzeiten zur Verfügung.

„Der Libanon befindet sich in einer Situation, in der die Mittelschicht arm und die Armen noch ärmer geworden sind“, sagt Schwester Marie Justine el Osta von der Kongregation der maronitischen Schwestern der Heiligen Familie und Direktorin der Ambulanz. „Das ist eine Katastrophe.“


Trotz des wachsenden Elends um sie herum schenkt die kleine, energische 72-jährige Ordensfrau allen, denen sie dient, ein warmes und ermutigendes Lächeln. „Meine Kraft kommt von Gott allein“, versichert Schwester Marie Justine. „Unsere Mission ist es, an der Seite der Menschen zu sein, sie aufzurichten und ihnen eine Portion positiver Einstellung und Hoffnung zu geben. Ihnen zu sagen, dass Gott mit uns ist, dass bessere Tage kommen.“ 

Schwester Marie Justine gibt jedoch auch zu: „Für mich ist es sehr schmerzhaft zu sehen, dass Menschen nach dem geringsten ihrer Rechte fragen müssen: Nahrung. Sie haben das Gefühl, ihre Würde verloren zu haben. Es tut mir weh, das zu sehen.“

Maguy, eine Mutter von vier Kindern im Alter von 7 bis 16 Jahren, begann vor ein paar Wochen die Krankenstation aufzusuchen, um warme Mahlzeiten zu bekommen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal tun würde“, sagt sie über die Nahrungsmittelzuteilung. „Es kam aber der Augenblick, in dem ich mir sagte, dass ich meine Kinder nicht verhungern sehen wollte. Für sie würde ich alles tun. Bei den Schwestern und allen anderen hier fühle ich mich willkommen. Gott segne sie für alles, was sie tun.“

Die warmen Mahlzeiten werden außerhalb der Ambulanzstation zubereitet. Die Empfänger bringen ihre eigenen Behälter zum Verzehr zu Hause mit. Aufgrund der Coronavirus-Präventionsmaßnahmen erfolgt die Ausgabe im Freien, am Eingang der Ambulanz. So wurde die Essensverteilung auch durch die katastrophale Explosion nicht unterbrochen, die Beirut am 4. August erschütterte und bei der fast 200 Menschen getötet, weitere 6000 verletzt und mehr als 300 000 obdachlos wurden.

Obwohl die Ambulanz vier Kilometer vom Ort der Explosion entfernt liegt, hat sie beträchtliche Schäden erlitten, die Reparaturen in Höhe von fast 40.000 Dollar erfordern. Die Ordensschwester ist dankbar, dass in der Ambulanz niemand verletzt wurde, da sie zum Zeitpunkt der Explosion geschlossen war.

„In diesem Land leben wir von Tag zu Tag, weil wir nicht wissen, was morgen passieren wird. Wir können das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen“, erklärt Schwester Marie Justine. „Ich sage immer, dass Gott uns immer hilft. Ich danke Gott, denn er schickt uns Menschen, die uns helfen“, sagt sie und verweist auf die Hilfe, die vom Hilfswerk KIRCHE IN NOT kommt.

Sie weist dennoch darauf hin, dass „die Not wächst“. Die Möglichkeit einer Hungersnot im Libanon sei sehr real. „Wir nähern uns (der Hungersnot), weil die Lebensmittel sehr teuer werden, und die Menschen nicht mehr genug Geld haben werden, um sie im Supermarkt zu kaufen“, warnt Schwester Marie Justine. „Wir brauchen ein Wunder.“

Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen sind heute mehr als 55 Prozent der libanesischen Bevölkerung arm. Sie müssen darum kämpfen, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen ¬– fast doppelt so viele Menschen wie noch vor einem Jahr. Die libanesische Währung hat in weniger als einem Jahr mehr als 80 Prozent ihres Wertes verloren, und die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich verdoppelt, verdreifacht oder sogar vervierfacht.

KIRCHE IN NOT unterstützt ein Programm zur Verteilung von Lebensmittelpaketen an mehr als 5800 bedürftige Familien, die von der Explosion am 4. August betroffen wurden. Schwester Marie Justine wird einen Teil der Verteilung beaufsichtigen.

 

Foto: Schwester Marie Justine el Osta in ihrem Büro, Foto: KIRCHE IN NOT


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