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„Manche träumen immer noch davon, die Christen zu verjagen“

10. April 2020 in Chronik, keine Lesermeinung
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Aktuelle Lage im Irak zwischen Corona-Pandemie und politischer Umwälzung.


München/Bagdad (kath.net/ KiN)
Im Irak hat der Ausbruch des Corona-Virus die humanitäre Situation verschlimmert. Die Proteste gegen die Regierung in Bagdad, die das Land seit Monaten in Atem hielten, sind zwar abgeflaut, aber unter der Oberfläche brodelt es weiter.

Wie geht es den Christen in der Ninive-Ebene und Mossul in dieser Situation? Darüber gibt der chaldäisch-katholische Erzbischof Michael Najeeb Auskunft. Der Dominikaner leitet die Erzdiözese Mossul und Akrê. Amélie de La Hougue von „Kirche in Not“ Frankreich hat mit ihm gesprochen.

Amélie de la Hougue: Bischof Najeeb, wie ist die Lage heute im Irak angesichts der Coronavirus-Epidemie?

Erzbischof Michael Najeeb: Die medizinische Situation im Irak ist prekär. Es mangelt an Tests, um Infektionen mit dem Virus zu entdecken. Es wurden drakonische Maßnahmen ergriffen, um angesichts des Coronavirus das Schlimmste zu vermeiden. Im größten Teil des Landes herrscht Ausgangssperre.

Zwischen den Städten und den Dörfern sowie zwischen einzelnen Vierteln wurden die Straßen komplett gesperrt. Armee und Polizei wachen an den Kreuzungen, um jeden Verkehr zu unterbinden, die einzige Ausnahme sind Notfälle.

Hat die Kirche besondere Maßnahmen ergriffen?

Vorsichtshalber wurden die Kirchen geschlossen. Gottesdienste, liturgische Feiern und geistliche Veranstaltungen wie das Rosenkranzgebet werden täglich live oder zeitversetzt über Internet oder Facebook übertragen. Die Ausgangssperre bietet die Gelegenheit, den Wert der Familie neu zu definieren und die Familienbindung zu stärken. Familie werden so zu lebendigen Hauskirchen.

Gibt es unter diesen Umständen nach wie vor Proteste gegen die Regierung?

Die Demonstrationen in Bagdad, die sich gegen Arbeitslosigkeit und Korruption wandten und den Sturz des Regimes forderten, sind weniger geworden. Die Ausgangssperren werden eingehalten. Die Lage in Mossul und in der Ninive-Ebene bleibt relativ ruhig. Die Rückkehr der Christen in die Stadt erfolgt jedoch weiterhin nur langsam und zögerlich. Die Mentalität etlicher Menschen hier wird noch immer von einer fanatischen Ideologie beherrscht. Manche träumen immer noch davon, die Christen aus ihrer historischen Heimat zu verjagen.

Nach der militärischen Niederlage des sogenannten „Islamischen Staates“ wünscht sich die irakische Bevölkerung mehr denn je Solidarität, Recht, Ordnung und Freiheit. Die seit fünf Monaten andauernden Massendemonstrationen und der massive Aufstand gegen die seit 2003 im Land herrschende Korruption sind die besten Beispiele der Einheit und des guten Willens des irakischen Volkes.

Welche Haltung nehmen die Christen in dieser Bewegung ein?

Die christliche Gemeinschaft wünscht sich einen echten und tiefgreifenden Wandel des politischen Systems und eine kompetente Präsidialregierung, die säkular und nicht auf Clan-Zugehörigkeiten oder Konfessionen basiert. Die Christen waren bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz in Bagdad dabei, unter ihnen waren auch Menschen, die ihr Leben für die Sache geopfert haben.

Wie sehen die Hoffnungen der Christen für die kommenden Monate und Jahre aus?

Die Hoffnung der Christen ist, in ihrem eigenen Land in Frieden leben zu können, gleiche Rechte und Pflichten zu haben, auf Augenhöhe mit den anderen Irakern betrachtet zu werden und nicht als Bürger zweiter Klasse zu gelten. Sie fordern weiterhin, bestimmte ungerechte Gesetze zu ändern, darunter beispielsweise die erzwungene Konversion zum Islam von minderjährigen Mädchen, wenn eines ihrer Elternteile zum Islam konvertiert.

Die größte Hoffnung der Christen und der anderen hier angesiedelten Religionen wäre ein Verschwinden der salafistischen Denkweise. Doch leider setzt diese sektiererische Mentalität weiterhin die Scharia als irakische Rechtsprechung durch. Die Schulbücher und die sektiererischen Predigten in den Moscheen sind eine Quelle sozialer und politischer Missstimmung. Die Trennung zwischen Religion und Politik wäre ein Segen und könnte sicherlich den Kreuzweg erleichtern, den die hiesigen Christen erleiden.

„Kirche in Not“ hat die vom IS im Irak verfolgten Christen stark unterstützt. Um die Rückkehr der vertriebenen Bevölkerung in die mehrheitlich christlich besiedelten Ortschaften der Ninive-Ebene zu unterstützen, hat „Kirche in Not“ die Aktion „Zurück zu den Wurzeln“ ins Leben gerufen. Rund die Hälfte der Bewohner lebt mittlerweile wieder in der alten Heimat. Aktuelle Projekte von „Kirche in Not“ im Irak sind unter anderem der Wiederaufbau zerstörter Kirchen, Klöster, Pfarrzentren und Kindergärten. Dazu bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter: www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Irak

Foto: Michael Najeeb, chaldäisch-katholischer Erzbischof Mossul und Akrê. © Kirche in Not




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