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Kardinal Sarah: Zölibat ist Zeichen für radikale Christusnachfolge

17. Februar 2020 in Weltkirche, 160 Lesermeinungen
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Eine Relativierung des Zölibats würde die Krise des Priestertums nur verschärfen. Der Westen wartet, vielleicht ohne es zu wissen, auf Priester, die radikal heilig sind.


Vatikan (kath.net/jg)
Das Priestertum sei in „tödlicher Gefahr“, sagte Robert Kardinal Sarah, der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung in einem Interview mit Edward Pentin vom National Catholic Register am 7. Februar, also noch vor der Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens „Querida Amazonia“. (Siehe Link am Ende des Artikels)

Die große Zahl an sexuellen Missbrauchsfällen, die von Priestern und sogar Bischöfen begangen worden seien, sei ein eindeutiges Zeichen für die große Krise, welche das Priestertum derzeit durchlebe. Papst Benedikt XVI. habe sich bereits deutlich dazu geäußert. Er sehe eine Wurzel in der mangelhaften priesterlichen Charakterformung. Ein Priester sei dazu ausersehen, sich ganz dem Dienst für Gott und der Kirche zu widmen. Manche Priester hätten nie gelernt, Gott, das Gebet, die Feier der heiligen Messe, das Streben nach Heiligkeit ins Zentrum ihres Lebens zu stellen. Letztlich sei es die Abwesenheit Gottes, welche den Missbrauch möglich mache. Ohne Gott, aber ausgestattet mit Macht, seien manche der „diabolischen Logik“ des Missbrauchs der Autorität und sexueller Verbrechen anheim gefallen, sagte Kardinal Sarah.

Eine Relativierung des Zölibats sei daher ein Schritt in die falsche Richtung, warnte der Kurienkardinal. Der Zölibat sei ein deutliches Zeichen dafür, dass der Priester nur Christus gehöre, dass sein Leben nur durch Gott und für ihn sinnvoll sei. Würde der Zölibat in Frage gestellt, würde dies die Krise des Priestertums nur verschärfen, betonte er.

Benedikt XVI. habe geschrieben, dass eine Trennung des Zölibats vom Priestertum dessen besonderes Charisma nicht mehr sichtbar werden lasse. Es würde auf eine Funktion innerhalb einer Institution reduziert. Die Kirche selbst würde dann nur mehr als menschliche Institution erscheinen.

Eine „seltsame Synode“ in Deutschland befasse sich mit der Relativierung des Zölibats. Er wolle seine Sorge zum Ausdruck bringen, dass ein Angriff auf den Zölibat ein Angriff auf die Kirche und ihr Geheimnis sei. „Die Kirche gehört nicht uns, sie ist ein Geschenk Gottes“, sagte Kardinal Sarah wörtlich. Sie wirke durch den Dienst der Priester, die ebenfalls ein Geschenk Gottes seien und keine menschliche Einrichtung. Jeder Priester sei Frucht einer Berufung, niemand entscheide von sich aus, dass er Priester werde. Die Kirche bestätige diese Berufung. Der Zölibat sei ein Garant für die Berufung. Ein Mann könne nur auf eine Familie, auf ein Sexualleben verzichten, wenn er sicher sei, dass Gott ihn dazu berufe, betonte der Kardinal.


Die Weihe verheirateter Männer sei ein „Fantasie westlicher Akademiker“, nicht der Wunsch der armen, einfachen Gläubigen in Amazonien. Diese würden sich heilige Priester erwarten, die sich ganz für Gott und seine Kirche hingeben. Sie würden sich zölibatäre Priester erwarten, die in ihrer Mitte Christus verkörpern, den Bräutigam der Kirche. Mit dem Buch „Aus der Tiefe des Herzens“ habe er Papst Franziskus dabei unterstützen wollen, an der Seite der armen und einfachen Gläubigen zu stehen und dem Druck der Mächtigen zu widerstehen, die Medienkampagnen inszenieren können. „Einige Kirchenorganisationen, die viel Geld haben, glauben sie können den Papst und die Bischöfe unter Druck setzen“, sagte er wörtlich.

Papst Franziskus habe am Ende der Amazonien-Synode darauf hingewiesen, dass das Problem der Region die Evangelisierung sei, nicht das Fehlen verheirateter Priester. Die Kirche habe darauf verzichtet, den Glauben und die Erlösung durch Jesus Christus zu verkünden. Ihre Vertreter seien zu oft nur als humanitäre Helfer und Sozialarbeiter tätig. In Amazonien fehle es an Laien, die ihre missionarische Berufung ernst nehmen, wie zum Beispiel Katecheten, erinnerte der Kardinal.

Der Priestermangel sei real, aber nicht nur in Amazonien. Laut Papst Franziskus liege das nicht selten am fehlenden apostolischen Eifer der Gemeinden. Es fehle die Begeisterung für den Glauben und die Anziehungskraft. „Wo es Leben, Eifer und den Willen gibt, Christus zu den anderen zu bringen, entstehen echte Berufungen.“ (Papst Franziskus, Evangelii gaudium, 107)

Die Ordination verheirateter Männer in jungen, wachsenden Gemeinden würde die Entfaltung von Berufungen unverheirateter Priester eher behindern. Die Ausnahme würde zur Regel werden, fürchtet Kardinal Sarah. Eine Lockerung des Zölibats in einer Region würde einen Bruch in der Einheit des Priesterstandes herbeiführen. Benedikt XVI. sei im Buch „Aus der Tiefe des Herzens“ zu dem Ergebnis gekommen, dass sowohl der Ehestand als auch das Priestertum jeweils den ganzen Menschen verlangen. Beide Stände seien daher nicht in einer Person gleichzeitig vereinbar.

Kardinal Sarah ging auch kurz auf die Situation in den mit Rom unierten Teilkirchen des Ostens ein, in denen es verheiratete Priester gebe. Diese Situation sei nur möglich, weil es eine große Zahl an Mönchen gebe, die zölibatär leben. Es bleibe das Problem, dass ein verheirateter Priester ein Ehe- und Familienleben habe, für das er sich Zeit nehmen müsse. Er könne sich nicht ganz und absolut Gott und der Kirche widmen. Kardinal Sarah zitiert Johannes Paul II., der darauf hingewiesen hat, dass die Kirche von ihren Priestern so geliebt werden will, wie sie von Christus geliebt worden ist, also mit der exklusiven Liebe des Bräutigams zu seiner Braut. (Johannes Paul II., Pastores dabo vobis)

Der Zölibat sei nicht juristisch, disziplinär oder praktisch begründet, sondern theologisch. In den Augen einer atheistischen, säkularisierten Welt sei der Zölibat absurd, für das zeitgenössische Denken ein Skandal. Aber wer sollte mit seinem Leben konkret zeigen, dass Gott genügt um glücklich zu sein, wenn nicht die Priester? „Mehr denn je brauchen unsere Gesellschaften den Zölibat, weil sie Gott brauchen“, sagte Sarah wörtlich.

In den ersten Jahrhunderten der Kirche habe es verheiratete Priester gegeben. Nach ihrer Weihe seien sie aber verpflichtet gewesen, enthaltsam zu leben. Damit sei deutlich geworden, dass der Priester ganz der Kirche gehöre, mit Leib und Seele. Die Synode von Elvira (305 n. Chr.) habe diese Regel bestätigt, die auf die Apostel zurück gingen. Wäre diese Bestimmung eine Innovation gewesen, hätte es wohl Protest von Seiten der Priester gegeben. Sie sei aber ohne große Widerstände angenommen worden, erinnerte Sarah, der gleichzeitig darauf hinwies, dass die Kirche im Osten eine andere Entwicklung genommen habe, ohne den Zusammenhang zwischen Priestertum und Enthaltsamkeit grundsätzlich aufzugeben.

Am Ende des Interviews kam Kardinal Sarah noch einmal auf die nach seiner Ansicht wahren Gründe der Krise des Priestertums zu sprechen. Zu viele hätten sich mit Lauheit und Mittelmäßigkeit zufrieden gegeben. Es sei der Ruf zur Heiligkeit, der Papst em. Benedikts Beitrag in dem Buch „Aus der Tiefe des Herzens“ so verstörend mache. „Dem Westen ist die Luft ausgegangen. Der Westen ist alt, mit all seiner Abkehr und Resignation. Er wartet, vielleicht ohne es zu wissen, auf die Jugend, auf die unverhohlene Forderung des Evangeliums nach Heiligkeit. Er wartet auf Priester, die radikal heilig sind“, sagte Kardinal Sarah wörtlich


Link zum Interview mit Kardinal Sarah im National Catholic Register (englisch):

Cardinal Sarah: The Priesthood Today ’Is in Mortal Danger’


© Foto: Paul Badde



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