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Verletzung linker 'Politischer Korrektheit' als Neuer Progressivismus

30. September 2016 in Kommentar, 1 Lesermeinung
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Zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises an Michel Houellebecq. Von Prof. Gerhard Besier


Frankfurt (kath.net/idea) Michel Houellebecq hat am 26. September in Berlin den Frank-Schirrmacher-Preis entgegengenommen. Die Auszeichnung ist benannt nach dem 2014 verstorbenen Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Houellebecq, der französische Schriftsteller und Intellektuelle wider Willen, gehört nicht zu denen, auf die sich Evangelikale für gewöhnlich beziehen. Mit seiner etwas verwahrlosten, verzweifelt schonungslosen Lebensweise und religiösen Indifferenz hat er den linksliberal dominierten, nach Themen wohlgeordneten, auch christlichen Diskurs längst verlassen. Dennoch fällt auf, dass seine disparaten Beobachtungen und Beschreibungen der westlichen Gesellschaften manche Parallelen zu denen eher konservativer Evangelikaler aufweisen. Houellebecq bemerkt mit Genugtuung den intellektuellen Ruin der Linken, klagt über den Verlust der alten, eher konservativ strukturierten Welt, über die demografische Katastrophe der modernen Industriegesellschaften, und er sieht diese Gesellschaften durch die drohende Machtübernahme des Islams bedroht.


Parallelen mit Evangelikalen

Houellebecq hat damit zu kämpfen, dass seine Äußerungen von weiten Kreisen als nicht politisch korrekt verurteilt werden. Er wie auch seine Freunde wollen sich das Etikett „Neue Reaktionäre“ nicht gefallen lassen, sondern verstehen sich als „Neue Progressivisten“. Auch hier lassen sich Entsprechungen zu konservativen Evangelikalen sehen, die oftmals als „Ewiggestrige“ diffamiert werden, obwohl sie sich selbst als die christliche Zukunft, ja als Speerspitze Christi in der Welt sehen. Auch Houellebecq möchte die Wortbedeutung umdrehen: Nicht wir sind die Reaktionäre, sondern die, die einer Ökonomisierung der Welt das Wort reden, die überkommene nationale und kulturelle Strukturen auflösen wollen und die ihre Muttersprache zugunsten des Englischen aufgeben.

„Wir müssen uns in Gekreuzigte verwandeln“

Houellebecq bezieht sich auf seinen „Kameraden“ Maurice Dantec, der empfohlen habe, dass wir uns wieder „in Gekreuzigte … verwandeln. Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre … imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen“. Sehr viel anders würden es auch konservative Evangelikale nicht sagen.

„Wir haben das Denken befreit“

Houellebecqs Ansichten sollen hier nicht „getauft“ oder gar evangelikal vereinnahmt werden. Dazu gibt es auch zu viel Trennendes. Aber die Faszination, die von ihm ausgeht, reicht weit über den engeren Zirkel seiner Anhänger hinaus. Er ist tatsächlich so etwas wie der „Prophet“ einer intellektuellen Zeitenwende, indem er und seine Freunde uns aus „der Zwangsjacke der Linken befreien“, von der Doktrin des „richtigen“ Denkens und Sprechens, die uns über Jahrzehnte zu einer Art Selbstzensur gezwungen hat. Vollkommen zu Recht kann der „unmögliche“ Houellebecq deshalb sagen: „Wir haben das Denken befreit“.

Im Raum der Kirchen hat ein Umdenken begonnen

Daraus können auch Evangelikale Gewinn ziehen. Eigentlich gehören sie ebenfalls zu den „Neuen Progressivisten“ und können nur den Kopf schütteln über die „Reaktionäre“ in Kirchenleitungen und auf theologischen Lehrstühlen, die seit Jahrzehnten ihre linke politische Theologie in die Wirklichkeit umsetzen wollten und mit allerlei intellektuell aufgeblasenen Kinkerlitzchen ihre Kirchen – soweit Menschen das können – ziemlich ruinierten. Aber auch im Raum der Kirchen hat bereits ein Umdenken begonnen, wie die Bischofswahl in Sachsen nahelegt.

Der Autor (Foto), Gerhard Besier (Dresden), ist habilitierter evangelischer Theologe, promovierter Historiker und Diplom-Psychologe. Er lehrt an verschiedenen europäischen Universitäten und an der Stanford-Universität in Kalifornien.

Foto Prof. Besier


Foto Prof. Besier (c) http://tec.fsi.stanford.edu


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Lesermeinungen

 goegy 30. September 2016 
 

Der Protestantismus in all seinen Schattierungen trägt eine massgebliche Mitschuld am intellektuellen und religiösen Debakel der westlichen Welt. In ihm wurzelt vieles, was das Christentum von innen korrodiert.

Der Katholizismus sprang dann - gleichsam als Trittbrettfahrer - mit Verspätung auch noch auf den fahrenden Zug.. Nicht wenige kirchliche Meinungsbildner wollten mit dabei sein auf der destruktiven Fahrt mit dem Zeitgeist.

Also, die Hände in Unschuld waschen, kann sich unsere liebe Kirche auch nicht. Sie hatte nicht die Kraft, diese falschen Theologen, Philosophen, Medien Leute und Politiker auszubremsen. Es kam eine Zeit der faulen Kompromisse mit dem "main stream".

Auch in unserer Kirche nisteten sich falsche Ideale der 68er ein mit ihrer De-Konstruktion fast aller Werte.
Geburtenkontrolle, anti-autoritäre Erziehung, die sich egoistisch selbst verwirklichende Frau, die allein-erziehende Mutter, die Ehe auf Zeit, leichte Scheidung etc.


7
 

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