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Keiner will wirklich sterben

1. Juli 2015 in Deutschland, keine Lesermeinung
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Sterbehilfe? Kerstin Kurzke vom Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienst in Berlin begleitet seit 16 Jahren Sterbende. Ihre Erfahrung: Die allermeisten Menschen hängen am Leben. Bericht von idea-Redakteur Matthias Pankau


Berlin (kath.net/idea) Der Deutsche Bundestag wird am 2. und 3. Juli über die Gesetzentwürfe zur Suizidbeihilfe beraten. Kerstin Kurzke vom (katholischen) Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienst in Berlin begleitet seit 16 Jahren Sterbende. Ihre Erfahrung: Die allermeisten Menschen hängen am Leben.

Vor wenigen Wochen besuchte Kerstin Kurzke eine alte Dame in einem Berliner Pflegeheim. Sie hatte gegenüber der Tochter und der Heimleitung den Wunsch geäußert, dass ihrem Leben in der Schweiz ein Ende gesetzt werde; dort ist assistierter Suizid erlaubt. Daraufhin rief die Heimleitung den Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Malteser an, der seit Jahren schwerstkranke Menschen begleitet. Im Gespräch mit der alten Dame merkte Kerstin Kurzke schnell, dass sie eigentlich gar nicht sterben wollte, jedoch die schlimme Luftnot infolge einer schweren Lungenkrankheit nicht aushielt.


Auch Schwerstkranke wollen leben

Ja, sie erlebe es, dass Patienten sagten: „Ich will nicht mehr, geben Sie mir was!“, sagt Kurzke. Der Wunsch, bei schwerer Krankheit sein Leben zu beenden, habe aber immer Gründe, etwa – wie in diesem Fall – Atemnot und stärkste Schmerzen. Die Palliativmedizin sei jedoch mittlerweile so weit entwickelt, dass man schwerstkranken und sterbenden Menschen durch die entsprechende Symptomlinderung Lebensqualität, Sicherheit und einen „guten Tod“ ermöglichen könne, sagt die 40-Jährige. Dann trete der Wunsch zu sterben in den Hintergrund: „Die allermeisten Menschen hängen nämlich am Leben – auch wenn sie schwerkrank sind.“ Neben körperlichen Symptomen haben die Menschen nach ihrer Erfahrung vor allem Angst vor dem Alleinsein und davor, anderen zur Last zu fallen: „Es ist nicht der Wunsch nach dem Tod, sondern der Wunsch nach einer Veränderung der Lebensumstände.“ Sobald den Betroffenen eben durch Gesprächspartner und Wegbegleiter die Einsamkeit und durch Palliativmedizin die Schmerzen genommen würden, nähmen die allermeisten wieder Abstand von Suizidplänen. Hier könnten ambulante Hospizdienste auch mit ehrenamtlichen Helfern ganz viel Entlastung schaffen.

Was Gespräche bewirken können

Kerstin Kurzke weiß, wovon sie spricht. Kürzlich habe ein älterer Mann ihr gegenüber den Wunsch geäußert zu sterben: „Er sagte, er wisse nicht, wofür er eigentlich noch lebe, habe er doch keine Angehörigen und niemanden, der sich für ihn interessiere.“ Nach einigen Gesprächen mit einem ehrenamtlichen Hospiz-Mitarbeiter wolle der Mann nun seine Memoiren schreiben. „Er hat in den Gesprächen einen neuen Lebenssinn gefunden“, sagt Kurzke. Für sie ist es ein Gebot der christlichen Nächstenliebe, Menschen in solchen Krisen ernst zu nehmen, sich ihnen zuzuwenden und Linderung zu verschaffen. Leider würden Leid und Tod in der Gesellschaft immer mehr tabuisiert. Sie fordert ein Verbot „geschäftsmäßiger“ Sterbehilfe, also zum Beispiel durch Sterbehilfe-Vereine. „Alles andere wäre ein verheerendes Signal in die Gesellschaft“, meint sie. „Denn dann gäbe es unausgesprochen immer die Alternative oder sogar den Druck, ‚freiwillig‘ aus dem Leben zu scheiden.“

Film über die Praxis der Euthanasie in den Niederlanden



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