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Deutsche Einheit: Der Osten hat die Konfessionslosigkeit eingebracht

11. Oktober 2014 in Deutschland, 4 Lesermeinungen
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Evangelischer Theologe: „Die Konfessionslosigkeit ist die am schnellsten wachsende religiöse Orientierung hierzulande.“ Auch im Westen sei es längst nicht mehr selbstverständlich, kirchlich zu heiraten oder Kinder taufen zu lassen


Gotha (kath.net/idea) Das Nachhaltigste, was der Osten in das 1990 wiedervereinigte Deutschland eingebracht hat, ist die radikale Konfessionslosigkeit. Diese Einschätzung gab der Leiter der Evangelischen Stadtakademie Erfurt, Pfarrer Andreas Fincke, am 8. Oktober in Gotha. Er sprach dort im Augustinerkloster zum Thema „Volle Kirchen, leere Kirchen. Die religiöse Situation im Osten Deutschlands 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution“. Fincke war von 1999 bis 2007 stellvertretender Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW).

Nach seinen Worten gibt es keinen zweiten Kulturraum in der Welt, wo Kirche und Religion so unbedeutend sind wie in Osten Deutschlands. Allerdings nehme die Bedeutung der Kirche auch in den westlichen Bundesländern ab. Während dort 1970 noch 94 Prozent der Menschen zu einer der beiden großen Kirchen gehörten, sind es gegenwärtig etwa zwei Drittel. 2025 werden Schätzungen zufolge mehr als 50 Prozent der Deutschen konfessionslos sein. Fincke: „Die Konfessionslosigkeit ist die am schnellsten wachsende religiöse Orientierung hierzulande.“ Auch im Westen sei es längst nicht mehr selbstverständlich, kirchlich zu heiraten oder Kinder taufen zu lassen: „Das wird zunehmend erklärungsbedürftig.“ Auch in Kontakt- oder Todesanzeigen fänden sich kaum noch religiöse Bezüge: „Früher wollte ein Katholik einen katholischen Partner. Heute ist es wichtig, ob man gern Sport macht oder Asien liebt.“


Jugendweihe trug entscheidend zur Entkirchlichung bei

Als eine Hauptursache für die Entkirchlichung der Gesellschaft in der DDR nannte Fincke die atheistische Jugendweihe. Hätten Mitte der fünfziger Jahre 20 Prozent der Jugendlichen daran teilgenommen, so waren es 1959 bereits 80 Prozent und später 97 Prozent der Jungen und Mädchen. Im gleichen Maße sei die Zahl der Konfirmationen zurückgegangen. Fincke: „Diesen Kampf haben wir verloren.“ Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 sei die Jugendweihe keinesfalls eingegangen. Knapp 1,6 Millionen Heranwachsende hätten seitdem an dem Ritual teilgenommen. Das zeige, wie alltäglich die Konfessionslosigkeit inzwischen sei. Für die Kirchen bedeute das, dass sie ihre Kinder- und Jugendarbeit, aber auch Taufen und Konfirmationen stetig verbessern müssten.

Mehr Konkurrenz für die Kirchen

Die Kirchen sähen sich heute einer größeren Konkurrenz gegenüber als noch vor 25 Jahren. Vor allem humanistische Verbände forderten sie heraus. Das gelte auch für ethische Themen wie Sterbehilfe oder den Lebenskundeunterricht an Schulen. Das müssten die Kirchen ernstnehmen, forderte Fincke. Dass die Bindung vieler Menschen an die Kirche sehr lose sei, habe sich zuletzt bei der Neuregelung der Kapitalertragssteuer gezeigt. Nach der Ankündigung, dass ab 2015 die Banken die darauf fällige Kirchensteuer einziehen, waren Tausende Bürger aus den Kirchen ausgetreten. Fincke bezeichnete die Neuregelung als „unglücklich“. Zudem sei sie schlecht kommuniziert worden. „Das hat zu der kuriosen Situation geführt, dass vor allem Rentner ausgetreten sind, obwohl sie gar keine Kirchensteuer zahlen“, so der Theologe. In Freikirchen, die keine Kirchensteuer erheben, sei die Identifikation mit der eigenen Gemeinde deutlich höher als in den Großkirchen.


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