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Wo sexueller Missbrauch als fortschrittlich galt

4. Juni 2013 in Chronik, 14 Lesermeinungen
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Missbrauchsvorfälle: Evangelische Pfarrer bauten mit Alkohol Hemmschwellen bei Jugendlichen ab, schürten Konflikte mit den Eltern und schufen eine Atmosphäre, in der sexuelle Kontakte mit Seelsorgern als normal erschienen


Ahrensburg (kath.net/idea) Einzelne nordelbische Pfarrer versteckten den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in den siebziger und achtziger Jahren hinter einer „Maske von Fortschrittlichkeit und Liberalität“. Oft hätten sie Hemmschwellen der Jugendlichen mit Alkohol abgebaut und Konflikte mit den Eltern geschürt, um ihre Umtriebe zu verbergen. So sei eine Atmosphäre geschaffen worden, in der sexuelle Kontakte mit Seelsorgern als normal erschienen, berichtete jetzt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Dirk Bange. Er gehört einer unabhängigen Expertenkommission an, die die Nordkirche im vorigen Jahr zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Kirchengemeinde von Ahrensburg bei Hamburg eingesetzt hatte.


Vor drei Jahren war ans Licht gekommen, dass der frühere Pfarrer Gert-Dietrich Kohl sich an mindestens 13 Minderjährigen vergangen hatte, darunter auch an seinen Stiefsöhnen. Sein Kollege Friedrich H. soll die Taten gedeckt und selbst intime Beziehungen zu einer 17- und einer 18-Jährigen unterhalten haben. Strafrechtlich sind die Vergehen verjährt. Kohl kam einem Rauswurf aus der Kirche zuvor, indem er selbst seine Entlassung beantragte. Das kirchliche Disziplinarverfahren gegen H. ist noch nicht abgeschlossen. Ein Kirchengericht hatte es eingestellt, doch das Landeskirchenamt legte Rechtsmittel wegen Befangenheit der Richter ein. Das Gremium ist inzwischen zurückgetreten.

Sie wollten es nicht wahrhaben

Die Expertenkommission, die Gespräche mit Betroffenen geführt hat, bestätigt die Missbrauchsfälle. Außerdem deckte sie Mängel bei der Kirchenaufsicht auf. Es habe unter anderem an einer klaren Regelung gemangelt, die sexuelle Kontakte untersage, so Bange. Inzwischen hat sich die Kirche zu einer schonungslosen Aufarbeitung verpflichtet.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs sagte, es habe bei kirchlichen Mitarbeitern einen „Reflex des Nicht-Wahrhaben-Wollens“ gegeben. Dass der Missbrauch hinter einer „Maske der Fortschrittlichkeit“ geschehen sei, habe die Kirche getroffen. Anselm Kohn, Vorsitzender des Vereins „Missbrauch in Ahrensburg“, kündigte an, dass sich die vor drei Jahren gegründete Organisation am 22. Juni auflösen werde. Der Verein könne jetzt die Verantwortung weitergeben.


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