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Gerhard Ludwig Müller: 'Pfarrer-Initiative' unchristlich

7. Februar 2012 in Deutschland, 52 Lesermeinungen
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Regensburger Bischof übt scharfe Kritik an der "Pfarrer-Initiative" von Helmut Schüller: Ungehorsam gegenüber Gott und gegenüber der legitimen kirchlichen Leitung trägt Spaltung in die Kirche hinein und verfälscht unser Grundverhältnis zu Gott.


Regensburg (kath.net) "Darum ist es ganz und gar unchristlich und unserem katholischen Glauben diametral entgegengesetzt, wenn in unserem Nachbarland eine von einigen Leuten ins Leben gerufene sog. „Pfarrer-Initiative“ in ihrer Besserwisserei meint, sich in Fragen der Lehre und Pastoral über den Glauben der Kirche stellen zu können. Die Unterstützer schlagen ihre Weiheversprechen in den Wind, wenn sie in ihrer Aktion zum Ungehorsam aufrufen. Der Ungehorsam gegenüber Gott und der Ungehorsam gegenüber der legitimen kirchlichen Leitung – gegen Papst und Bischöfe – ist ein Übel, das Spaltung in die Kirche hineinträgt und unser Grundverhältnis zu Gott verfälscht." Mit diesen klaren Worte hat der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller vergangene Woche zu Maria Lichtmess die österreichische "Pfarrer-Initiative" kritisiert.

KATH.NET dokumentiert die Predigt des Bischofs im Wortlaut:

Meine lieben Schwestern und Brüder im Ordensstand,
meine lieben Schwestern und Brüder in unserem gemeinsamen christlichen Glauben!

Im 1. Petrusbrief lesen wir, dass Christus, der für uns am Kreuz gestorben war, „auch zu den Geistern gegangen“ ist, „die im Gefängnis waren“ und „ihnen gepredigt“ hat. Denn diese „waren einst ungehorsam“ (1 Petr 3,20) gewesen.

Der Ungehorsam ist eine Macht, die viel Unheil in unsere Welt gebracht hat. Die Menschen wollen alles besser wissen und meinen, selbst zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. So haben sie sich gegen Gott gestellt und durch den Ungehorsam der Sünde die Gemeinschaft mit ihm verloren. Der Gehorsam des Erlösers Jesus Christus aber ist das Tor zum Leben! Christus ist der Sohn des ewigen Vaters. Er hat unser Fleisch und Blut angenommen. So heißt es im Hebräerbrief: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (Hebr 5,8f.).

Seine Mutter Maria steht ihm in dieser Haltung zur Seite. Sie spricht demütig ihr Jawort: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Durch ihren Gehorsam kann Christus in die Welt eintreten. Mit ihr beginnt das neue Menschengeschlecht, die Glaubensgemeinde, die Kirche Jesu Christi.

Diese Haltung bildet eine Grundlage des gottgeweihten Lebens und kommt in einem der drei Gelübde zum Ausdruck. Auch die Diakone und Priester versprechen, bevor sie zur Weihe an den Altar des Herrn treten, in die Hände des Bischofs hinein ihren Gehorsam. Dieser ist wesentlich mehr als eine bloß äußere Loyalität, die mit Berufstreue verglichen werden könnte. Der religiöse Gehorsam nimmt teil am Gehorsam, den Jesus dem Vater dargebracht hat; es ist der Gehorsam, durch den das Heil in diese Welt gekommen ist.


Darum ist es ganz und gar unchristlich und unserem katholischen Glauben diametral entgegengesetzt, wenn in unserem Nachbarland eine von einigen Leuten ins Leben gerufene sog. „Pfarrerinitiative“ in ihrer Besserwisserei meint, sich in Fragen der Lehre und Pastoral über den Glauben der Kirche stellen zu können. Die Unterstützer schlagen ihre Weiheversprechen in den Wind, wenn sie in ihrer Aktion zum Ungehorsam aufrufen. Der Ungehorsam gegenüber Gott und der Ungehorsam gegenüber der legitimen kirchlichen Leitung – gegen Papst und Bischöfe – ist ein Übel, das Spaltung in die Kirche hineinträgt und unser Grundverhältnis zu Gott verfälscht.

Lassen wir uns nicht von außen einreden, der Gehorsam würde nicht in das Bild eines von Autonomie und Selbstbestimmung geprägten Menschen hineinpassen. Der Mensch ist nicht autonom, sondern verdankt sich eucharistisch ganz und gar Gott. Gott aber schränkt den Menschen nicht ein! Wenn sich der Wille des Menschen ganz dem Willen Gottes hingibt, der die Liebe ist, und seinen Willen gleichsam mit dem Willen Gottes vereint, dann entsteht Heil in dieser Welt, dann wird der Mensch „befreit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Gott dienen, macht nicht unfrei. Gott dienen, macht frei und bedeutet in Wirklichkeit „herrschen“. Wer Gott dient, der wird Herr über seine ungeordneten Triebe und falschen Gedanken. Dann sind unser Denken und Fühlen, unser Kopf und unser Herz ganz bei Gott. Gott gehorsam zu sein in Jesus Christus bedeutet: Gott, den Herrn „mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst“ (Mk 12,32).

So ist das Gelübde des Gehorsams zusammen mit den Gelübden der Armut und der keuschen Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ (Mt 19,12) ein wesentlicher Bestandteil für den Aufbau des Reiches Gottes in unserer Zeit. Der Mensch, der Gott gegenüber als Besserwisser auftritt und sich ihm verweigert, der meint, sein eigenes Heil selbst in die Hand nehmen zu können und der Schmied seines eigenes Glückes zu sein, geht keinen Weg, der zum Ziel führt. Den guten Weg geht vielmehr derjenige, der sich ganz dem Willen Gottes anheimgibt und wie Jesus im Garten Getsemani sagt: „Nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“ (Lk 22,42). Im Vaterunser machen wir uns das zu Eigen und beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde“ (Mt 6,10). Ein Mensch, der so handelt, geht auf dem geraden Weg. „Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken“ (Ps 1,3).

An diesem Tag des gottgeweihten Lebens wollen wir uns ganz tief auf die Wurzeln unserer Berufung besinnen, die sich der Gnade Gottes verdankt. Gott ist so groß und seine Liebe ist so weit, dass der Mensch, der sich dieser Liebe öffnet, innerlich erhoben wird über alle Selbstsucht, Selbstzweifel und falsche Selbstbehauptung hinaus. Wer sich Gott öffnet, wächst in SEINER Gnade und kommt so zu seiner wahren inneren Identität. Diese Identität bedeutet keineswegs Abgeschlossenheit, monadenhaftes Dasein oder egozentrisches Um-sich-selbst-Kreisen; vielmehr ist es eine Identität in Relation: im Verhältnis zu Gott, der in seinem innersten Leben selber die Einheit von Vater, Sohn und Heiligen Geist ist. Christus war „Gott gleich“, hat sich aber nicht hineinverkrallt in sein Gottsein und sich selbst behauptet, „sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6ff.)

Bedenken wir, was wir vor dem Altar Gottes, vor SEINEM Angesicht, versprochen haben. Es ist ein Versprechen, das uns nicht etwa in eine Falle hineingelockt hätte, sondern ein Versprechen, das dem Charisma, das uns geschenkt worden ist, entspricht und uns erhebt, uns erfüllt, uns wahrhaft frei und glücklich macht. Gott sucht unsere Hingabe. Er will, dass wir ihm mit ganzem Herzen dienen und so das Reich Gottes in dieser Zeit aufbauen.


Besserwisserei oder falsches Auftrumpfen gegenüber der legitimen kirchlichen Autorität sind kein Weg, der die Kirche in die Zukunft führt! Die Kirche wird nicht gefördert, wenn wir den „Reformstau“ durch äußerliche Anpassung an die Welt aufzulösen versuchen. Den „Reformstau vor der Tür unserer Herzen“ gilt es wegzufegen, damit eine wahre Erneuerung der Kirche möglich ist. Denn Reform bedeutet kein äußerliches „Herumbasteln“! Wahre Reform im christlichen Sinne heißt Erneuerung in Jesus Christus! Ihm, der selber gehorsam war, der arm unter den Menschen gelebt und um des Himmelreiches willen den Weg der Ehelosigkeit gegangen ist, gilt es mit ganzer Bereitschaft nachzufolgen. Christus hat sich nicht in sich selbst verschlossen, sondern wurde zum Bräutigam seiner Kirche, für die er sein Blut vergossen hat, um sie sich als reine und makellose Braut zu erwerben (vgl. Eph 5,27). Daher ist die Kirche keine äußere Religionsorganisation oder -institution, sondern die Braut Christi. Christus selber hat sich ganz hingegeben in diese innerste hochzeitliche Einheit der Liebe hinein, die aus der Liebe des dreifaltigen Gottes herkommt und zu uns Menschen herüberfliest.

Die Krise, in der wir uns befinden, ist nicht so sehr auf der Ebene der äußeren Gestalt der Kirche zu suchen, sondern hat ihren innersten Ursprung im Ungehorsam, in der Lauheit, in der mangelnden Bereitschaft zur Hingabe, in der erloschenen Liebe zu Jesus Christus und all denen, für die er sein Leben hingegeben hat.

Was aber bedeutet es, den „Reformstau vor der eigenen Haustür“ wegzuräumen und sich von Christus erneuern zu lassen? Das heißt, sich tagtäglich im Gebet innerlich und äußerlich ganz mit Gott zu vereinen. Das Gebet für die Kirche soll uns keine lästige Pflicht sein; vielmehr versteht sich die Kirche als Braut Christi, die mit ihrem Bräutigam im Gespräch der Liebe ist. Der „Reformstau im eigenen Leben“ wird aber auch dann beseitigt, wenn wir uns die evangelischen Räte, die Ordensgelübde, den priesterlichen Gehorsam, die priesterliche Dienstbereitschaft neu innerlich zu eigen machen und uns an Christus, dem Guten Hirten, orientieren, der nicht gekommen ist, „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Das ist unser Orientierungspunkt!

Das Ordensleben ist ein Edelstein in der Krone der Kirche. Es muss wieder neu erblühen im Leben der Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in seiner dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ das fünfte Kapitel der „allgemeinen Berufung zur Heiligkeit in der Kirche“ gewidmet und das sechste Kapitel den Ordensleuten. Begeben wir uns also alle auf den Weg dieser Heiligung. Nehmen wir den heiligen Willen Gottes innerlich an, öffnen wir uns ihm, so wie Jesus Christus es uns vorgemacht hat, der „für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (Hebr 5,9) ist.

Maria, seine Mutter, sagt es uns: „Was er euch sagt, das tut! (Joh 2,5). – „Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen lieߓ (Lk 1,45). Maria ist im Gegensatz zum Ungehorsam Evas für uns durch ihren Gehorsam zum großen Vorbild einer christlichen Existenz geworden. Sie ist die Erste gewesen, die in vollkommener Weise den Weg der Nachfolge gegangen ist. Lassen wir uns von ihr an der Hand nehmen, dann gehen wir den Weg der Liebe, des Gehorsams und der Hingabe. Dann kann Christus unseren Ungehorsam überwinden, durch uns sein Evangelium verkünden und für uns alle der Urheber des ewigen Heils werden. Amen.

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Foto Bischof Gerhard Ludwig Müller: © Bistum Regensburg


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