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| ![]() „Nicht das Unkraut wird am Ende siegen. Nicht die Sünde. Nicht der Tod, sondern Christus“vor 7 Stunden in Spirituelles, 3 Lesermeinungen „Das Gute ist oft leiser als das Böse. Aber es ist stärker. Denn sein Ursprung liegt in Gott selbst.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer Eichstätt (kath.net) Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) Mt 13,24–30: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Liebe Schwestern und Brüder! Auch wir wünschen uns, dass das Böse möglichst schnell verschwindet. Wir sehnen uns nach einer Welt ohne Krieg und Gewalt, ohne Hass und Ungerechtigkeit. Wir wünschen uns eine Kirche ohne Spaltungen und Skandale. Und wenn wir ehrlich sind, wünschen wir uns auch ein eigenes Herz ohne Schwäche, ohne Zweifel und ohne Sünde. Doch Jesus antwortet überraschend: „Nein! Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Warum sagt der Herr das? Nicht weil ihm das Böse gleichgültig wäre. Nicht weil Gut und Böse für ihn dasselbe wären. Gerade weil Gott das Böse ernst nimmt, handelt er anders als wir. Seine Liebe ist größer als unsere Ungeduld, seine Weisheit reicht weiter als unser begrenzter Blick. Bemerkenswert ist bereits der Anfang des Gleichnisses. Jesus beginnt nicht mit dem Unkraut, sondern mit dem guten Samen. Das ist mehr als ein erzählerisches Detail. Es offenbart etwas vom Wesen Gottes. Das Erste, was Gott tut, ist nicht richten. Er sät. Er sät Leben, Hoffnung und Liebe. Er schenkt Vertrauen und glaubt an den Menschen. Erst danach tritt der Feind auf den Plan. Diese Reihenfolge ist entscheidend. Das Böse gehört nicht zum ursprünglichen Plan Gottes. Es ist niemals der Anfang der Geschichte. Gott beginnt immer mit dem Guten. Deshalb dürfen wir niemals zulassen, dass das Böse unseren Blick bestimmt. Wer nur auf das Dunkel schaut, verliert den Mut. Wer dagegen zuerst auf Gottes gute Saat blickt, entdeckt selbst mitten in einer verwundeten Welt die leisen Zeichen seiner Gegenwart. Gerade heute fällt uns das schwer. Nachrichten und soziale Medien lenken unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf Kriege, Krisen, Katastrophen und menschliches Versagen. Man könnte meinen, das Unkraut überwuchere bereits das ganze Feld. Jesus lädt uns ein, genauer hinzusehen. Denn überall wächst auch der gute Weizen. Überall gibt es Menschen, die treu ihren Dienst tun: Eltern, die ihre Kinder mit Liebe erziehen; Pflegende, die sich Tag und Nacht um Kranke kümmern; Priester, Ordensleute und Ehrenamtliche, die oft im Verborgenen dienen; Menschen, die vergeben statt zurückzuschlagen, Hoffnung schenken, obwohl sie selbst Schweres tragen. Auch sie sind Frucht der guten Saat Gottes. Das Gute ist oft leiser als das Böse. Aber es ist stärker. Denn sein Ursprung liegt in Gott selbst. Deshalb hat das Böse niemals das erste Wort – und Gott sei Dank wird es auch niemals das letzte Wort haben. 2. Gottes Geduld ist größer als unser Urteil Jesus gibt darauf keine philosophische Erklärung. Er zeigt vielmehr das Herz Gottes. Wir möchten schnell urteilen. Gott wartet. Wir möchten aussortieren. Gott hofft. Wir möchten Menschen abschreiben. Gott schenkt neue Chancen. Der heilige Johannes Chrysostomos bringt dies in einem einzigen Satz auf den Punkt: „Gott vernichtet den Sünder nicht, weil er auf seine Umkehr wartet. Er hasst die Krankheit, aber er liebt den Kranken.“ Das ist die göttliche Langmut, von der die Heilige Schrift immer wieder spricht. Geduld ist bei Gott keine Schwäche, sondern Ausdruck seiner rettenden Liebe. Er wartet nicht, weil ihm alles gleichgültig wäre. Er wartet, weil er retten will. Die Heilsgeschichte ist voller Beispiele. Saulus verfolgte die Kirche und wurde zum Apostel Paulus. Augustinus irrte viele Jahre umher und wurde einer der größten Kirchenväter. Maria von Ägypten versank tief in der Sünde und wurde eine große Büßerin. Mose der Äthiopier war Räuber und Gewalttäter, bevor er ein Heiliger wurde. Menschen sahen nur das Unkraut. Gott aber sah bereits die kommende Ernte. Vielleicht ist dies einer der tröstlichsten Gedanken unseres Glaubens: Gott sieht in jedem Menschen mehr, als wir sehen. Er sieht nicht nur den Augenblick, sondern den ganzen Weg. Er kennt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft seiner Gnade. Darum mahnt uns Jesus heute zu einer heiligen Zurückhaltung. Nicht weil Wahrheit unwichtig wäre, sondern weil nur Gott die ganze Wahrheit über einen Menschen kennt. Er allein sieht bis auf den Grund des Herzens. Er kennt die verborgenen Kämpfe, die stillen Tränen, die unerzählten Geschichten und die Möglichkeiten, die noch in einem Menschen schlummern. 3. Der Acker unseres Herzens Der Apostel Paulus beschreibt diesen inneren Kampf mit bewegenden Worten: „Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ Wer kennt diese Erfahrung nicht? Wir möchten geduldig sein und verlieren doch die Beherrschung. Wir wollen vergeben und tragen Verletzungen lange mit uns herum. Wir möchten glauben und erleben Zeiten des Zweifels. Wir möchten lieben und stoßen immer wieder an die Grenzen unseres Stolzes und unserer Selbstbezogenheit. Der große Wüstenvater Makarios der Ägypter beschreibt das Herz mit einem wunderbaren Bild: „Das Herz ist ein kleines Gefäß; und doch wohnen darin Drachen und Löwen, aber auch Gott, die Engel und das Himmelreich.“ Licht und Schatten wohnen oft im selben Herzen. Mut und Angst. Demut und Stolz. Vertrauen und Misstrauen. Liebe und Egoismus. Kein Mensch besteht nur aus Weizen. Aber Gott sei Dank besteht auch keiner nur aus Unkraut. Deshalb verlieren wir so leicht den Mut, wenn wir nur auf unsere Fehler schauen. Wir tragen alte Schuld mit uns herum und meinen, Gott könne mit unserem Leben nichts mehr anfangen. Das Evangelium widerspricht entschieden. Gott sieht tiefer. Er sieht hinter unsere Fehler und Wunden. Er sieht den Menschen, den er erschaffen hat, und das Bild Christi, das in jedem von uns Gestalt gewinnen möchte. Darum verliert Gott niemals die Hoffnung auf einen Menschen. Und deshalb dürfen auch wir die Hoffnung auf uns selbst niemals verlieren. 4. Christus wachsen lassen Der heilige Isaak der Syrer schreibt: „Wie eine Handvoll Sand im weiten Meer sind die Sünden allen Fleisches gegenüber der Barmherzigkeit Gottes.“ Das ist keine Verharmlosung der Sünde, sondern ein machtvolles Bekenntnis zur Größe der göttlichen Liebe. Unsere Schuld ist groß. Gottes Erbarmen ist größer. Unsere Schwäche schmerzt. Seine Gnade ist stärker. Darum besteht das geistliche Leben nicht zuerst darin, jede einzelne Schwäche auszurotten. Es besteht darin, Christus immer mehr Raum zu geben. Die Ostkirche nennt diesen Weg Theosis, Vergöttlichung. Der Mensch wird nicht Gott, aber er wird immer tiefer vom Leben Gottes durchdrungen. Die Kirchenväter vergleichen dies mit einem Stück Eisen, das ins Feuer gelegt wird. Es bleibt Eisen, beginnt aber zu glühen, Wärme auszustrahlen und am Feuer teilzuhaben. So verwandelt Christus unser Herz – nicht durch Angst und Druck, sondern durch seine Gegenwart. Je näher wir ihm kommen, desto mehr verliert das Unkraut seine Macht. Je mehr wir beten, desto tiefer wächst der Friede. Je häufiger wir die Eucharistie empfangen, desto tiefer verwurzelt sich das göttliche Leben in uns. 5. Mit den Augen Gottes sehen Das Evangelium lädt uns zu einem anderen Lebensstil ein: Nicht vorschnell urteilen. Nicht endgültig abschreiben. Denn Gott selbst tut es nicht. Papst Benedikt XVI. hat einmal gesagt, der Christ sei ein Mensch, der gelernt habe, mit den Augen Gottes zu sehen. Genau dazu lädt uns das heutige Evangelium ein. Schauen wir nicht zuerst auf das Unkraut. Schauen wir auf den Weizen, den Christus gesät hat. Schauen wir auf das Gute, das Gott in jedem Menschen begonnen hat. Schauen wir auf seine Geduld, seine Barmherzigkeit und seine Treue. 6. Die Hoffnung der Ernte Der heilige Siluan vom Athos sagt: „Der Mensch erkennt Gott erst dann wirklich, wenn sein Herz alle Menschen liebt.“ Das ist die Frucht, auf die Gott wartet. Nicht ein fehlerloses Leben, sondern ein Herz, das immer mehr der Liebe Christi ähnlich geworden ist. Darum dürfen wir voller Vertrauen unseren Weg gehen. Gott kennt unser Unkraut. Aber er sieht vor allem den guten Samen, den er selbst in unser Herz gelegt hat. Er sieht nicht nur unsere Vergangenheit, sondern die Zukunft, die seine Gnade aus unserem Leben machen will. Deshalb brauchen wir keine Angst zu haben. Nicht das Unkraut wird am Ende siegen. Nicht die Sünde. Nicht der Tod, sondern Christus. Er ist der göttliche Sämann. Er hat den guten Samen in unser Herz gelegt. Er nährt ihn durch sein Wort, stärkt ihn in der Eucharistie und lässt ihn wachsen durch seinen Heiligen Geist. Und wenn die Stunde der Ernte gekommen ist, werden wir erkennen, dass keine Träne vergeblich geweint, kein Gebet verloren und keine Tat der Liebe umsonst gewesen ist. Dann wird sich erfüllen, was der Apostel Paulus verkündet: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). So gehen wir unseren Weg voller Hoffnung. Nicht weil wir stark wären, sondern weil Christus der Herr des Ackers ist. Er vollendet, was er begonnen hat. Seine Geduld ist nichts anderes als seine unendliche Liebe, die niemals aufhört zu hoffen. Amen. Archivfoto (c) Pixabay/TheDigitalArtist Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() Lesermeinungen
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