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„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“

vor 28 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Bitten wir Gott darum, dass dieses Geheimnis nicht nur ein schöner Gedanke bleibt, sondern Gestalt gewinnt in unserem Leben.“ Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten (Joh 1,1–18). Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) Liebe Schwestern und Brüder, „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“

1. Ein Satz, der trägt
Dieser Satz ist weder eine schöne theologische Floskel noch ein theologischer Zusatz für besondere Tage. Er ist der tragende Grund unseres Glaubens. Er sagt: Gott ist nicht ferngeblieben. Er hat sich nicht hinter Himmel und Ewigkeit verschanzt, um uns zu beobachten. Er ist gekommen. Er ist da, um unseres Heiles willen.

Dieser Satz ist Abgrund und Gipfel zugleich. Abgrund, weil er tiefer reicht als unser Begreifen. Gipfel, weil er höher führt als unsere kühnsten Hoffnungen. Wer ihn hört, steht nicht vor einer Idee, sondern vor einem Ereignis: Gott beginnt neu – mitten in unserer Geschichte.

2. Gott kommt auf Augenhöhe
Das Johannesevangelium spricht vom Anfang. Nicht nur von einem Anfang ganz am Anfang, sondern von einem Neu-Anfang, der immer wieder geschieht. Der Ewige tritt in die Zeit. Der Unsichtbare wird sichtbar. Der Unfassbare wird berührbar.

Das Entscheidende ist: Gott kommt auf Augenhöhe. Er schaut nicht von oben herab. Er bleibt nicht auf Distanz. Er teilt unser Leben – mit allem, was dazugehört: Freude und Erschöpfung, Hoffnung und Angst, Gelingen und Scheitern. Nichts Menschliches ist ihm fremd.

Das ist keine fromme Theorie. Es ist eine Bewegung der Liebe. Gott wird Mensch, weil unser Menschsein ihm kostbar ist. Weihnachten ist deshalb keine romantische Episode, sondern die radikale  Zusage an uns: Dein Leben zählt. Dein Alltag ist kein Nebenschauplatz Gottes.

3. „Er hat unter uns gewohnt“
Dieses Wohnen Gottes ist mehr als ein kurzer Besuch. Gott hat nicht nur hereingeschaut. Er hat sein „Zelt aufgeschlagen“ – mitten unter uns. Nicht im Glanz der Macht, sondern in der Verletzlichkeit. Nicht im Spektakel, sondern im Gewöhnlichen.


Gott wohnt dort, wo Menschen leben:
in Beziehungen, die tragen, in Arbeit, die mühsam ist, in Familien, die nicht perfekt sind, in Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt.
Das heißt: Es gibt keinen Ort in unserem Leben, den Gott meidet. Keine Dunkelheit, die er nicht kennt. Keine Müdigkeit, die ihm fremd wäre. Keine Schuld, die er nicht vergeben könnte. Gott hat unser Leben nicht nur angeschaut, - er hat es angenommen.

4. Eine andere Herrlichkeit
„Wir haben seine Herrlichkeit geschaut“, sagt Johannes.

Doch diese Herrlichkeit sieht anders aus, als wir sie erwarten würden. Sie zeigt sich nicht in Glanz und Triumph, sondern im Kleinen, im Stillen, im Verborgenen.

In der Krippe. Im geduldigen Aushalten. Im Verzeihen, das schwerfällt. Im Dableiben, wenn Weggehen leichter wäre.

Christlich glauben heißt deshalb: neu sehen lernen. Mehr sehen als das Offensichtliche. Mehr als das, was sich selbst in Szene setzt. Gottes Herrlichkeit leuchtet oft dort, wo niemand applaudiert.

5. Die Kraft der kleinen Anfänge
Die frühe Christenheit sprach von „Samenkörnern“ des göttlichen Wortes. Kleine, unscheinbare Anfänge, in denen Gottes Wirklichkeit schon gegenwärtig ist. Sie keimen dort, wo Menschen menschlich handeln. Wo Gerechtigkeit gesucht wird. Wo Frieden gestiftet wird. Wo jemand nicht aufgibt.

Das erfordert Geduld. Und Mut. –
Geduld, weil Gutes Zeit braucht. 
Und Mut, weil Hoffnung nie naiv ist.
Christliche Geduld ist kein passives Warten. Sie ist ein aktives Vertrauen darauf, dass aus dem Kleinen Großes wachsen kann. Und, dass Licht auch dann schon scheint, wenngleich wir es noch nicht sehen.

Darum ist der Satz des Evangeliums so befreiend: „Die Finsternis hat das Licht nicht überwältigt.“

Es heißt nicht: Es gibt keine Finsternis. Sondern: Sie hat nicht das letzte Wort.

6. Gott ist näher, als wir denken
Was bedeutet das für uns – heute, hier, in unserem ganz gewöhnlichen Leben?
Wir müssen Gott nicht in der Ferne suchen.

Nicht jenseits unseres Alltags, nicht erst nach gelungenen Tagen, nicht hinter einer Schwelle moralischer Perfektion. Wir müssen uns ihm nichts beweisen, nichts vorweisen, nichts vorspielen.

Gott ist schon da. -Er hat sein Zelt längst aufgeschlagen – mitten unter uns.

Er ist da im Wort, das uns aufrichtet, wenn wir innerlich müde geworden sind.

Er ist da im Brot, das uns geschenkt wird, damit wir leben können – nicht aus eigener Leistung, sondern aus empfangener Fülle.

Er ist da im Menschen neben uns, oft unerwartet: im Schwachen, im Einsamen, im Übersehenen, im Unbequemen.

Und vielleicht ist das die größte Zumutung – und zugleich der größte Trost unseres Glaubens: Gott ist uns näher, als wir uns selbst oft sind.

Näher als unsere Ängste. - Näher als unsere Selbstzweifel. - Näher als unser Scheitern.

Darum ist diese Botschaft nach Weihnachten so befreiend:
Unser Leben ist nicht leer – es ist bewohnt.

Unsere Geschichte ist kein Zufall – sie ist getragen.

Unsere Zukunft ist nicht verschlossen – sie ist nach vorne offen, weil Gott selbst in ihr wohnt.

7. Einladung zum Leben
Liebe Schwestern und Brüder, bitten wir Gott darum, dass dieses Geheimnis nicht nur ein schöner Gedanke bleibt, sondern Gestalt gewinnt in unserem Leben.

Dass wir lernen, ohne Angst zu leben – nicht leichtfertig, aber mit einer tiefen, ruhigen Gelassenheit.

Dass wir menschlicher werden – in unserem kritischen Blick, der nicht verurteilt, in unserem urteilenden Wort, das Maß hält, in unserem helfenden Tun, das nicht sich selbst sucht.

Denn seit jenem Anfang gilt für immer – für diese Welt und für unser persönliches Leben: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.


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