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Vaterschaft und Hoffnung

20. Juni 2025 in Spirituelles, 1 Lesermeinung
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„Es scheint, dass wir in der heutigen Zeit einige grundlegende Wahrheiten so verschüttet haben, dass ihr Fehlen uns nicht mehr auffällt. Eine solche Realität ist die Bedeutung von Vaterschaft.“ Gastbeitrag von Dr. Lukas Matuschek


Köln (kath.net) Es scheint, dass wir in der heutigen Zeit einige grundlegende Wahrheiten so verschüttet haben, dass ihr Fehlen uns nicht mehr auffällt. Eine solche Realität ist die Bedeutung von Vaterschaft. Es ist eine entscheidende Wirklichkeit. Das Innerste Gottes offenbart sich in der Beziehung zwischen Vater und Sohn. Die hierarchische Struktur der Kirche ist dazu gerufen diese Beziehung in der Welt zu spiegeln. Und schließlich ist die Vaterschaft im Kontext der Familie ein Fundament des geistigen Wachstums. Deshalb ist es wichtig diese Realität zu betrachten und tief zu verinnerlichen.

Eine Grundfunktion der Vaterschaft liegt in der Erziehung der nächsten Generation. Es ist eine Erziehung, die auf ein Ideal hin geordnet ist, welches im Vater bereits erreicht sein soll. Wie der Vater so der Sohn. Die Erziehung des Vaters erfolgt unmittelbar über das Aufzeigen eines gelebten Vorbildes. Es ist mehr als nur ein Beispiel, das nur vorgespielt werden könnte. Es ist auch keine Option unter vielen, die der Vater vorstellt. Vielmehr dient der Vater als Bezugspunkt für seine Kinder, die sich relativ zu Ihm ausrichten. Seine Eigenschaften werden als die eigenen übernommen und prägen den Lebenskontext des Kindes.

Dies zeigt sich in der Beziehung Jesu zu seinem Vater. Er ist der geliebte Sohn, der als einziger den Vater kennt um dann sagen zu können, dass wer Ihn, den Sohn, sieht und erkennt, bereits den Vater in seiner Fülle erkannt hat. Der Vater dient dem Sohn als Vorbild, legt ihm alles vor die Füße um wiederum vom Sohn dasselbe Verhalten entgegen zu nehmen. Der Vater fordert nicht aktiv, sondern offenbart seinen Willen und sein Herz, auf das der Sohn frei und offenherzig reagiert. Beide vereinen ihren Willen, der vom Vater ausgehend gemeinsam verwirklicht wird.

Ähnlich auch im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Der Vater schreckt nicht zurück die Hälfte seines Vermögens abzugeben und dem Sohn vollkommene Freiheit zu ermöglichen. Vielmehr gehört dem Sohn bereits alles was der Vater hat. Er erwartet keine Gegenleistung. Das Einzige wozu er einlädt, ist seine Freude und Lebensweise zu teilen.


Wie sieht es heute aus. Verstehen wir als Gesellschaft dieses Fundament für unser Zusammenleben? Ich habe den Eindruck, dass wir in entscheidenden Punkten von diesem Vorbild abweichen. Wir neigen dazu Vaterschaft als Rolle zu verstehen, die man situationsbedingt einnimmt und ebenso schnell abstreifen kann. Wir schätzen individuelle Entfaltung als Wert höher ein als das vorgelebte Ideal. In gewisser Weise sind wir zu schüchtern und verunsichert, uns selbst als Bezugspunkt anzubieten. Und wenn wir diesen natürlichen Kontext in unserer Gesellschaft nicht setzen, fällt es uns schwer, auf den übernatürlichen Kontext zu verweisen.

Dies färbt ab und schwächt unser Verständnis der kirchlichen Gemeinschaft. Wenn selbst katholische Bischöfe ihren Auftrag als Begleitung definieren, offenbart sich ein Defizit. Wenn die Weihe nur als Führungsposition angesehen wird, auch wenn man sie als Dienst versteht, wird man ihr nicht gerecht. Bischöfe, Priester ebenso, nehmen die Berufung zur Vaterschaft in besonderer Weise wahr. Das schließt ein, dass sie rund um die Uhr Väter sind, keinen Urlaub oder Auszeiten des Vaterseins nehmen können, und ihre Aufgaben nicht abgeben oder delegieren können. Andernfalls wären ihre geistigen Kinder Waisen. 

Ein Vater opfert sich in Gänze und stellt seine Talente zur vollen Verfügung, gibt gleichzeitig ein klares Zeugnis durch sein eigenes Leben. Das mag anspruchsvoll klingen. Wenn man selbst Vater eines Kindes ist, ist das aber unumstößliche Realität. Natürlich zieht es jeden von uns zu Ignatianischen Exerzitien in die Stille, um sich neu auszurichten, neue Kraft zu schöpfen und sich selbst weiterzuentwickeln. Neue Erfahrungen zu sammeln ist scheinbar bereichernd. Aber Vaterschaft ist etwas anderes. Wir sind hier und jetzt bereits Väter. Geistige Entwicklung ist nur noch im Gebet möglich, wenn die Kinder schlafen. Oder man macht die neuen Erfahrungen mit den Kindern zusammen. Insofern sind montags geschlossene Kirchen und Erholungsurlaube zwar verständlich aber doch kurios.

Ich glaube wir müssen alle unser Bild der Kirche extremer denken. Nicht neu, sondern konsequent. Nicht weil unsere treuen Bischöfe wenig tun. Wir dürfen ihnen dankbar sein. 

Aber die Kirche gibt uns nicht umsonst Idealbilder. Ist der Pfarrer von Ars nicht auch eine Inspiration für Bischöfe? Die schönsten Altäre Deutschlands stehen den Bischöfen zur Verfügung. Wäre es nicht natürlich täglich öffentlich zugänglich ebenjene Altäre fruchtbar einzusetzen. Es geht nicht darum tägliche Predigten vorzubereiten, sondern für alle sichtbar das Allerheiligste Sakrament aufzuopfern und dieses Gebet präsent zu machen. Da dies zumindest in der Hauskapelle bestimmt täglich passiert, wäre es nur wenig Mehraufwand. Und es wäre der natürliche Weg den Herzschlag der Gläubigen zu hören. Ist das nicht sogar der eigentliche Gedanke des zweiten Vatikanischen Konzils?

Synodalität, das Hören auf dem Marktplatz der Meinungen, ist nicht die vorderste Pflicht eines Vaters. Es mag angemessen sein, wenn man nach dem verlorenen Sohn sucht. Aber irgendwann muss der Vater auch zu Hause sein, wenn der verlorene Sohn zurückkommt. Der natürliche Modus der Kirche ist die Verkündigung über das eigene Zeugnis, nicht die Suche nach Gott, den wir schon gefunden haben. Wir leben jetzt bereits als Söhne des Vaters in seinem Haus. Wir müssen sein Herz verstehen, im Gebet leben, damit die Welt die Liebe sieht, mit der Jesus uns liebt.

Natürlich bleiben wir Sünder. Natürlich sind auch Priester und Bischöfe immer nur Menschen. Auch Väter sind Menschen und Sünder. Das entbindet uns nicht von der Pflicht und der geistigen Wirklichkeit der Vaterschaft, die uns aufgetragen ist. Wenn wir unsere Pflichten nicht aktiv angehen, werden unsere Kinder, die leiblichen und geistigen, verhungern und von anderen geleitet werden. Die Herde wird sich auflösen und die Gesellschaft fragmentieren. Schneller als wir denken. Es wird einem angst und bange wie schnell uns die Zeit durch die Finger rennt.

Und doch ist dieses Erstarren angesichts der Gefahr keine angemessene, keine väterliche Reaktion. Die väterliche Reaktion ist Rettung und Erlösung, auf Kosten des eigenen Lebens. Wir dürfen uns aufreiben, aus Liebe, eben weil wir Väter sind. In der Hoffnung, dass unser Vater unser Opfer annimmt um alle zu retten, die zu uns anvertraut und gegeben sind. Es ist Vertrauen in eine bessere Zukunft. Ein katholisches Europa, eine heilige Kirche, erblüht in den Früchten des Heiligen Geistes, eine die Welt umspannende Braut, die auf ihren Bräutigam zugeht. Und Vertrauen in einen Bräutigam, der kommen wird.

Der Autor Dr. Lukas Matuschek (36) ist Ehemann und vierfacher Vater. Er lebt im Erzbistum Köln. Weitere Beiträge des Verfassers: siehe Link.


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