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"Keine Monster": Report zeigt, wie NS-Ärzte zu Mördern wurden

7. Dezember 2023 in Prolife, 3 Lesermeinungen
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Ethikerin Kummer: Philosophen und Juristen lieferten Vorarbeit - Postulat "selbstbestimmter Tod" macht auch heute Druck auf "sozial verträgliches Frühableben"


London/Wien (kath.net/KAP) Die umfangreiche Neuaufarbeitung der Geschichte der Medizin in der Nazi-Diktatur ist einem internationalen Forscherteam im Fachjournal "The Lancet" gelungen. Aufgezeigt wird, wie Politik, Ideologie und Wissenschaft damals einander zuarbeiteten, um Vernichtung von "lebensunwertem Leben" zu legitimieren. Ärzte und Pflegekräfte seien auch damals "keine Monster" gewesen, ein großer Teil habe aber dennoch unter bestimmten Bedingungen ethische Vergehen und sogar Verbrechen an ihren Patienten begangen, so das Ergebnis, das Schlüsse für Gegenwart und Zukunft erlaubt: "Menschen in Gesundheitsberufen müssen in ihrer Bereitschaft gestärkt werden, sich mutig gegen äußeren Druck und Fehlverhalten zu wehren", folgerte die Wiener Bioethikerin Susanne Kummer am Montag gegenüber Kathpress aus dem Bericht.

Mehr als die Hälfte der deutschen Ärzte gehörten im Nationalsozialismus einer Nazi-Organisation an, zeigt der bislang umfassendste Report zum Thema, für den 878 Quellen ausgewertet wurden. Viele von ihnen seien "von Heiler zu Mördern" geworden, hätten abscheuliche Experimente durchgeführt und systematisch mehr als 230.000 Menschen mit Behinderung getötet. Zugleich gibt es auch "heroische Beispiele", wie andere ihrem Berufsethos treu geblieben sind und sich aufopfernd um ihre Patienten gekümmert haben. Dennoch ist in Summe das NS-Regime nach Aussagen der Lancet- Kommission eines der extremsten, am besten organisierten und am besten dokumentierten Beispiele für die aktive Beteiligung der Medizin an Gräueltaten gegen die Menschlichkeit.

Forschung als Stütze für Verbrechen

Dass so viele Gesundheitsbedienstete damals in der Lage zur Durchführung abscheulicher Verbrechen waren, führte die Co-Vorsitzende der Kommission, Sabine Hildebrandt vom Boston Children's Hospital und der Harvard Medical School (USA), vor allem auf den Druck ihrer Zeit zurück. Viel beigetragen habe die Eugenik, die damals nicht nur in Deutschland "keine Pseudowissenschaft, sondern wissenschaftlich weit verbreitet" gewesen sei; selbst seriöse Fachjournale hätten darüber publiziert. Die 1934 im deutschen "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs" legitimierten Zwangssterilisierungen seien etwa durch die biomedizinische und sozialdarwinistische Wissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts vorbereitet worden.


Wissenschaft und Medizin seien auch in den Folgejahren dem Naziregime zu Diensten gestanden, um im Namen einer neuen Ethik die Verfolgungspolitik zu rechtfertigen, woraus schließlich der staatlich sanktionierte Massenmord und Völkermord geworden sei. Der Lancet-Bericht nennt viele Beispiele dafür, wie die Nazis einen "Ethikkodex" einführten, um Menschen deutscher "arischer" Abstammung in der medizinischen Versorgung und Forschung zu priorisieren. Gleichzeitig seien Eugenik, Zwangssterilisierung, Menschenversuche und das Patiententötungsprogramm "Euthanasie" legitimiert und nach Effizienzkriterien etabliert worden. Bevor die Gaskammern in der Vernichtung von Juden angewendet wurden, habe man sie bei der Tötung von Behinderten getestet.

"Sterbehilfe" war Massenmord

Die Direktorin des Bioethikinstituts IMABE, Susanne Kummer, begrüßte in ihrer Stellungnahme die gründliche Aufarbeitung durch den Lancet-Bericht. Besonders verwies sie auf den Begriff "Sterbehilfe", der im Weltbild der Nationalsozialisten gleichbedeutend mit "Euthanasie" gewesen sei. Besonders sei er für die massenhafte Ermordung wehrloser und unschuldiger Menschen verwendet worden, erinnerte die Expertin; konkret etwa bei dem im Oktober 1940 in Kraft getretenen "Gesetz über die Sterbehilfe bei unheilbar Kranken". Der hohe NS-Funktionär und Arzt Karl Brandt habe damals den Auftrag gehabt, Ärzte zu befugen, nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken "Sterbehilfe" zu gewähren - woraufhin über 100.000 Menschen zu deren Opfer geworden seien. Brandt, der dies mit der Erlösung von Leid und dem Einsparen von künftigen Unterhalts- und Pflegekosten begründete, habe die NS-Sterbehilfe auch noch als einer der Hauptangeklagten beim Nürnberger Prozess verteidigt und sei sich keiner Schuld bewusst gewesen.

Auch auf die "keineswegs rühmliche" Rolle der damaligen Juristen verwies die IMABE-Direktorin. Auch diese hätten den "rechtlichen Boden zur Massenvernichtung entsprechend vorbereitet". So hieß es etwa bereits 1935 in den "Nationalsozialistischen Leitsätzen für ein neues deutsches Strafrecht" wörtlich: "Nicht in den Bereich des Strafrechts gehört die Sterbehilfe, denn die Volksgemeinschaft ist nicht so erbarmungslos, dem unheilbar Kranken, und dem Sterbenden sein Leben und seine Qual gegen dessen Willen aufzuzwingen." Doch auch hier habe es Wegbereiter gegeben - wie etwa Friedrich Nietzsche, der schon 1889 in seiner "Götzen-Dämmerung" schrieb: "Der Kranke ist ein Parasit der Gesellschaft. In einem gewissen Zustande ist es unanständig, noch länger zu leben."

Kummer sah die Ergebnisse auch als "Warnhinweise" für heutige Debatten, wie etwa um die Beihilfe zum Suizid oder zur Sterbehilfe. "Die Geschichte zeigt uns, wie schnell das Postulat auf einen selbstbestimmten Tod, der aus Mitleid gewährt wird, benutzt wird, um Menschen unter den Druck eines sozial verträglichen Frühablebens zu setzen", so die Ethikerin. Gesundheitsfachkräfte bräuchten Unterstützung darin, die Würde aller Menschen zu schützen.

Würde aller Menschen schützen

Auch die Lancet-Kommission sah die Aufklärung darüber, wie und wodurch in der Nazi-Zeit die Korruption des Berufsethos Gräueltaten ermöglichte, als wichtige Unterstützung für heutige Mediziner und Gesundheitsfachkräfte: Diese hätten sich "kritisch moralischen und medizinethischen Fragen zu stellen, sich gegen Machtmissbrauch zu wehren sowie gefährdete Bevölkerungsgruppen, die Patienten und die Würde aller Menschen zu schützen", betonten die Forscher, deren Kommission 20 Wissenschaftler, Ärzte, Historiker und Bioethiker aus aller Welt angehörten, darunter auch Herwig Czech von der Meduni Wien als weiterer Co-Vorsitzender. Mediziner und biowissenschaftliche Forscher sollten sich der auf sie einwirkenden Einflüsse und ihrer vielfältigen Auswirkungen auf Patienten und Studienteilnehmer bewusst sein, so der Medizinhistoriker.

Medizin und Wissenschaft seien auch heute mit der Politik verknüpft, ebenso wie auch persönliche Überzeugungen und sozioökonomische Faktoren eine Rolle spielten, so Czech weiter. Dies gelte für eine Vielzahl aktueller Debatten in der Medizin - "von der Frage, wer bei einer Katastrophe versorgt werden sollte, über die End-of-Life-Care bis hin zu neuen Entwicklungen in der Genetik".

Copyright 2023 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich

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