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„Der »Krieg der Päpste« war eine Zeitungsente“

12. Mai 2020 in Buchtipp, 3 Lesermeinungen
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Peter Seewald über Medienreaktionen auf Benedikts Zölibatsbemerkungen - "katholisch.de veröffentlichte zehn große Beiträge, in denen Theologen ihrer Empörung freien Lauf ließen" - Leseprobe 3 aus Peter Seewald: "Benedikt XVI., Ein Leben"


München (kath.net/pl) Eigentlich sollte Benedikt gewarnt sein, und er war es auch. Als er sich im Sommer 2019 mit den Grundlagen des katholischen Priestertums beschäftigte, wollte er zwar seine Erkenntnisse nicht für sich behalten, sein diesbezüglicher Aufsatz allerdings sollte erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Es kam anders. Der afrikanische Kardinal Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, der von dem Text hörte, bekniete Benedikt, den Beitrag in seinem neuen Buch veröffentlichen zu dürfen. Nicht vereinbart war, wann genau das Werk auf den Markt kommen sollte.

Um es kurz zu machen: Das Echo war niederschmetternd. Noch bevor die Publikation überhaupt erschienen war, brach ein Sturm los, der alle bisherigen Angriffe auf den Emeritus in den Schatten stellte. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach Daniel Deckers vom »Geist der Kirchenspaltung«, den Benedikt nun endgültig aus der Flasche gelassen habe; die 1,3 Milliarden Gläubige zählende Weltkirche arbeite an ihrer Selbstzerstörung. Die Bild-Zeitung schrieb in dicken Lettern vom »Krieg der Päpste«, der nun tobe. katholisch.de veröffentlichte zehn große Beiträge, in denen Theologen ihrer Empörung freien Lauf ließen.


Mit verursacht worden war der Aufruhr freilich auch durch das Fehlverhalten von Mitarbeitern im Umfeld Sarahs und durch die aggressive Verkaufsstrategie des Verlags Fayard, der Namen und ein Porträt Benedikts ohne dessen Wissen auf das Cover des Buches gedruckt und seine Unterschrift in Faksimile sogar unter das Vor- und Nachwort gesetzt hatte, ohne diese Texte überhaupt vorgelegt zu haben.

In Benedikts Aufsatz war der Zölibat nur ein Thema am Rande, und dass sich Ratzinger für dessen Beibehaltung aussprach, konnte niemanden überraschen. Aber darum ging es auch nicht.

Die Veröffentlichung, lautete die Anklage, sei als eine »unerhörte Einmischung« zeitlich präzise platziert worden, um Papst Franziskus, der sich demnächst bekanntlich für die Aufweichung des Zölibats aussprechen wolle, in die Flanke zu fallen. Mit der Titelzeile »Zwei Päpste streiten um den Zölibat« nahm denn auch der Spiegel das Deutungsmuster der Bild-Zeitung auf. Im Vorspann hieß es: »Der frühere Papst Benedikt XVI. strapaziert im Zölibat-Streit einmal mehr die Geduld seines Nachfolgers Franziskus. Warum tut er das?« Der Artikel war gut recherchiert, aber genau das war das Problem. Aus ihm ging hervor, dass Benedikt XVI. mitnichten einen speziellen Beitrag zum Zölibat verfasst und die Genese des Textes auch nichts mit der Amazonas-Synode zu tun hatte. Für den angeblichen Dissens zwischen ihm und seinem Nachfolger wurde kein einziger Beleg angeführt. Aber nun sollte zumindest die Überschrift die Linie des Blattes wiedergeben, auch wenn diese im absoluten Gegensatz zum Inhalt des Artikels stand. Am selben Tag veröffentlichte der Spiegel seine neuen Richtlinien. Im feierlich verkündeten Kodex hieß es: »Die Geschichte muss stimmen… Stimmen heißt nicht nur, dass die Fakten richtig sind, dass es die Personen gibt, dass die Orte authentisch sind. Stimmen heißt, dass der Text in seiner Dramaturgie und seinem Ablauf die Wirklichkeit wiedergibt.« Und weiter: »Ein Spiegel-Text muss eine Idee und eine These haben, aber er darf keinen Spin haben, dem die Argumentation untergeordnet wird.«

Dass der »Krieg der Päpste« eine Zeitungsente war, bewies sich umgehend. In Franziskus‘ am 12. Februar 2020 veröffentlichtem päpstlichen Schreiben zur Amazonassynode kam der Zölibat nicht einmal in einer Fußnote vor. In einem Gespräch mit Bischöfen aus den USA hatte sich der Papst kurz zuvor darüber beklagt, dass das breite Spektrum der Synode reduziert werde auf die Zölibats- und Ämterfrage. Für ihn liege der Focus aber auf der sozialen, pastoralen, ökologischen und kulturellen Herausforderung. Ebenfalls Anfang Februar stellte er in einem Vorwort klar: »Den Fußspuren von Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. folgend, fühle ich eine starke Verpflichtung, daran zu denken, dass der Zölibat eine entscheidende Gnade ist.«

 

kath.net-Buchtipp
Benedikt XVI.
Ein Leben
Von Peter Seewald
Hardcover
1184 Seiten; 245 mm x 170 mm
2020 Droemer/Knaur
ISBN 978-3-426-27692-1
Preis Österreich: 39.10 EUR


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