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Roma locuta – causa finita?

25. Oktober 2014 in Kommentar, 43 Lesermeinungen
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Wenn es doch alles so einfach wäre – eine Antwort an Peter Winnemöller von Michael Schäfer


Vatikan (kath.net) Der geschätzte Bloggerkollege Peter Winnemöller hat vor einigen Tagen an dieser Stelle dazu aufgerufen, an der Meinungsbildung für die kommende Synode mitzuwirken und dabei am Heiligen Vater Maß zu nehmen, dessen Wunsch es sei, dass „klare Worte“ gesprochen würden. Gleichzeitig bereitet er uns darauf vor, dass nach der Synode die Diskussionen ein Ende haben werden, weil dann der Papst entscheide und an diese Entscheidung hätten sich dann alle zu halten: „roma locuta – causa finita“.

Ich frage mich zunächst, wie ich mir einen solchen Diskussions- und Meinungsbildungsprozess gerade in Deutschland vorzustellen habe. Analog zum „Dialogprozess“, d.h. als Treffen einer handverlesenen Gruppe von überwiegend Funktionären hinter verschlossenen Türen ohne veröffentlichte Protokolle, Ergebnisse, etc.? Wie und nach welchen Kriterien soll dieser Prozess kanalisiert, fortgeschrieben und zu einem Ergebnis geführt werden? Soll er überhaupt zu einem Ergebnis führen oder geht es um Diskussion um der Diskussion willen? Fragen über Fragen und keine Antworten in Sicht.

Weiter: Worüber soll denn überhaupt diskutiert werden? Es liegt meines Wissens – und das ist vielleicht der größte Webfehler der ganzen bisherigen Debatte und damit auch der Synode – keine theologisch und praktisch durchgearbeitete Reformagenda vor.

Kardinal Kasper hat ein Büchlein geschrieben, das – nach Überzeugung vieler eher fragwürdige - Elemente einer theologischen Herleitung der Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion enthält. Kardinal Schönborn hat einige Gedanken zur analogen Anwendung des „Subsistit in“ auf die Ehe eher extemporiert als ausgearbeitet. Wieder andere experimentieren mit dem Begriff der „Gradualität“.


Der Vorsitzende der DBK hat in den vergangenen Monaten keinen einzigen substantiellen Satz in einer der strittigen Fragen von sich gegeben. „Ich hätte mir etwas mehr Frische und Aufbruchszenario gewünscht“ – soll man derlei Phrasen diskutieren? Oder gehört es zum Signum dieses Pontifikates, daß theologische Begründungen nicht so wichtig sind, weil der Papst ja kein Theologe ist (zumindest nicht im „zünftigen“ Sinne)?

Das alles ist umso prekärer als das Lehramt in den vergangenen Jahrzehnten sehr ausführlich zu den Themen gesprochen hat und sich vor allem Johannes Paul II. mit seiner „Theologie des Leibes“ auch intensiv um die philosophische und theologische Grundlegung der kirchlichen Lehre und Disziplin bemüht hat. Was sagt es dem Katholiken, wenn ein Papst heiliggesprochen wird, das nach eigenem Bekunden zentrale Stück seiner Lehrverkündigung wenige Jahre nach seinem Tod auf einer Bischofssynode aber keinerlei normative Kraft mehr hat? Die Heiligsprechung als Entsorgung auf den Müllhaufen der Geschichte?

Womit wir beim entscheidenden Punkt angekommen wären: Roma hat locuta, aber offensichtlich ist die causa damit nun plötzlich wieder keineswegs finita. Und das ist kein Spaß, sondern von allem nur denkbarem Ernst. Was bedeutet das genannte Prinzip denn noch, wenn Rom heute das und morgen jenes lehrt? Wie geht man mit solchen Entscheiden in Zukunft um? Befolgen? Sie den eigenen Kindern als den authentischen Glauben der Kirche vermitteln? Oder besser auf den nächsten Papst warten und mal schauen wie die Dinge sich so entwickeln? Nichts Genaues weiß man ja nicht?

Man kann nun einwenden, es ginge gar nicht um eine Änderung der Lehre, sondern nur um eine (Weiter-)Entwicklung. Dieses Argument ist grundsätzlich valide, denn solche Entwicklungen hat es in der Kirche auch in jüngerer Zeit gegeben. Vergleicht man etwa Äußerungen Pius IX. zu den Menschenrechten mit jenen des 2. Vatikanischen Konzils, so meint man in der Tat, völlige widersprüchliche Aussagen vor sich zu haben.

Eine sorgfältige Analyse kann jedoch zeigen, dass das zugrundeliegende Verständnis von „Menschenrechten“ sich in der dazwischen liegenden Zeit ebenso grundlegend gewandelt hat. Während Pius IX. in ihnen vor allem die Forderung des Menschen sah, nicht mehr den unbedingten Ansprüchen des göttlichen Gebotes zu unterliegen, interpretiert das Konzil sie – in Übereinstimmung mit der theologischen Tradition - als Entfaltung der aus der Schöpfungswürde entspringenden Freiheit der Person.

Aber kann ein ähnlicher Prozess auch in den hier zur Debatte stehenden Fragen von Ehe, Familie und Sexualität nachgewiesen werden? Konkret: Sind Wiederverheiratete Geschiedene, ist Homosexualität heute etwas anderes als 1980? Man wird dies wohl nur schwerlich behaupten können - es sei denn, das Maß ist nicht die theologische Betrachtung, sondern die „Meinung der Welt“.

Wenn es also nicht um eine wirkliche Entwicklung (und das müsste ja wohl immer heißen: Vertiefung) der kirchlichen Lehre geht, sondern um eine fundamentale Änderung (Kardinal Kasper spricht ja offen von einem „Paradigmenwechsel“ und Kardinal Marx von einem „Ende aller Tabus“), dann steht auch das „Roma locuta – causa finita“ zur Disposition. Dann droht das, was Professor Windisch vor kurzem die „Dekonstruktion der Kirche“ genannt hat. Und dann wird vielleicht verständlich, warum es Menschen gibt, die die aktuelle Diskussion nicht für eine „Befreiung“ und einen „Aufbruch“, sondern für im höchsten Maße schädlich halten.

Dr. phil. Michael Schäfer (Foto) war Mitarbeiter am Romano-Guardini-Lehrstuhl der LMU München und arbeitet heute in der Geschäftsführung einer in Stuttgart ansässigen, international tätigen Unternehmensberatung. Er führt den Blog (summa-summarum).

Foto Schäfer (c) Michael Schäfer



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